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Die Endlösung der Judenfrage als Keimzelle eines neuen jüdischen Aufbaues?

2013/11/01

Kopiert und eingefügt aus Bundeszentrale für politische Bildung, Schriftenreihe Band 463, Peter Ortag: Jüdische Kultur und Geschichte, 5., aktualisierte Auflage 2004, S. 121-122:

Peter Ortag: Jüdische Kultur und Geschichte

Das Stichwort

20. Januar 1942: Die Wannsee-Konferenz zur „Endlösung der Judenfrage“

Unter Leitung von SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich, Chef der Sicherheitspolizei und des SD sowie „Beauftragter für die Vorbereitung der Endlösung der Judenfrage“ fand am 20. Januar 1942 in Berlin, im Haus Am Großen Wannsee 56-58, eine Beratung statt. Auszüge aus dem Protokoll:

“ … II. …Die Auswanderungsarbeiten waren…nicht nur ein deutsches Problem, sondern auch ein Problem, mit dem sich die Behörden der Ziel- bzw. Einwanderungsländer auseinanderzusetzen hatten… Trotz…Schwierigkeiten wurden seit der Machtübernahme bis zum Stichtag 31. Oktober 1941 insgesamt rund 537.000 Juden zur Auswanderung gebracht, davon vom 30. Januar 1933 aus dem Altreich rd. 360.000, vom 15. März 1938 aus der Ostmark rd. 147.000, vom 15. März 1939 aus dem Protektorat Böhmen und Mähren rd. 30.000. Die Finanzierung der Auswanderer erfolgte durch die Juden bzw. jüdisch-politische Organisationen selbst… Hier wurden durch die ausländischen Juden im Schenkungsweg bis zum 30.10.1941 insgesamt rund 9.500.000 Dollar zur Verfügung gestellt… III. An Stelle der Auswanderung ist nunmehr als weitere Lösungsmöglichkeit…die Evakuierung der Juden nach dem Osten getreten… Im Zuge dieser Endlösung der Judenfrage kommen rund 11 Mio. Juden in Betracht, die sich wie folgt auf die einzelnen Länder verteilen:

A.

Altreich 131.800      
Ostgebiete 420.000      
Ostmark 43.700       
Generalgouvernement 2,284.000     
Bialystok 40.000       
Protektorat Böhmen und Mähren 74.200       
Estland judenfrei      
Lettland 3.500        
Litauen 34.000       
Belgien 43.000       
Dänemark 5.600        
Frankreich (besetzt/unbesetzt) 165.000/700.000
Niederlande 160.800      
Norwegen 1.300        

B.

Bulgarien 48.000       
England 330.000      
Finnland 2.300        
Irland 4.000        
Italien 58.000       
Albanien 200         
Kroatien 40.000       
Portugal 3.000       
Rumänien/Bessarabien 342.000     
Schweden 8.000        
Schweiz 18.000       
Serbien 10.000       
Slowakei 88.000       
Spanien 6.000        
Türkei (europäischer Teil) 55.500       
Ungarn 742.800      
UdSSR 5,000.000     
Ukraine 2,994.684     
Weißrussland 446.484      

… Unter entsprechender Leitung sollen nun im Zuge der Endlösung die Juden in geeigneter Weise im Osten zum Arbeitseinsatz kommen. In großen Arbeitskolonnen, unter Trennung der Geschlechter, werden die arbeitsfähigen Juden straßenbauend in diese Gebiete geführt, wobei zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird. Der allfällig endlich verbleibende Restbestand wird, da es sich bei diesem zweifellos um den widerstandsfähigsten teil [sic] handelt, entsprechend behandelt werden müssen, da dieser, eine natürliche Auslese darstellend, bei Freilassung als Keimzelle eines neuen jüdischen Aufbaues anzusprechen ist. (Siehe die Erfahrungen der Geschichte.)…“

Dank dem verbesserten Informationsstand der Gegenwart heißt es auf der Internetseite der Bundeszentrale für politische Bildung heute:

Inhalt der Konferenz

Auf der Konferenz machte Heydrich den Anwesenden noch einmal die ihm übertragenen Kompetenzen deutlich: die Verantwortung zur „Endlösung der europäischen Judenfrage“ lag bei ihm. Das Treffen hatte er einberufen, um eine Koordinierung und Abstimmung zwischen den Behörden zu erleichtern.

