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Erscheinungsformen des Sozialismus im Zeitalter der Aufklärung

2013/10/04

Kopiert und eingefügt aus »Der Todestrieb in der Geschichte. Erscheinungsformen des Sozialismus« (S. 138-165) von Igor Schafarewitsch.

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§ 3. Das Zeitalter der Aufklärung

Jetzt wenden wir uns der soziologischen und philosophischen sozialistischen Literatur zu, von der wir ebenfalls nur einige Werke berühren, die den größten Einfluß auf die Entwicklung der Ideen des chiliastischen Sozialismus ausgeübt haben.

»Mon testament« von Jean Meslier (49) hebt sich aus der ganzen Literatur dieser Richtung durch viele Besonderheiten des Werkes, sein ungewöhnliches Schicksal und die erstaunliche Gestalt des Autors heraus. Jean Meslier (geboren 1664) verbrachte sein ganzes Erwachsenenleben als Priester in der Champagne. »Mon testament« wurde vom Verfasser nicht veröffentlicht und erst nach seinem Tode im Jahre 1733 durch Abschriften und Zitate bekannt. Voltaire und anderen Aufklärern erschien es interessant und unterhaltsam, doch so gefährlich, daß sie nicht wagten, es vollständig zu veröffentlichen. Als Ganzes erschien es erst im Jahre 1864 in Amsterdam.

Das Hauptmerkmal von »Mon testament« besteht darin, daß in ihm die eigentlich sozialistische Konzeption nur ein Nebenprodukt der Grundidee, des Kampfes mit der Religion, ist. Meslier sieht in der Religion nichts als ihre soziale Rolle, die seiner Meinung nach darin beschlossen ist, durch Betrug und Verbreitung des Aberglaubens die Gewalt und die soziale Ungleichheit zu untermauern:

»Kurz gesagt, alles, was eure Theologen und Priester euch mit solchem Eifer und solcher Beredsamkeit predigen … all das ist im wesentlichen nichts als Illusion, Irreführung, Betrug, Dichtung und Schwindel: Sie wurden zunächst von schlauen und subtilen Politikern ersonnen und später von Gaunern und Scharlatanen wiederholt. Danach glaubten unwissende und ungebildetete Menschen aus dem Volke daran, und schließlich wurde alles durch die Macht der Herrscher und Starken der Welt unterstützt. Sie begünstigten Betrug und Irreführung, Aberglauben und Scharlatanerie und bestärkten sie durch ihre Gesetze, um so die Massen im Zaum zu halten und sie zu zwingen, nach ihrer Pfeife zu tanzen.« (49, Bd. I, S. 67-69)

Von diesen beiden Leidenschaften – dem Haß auf Gott und jede Ungleichheit oder Hierarchie – wird das ganze »Testament« bewegt. Die Religion ist, wie Meslier meint, an dem meisten Unglück der Menschheit schuld. Sie säe vor allem Zwietracht und stifte Religionskriege. Dabei ruft er selbst naiverweise zum Aufstand, zur Ermordung der Könige und zur Vernichtung aller auf, die man für glücklicher und wohlhabender hält.

»In diesem Zusammenhang fällt mir das Begehren eines Mannes ein … Er äußerte den Wunsch, daß >alle Mächtigen der Welt und vornehmen Herren aufgehängt und mit Schlingen aus den Därmen der Priester erwürgt werden<. Diese Ansicht macht zwangsläufig einen etwas groben und brutalen Eindruck, doch ihre unbefangene Geradlinigkeit läßt sich nicht leugnen. Sie ist kurz, doch ausdrucksvoll, da sie mit wenigen Worten alles beschreibt, was derartige Menschen verdienen.« (49, Bd. I, S. 71)

Die Religion ist für Meslier ein alberner Aberglaube, welcher der ersten Berührung des klaren Verstandes nicht widerstehen könne. Von allen Religionen sei jene der Christen, die er Christusanbeter nennt, die albernste. Doch man darf den Grund seiner Einstellung zum Christentum nicht in der allzu rationalistischen Mentalität Mesliers selbst suchen. Um das Christentum zu widerlegen, ist er bereit, den wildesten Aberglauben hinzunehmen und jedes unsinnige Gerücht zu wiederholen. Zum Beispiel kommt ihm läppisch vor, daß Gott nur einen einzigen Sohn gehabt habe, während weit weniger vollkommene Wesen in dieser Hinsicht viel besser ausgestattet seien. Viele Tiere brächten gleichzeitig zehn oder zwölf Junge zur Welt.

»Man sagt, daß eine polnische Gräfin namens Margaritha gleichzeitig 36 Kinder geboren habe. Außerdem gebar eine holländische Gräfin, ebenfalls mit Namen Margaritha, die eine arme, durch ihre Kinder überlastete Frau ausgelacht hatte, gleichzeitig so viele Kinder, wie das Jahr Tage hat, das heißt 365, und sie alle traten später in die Ehe ein (siehe dazu die Annalen von Holland und Polen).« (49, Bd. n, S. 19)

Offensichtlich ist Mesliers Ausgangspunkt sein Haß auf Gott, für den er sich nur im Rahmen seiner Kräfte bemüht, Argumente zu sammeln. Besonders verhaßt ist ihm die Persönlichkeit Christi, über die Meslier buchstäblich nicht genug Beschimpfungen finden kann:

»Und unsere Gottchristusanbeter? Wem schreiben sie Göttlichkeit zu? Einem nichtigen Menschen, der weder Talent noch Geist, noch Wissen, noch Geschick besaß und in der Welt völlig verachtet wurde. Wem schreiben sie also Göttlichkeit zu? Soll ich es sagen? Ja. ich sage es: Sie schreiben sie einem Verrückten, einem Irrsinnigen, einem elenden Fanatiker und unglückseligen Halunken zu.« (49, Bd. n, S. 25)

Der Kämpfer für die Rechte der Armen sieht den endgültigen und unwiderlegbaren Beweis für die Falschheit der Lehre Christi darin,

»daß er immer arm und nur der Sohn eines Zimmermanns war… « (49, Bd. II, S. 26)

Die Religion sei die Quelle der meisten gesellschaftlichen Übel und vor allem der Ungleichheit der Menschen, die nur durch ihre Autorität aufrechterhalten werde. Meslier erkennt die Notwendigkeit »einer gewissen Abhängigkeit und Unterordnung« in jeder Gesellschaft an. Doch jetzt gründe die Macht sich auf Gewalt, Mord und Verbrechen. Im »Testament« ist nicht die Rede von konkreten Maßnahmen zur Verbesserung der Lage der Armen oder von Aufrufen an die Reichen, etwas in dieser Richtung zu unternehmen; das Buch schürt nur den Haß der einen auf die anderen.

»Euch, liebe Freunde, erzählt man von Teufeln, man erschreckt euch schon mit dem Namen des Teufels, man zwingt euch zu glauben, daß die Teufel die bösesten und abscheulichsten Geschöpfe, die schlimmsten Feinde des Menschengeschlechts seien, daß sie sich nur darum bemühten, die Menschen zu verderben und sie für immer in der Hölle unglücklich zu machen…

Aber wisset, liebe Freunde, für euch sind die schlimmsten und echtesten Teufel, vor denen ihr euch fürchten müßt, die Menschen, von denen ich spreche – ihr habt keine schlimmeren und böseren Feinde als die Vornehmen und Reichen.« (49, Bd. II, S. 166)

Das innerste Wesen, die wahre Ursache der Ungleichheit sei das Privateigentum, das die Religion ebenfalls rechtfertige.

»Deshalb leben die einen in Völlerei und Luxus, während die anderen Hungers sterben. Deshalb sind die einen fast immer froh und munter und die anderen ewig traurig und betrübt.« (49, Bd. II, S. 201)

Das ganze Sozialprogramm Mesliers läßt sich auf ein paar Zeilen zurückführen:

»Welch großes Glück wäre es für den Menschen, wenn sie gemeinsam die Segnungen des Lebens genießen könnten.« (49, Bd. II, S. 209)

In einer gerechten Gesellschaft müßten Produktion und Verbrauch nach Mesliers Meinung auf der Grundlage der Gemeinsamkeit organisiert sein.

»Die Menschen müssen gemeinsam und gleichberechtigt über alle Güter und Reichtümer der Erde verfügen und sie ebenfalls gemeinsam und gleichmäßig nutzen.« (49, Bd. II, S. 198)

Nahrung, Kleidung und Kindererziehung sollen sich in den verschiedenen Familien nicht stark voneinander unterscheiden. Alle sollen unter der Führung weiser Alter arbeiten (an einer anderen Stelle ist von gewählten Amtspersonen die Rede).

Diese Maßnahmen werden zu wunderbaren Ergebnissen führen: Niemand wird Not leiden, alle werden einander lieben, schwere Arbeit, Betrug und Eitelkeit werden verschwinden. Dann, sagt Meslier,

»wären auf der Erde keine unglücklichen Menschen zu sehen, während wir ihnen jetzt auf Schritt und Tritt begegnen«. (49, Bd. II, S. 217)

Auch die Familienbeziehungen müssen sich ändern, denn ein großes, von der Kirche eingeführtes Übel wird beseitigt werden: die Unauflösbarkeit der Ehe.

»Männer und Frauen müssen die gleiche Freiheit haben, ungehindert ihrer Neigung gemäß zusammenzukommen, ebenso wie die Freiheit, auseinanderzugehen und sich voneinander zu trennen, wenn ihnen das gemeinsame Leben beschwerlich wird oder wenn eine neue Neigung sie zur Schließung eines anderen Bundes bewegt.« (49, Bd. II, S. 214)

Wer »Mon testament« gelesen hat, erhält den Eindruck, daß dieses Werk sehr persönlich ist, daß sich in ihm die intimen Charakterzüge des Autors widerspiegeln. Deshalb sind jene Stellen interessant, an denen von seiner Persönlichkeit die Rede ist.

Das Buch beginnt mit einem Aufruf Mesliers an die Mitglieder seiner Kirchengemeinde:

»Liebe Freunde, es war mir bei Lebzeiten unmöglich, offen das auszusprechen, was ich über die Ordnung und Methode der Regierung der Menschen, über ihre Religionen und Rechte dachte. Dies wäre mit sehr gefährlichen und schimpflichen Folgen verbunden gewesen; deshalb beschloß ich, es euch nach meinem Tode zu sagen.« (49, Bd. I, S. 55)

Über sich selbst teilt Meslier mit:

»Ich war nie so dumm, den Sakramenten und Narrheiten der Kirche Bedeutung einzuräumen, ich verspürte nie den Drang, an ihnen teilzunehmen oder auch nur ehrfurchtsvoll und billigend von ihnen zu sprechen.« (49, Bd. II, S. 73)

»Ich haßte die albernen Verpflichtungen meines Berufes aus ganzer Seele, besonders diese götzendienerischen und abergläubischen Messen sowie die unsinnigen und lächerlichen Spendungen des heiligen Abendmahls, zu denen ich gezwungen war.« (49, Bd. I, S. 77)

Das Buch endet mit den Worten:

»Nach allem Gesagten mag man über mich denken, richten und sprechen, wie man will, und ebenso alles tun, was man will; ich werde mich deshalb nicht im geringsten beunruhigen. Mögen sich die Menschen anpassen und regieren, wenn es ihnen gefällt; mögen sie weise oder närrisch, gut oder böse sein, mögen sie nach meinem Tod über mich sagen oder mit mir machen, was sie wollen – das alles ist mir ganz gleichgültig. Ich nehme schon fast nicht mehr an dem teil, was auf der Welt geschieht. Die Toten, mit denen ich bald denselben Weg beschreiten werde, regt nichts mehr auf, kümmert nichts mehr.

Mit diesem Nichts ende ich hier. Auch ich selbst bin jetzt nicht mehr als nichts, und bald werde ich im wahrsten Sinne des Wortes nichts sein.« (49, Bd. 11, S. 377)

Dies waren keine leeren Worte: Meslier setzte seinem Leben im Alter von 55 Jahren ein Ende.

Die Geschichte von »Mon testament« ist interessant. Es (oder Teile davon) fiel Voltaire in die Hände und machte ungeheuren Eindruck auf ihn. Er schrieb über »Mon Testament«:

»Es ist ein Werk, das den Dämonen völlig unerläßlich ist, ein großartiger Katechismus des Beelzebub. Wisset, daß dies ein sehr seltenes Buch ist, es ist vollkommen«. (49, Bd. III, S. 405)

Den Personen, die er als seine »Brüder« bezeichnete, schrieb Voltaire häufig mit der Aufforderung, Auszüge aus »Mon testament« zu verbreiten.

»Wisset, daß der göttliche Segen auf unserer entstehenden Kirche ruht: In einer der Provinzen wurden 300 Exemplare von Meslier verteilt, was viele Neubekehrte einbrachte.« (49, Bd. III, S. 417)

Das Buch galt als gefährlich. Deshalb schrieb Voltaire, wenn er zu seiner Herausgabe ermunterte:

»Wäre es unmöglich, sich deshalb, ohne sich selbst oder irgendeinen anderen zu kompromittieren, an den guten Meslier zu wenden? Ich möchte nicht, daß einer unserer Brüder auch nur das geringste Risiko eingeht.« (49, Bd. III, S. 416)

»Wir wollen den guten Menschen danken, die es kostenlos weitergegeben haben, und bitten um den allerhöchsten Segen für diese nützliche Lektüre.« (49, Bd. III, S. 419)

»… Sie haben kluge Freunde, die nicht abgeneigt sein werden, dieses Buch bei sich an einem verläßlichen Ort zu verwahren. Übrigens taugt es zur Belehrung der Jugend.« (49, Bd. III, S. 408)

»Jean Meslier muß die ganze Welt überzeugen. Warum ist sein Evangelium so wenig verbreitet? Ihr seid in Paris viel zu träge! Ihr laßt euer Licht nicht leuchten.« (49, Bd. III, S. 410)

»Ich wünsche mir nach christlicher Art, daß sich das >Testament< wie die fünf Brote vermehrte und vier-bis fünftausend Seelen speiste.« (49, Bd. III, S. 411)

Später, im Jahre 1793, als der Konvent die Entchristianisierung durchsetzte und den Kult der Vernunft einführte, schlug Anarcharsis Cloots vor, im Tempel der Vernunft eine Statue des Predigers aufzustellen, der sich als erster von den religiösen Verirrungen losgesagt habe – »des kühnen, hochherzigen und großen Jean Meslier«.

Der »Code de la Nature, ou le veritable esprit de ses loix« von Morelly (50) erschien im Jahre 1755. Über seinen Autor ist fast nichts bekannt – bis heute streitet man sich darüber, ob eine solche Person existierte oder ob es sich um ein‘ Pseudonym handelte.

Dem System Morellys liegt die Vorstellung von einem Naturzustand oder einem »Kodex der Natur« zugrunde, dem die Menschheit folgen müsse, um glücklich und moralisch zu leben. Der Bruch mit dem Naturzustand sei durch das Privateigentum zustande gekommen, das alle Nöte der Menschheit verursacht habe. Nur seine Beseitigung könne wieder zu einem natürlichen und glücklichen Zustand führen.

Der vierte Teil des Buches enthält eine Gesetzgebung, auf die sich die ideale Gesellschaft, nach Morelly, stützen muß.

Im Mittelpunkt stehen drei »wichtige und heilige Gesetze«.

Das erste von ihnen schafft jedes Privateigentum ab. Eine Ausnahme wird nur für »Dinge« gemacht, »die jeder zur Befriedigung seiner Bedürfnisse, zum Vergnügen oder für seine tägliche Arbeit benutzt«. Das zweite Gesetz erklärt alle Bürger zu Beamten, die der Staat mit Arbeit und Unterhalt versorgt. Das dritte Gesetz proklamiert die allgemeine Ptlicht, »dem Verteilungsgesetz gemäß« zu arbeiten.

Alle Bürger müssen sich im Alter von zwanzig bis 35 Jahren mit Ackerbau befassen; danach bleiben sie bei dieser Arbeit oder werden zu Handwerkern gemacht. Mit vierzig Jahren hat jeder das Recht der freien Berufswahl.

Alle Erzeugnisse werden über gesellschaftliche Speicher verteilt.

Handel und Tausch sind durch ein »heiliges Gesetz« verboten.

Die Bevölkerung lebt in Städten, die in gleiche, einheitliche Viertel geteilt sind. Alle Gebäude haben die gleiche Form, und alle Bewohner tragen ein Gewand aus dem gleichen Stoff.

In einem bestimmten Alter muß jeder Bürger die Ehe eingehen.

Die Kinder werden bis zum Alter von fünf Jahren in der Familie erzogen und treten danach in spezielle Erziehungsheime ein. Die Ausbildung (sowie die Nahrung und Kleidung) aller Kinder ist völlig einheitlich. Mit zehn Jahren setzen sie ihre Lehre in Werkstätten fort.

Die Zahl der Personen, die sich den Wissenschaften und Künsten widmen, ist streng begrenzt. »wie für jede Art der Beschäftigung so auch für jede Stadt«.

Die » Moralphilosophie« wird ein für allemal durch die in Morellys Traktat ausgearbeiteten Thesen umrissen:

»… nichts wird hinzugefügt werden, das über die vom Gesetz vorgeschriebenen Grenzen hinausgeht.« (50, S. 202)

Dafür wird auf dem Gebiet der Naturwissenschaften volle Forschungsfreiheit gewährt.

Die von Morelly geschaffenen Gesetze sollen auf Säulen oder Pyramiden eingraviert werden, die man auf dem Hauptplatz jeder Stadt errichten wird.

Wer versucht, die heiligen Gesetze zu ändern, wird für geistesgestört erklärt und bei lebendigem Leib in eine Höhle eingemauert, und

»… seine Kinder und seine ganze Familie sagen sich von seinem Namen los«. (50, S. 238)

All diese Theorien haben wir schon bei More oder Campanella vorgefunden. Das System Morellys ist deshalb bemerkenswert, weil es die Idee der Gesellschaftsentwicklung vom Urzustand bis zum Sozialismus enthält.

Die Menschheit habe einmal im »natürlichen Zustand« gelebt – dies sei das Goldene Zeitalter, an das man sich bei allen Völkern erinnert. Sie habe diesen Zustand verloren, als sie durch einen Fehler der Gesetzgeber das Privateigentum gestattete. Die Rückkehr zu einem System ohne Privateigentum vollzieht sich durch den Fortschritt, den Morelly als entscheidende Triebkraft der Geschichte ansieht.

»Die Erscheinungen, in denen ich ihn beobachte, zeigen mir überall, sogar im kleinsten Mückenflügel, die Existenz einer logischen Entwicklung; ich erlebe, ich fühle den Fortschritt der Vernunft. Ich bin folglich berechtigt zu sagen, daß es durch eine wunderbare Analogie auch auf moralischem Gebiet günstige Umwandlungen gibt und daß die Gesetze der Natur, trotz ihrer Kraft und ihrer Gefälligkeit, nur allmählich volle Macht über die Menschheit gewinnen.« (50, S. 159)

Erst wenn sie verschiedene Regierungsformen ausprobiert hätten, würden die Menschen verstehen, wo ihr wahrer Segen zu finden sei. Als unvermeidlicher Triumph der Vernunft werde letzten Endes die von Morelly beschriebene Gesellschaft entstehen, und die Menschheit werde den Weg vom unbewußten Goldenen Zeitalter zum bewußten zurückgelegt haben.

Die Verbreitung der sozialistischen Ideen im »Zeitalter der Aufklärung« läßt sich an der deutlichen Sympathie ermessen, mit der von ihnen im einflußreichsten Werk jener Zeit, der berühmten »Enzyklopädie«, gesprochen wird. In dem Artikel »Der Gesetzgeber«, der im Jahre 1765 im neunten Band der »Enzyklopädie« erschien und dessen Verfasser anscheinend Denis Diderot war, wird als Hauptziel jeder Gesetzgebung der Austausch des »Geistes des Eigentums« gegen den »Geist der Gemeinsamkeit« hervorgehooen. Wenn in einem Staat der »Geist der Gemeinsamkeit« herrsche, bedauerten seine Bürger nicht, ihren eigenen Willen hinter den Allgemeinwillen zurückstellen zu müssen; die Vaterlandsliebe werde zu ihrer einzigen Leidenschaft.

Diese etwas vagen Aussagen konkretisiert der Autor, indem er als Beispiel die Gesetze von Peru anführt, die auf dem Geist der Gemeinsamkeit basierten. (Einige Mitteilungen über das gesellschaftliche und ökonomische System des Inkareiches (das hier gemeint ist, wenn von Peru gesprochen wird) findet der Leser im ersten Kapitel des folgenden Teils dieser Arbeit.) Er schreibt:

»Die Gesetze von Peru sind bemüht, die Bürger durch die Bande der Menschlichkeit zu vereinen; während die Gesetzgebungen anderer Länder verbieten, daß einer dem anderen Schaden zufüge, verlangen sie in Peru, daß man unermüdlich Gutes tue. Diese Gesetze, welche die Gütergemeinschaft etablierten (soweit dies außerhalb des Naturzustandes möglich ist), schwächten den Geist des Eigentums – die Quelle aller Übel. Die besten und triumphalsten Tage waren in Peru jene, an denen man ein Gemeinschaftsfeld, das Feld eines Alten oder einer Waise bearbeitete. Wer für irgendein Vergehen dadurch bestraft wurde, daß er nicht auf dem Gemeinschaftsfeld arbeiten durfte, hielt sich für überaus unglücklich. Jeder Bürger mühte sich für alle ab, brachte die Früchte seiner Arbeit in staatliche Scheunen ein und erhielt zur Belohnung die Früchte der Arbeit anderer Bürger.« (Zitiert in 51, S. 127)

Später, im Jahre 1772, kehrte Diderot zu den Gedanken über die sozialistische Form des Staatsaufbaus zurück. In seinem Werk »Supplement au voyage de Bougainville« beschreibt er das Leben der Bewohner von Tahiti, als wenn ein Reisender ihre Insel besucht hätte.