Im Protokoll des Treffens wird – im üblichen NS-Jargon – klar ausgeführt, was mit den elf Millionen Juden in den von Deutschland kontrollierten Gebieten geschehen sollte. Ziel sei „die Zurückdrängung der Juden aus dem Lebensraum des deutschen Volkes“. Bisher, so ist es im Protokoll vermerkt, habe man „rund 537.000 [Juden] zur Auswanderung gebracht“. Nun sei „anstelle der Auswanderung […] als weitere Lösungsmöglichkeit […] die Evakuierung der Juden nach dem Osten getreten“.

„In großen Arbeitskolonnen […] werden die arbeitsfähigen Juden straßenbauend in diese Gebiete geführt, wobei zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird. Der allfällig endlich verbleibende Restbestand wird […] entsprechend behandelt werden müssen […]“

[Quelle: Das Protokoll der Wannsee-Konferenz, 20. Januar 1942, S. 7/8]

Einwände gegen die von Heydrich eingebrachten Vorschläge hatten die Konferenzteilnehmer keine. Im Gegenteil: Sie überboten sich gegenseitig mit Vorschlägen und Anregungen zur effizienten Durchführung der Vernichtungsaktionen. Weiteres Thema war die Behandlung so genannter „Mischlinge“ und jüdischer Partner in „Mischehen“: hier forderten die anwesenden Beamten eine Zwangssterilisierung sowie die Ausdehnung der Nürnberger Gesetze. Auch diese Personengruppen sollten in die „Endlösung“ einbezogen werden.

Protokollführer des Treffens war Adolf Eichmann, Judenreferent im Reichssicherheitshauptamt. Im Prozess gegen Eichmann in Jerusalem 1961 erinnerte sich dieser an die Wannseekonferenz als „die Konferenz, wo Heydrich seine Ermächtigung bekanntgab“. Auch seien „verschiedene Tötungsmöglichkeiten“ besprochen worden. Unter den Teilnehmern habe allgemein „freudige Zustimmung“ geherrscht.

Es wäre schön, wenn die Bundeszentrale für politische Bildung den Sachverhalt deutlicher herausstellen würde, beispielsweise mithilfe eines Absatzes aus Der ungeschriebene Befehl in DER SPIEGEL 33/2001, in dem (wie auch im 1998 erschienenen Buch Politik der Vernichtung von Peter Longerich auf Seite 470) der aufklärerisch eingefügte Zusatz um zu verhindern verwendet wird:

„In großen Arbeitskolonnen, unter Trennung der Geschlechter, werden die arbeitsfähigen Juden Straßen bauend in diese Gebiete geführt, wobei zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird.“ Der „allfällig endlich verbleibende Restbestand“ werde, da „es sich bei diesem zweifellos um den widerstandsfähigsten Teil“ handele, „entsprechend behandelt werden müssen“, um zu verhindern, dass hieraus wiederum eine „Keimzelle eines neuen jüdischen Aufbaues“ entstünde. Zunächst sollten die Juden in „Durchgangsghettos“ gebracht werden, um „von dort aus weiter nach dem Osten transportiert zu werden“.

Der mit Abstand perfideste Satz des Wannsee-Protokolls vom 20. Januar 1942 ist in seiner hinterhältigen Verschleierung jedoch folgender:

Das Aufgabenziel war, auf legale Weise den deutschen Lebensraum von Juden zu säubern.

Da Israel nicht bestätigte, daß die jeweiligen Nazi-Mitarbeiter in den Hunderte von Kilometern entfernten Evakuierungsgebieten durch derartige Formulierungen von den Tötungsmöglichkeiten erfuhren, wäre es auch hier schön, wenn die Bundeszentrale für politische Bildung den Sachverhalt deutlicher herausstellen würde.

Das Aufgabenziel war, auf legale Weise den deutschen Lebensraum von Juden zu säubern.

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