Den Wilden gehört alles gemeinsam, sie alle arbeiten zusammen in der Landwirtschaft. Es gibt keine Ehe, und die Kinder werden von der Gesellschaft erzogen. An den Reisenden gewandt, sagt ein alter Bewohner von Tahiti:

»Hier gehört alles allen, du aber verkündetest irgendeinen Unterschied zwischen >mein< und >dein<.« (52, S. 43)

»Laß uns unsere Sitten. Sie sind weiser und tugendhafter als deine; wir werden das, was du Unwissenheit nennst, nicht gegen dein nutzloses Wissen eintauschen. Wir besitzen alles, was für uns notwendig und nützlich ist. Verdienen wir wirklich deswegen Verachtung, weil wir nicht vermocht haben, uns überflüssige Bedürfnisse zu schaffen? … Versuche nicht, uns von deinen angeblichen Bedürfnissen oder deinen trügerischen Tugenden zu überzeugen.« (52, S. 44)

„Unsere Mädchen und Frauen gehören allen … Eine junge Tahitierin überließ sich dem Entzücken in der Umarmung eines jungen Tahitiers und wartete ungeduldig darauf, daß die Mutter ihre Decke fortzog und ihre Brust entblößte … Ohne Scham und Furcht nahmen sie in unserer Gegenwart – im Kreis unschuldiger Tahitier, unter den Klängen von Flöten und unter Tänzen – die Liebkosungen desjenigen entgegen, den ihr junges Herz und die geheime Stimme ihrer Sinnlichkeit ausersehen hatten. Bist du dazu fähig, dieses Gefühl, das wir ihnen eingegeben haben und das sie beseelt, durch ein heldenmütigeres und größeres zu ersetzen?« (52, S. 43-45)

Für die Beziehung Diderots zu den sozialistischen Theorien ist auch kennzeichnend, daß Morellys »Code de la Nature« in Diderots Gesammelte Werke eingeschlossen wurde – ohne jede Einwände von seiten des letzteren. Dies zeugt nicht nur von den moralischen Prinzipien Diderots, sondern auch von seiner Sympathie für die sozialistischen Ideen.

»Le vrai systeme“ von L. M. Deschamps. Zum Abschluß wollen wir uns mit einer der hervorragendsten Gestalten unter den Theoretikern des Sozialismus im 18. Jahrhundert befassen: mit dem Benediktinermönch Deschamps. Zu Lebzeiten veröffentlichte er anonym seine »Briefe über den Zeitgeist« (1769) und »Die Stimme der Vernunft gegen die Vernunft der Natur« (1770). Doch seine originellsten Gedanken sind in dem Werk »Das wahre System« (mit vollem Titel: »Le vrai systeme ou le mot d’enigme metaphysique et morale«) enthalten, das nur als Manuskript vorlag und erst in den letzten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts ungekürzt veröffentlicht wurde (53).

Deschamps erdachte ein ungemein profiliertes und folgerichtiges sozialistisches System. Andererseits war er ein erstaunlich tiefsinniger Philosoph. Manchmal wird er als Vorgänger Hegels bezeichnet. Das trifft zweifellos zu; doch darüber hinaus legte er nicht nur denselben Weg wie Hegel zurück, sondern entwickelte auch viele Konzeptionen, zu denen später die linken Schüler Hegels, Feuerbach, Engels und Marx, gelangten. Mit seinem Begriff des Nichts nahm er in vieler Hinsicht das Gedankengut der modernen Existenzialisten vorweg.

Die Weltanschauung Deschamps‘ steht dem Materialismus am nächsten, obwohl sie schwerlich ganz mit ihm zusammenfällt. In der Welt sieht er nichts als Materie, die er allerdings sehr originell begreift:

»Die Welt … hat ewig existiert und wird ewig existieren.« (53, S. 317)

In ihr verlaufe ein ewiger Prozeß, bei dem die einen Teile aus den anderen entstehen und vernichtet würden:

»Alle Wesen gehen auseinander hervor, gehen ineinander über, und alle ihre verschiedenen Gattungen sind nur Erscheinungsformen einer universellen Gattung …

Alle Wesen sind lebendig, wie tot sie auch scheinen mögen, denn der Tod ist nur eine relativ geringere Äußerung des Lebens, nicht jedoch seine Negation.« (53, S. 127)

Für Deschamps besteht das Leben aus verschiedenen Bewegungsformen. Er sagt über die Natur:

»Alles in ihr besitzt auf seine Art die Fähigkeit des Empfindens, des Lebens, des Denkens, der Vernunft, das heißt der Bewegung. Denn was bezeichnen diese Worte sonst, wenn nicht die Handlung oder Bewegung der uns ausmachenden Teile?« (53, S. 135)

Dadurch würden der Standort des Menschen im All und insbesondere seine Willensfreiheit bestimmt.

»Wenn wir daran glauben, daß wir über Willen und Freiheit verfügen, so geschieht dies erstens infolge eines Absurdums, das uns zwingt, an irgendeinen Gott zu glauben, und infolge des sich daraus ergebenden Glaubens, daß wir eine Seele besitzen, die vor Gott Verdienste oder Verfehlungen aufweist; und zweitens geschieht es, weil wir die inneren Sprungfedern unseres Mechanismus nicht sehen können … « (53, S. 136-137)

Deschamps betrachtet Gott als Idee, die von der Menschheit als Produkt bestimmter sozialer Umstände, beruhend auf dem Privateigentum, geschaffen worden sei. Es habe keine Religion gegeben, bevor sich diese Umstände gebildet hätten, und es werde sie nicht mehr geben, wenn die Umstände beseitigt seien. Die Religion selbst sei nicht nur das Ergebnis der Knechtung der Menschen, sondern auch ein Mittel, das zur Unterdrückung beitrage. Sie sei eines der Haupthindernisse beim Übergang der Menschheit in einen glücklicheren sozialen Zustand.

Deschamps schreibt:

»Das Wort >Gott< muß aus unseren Sprachen entfernt werden.« (53, S. 133)

Nichtsdestoweniger ist er ein leidenschaftlicher Gegner des Atheismus. Er sagt über sein System:

»Auf den ersten Blick mag man annehmen, daß dies eine kurze Darstellung des Atheismus sei, denn in ihr wird jede Religion aufgehoben; doch nach einigem Nachdenken ist der Schluß unumgänglich, daß es sich durchaus nicht um eine Darstellung des Atheismus handelt, denn an die Stelle eines vernünftigen und moralischen Gottes (den ich der Vernichtung übergebe, weil man sich ihn in Wirklichkeit nur als Menschen vorstellt, der mächtiger ist als andere) setze ich ein metaphysisches Sein, das Grundelement der Sittlichkeit, die hier durchaus nicht willkürlich ist … « (53, S. 154)

Deschamps bezieht sich in diesem Zusammenhang auf sein Verständnis des Universums, dem er drei verschiedene Aspekte zuschreibt. Der erste ist das GANZE, das Universum als Verbindung all seiner Teile. Das GANZE ist »die Grundlage, deren Erscheinungsformen alle sichtbaren Wesen sind«, doch es hat eine andere (nicht physische) Natur als seine Teile. Deshalb kann man es nicht sehen, doch mit der Vernunft erfassen. Das zweite – ALLES – ist das Universum als einheitlicher Begriff.

»Das GANZE setzt die Existenz der Teile voraus. ALLES setzt dies nicht voraus.« (53, S. 87)

»Unter ALLEM verstehe ich die Existenz in sich, die eigentliche Existenz … mit anderen Worten … die durch nichts anderes als sich selbst existierende.« (53, S. 87-88)

»ALLES, das nicht aus Teilen besteht, existiert; es ist untrennbar vom GANZEN, das aus Teilen besteht und dessen Position und Negation es gleichzeitig ist.« (53, S. 124)

Doch am erstaunlichsten ist vielleicht der dritte Aspekt des Universums, den Deschamps in sein System einführt. Er unterstreicht den negativen Charakter der auf ALLES angewandten Definitionen:

»ALLES ist schon keine Teilmenge vom Wesen mehr, sondern die Menge aller Teile … kein einheitliches Sein, das in vielen Wesen existiert … , sondern das einzige Sein, das jedes andere Sein außer ihm selbst negiert … Im Zusammenhang mit ihm kann man das nur negieren, was sich in anderen bestätigt; es ist schon nicht mehr wahrnehmbar oder das Resultat wahrnehmbarer Wesen, sondern NICHTS, das Nichtsein selbst, das ganz allein nichts anderes als die Negation des Wahrnehmbaren sein kann … « (57, S. 125-126)

»ALLES ist NICHTS.« (53, S. 129)

»Vor mir hat aller Wahrscheinlichkeit nach nie jemand geschrieben, daß ALLES und NICHTS identisch seien.« (53, S. 130)

Dieses Prinzip legt Deschamps seiner Existenzlehre zugrunde:

»Worin besteht die Ursache der Existenz? Antwort: Die Ursache besteht darin, daß NICHTS etwas ist, darin, daß es die Existenz ist, darin, daß es ALLES ist.« (53, S. 321)

Hier kann er auch für Gott einen Platz finden:

»Gott ist NICHTS, die Nichtexistenz selbst.« (53, S. 318) Offenbar stellt Deschamps gerade diese Prinzipien und die Schlüsse, die er aus ihnen zieht, dem Atheismus entgegen, erklärt ihn zu einer rein negativen, zerstörerischen Lehre und nennt ihn den »Atheismus des Viehs«, das heißt der Geschöpfe, die sich noch nicht einmal bis zur Religion entwickelt, geschweige denn sie überwunden hätten.

Dieser Gesichtspunkt bestimmt auch die hochmütige, verächtliche Einstellung Deschamps‘ zu den zeitgenössischen aufklärerischen Philosophen. Er wirft ihnen vor, daß ihre Lehrgebäude nicht wissenschaftlich seien, sich auf Phantasien gründeten.

»Unsere destruktiven Philosophen mögen sich davon überzeugen, wie fruchtlos und nichtig ihre gegen Gott und die Religion gerichteten Bemühungen waren. Die Philosophen waren unfähig, ihre Aufgabe zu erfüllen, bevor sie die Existenz des bürgerlichen Zustandes berührten, der allein dafür verantwortlich ist, daß die Idee eines moralischen und universellen Wesens und aller Religionen entstand.« (53, S. 107)

»Der Zustand allgemeiner Gleichheit ergibt sich nicht schlüssig aus der Lehre des Atheismus. Für unsere Atheisten, wie für die Mehrzahl der Menschen, schien er immer eine Ausgeburt der Phantasie.« (54, S. 41)

Und diese Phantasien seien durchaus nicht harmlos. Es gebe nur zwei Auswege – den, welchen die Religion vorschlage, und den, welchen sein – Deschamps‘ – System biete. Die Religion zu untergraben, bevor der Boden für die zweite Möglichkeit bereitet sei, heiße, das Kommen einer zerstörerischen Revolution zu fördern. In der »Stimme der Vernunft« sagt Deschamps:

»Diese Revolution wird natürlich aus den modernen philosophischen Stimmungen hervorgehen, obwohl die Mehrheit davon nichts ahnt. Sie wird weit traurigere Folgen haben und zu viel mehr Zerstörungen führen als eine Revolution, die von einer beliebigen Ketzerei hervorgerufen wird. Aber hat diese Revolution etwa noch nicht begonnen? Hat der Zerfall die Stützen der Religion etwa noch nicht angegriffen. sind sie und alles übrige etwa noch nicht bereit zusammenzubrechen?« (Zitiert in 54, S. 6)

Dem negativen Charakter, den der Atheismus der Aufklärer besitze, stellt Deschamps den nach seiner Meinung positiven Charakter seines eigenen Systems gegenüber:

»Das von mir vorgeschlagene System entzieht uns, wie der Atheismus, die Freuden des Paradieses und die Schrecken der Hölle; doch im Gegensatz zum Atheismus läßt es nicht den geringsten Zweifel daran, daß es rechtmäßig ist, sowohl Hölle wie Paradies zu beseitigen. Schließlich gibt es uns eine im höchsten Maße wichtige Überzeugung, die uns der Atheismus nicht liefern konnte und niemals liefern kann – nämlich die Überzeugung, daß das Paradies für uns nur an einem Ort existieren kann, und zwar auf dieser Welt.« (53, S. 154)

Auf der Metaphysik Deschamps basiert seine soziale und historische Doktrin. Ihre Grundlage ist die Auffassung, daß die Evolution der Menschheit immer weiter auf die Idee der Einheit, des Ganzen zulaufe:

»Die Idee des Ganzen ist so stark wie die Idee der Ordnung, der Harmonie, der Einheit, der Gleichheit und Vollkommenheit. Der Zustand der Einheit oder der Gesellschaftszustand geht aus der Idee des Ganzen hervor, das selbst Einheit und Einigkeit ist; die Menschen müssen zu ihrem eigenen Wohlbefinden im Gesellschaftszustand leben.« (53, S. 335)

Der Mechanismus dieser Evolution liegt in der Entwicklung sozialer Institutionen, die alle anderen Seiten des menschlichen Lebens – Sprache. Religion, Moral – bestimmen. Zum Beispiel:

»Es wäre absurd anzunehmen. daß der Mensch Gottes Hände erwachsen, moralisch und zum Reden fähig verlassen habe: Die Sprache hat sich in dem Maße entwickelt, wie die Gesellschaft zu dem wurde, was sie ist.« (53, S. 102)

Die verschiedenen Erscheinungsformen des Bösen hält Deschamps für das Produkt der sozialen Verhältnisse; zum Beispiel sei sogar die Homosexualität durch ihren Einfluß zu erklären.

Die sozialen Institutionen selbst entstehen durch Einwirkung materieller Faktoren – die Notwendigkeit gemeinsamer Jagd, die Bewachung der Herden, aber auch durch die Vorzüge des menschlichen Körperbaus, insbesondere die Gestalt seiner Hände.

Den gesamten historischen Prozeß teilt Deschamps in drei Stufen oder Zustände, welche die Menschheit durchlaufen müsse: »Für den Menschen gibt es nur drei Zustände: den Zustand der

Wildheit oder den Zustand der Tiere in den Wäldern, den Zustand der Gesetze (Der Zustand der Gesetze ist bei Deschamps identisch mit dem schon erwähnten bürgerlichen Zustand) und den Zustand der Sitten. Der erste bedeutet Bindungslosigkeit ohne Einigkeit, ohne Gesellschaft; der zweite – unserer – bedeutet äußerste Bindungslosigkeit in der Einigkeit, und der dritte ist der Zustand der Einigkeit ohne Bindungslosigkeit. Dieser Zustand ist unstreitig der einzige, der, soweit das möglich ist, Kraft und Glück der Menschen ausmachen kann.« (53, S. 275)

Im Zustand der Wildheit seien die Menschen viel glücklicher als in jenem der Gesetze, in dem sich die zeitgenössische zivilisierte Menschheit befinde:

»… der Zustand der Gesetze ist für uns, die Menschen im bürgerlichen Zustand, zweifellos schlechter als der Zustand der Wildheit.« (53, S. 184)

Dies treffe auch auf die wilden Völker in Deschamps‘ Zeit zu:

»Wir behandeln sie geringschätzig, obwohl keinem Zweifel unterliegt, daß ihr Zustand viel weniger unvernünftig ist als der unsere.« (53, S. 184)

Doch es sei unmöglich, zum Zustand der Wildheit zurückzukehren: Er habe infolge objektiver Gründe und vor allem durch die Entstehung von Ungleichheit, Macht und Privateigentum unweigerlich zusammenbrechen und den Zustand der Gesetze hervorbringen müssen.

Das Privateigentum sei die Hauptursache für alle im Zustand der Gesetze auftretenden Übel:

»Mein und dein in bezug auf irdische Güter und Frauen existieren nur unter dem Schutz unserer Sitten, die alles Böse hervorbringen, das diese Sitten sanktioniert.« (53, S. 178)

Der Zustand der Gesetze ist nach Meinung Deschamps‘ der Zustand des geringsten Glücks für die geringste Zahl von Menschen. Das Böse selbst werde von diesem Zustand gezeugt:

»Das Böse im Menschen gibt es nur wegen des existierenden bürgerlichen Zustandes, der seiner Natur unendlich widerspricht. Im Herdenzustand war dieses Böse im Menschen nicht angelegt.« (53, S. 166)

Doch gerade die Aspekte des Zustandes der Gesetze, die ihn für die Menschen besonders unerträglich machen, bereiten laut Deschamps den Übergang zum Zustand der Sitten vor, der offenbar jenes »Paradies auf Erden« darstellt, von dem er in dem oben angeführten Zitat sprach. Seine Beschreibung, die voll von deutlichen Einzelheiten ist, erweist sich als eine der originellsten und konsequentesten sozialistischen Utopien.

Das gesamte Leben im Zustand der Sitten werde sich vollkommen einem Ziel unterordnen: der maximalen Verwirklichung von Gleichheit und Gemeinsamkeit. Die Menschen werden ohne dein und mein leben, Spezialisierung und Arbeitsteilung würden fortfallen.

»Die Frauen wären Gemeinbesitz für alle Männer, wie die Männer für die Frauen …, die Kinder würden nicht individuell diesen oder jenen Männern und Frauen gehören.« (53, S. 206)

»… die Frauen, die zum Stillen imstande und nicht schwanger sind, würden den Kindern wahllos die Brust geben …

Ist es wirklich wahr, wird man mir entgegnen, daß die Mütter ihre eigenen Kinder nicht bei sich behalten dürfen?

Es ist wahr! Was soll dieses Eigentum … ?« (53, S. 212)

Den Autor erschreckt nicht, daß diese Lebensweise zur Blutschande führen kann.

»Man sagt, daß die Blutschande im höchsten Grade gegen die Natur sei. Dabei ist sie nur unserer Sitten wegen, aus keinem anderen Grund, gegen die Natur.« (53, S. 212)

Alle Menschen

»würden nur die Gesellschaft kennen und ihr als alleiniger, einziger Eigentümerin gehören.« (53, S. 211)

Um den Übergang zu diesem Zustand möglich zu machen, müsse vieles von dem zerstört werden, was für wertvoll gehalten werde, zum Beispiel:

»all das, was wir als herrliche Werke der Kunst bezeichnen. Dieses Opfer wäre unzweifelhaft gewaltig, doch es muß unbedingt gebracht werden«. (53, S. 202)

Nicht nur erlesene Künste wie Dichtung, Malerei oder Architektur, sondern auch Wissenschaft und Technik müßten fortfallen. Die Menschen würden keine Schiffe bauen oder die Erdkugel erforschen.

»Welchen Sinn hätte die Gelehrtheit des Kopernikus, Newtons oder Cassinis für sie?« (53, S. 224)

Die Sprache werde viel einfacher und weit weniger schmuckvoll sein. Alle Menschen würden eine einzige Sprache sprechen, die stabil und keinen Änderungen unterworfen sein werde. Die Literatur werde verschwinden, und die ermüdende Arbeit, lesen und schreiben zu lernen, werde entfallen. Die Kinder würden überhaupt nicht unterrichtet werden, sondern sich alles Notwendige aneignen, indem sie die Älteren nachahmten.

Man werde auch nicht mehr urteilen müssen:

»Im Zustand der Wildheit überlegte und urteilte man nicht, weil es nicht nötig war; im Zustand der Gesetze überlegt und urteilt man, weil man es nötig hat; im Zustand der Sitten wird man nicht überlegen und urteilen, weil es nicht mehr nötig sein wird.« (53, S. 296)

Am klarsten wird diese Bewußtseinsänderung dadurch illustriert, daß alle Bücher vernichtet werden sollen. Man werde sie nur zu dem einzigen Zweck benutzen, zu dem sie im Grunde taugten – dem Anheizen der Öfen. Alle bisher geschriebenen Bücher hätten das Ziel, das eine Werk notwendig zu machen und vorzubereiten, das ihre Entbehrlichkeit beweise: das Buch Deschamps‘. Es werde sie alle überleben, doch am Ende ebenfalls, als letztes aller Bücher, verbrannt werden.

Das Leben der Menschen werde einfacher und leichter werden.

Sie würden fast keine Metalle mehr fördern und bearbeiten. da man die Mehrheit aller Gegenstände aus Holz herstellen werde. Sie würden keine großen Häuser bauen, sondern in Holzhütten wohnen.

»Ihr Mobiliar würde nur aus Bänken, Regalen und Tischen bestehen … « (53, S. 217)

»Frisches Stroh, das danach als Streu für das Vieh dient, würde ihr gemeinsames und gesundes Bett bilden, auf dem sie sich der Ruhe hingeben. Sie würden sich dazu wahllos verteilen, Frauen und Männer gemischt, nachdem sie zunächst gebrechliche Greise und Kinder, die für sich schlafen, zu Bett gebracht haben.« (53, S. 221)

Das Essen wäre hauptsächlich vegetarisch, was seine Zubereitung stark erleichtern würde.

»In ihrer sehr bescheidenen Existenz brauchten sie nur sehr wenige Dinge zu kennen, und dies wären gerade die Dinge, die man am leichtesten lernen kann.« (53, S. 225)

Diese Veränderung des Lebens geht mit einer radikalen Veränderung der Psyche einher, so daß

»die Neigung eines jeden gleichzeitig auch die allgemeine Neigung wäre«. (53, S. 210)

Die »Einzelbeziehungen« zwischen den Menschen und alle stark individuellen Gefühle würden aufgehoben werden:

»… es würde nicht die überschäumenden, doch flüchtigen Empfindungen des glücklichen Liebhabers, des siegreichen Helden, des erfolgreichen Ehrgeizigen, des gekrönten Künstlers geben …« (53, S. 205)

»… alle Tage würden einander gleichen.« (53, S. 211)

Sogar die Gesichter der Menschen würden einheitlich werden: »Im Zustand der Sitten würde man nicht weinen und lachen. In allen Mienen würde sich helle Zufriedenheit spiegeln, und fast alle Gesichter würden, wie ich schon gesagt habe, das gleiche Aussehen haben. In den Augen des Mannes würde jede Frau den anderen ähneln, und in den Augen der Frau wäre ein Mann wie der andere.« (53, S. 205)

Die Köpfe der Menschen würden

»ebenso harmonisch, wie sie jetzt unterschiedlich sind.« (53, S. 214)

»Sie würden sich unvergleichlich stärker als die heutigen Menschen in allem an eine einheitliche Lebensweise halten und daraus nicht den Schluß ziehen – wie wir es hinsichtlich der Tiere tun -, daß diese Handlungsweise einen Mangel an Vernunft und Verständnis offenbart.« (53, S. 219)

Diese neue Gesellschaft werde auch eine neue Weltanschauung hervorbringen.

»Und sie würden nicht daran zweifeln – doch sich nicht im geringsten davor fürchten -, daß auch die Menschen nur infolge einer ähnlichen Unbeständigkeit existieren und daß es ihnen beschieden ist, an irgendeinem Tag durch diese Unbeständigkeit umzukommen, damit sie in der Aufeinanderfolge der Zeiten vielleicht später von neuem durch die Verwandlung von einer Gattung in die andere geschaffen werden.« (53, S. 225)

»Da sie wie wir nicht in Betracht ziehen würden, daß sie früher tot waren, das heißt, daß die sie bildenden Teile früher nicht in Gestalt eines Menschen existierten, würden sie – konsequenter als wir – auch dem zukünftigen Ende der Existenz in dieser Gestalt keine Bedeutung zumessen.« (53, S. 228)

»Man würde einander genauso begraben, wie man das Vieh verscharrt«, weil »ihre toten Mitbrüder ihnen nicht mehr bedeuten sollen als tote Tiere«. (53, S. 229)

»… sie würden an keinem Menschen hängen, insbesondere nicht so, daß sie seinen Tod als persönlichen Verlust empfinden und beweinen würden.« (53, S. 230)

»Sie würden eines stillen Todes sterben – eines Todes, der ihrem Leben gleicht …« (53, S. 228)

§ 4. Die ersten Schritte

Wir haben gesehen, wie der Sozialismus im Schoße der Autklärungsphilosophie ausgetragen wurde. Das Neugeborene erblickte das Licht der Welt zur Zeit der Französischen Revolution und wurde mit der Milch von Mütterchen Guillotine gestillt. Doch die ersten Schritte im Wirkungskreis seines Lebens gehören schon in jene Zeit, als die heroische Epoche des Terrors verstrichen war. Es ist rührend zu beobachten, wie hinter der bezaubernden kindlichen Ungeschicklichkeit schon die Züge jenes Helden hervorlugen, der bald Königreiche ins Wanken bringen und Throne umstürzen wird.

Im Jahre 1796, nach dem Fall Robespierres und zur Zeit der Herrschaft des Direktoriums, wurde in Paris eine Geheimgesellschaft gegründet, die den politischen Umsturz vorbereitete und ein Programm für die künftige sozialistische Organisation des Landes ausarbeite. An der Spitze der Vereinigung stand das Geheime Direktorium zur Rettung der Gesellschaft, das sich auf ein Netz von Agenten stützte. Ihre führenden Mitglieder waren Philippe Buonarotti und Francois Noel (der sich zunächst in Camille, danach in Gracchus umbenannte) Babeuf. Man schuf ein Kriegskomitee zur Vorbereitung des Aufstandes. Die Verschwörer hofften auf die Unterstützung der Armee. Nach ihren Berechnungen würden ihnen 17000 Menschen aktiv zur Seite stehen. Doch die Anführer der Verschwörung wurden angezeigt und verhaftet; man richtete zwei von ihnen hin, unter ihnen auch Babeuf, und schickte Buonarotti in die Verbannung. Aus der Verbannung zurückgekehrt, setzte Buonarotti die Propaganda für seine Ansichten fort. Unter seinem Einfluß befanden sich die meisten Anhänger des revolutionären Sozialismus jener Zeit. Vor allem gründete er bei einem Aufenthalt in Genf einen Kreis, der später Weitling stark beeindruckte. Die Rolle Weitlings für die formative Periode von Marx ist allgemein bekannt.

Viele Dokumente der Gesellschaft, die ihre Anschauungen charakterisieren, wurden sofort von der Regierung veröffentlicht, nachdem die Verschwörung aufgedeckt worden war. Eine ausführliche Darstellung der Verschwörung und der ausgearbeiteten Pläne gab Buonarotti später in seinem Buch »Conspiration pour I’Egalite (dite de Babeuf)«.

Die Weltanschauung der Gesellschaft gründete sich darauf, die Gleichheit um jeden Preis durchzusetzen. Dieses Bestreben wird auch aus ihrem Namen, »Bund der Gleichen«, ersichtlich. Das Prinzip des Bundes wurde in seinem »Manifest« mit unangreifbarer gallischer Logik begründet:

»Alle Menschen sind gleich, nicht wahr? Dieser Grundsatz ist unanfechtbar, denn nur wer den Verstand verloren hat, kann den Tag ernsthaft als Nacht bezeichnen.« (55, Bd. II, S. 134)

Nachdem damit das unerschütterliche Fundament gelegt ist, geht das »Manifest« zu den Folgerungen aus diesem Axiom über:

»Wir wollen tatsächlich Gleichheit oder Tod – genau das wollen wir.« (55, Bd. II, S. 134)

»Dafür sind wir zu allem bereit – bereit, alles hinwegzufegen, um allein daran festzuhalten. Falls nötig, mögen alle Künste verschwinden, wenn uns nur echte Gleichheit bleibt.« (55, Bd. II, S. 135)

»Mögen schließlich alle empörenden Unterschiede zwischen Reichen und Armen, Großen und Kleinen, Herren und Dienern, Regierenden und Regierten verschwinden.« (55, Bd. II, S. 136)

Aus diesem Prinzip ergibt sich in erster Linie die Verkündung der Gütergemeinschaft:

»Ein Agrargesetz oder die Verteilung des bebauten Bodens war die kurzfristige Forderung einiger prinzipienloser Soldaten, einiger Stämme, die eher vom Instinkt als von der Vernunft getrieben wurden. Wir jedoch streben nach etwas Höherem und Gerechterem, zur Gemeinschaft des Besitzes oder der Gütergemeinschaft.« (55, Bd. II, S. 135)

»… alles Eigentum, das sich auf dem nationalen Territorium konzentriert, ist gemeinsam; es gehört unabänderlich dem Volk, das allein das Recht besitzt, seine Nutzung und seine Früchte aufzuteilen.« (55, Bd. I, S. 295)

Das Recht auf individuelles Eigentum soll abgeschafft werden. Das ganze Land soll sich in eine Einheitswirtschaft verwandeln, die ausschließlich auf bürokratischem Prinzip aufgebaut ist. Der Handel – außer dem Kleinsthandel – soll unterbunden und das Geld aus dem Verkehr gezogen werden.

»… es ist unbedingt notwendig, daß alle Produkte des Bodens und der Industrie in Gemeinschaftsspeichern verwahrt werden, von wo sie unter der Aufsicht dafür verantwortlicher Beamter gleichmäßig zwischen den Bürgern aufgeteilt werden.« (55, Bd. I, S. 309)

Gleichzeitig wird die Arbeitspflicht eingeführt.

»Menschen, die nichts für das Vaterland tun, dürfen keine politischen Rechte genießen; sie sind Ausländer, denen die Republik die Gastfreundschaft verwehrt.« (55, Bd. II, S. 206)

»Diejenigen tun nichts für das Vaterland, die ihm nicht durch nützliche Arbeit dienen.

Das Gesetz betrachtet als nützliche Arbeit: Ackerbau, Viehzucht, Fischfang, Schiffahrt; Kleinhandel; Transport von Menschen und Sachen; das Kriegshandwerk; erzieherische und wissenschaftliche Tätigkeit.« (55, Bd. II, S. 296)

»Personen, die sich mit Unterricht und Wissenschaft befassen, müssen ein Zeugnis über ihre Zuverlässigkeit erbringen. Nur in diesem Fall wird ihre Arbeit als nützlich angesehen werden.« (55, Bd. II, S. 297)

»Beamte leiten die Arbeiten, und achten darauf, daß sie gleichmäßig verteilt werden.« (55, Bd. II, S. 297)

»Ausländern ist die Teilnahme an öffentlichen Versammlungen versagt. Sie befinden sich unter der direkten Aufsicht der obersten Verwaltung, die sie von ihrem ständigen Wohnort zur Zwangsarbeit schicken kann.« (55, Bd. II, S. 297)

Unter Androhung der Todesstrafe ist allen verboten, Waffen zu besitzen.

Die Schöpfer dieser Pläne sind sich darüber im klaren, daß ihre Ausführung ein unerhörtes Anwachsen der Beamtenzahl erfordert. Dieses Problem umreißen sie in großen Zügen:

»Tatsächlich hat noch keine Nation sie je in solchem Umfang besessen. Abgesehen davon, daß in gewisser Hinsicht jeder Bürger eine Amtsperson wäre, die sich selbst und andere beaufsichtigt, unterliegt keinem Zweifel, daß die gesellschaftlichen Pflichten äußerst vielfältig und die Amtspersonen sehr zahlreich wären.« (55, Bd. I, S. 372)

So stellt man sich die Wechselbeziehungen zwischen einzelnen Persönlichkeiten und dieser Bürokratie vor:

»In dem vom Komitee geplanten Gesellschaftssystem erfasst das Vaterland den Menschen am Tage seiner Geburt und entläßt ihn bis zum Tode nicht.« (55, Bd. I, S. 380)

Die Regierungsgewalt beginnt schon bei der Erziehung des Kindes:

»… sie schützt es vor gefährlicher falscher Zärtlichkeit und führt es durch die Hand seiner Mutter in eine staatliche Einrichtung, wo es die Tugenden und Kenntnisse erwirbt, die für den wahren Bürger notwendig sind.« (55, Bd. I, S. 380)

Von den Staatsschulen werden die jungen Menschen an Militärlager weitergegeben, und erst danach machen sie sich unter der Führung der »Amtspersonen« an die nützliche Arbeit.

»Die örtliche Verwaltung wird ständig über die Lage der Werktätigen jeder Klasse und über die von ihnen ausgeführten Aufgaben unterrichtet. Darüber erstattet sie der obersten Verwaltung regelmäßig Bericht.« (55, Bd. II, S. 304)

»Die oberste Verwaltung verurteilt zu Zwangsarbeiten – unter Aufsicht der erwähnten Kommunen – Personen beiderlei Geschlechts, die der Gesellschaft das schädliche Beispiel dessen liefern, daß ihnen staatsbürgerliches Bewusstsein fehlt, das Beispiel der Müßigkeit, der üppigen Lebensweise und der Lasterhaftigkeit.« (55, Bd. II, S. 305)

Diese letzte Idee wird liebevoll in allen Einzelheiten entwickelt: »Die Inseln Marguerite und Honore, die Hieres-Inseln, die Inseln Oleron und Rhe werden in Besserungsstätten verwandelt, in die zur gesellschaftlichen Zwangsarbeit verdächtige Ausländer und Personen ausgesiedelt werden, die man verhaftet hat, weil sie sich mit Aufrufen an die Franzosen wandten. Der Zugang zu diesen Inseln wird gesperrt. Auf ihnen wird es eine Verwaltung geben, die direkt der Regierung unterstellt ist.« (55, Bd. II, S. 299)

Nach diesen finsteren Bildern erfreut uns der Abschnitt über die »Pressefreiheit«,

»… unbedingt muß daran gedacht werden, mit welchen Mitteln von der Presse all jene Hilfe zu beziehen ist, die man von ihr erwarten kann, ohne das Risiko einzugehen, daß die gerechte Gleichheit und die Rechte des Volkes von neuem in Frage gestellt werden und die Republik endlosen und unheilvollen Diskussionen anheimfällt.« (55, Bd. I, S. 390)

Wie sich erweist, sind diese »Mittel« sehr einfacher Art: »Niemand darf Ansichten äußern, die sich in direktem Widerspruch zu den heiligen Prinzipien der Gleichheit und der Volkssouveränität befinden …

Die Publikation jedes Werkes, das angeblich entlarvenden Charakter hat, wird verboten …

Jedes Werk wird nur dann gedruckt und verteilt, wenn die Wächter über den Willen der Nation der Meinung sind, daß seine Veröffentlichung der Republik nutzen kann.« (55, Bd. I, S. 391)

Es ist erstaunlich, wie die Schöpfer dieses Systems sich an die kleinsten Bedürfnisse des Bürgers der zukünftigen Republik erinnern und um sie sorgen konnten.

»In jeder Kommune werden zu bestimmter Zeit Gemeinschaftsmahlzeiten abgehalten werden, an denen alle Mitglieder der Gemeinde teilnehmen müssen.« (54, Bd. II, S. 306)

»Das Mitglied einer nationalen Gemeinde erhält die gewöhnliche Ration nur in dem Kreis, in dem es lebt, abgesehen von den Fällen, in denen die Verwaltung einen Umzug gestattet hat.« (55, Bd. II, S. 307)

»Vergnügungen, die nicht alle einbeziehen, müssen strengstens verboten werden.« (55, Bd. I, S. 299)

Dies wird an anderer Stelle erläutert:

»… aus der Befürchtung heraus, daß die Phantasie, von der Aufsicht eines strengen Richters befreit, bald entsetzliche Laster hervorbringt, die dem Allgemeinwohl so sehr entgegenwirken.« (55, Bd. I, S. 398)

Die »Gleichen« teilen uns mit, daß sie Freunde aller Völker seien, Doch nach ihrem Sieg soll Frankreich zeitweilig streng isoliert werden.

»Solange die anderen Nationen sich den politischen Prinzipien Frankreichs nicht anschließen, können mit ihnen keine engen Beziehungen aufgenommen werden; bis dahin wird Frankreich in ihren Sitten, Institutionen und vor allem in ihren Regierungen nur eine Gefahr für sich sehen.« (55, Bd. I, S. 357)

Wie sich herausstellt, gab es eine Frage, in der unter den »Gleichen« keine Einmütigkeit herrschte. Buonarotti meinte, daß das Gottesprinzip und die Unsterblichkeit der Seele beachtet werden sollten, weil es

»für die Gesellschaft wichtig ist, daß die Bürger einen untadeligen Richter über ihre geheimen Gedanken und Handlungen anerkennen, die für das Gesetz nicht erreichbar sind, und damit sie glauben, daß das ewige Glück die unerläßliche Folge ihrer Hingabe an die Menschheit und die Heimat ist«. (55, Bd. I, S. 348)

»Alle sogenannten Offenbarungen mussten durch die Gesetze zusammen mit den Krankheiten ausgetrieben werden, deren Keime allmählich auszurotten waren, Bis dies geschehen konnte, stand es jedem frei, Unsinn zu schwatzen, solange nur das Gesellschaftssystem, die allgemeine Bruderschaft und die Macht der Gesetze nicht verletzt wurden.« (55, Bd. I, S. 348-349)

»Die Lehre Jesu könnte als Stütze einer vernünftigen Reform dienen, wenn sie als Ergebnis der natürlichen Religion dargestellt wird, von der sie sich nicht unterscheidet …« (55, Bd. I, S. 168)

Babeuf vertrat dagegen geradlinigere Ansichten:

»Ich greife das Hauptidol gnadenlos an, das unsere Philosophen, die nur wagten, sein Gefolge und seine Umgebung zu kritisieren, bis jetzt verehrten und fürchteten … Christus war weder ein Sansculotte noch ein ehrlicher Jakobiner noch ein Weiser noch ein Moralist noch ein Philosoph noch ein Gesetzgeber.« (55, Bd. II, S. 398)

Das Akademiemitglied W. P. Wolgin, ein prominenter Spezialist für utopisch-sozialistische Literatur, hebt im Vergleich mit den anderen Denkern dieser Richtung bei Babeuf und den »Gleichen« eine wichtige Neuerung hervor. Während seine Vorgänger – More, Campanella, Morelly – das Bild einer schon zustande gekommenen sozialistischen Gesellschaft zeichneten, macht Babeuf sich auch über die Aufgaben der Übergangszeit Gedanken und schlägt Methoden zur Festigung und Stärkung des neu entstandenen sozialistischen Systems vor. Tatsächlich finden wir in den Dokumenten der »Gleichen« in dieser Hinsicht viel Interessantes und Lehrreiches.

In der schon errichteten sozialistischen Gesellschaft liegt die gesetzgebende Gewalt, wie sich von selbst versteht, völlig in Händen des Volkes. In jedem Bezirk wird eine »Versammlung zur Verwirklichung der Volkssouveränität« geschaffen, die aus allen Bürgern dieses Bezirks besteht. Die Delegierten, die direkt vom Volk ernannt werden (das »Ernennungsverfahren« wird nicht näher beschrieben), bilden die »Zentralversammlung der Gesetzgeber«. Die gesetzgebende Gewalt dieser Versammlungen wird jedoch durch die Abtrennung einiger wichtiger Prinzipien eingeschränkt, die »das Volk selbst weder verletzen noch verändern darf«. Parallel zu den gesetzgebenden Versammlungen werden Senate einberufen, die aus den Ältesten bestehen. Die höchste Macht liegt bei der Korporation der »Hüter des nationalen Willens«. Man dachte sie sich als

»eigenständiges Tribunat, dem die Aufsicht darüber auferlegt ist, daß die Gesetzgeber nicht ihr Recht zur Herausgabe von Dekreten mißbrauchen und sich an der legislativen Macht vergreifen«. (55, Bd. I, S. 359)

Aber in der Periode unmittelbar nach dem Umsturz wird eine andere Machtstruktur angenommen.

»Wie wird diese Macht aussehen? So lautete die heikle Frage, die das Geheime Direktorium gründlich untersuchte.« (55, Bd. I, S. 216)

Die Antwort auf die »heikle Frage« läßt sich im wesentlichen darauf zurückführen, daß sich die Macht in den Händen der Verschwörer befinden oder teilweise von ihnen ernannten Personen übergeben werden müsse.

»… dem Pariser Volk wird vorgeschlagen werden, eine mit der höchsten Macht ausgestattete Nationalversammlung einzurichten, die aus jeweils einem Demokraten aus jedem Departement besteht; gleichzeitig wird das Geheime Direktorium sorgfältig erforschen, welche der Demokraten vorgeschlagen werden sollen, wenn die Revolution vollendet ist. Das Direktorium wird seine Tätigkeit nicht einstellen, sondern die Handlungsweise der neuen Versammlung beaufsichtigen.« (55, Bd. I, S. 293)

»Nach langem Zögern beschlossen unsere Verschwörer beinahe, beim Volk um ein Dekret nachzusuchen, das ihnen allein die gesetzgebende Initiative und die Ausführung der Gesetze anvertrauen würde.« (55, Bd. I, S. 290)

In einem Abschnitt mit dem Titel »Im Anfangsstadium der Umwandlung dürfen die Ämter nur Revolutionären anvertraut werden« heißt es:

»Die wahre Republik dürfen nur jene uneigennützigen Freunde der Menschheit und der Heimat gründen, deren Vernunft und Mut die Vernunft und den Mut ihrer Zeitgenossen bestimmt haben.« (55, Bd. I, S. 375)

Deshalb war das aus »Uneigennützigen Freunden der Menschheit« bestehende Komitee »der festen Ansicht«,

»daß die gesellschaftlichen Einrichtungen, die sich ausschließlich aus den besten Revolutionären zusammensetzen, nur allmählich erneuert werden sollten«. (55, Bd. I, S. 375)

Konkreter gesprochen, aus dem damals bestehenden Konvent wollte man 68 vom Komitee bestimmte Deputierte beibehalten. Ihnen sollten hundert Deputierte beigegeben werden, die »von uns gemeinsam mit dem Volk« gewählt wurden.

Vom ersten Tag des Umsturzes an würde man auch wirtschaftliche Reformen einleiten, wie das vorbereitete »ökonomische Dekret« mitteilt. Wie angenehm zu erfahren, daß man plante, sie auf der Grundlage vollkommener Freiwilligkeit durchzuführen! Alle, die freiwillig auf ihr Eigentum verzichteten, würden die große nationale Gemeinschaft bilden. Doch jeder werde das Recht haben, sich dieser Gemeinschaft nicht anzuschließen. Dann erhalte er den Status eines »Ausländers« mit allen daraus folgenden Rechten und Verpflichtungen, die wir oben erwähnt haben. Die wirtschaftliche Lage der »Ausländer« soll durch das »Dekret« über steuerliche Auflagen bestimmt werden, das unter anderem folgende Artikel enthält:

»1. Die einzigen Steuerzahler sind die Bürger, die sich nicht in die Gemeinschaft einfügen …

4. Die gesamte Beitragssumme der Steuerzahler verdoppelt sich in jedem Jahr gegenüber dem Vorjahr …

6. Von Personen, die nicht an der nationalen Gemeinschaft teilhaben, kann nötigenfalls, in Anrechnung auf zukünftige Steuern, die Lieferung von Lebensmitteln oder industriellen Gütern an die Speicher der nationalen Gemeinschaft gefordert werden.« (55, Bd. II, S. 312-313)

In dem Dekret »Über die Schulden« besagt Artikel 3, daß

»die Schulden jedes Franzosen, der Mitglied der nationalen Gemeinschaft geworden ist, bei jedem anderen Franzosen annulliert werden«. (55, Bd. II, S. 313)

Auch andere Maßnahmen waren geplant, welche die neugeschaffene Macht stärken und ihre Reformen unterstützen sollten, zum Beispiel

»die Verteilung des Vermögens von Emigranten, Verschwörern und Volksfeinden an die Verteidiger des Vaterlandes und die Armen«. (55, Bd. II, S. 253)

Man kann sich nicht von dem Gedanken befreien, daß tiefe Lebenskenntnis, gegründet auf tragische persönliche Erfahrung, den »uneigennützigen Freunden der Menschheit« die Idee eingab, schon am ersten Tag des Umsturzes die folgenden wichtigen Reformen durchzuführen:

»Gegenstände, die dem Volk [!] gehören und in Pfandhäusern aufgegeben wurden, werden ihm sofort unentgeltlich zurückgegeben.« (55, Bd. II, S. 253)

»Nach Beendigung des Aufstandes werden unvermögende Bürger, die sich zur Zeit in schlechten Unterkünften befinden, nicht in ihre gewöhnlichen Behausungen zurückkehren; sie werden unverzüglich in den Häusern der Verschwörer einquartiert werden.« (55, Bd. II, S. 281)

(Dem Leser muß mitgeteilt werden, daß die Teilnehmer an der »Verschwörung der Gleichen« nicht sich selbst als Verschwörer bezeichneten, sondern die Regierungsmitglieder und überhaupt die Vertreter der ihnen feindlichen Klassen.)

Leider haben die Jünger des Zeitalters der Aufklärung uns keine detaillierteren Überlegungen zu dieser Operation hinterlassen. Hatte der Wohlstand damals schon ein solches Niveau erreicht, daß die Zahl der unvermögenden Bürger jene der »Verschwörer« nicht überstieg? Wenn aber die Wohnungen der »Verschwörer« nicht für alle Unvermögenden ausreichten, wie würden dann jene gewählt werden, die eine neue Behausung bekommen sollten? Aus den Dokumenten der »Verschwörung der Gleichen« erfahren wir darüber nichts.

Außer – zugegeben – der Bemerkung: »Es wäre falsch, die geregelte Verteilung von Behausungen und Kleidung mit Diebstahl zu verwechseln … « (55, Bd. I, S. 282)

Aber dafür lesen wir von anderen interessanten Einzelheiten:

»Den oben erwähnten Reichen [den >Verschwörern<] werden die Möbel fortgenommen werden, die notwendig sind, um die Wohnungen der Sansculotten bequem auszustatten.« (55, Bd. II, S. 282)

Schließlich ist in der Reihe von Maßnahmen, die das neue Regime festigen sollen, auch Terror vorgesehen. Man will die Tribunale wiedererstehen lassen, die zur Zeit des Jakobinerterrors bis zum 9. Thermidor 1794 tätig waren. Man plante »unter der Androhung, sie für gesetzlos erklären zu lassen, wieder all jene Personen ins Gefängnis zu bringen, die dort bis zum 9. Thermidor des 2. Jahres inhaftiert gewesen waren, wenn sie sich dem Aufruf, sich zum Nutzen des Volkes auf das Notwendigste zu beschränken, nicht untergeordnet haben«. (55, Bd. I, S. 404)

»Jeder Widerstand muß unverzüglich mit Gewalt unterdrückt werden. Die Widerständischen sind zu vernichten. Der Todesstrafe unterliegen auch: Personen, die zu Versammlungen aufrufen oder andere dazu zwingen; Ausländer, gleich welcher Nationalität, die auf der Straße angetroffen werden.« (55, Bd. II, S. 232)

Die Angehörigen der bestehenden Regierung – Mitglieder beider Kammern und des Exekutivdirektoriums – sollten vernichtet werden.

»Ihr Verbrechen war offensichtlich, und sie mußten mit dem Tode bestraft werden, was als abschreckendes Beispiel unumgänglich war.« (55, Bd. I, S. 283)

»Im Aufständischenkomitee gab es auch die Ansicht, daß die Verurteilten unter den Ruinen ihrer Paläste begraben werden sollten, deren Trümmer noch die fernsten Generationen an die gerechte Strafe erinnern würden, welche die Feinde des Volkes ereilt hatte.« (55, Bd. I, S. 284)

Während sie dieses System von Reformen und praktischen Maßnahmen ausarbeiteten, verschlossen die Angehörigen des »Bundes der Gleichen« auch nicht die Augen vor Einwänden, denen sie begegnen konnten:

»Man erklärt uns, wir seien Empörer, die nur Zerstörung verursachten und nichts als Gemetzel und Beute wollten.« (55, Bd. II, S. 136)

Doch sie wiesen diese Einwände zurück:

»Noch nie ist ein umfassenderer Plan erdacht und verwirklicht worden.« (55, Bd. II, S. 136)

»Man zeige uns, riefen die Teilnehmer an der Verschwörung zuweilen, ein Gesellschaftssystem, in dem so gewaltige Resultate mit einfacheren und leichter in die Praxis umzusetzenden Mitteln erzielt würden.« (55, Bd. I, S. 339)

Mit Bestürzung sehen wir, wie ein so vollkommen ausgearbeitetes System bei seiner praktischen Anwendung trotzdem auf eine Menge abgeschmackter und trivialer Hindernisse stößt. Vor allem entgingen die Verschwörer nicht dem, was Rabelais ein »unvergleichliches Leid« nennt: dem Geldmangel. In dem Abschnitt mit dem Titel »Die Teilnehmer der Verschwörung verachteten das Geld« erzählt Buonarotti:

»Einige Schritte wurden eingeleitet, um Mittel aufzubringen, doch die größte Summe, die das Geheime Direktorium zur Verfügung hatte, bestand aus 240 Francs in klingender Münze, die von dem Abgesandten einer verbündeten [?] Republik überbracht worden waren.« (55, Bd. I, S. 251)

Es ist unmöglich, seine Gefühle nicht zu teilen:

»Wie schwierig es ist, Gutes nur mit den Mitteln zu schaffen, die durch die Vernunft anerkannt werden!« (55, Bd. I, S. 251)

Doch auch ein zweites Übel verschonte unsere Helden nicht: innere Zwistigkeiten bei der Aufteilung der noch nicht eroberten Macht. Zunächst schloß sich dem Komitee eine kleine Gruppe an, die sich »Montagnards« nannte, aber bald

»wurde das Komitee davon unterrichtet, daß sie bei geheimen Manövern Zuflucht nahmen, um die verabredeten Bedingungen zu umgehen und für die Konzentration der obersten Macht der Republik ausschließlich in den Händen der Montagnards zu sorgen. Das Komitee war in höchstem Maße davon überzeugt, daß sie nichts Gutes schaffen könnten, und hielt die kleinste Bewegung, die ihnen die Macht einbringen konnte, für ein unverzeihliches Verbrechen«. (55. Bd. I, S. 286)

Und dann das dritte Unglück: Das Komitee befand sich unter dem Einfluss eines Provokateurs. Das Mitglied des Kriegskomitees Grisel

»trieb seine leichtgläubigen Kollegen an, beseitigte Schwierigkeiten, regte zu neuen Maßnahmen an und vergaß nie, den Mut der Umgebenden zu stärken, indem es die Hingabe an Grenelles demokratisches Lager übertrieben darstellte«. (57, Bd. I, S. 265)

Und eben dieser Grisel verriet das Komitee an die Behörden! Das Aufständischenkomitee befaßte sich schon mit den Einzelheiten der Erhebung. Eines seiner Mitglieder schrieb den Aufruf:

»Aufständischenkomitee zur Rettung der Gesellschaft. Das Volk hat den Sieg errungen, die Tyrannei ist beseitigt, ihr seid frei … « (55, Bd. I, S. 400)

»Dabei wurde der Schreibende unterbrochen und festgenommen«, sagte Buonarotti, der offenbar seinen französischen Witz nicht verloren hatte. Die Armee und das Volk unterstützten die Verschwörer nicht:

»Die inneren Truppen halfen dem Feldzug in die Demokratie mit der Waffe in der Hand, und die Bevölkerung von Paris, die man überzeugt hatte, daß Diebe verhaftet worden seien, schaute passiv zu.« (55, Bd. I, S. 417)

Die ganze Atmosphäre dieser erstaunlichen Episode zwang uns zu einer Form der Darstellung, welche in dieser Arbeit, die im allgemeinen wenig zum Lachen reizt, seltsam wirken mag. Doch diese Inkongruenz hat ihre Ursache in einer interessanten objektiven Eigenschaft des von uns untersuchten Phänomens. Die sozialistischen Bewegungen überraschen im Moment ihrer Entstehung häufig durch ihre Hilflosigkeit, ihre Lebensfremdheit, ihr naives Abenteurertum, irgendwelche komischen, an Gogol erinnernden Züge (wie schon Berdjajew bemerkte). Es scheint, daß diese hoffnungslosen Pechvögel nicht nur keine Erfolgschance haben, sondern sogar alles tun, um die von ihnen verkündeten Ideen zu kompromittieren. Sie warten jedoch nur auf ihre Stunde. In irgendeinem Moment, fast unvermittelt, öffnet sich die Volksseele diesen Ideen, und dann werden sie zu Kräften, die den Gang der Geschichte bestimmen; und die Führer der Bewegungen werden zu Lenkern des Geschickes von Nationen (so klettert der verschreckte Müntzer über die Stadtmauer von Allstedt, flüchtet, nachdem er seine Gesinnungsgenossen betrogen hat, und wird bald darauf zu einer der führenden Gestalten des Bauernkrieges, der Deutschland erschütterte). Offenbar lag nicht der geringste Widerspruch vor, als Dostojewski die Nihilisten in den »Dämonen« als Haufen von »dreieinhalb Menschen« darstellte, die nicht einmal dazu fähig seien, ernsthafte Unruhen in einem kleinen Provinzstädtchen anzuzetteln – und als er gleichzeitig eine baldige Revolution prophezeite, die hundert Millionen Köpfe kosten werde.

RESÜMEE

Wir wollen versuchen, die neuen Züge der sozialistischen Ideologie zusammenzufassen, die wir im utopischen Sozialismus und in den Werken der Aufklärungsepoche angetroffen haben.

1. Während sich die sozialistischen Ideen im Mittelalter und in der Reformationszeit im Rahmen von Bewegungen entwickelten, die wenigstens der Form nach religiös waren, so befreien sie sich jetzt immer mehr von der religiösen Hülle und nehmen allmählich einen der Religion feindlichen Charakter an. Bei More und Campanella konnten wir auf eine entfremdete, manchmal ironische Einstellung gegenüber dem Christentum und getarnte Angriffe auf es hinweisen. Winstanley betrachtet die zeitgenössischen Religionen mit offener Feindschaft. Deschamps leugnet alle Religionen und erklärt die Idee Gottes zu einer menschlichen Erfindung, dem Resultat der Knechtung der Menschheit und dem Instrument der Unterdrückung. Statt dessen legt er die rätselhafte Konzeption des Gottes als Nichts vor. Meslier schließlich stellt den Haß auf die Religion, vor allem auf das Christentum und Christus, in den Mittelpunkt seiner Weltanschauung. So verschmilzt die sozialistische Idee mit dem Atheismus.

2. Der Sozialismus dieser Epoche entlehnt die Idee der mittelalterlichen Mystik (zum Beispiel Joachims von Floris), da die Geschichte einen immanenten, gesetzmäßigen Evolutionsprozeß darstelle. Jedoch gehen das Ziel und die Triebkraft unter, welche die Mystik in diese Entwicklung einbrachte: die Erkenntnis Gottes und die Verschmelzung mit ihm. Statt dessen wird der FORTSCHRITT als Triebkraft der Geschichte und die menschliche Vernunft als sein höchstes Produkt anerkannt.

3. Die sozialistischen Lehren behalten die Vorstellung der mittelalterlichen Mystik von DREI STUFEN des historischen Prozesses bei, ebenso wie das Schema vom FALL der Menschheit und ihrer Rückkehr in den Urzustand in vollkommenerer Form. Folgende Bestandteile machen diese Lehren aus:

I. Der MYTHOS vom ursprünglichen glücklichen »Naturzustand«, dem »Goldenen Zeitalter«, das durch den Träger des Bösen, das Privateigentum, zerstört worden sei.

II. Die ENTLARVUNG der Gegenwart. Die zeitgenössische Gesellschaft wird als unheilbar sündhaft, ungerecht, unsinnig, nur zur Zerschlagung tauglich dargestellt. Erst auf ihren Trümmern könne ein Gesellschaftssystem geschaffen werden, welches den Menschen das Höchstmaß von Glück bereite, das zu erleben sie fähig seien.

III. Die PROPHEZEIUNG einer neuen, auf sozialistischen Prinzipien aufgebauten Gesellschaft, in der alle Nachteile der Gegenwart verschwinden. Dies sei der einzige Weg, um die Menschheit zum »Naturzustand« zurückkehren zu lassen, wie Morelly sagt, der Weg vom unbewußt zum bewußt erlebten Goldenen Zeitalter.

IV. Die Idee der »Befreiung«, die von den mittelalterlichen Ketzerlehren spirituell als Erlösung des Geistes von der Macht der Materie verstanden wurde, verwandelt sich in den Aufruf zur Befreiung von der Moral der zeitgenössischen Gesellschaft, von ihren sozialen Einrichtungen und vor allem von Privateigentum. Als Triebkraft dieser Befreiung wird zunächst die Vernunft anerkannt, doch allmählich nimmt das Volk – die Armen – ihre Stelle ein. In der Weltanschauung, die von den Teilnehmern an der »Verschwörung der Gleichen« vertreten wurde, erkennen wir dieses Konzept in schon vollständiger Form. Im Zusammenhang damit werden auch neue konkrete Züge für den Plan zur Errichtung der »Zukunftsgesellschaft« ausgearbeitet: Terror, Einquartierung der Armen in die Wohnungen der Reichen, Beschlagnahme des Mobiliars, Befreiung von Schuldverpflichtungen usw.

LITERATURVERZEICHNIS

49. J. Meslier. Saweschtschanije (Mon testament). Moskau, 1954, Bd.I-III.

50. Morelly. Kodeks prirody iIi duch ejo sakonow (Code de la Nature, ou le véritable esprit de ses loix). Moskau, 1947.

51. W. P. Wolgin. Raswitije obschtschestwennoj mysli wo Franzii w XVIII weke (Die Entwicklung des gesellschaftlichen Denkens in Frankreich im 18. Jahrhundert). Moskau, 1958.

52. D. Diderot. Sobranije sotschinenij (Gesammelte Werke). Moskau, 1935, Bd. II.

53. L. M. Deschamps. Istina iIi istinnaja sistema (Le vrai système ou le mot d’énigme métaphysique et morale). Moskau, 1973.

54. L. M. Deschamps. Istina ili Dostowernaja sistema (Le vrai systéme, andere Ausgabe). Mit einem einleitenden Artikel von S. Wassiljew, Baku, 1930.

55. Ph. Buonarroti. Sagowor wo imja rawenstwa. (Conspiration pour l’Egalité, dite de Babeuf). Moskau, 1963, Bd. I-II.

56. L. Baudin. Les Incas de Pérou. Paris, 1947.

57. R. Karsten. Das Altperuanische Inselreich. Leipzig, 1949.

Das Cover der englischsprachigen Ausgabe:

The Socialist Phenomenon by Igor Shafarevich

Gestatten, Horx, Matthias Horx, kommunistischer Trend- und Zukunftsforscher

2013/03/18

Kopiert und eingefügt aus »Wir sind die Wahnsinnigen — Joschka Fischer und seine Frankfurter Gang« von Christian Schmidt.

Wir sind die Wahnsinnigen

… die Spontis von einst waren zwar gerade dabei, es sich als Lehrer, Professoren und Kleinunternehmer in den herrschenden Verhältnissen gemütlich zu machen, ihre alte revolutionäre und nicht unbedingt staatstragende Gesinnung hatten die meisten von ihnen aber deswegen noch längst nicht aufgegeben. Das mußte sich ändern, und zwar, da die Zeit drängte, so schnell wie möglich. Sofort nach der Landtagswahl begann deshalb Daniel Cohn-Bendits PflasterStrand mit der Offensive.

Ein regelrechtes Trommelfeuer von Bekenntnisartikeln und grundsätzlichen Essays sollte der gealterten Spontigefolgschaft klarmachen, daß es, anders als dummerweise seit 1968 immer geglaubt, keine grundsätzliche Alternative zum Bestehenden gab. Alte Kämpfer wie Matthias Beltz meldeten sich zur Stelle und empfahlen den noch nicht geläuterten Linksradikalen eine gründliche Gehirnwäsche. Ein »Alternativ-Spießer« und »geistloser Stammtischstratege« sei derjenige, der jetzt noch immer nicht den alten Idealen abschwören wollte. »Er liebt den Dissens um seiner selbst willen und grenzt Zustimmung zu politischen Institutionen aus, was er denjenigen, die daran glauben mögen, als Fundamentalopposition verkauft.« Dabei sei es jetzt an der Zeit, nicht mehr länger an allem und jedem herumzunörgeln, sondern endlich mitzumachen und dabei en passant ein paar konservative Werte wie »Pflicht, Respekt, Treue und Leistung« mit nach Hause zu nehmen.

Hatte Beltz 1978 noch eindringlich vor »elitären Menschen« gewarnt, die eigentlich nur schwach seien, und weiter recht weise gejammert, er wisse, »wie schnell das Alte in dir dich zurückholt, wie aus dem Ohnmachtsgefühl der Wille zur Macht wird«, schien er nun unbedingt seine Prophezeiung von damals erfüllen zu wollen: »Versuchen wir’s also mal mit der Elite … Bekennen wir uns zur Hierarchie … « Immerhin: Den Namen desjenigen, den er mit dieser Bußpredigt in den Bundestag protegieren wollte, schrieb er nicht hin. Trotzdem wußte jeder Sponti, was er zu tun hatte, wenn der ehemalige »Pfarrer« des RK die gemeinsame Vergangenheit beschwor und mit ungebrochenem Pathos abermals anhob: »Unsere Revolution hat etwas Neues geschaffen, das den Keim großer Taten in sich trägt … Die Kulturrevolution von 1968 hat den Adel hervorgebracht, der sich heute entscheiden muß, eine eigene Identität zu bilden … Unsere Schulen des Adels waren die Studentenbewegung, Betriebsarbeit und Häuserkampf in Frankfurt, die Unterstützung mancher illegaler Angelegenheit im In- und Ausland, hießen Sozialistischer Deutscher Studentenbund, Revolutionärer Kampf, Häuserrat und Rote Hilfe. Verleugnen wir diese Vergangenheit nicht, sondern laßt sie uns neu erwerben, um sie zu besitzen.« Was auch immer der letzte Satz bedeuten mochte, gemeint war sicherlich nur eins: ihr, die ihr einst Revolutionäre wart und jetzt euer Eigenheim abbezahlt, um es einmal zu besitzen, laßt ab von der Vergangenheit und unterstützt den Willen zur parlamentarischen Macht eures alten Häuptlings, des edlen Joschka von Gerabronn.

Zu den altbekannten Spontiführern und Revolutionshelden wie Matthias Beltz gesellte sich eine neue Hilfstruppe, die mit mindestens genauso großem Elan versuchte, die blitzartige Umerziehung des Spontivolks voranzutreiben. Sie waren allesamt PflasterStrand-Redakteure und hießen eigentlich Albert Sellner, Cora Stephan, Matthias Horx und Georg Dick. Ihre Artikel aber zeichneten sie in der Regel mit Pseudonymen. Sellner nannte sich Emil Nichtsnutz, Frau Stephan firmierte als Vita Quell, der nom de plume des ehemaligen Frankfurter AStA-Vorsitzenden Dick war Trino Gardo, und der von Herrn Horx, gleich einen weltumspannenden Anspruch anmeldend, Paul Planet (die beiden letzteren kamen von der Sozialistischen Hochschulinitiative SHI, einer Art Spontinachwuchsorganisation an der Frankfurter Uni).

Das Trio Horx, Stephan und Sellner übernahm es, in einer groß angelegten historischen PflasterStrand-Serie (»15 Jahre Szene«), die Wende der Spontiführer hin zur traditionellen Machtpolitik als völlig logische Entwicklung zu verkaufen. Wer dabei nicht mitziehen wolle, erklärten sie, entziehe sich »dem Gesetz der Generationen«, verstoße also quasi gegen ein ehernes Naturgesetz. Und um auch dem verbiestertsten Alt-Sponti die Aufgabe anti staatlicher Prinzipien zu versüßen, behauptete man einfach, die Revolutionäre von einst hätten ihr eigentliches Ziel just mit Beginn des Jahres 1983 erreicht und auf ganzer Linie gesiegt: Die »Arbeitsmoral« sei »unterminiert«, »das Normengefüge unreparierbar durcheinander«, anders als am Ende der sechziger Jahre sei »das System nicht mehr monolithisch« und »die Macht heute ohnmächtig«. Wohlgemerkt: Joschkas Hilfstruppen formulierten diese »Analysen« zu einem Zeitpunkt, als an der Startbahn West Demonstranten von der Staatsmacht gleich zu Hunderten wenigstens halb ohnmächtig gedroschen wurden. Doch schließlich kam es nicht auf den Wahrheitsgehalt der Behauptungen an, wenn nur das Fazit stimmte: »Unsere alte Rolle als Störenfriede, als Dissidenten … , hat ihren Glanz verloren … Wollen die kulturellen Impulse der 70er Jahre als gesellschaftliche Kraft überleben, können sie sich nicht mehr auf den Dissens, die Marginalisierung, das Außenseiterdasein berufen.«

Indizienbeweis: Der Zusammenbruch des Kommunismus war getürkt

2013/02/26

Aus dem Nachruf auf Tissy Bruns, langjährige politische Chefkorrespondentin des TAGESSPIEGEL:

Jawohl, eine Linke, die alle Irrtümer bis zur Neige ausgelebt hat, vom maoistischen Splitter bis zur DKP. Ein halbes Jahr vor dem Fall der Mauer tritt sie endgültig aus dem DDR-treuen Häufchen aus.

Hmmm, wußte da oben vielleicht jemand Bescheid?

Nachruf auf eine Kommunistin (Tissy Bruns)

Hier finden Sie den Pop-Art-Nachruf im XXL-Posterformat.

Ich weiß, es tut weh, aber lesen Sie einmal, was der großartige Alan Stang im Jahr 2008 über den medienwirksamen Zusammenbruch des Kommunismus schrieb.

„Der Zusammenbruch der Sowjetunion“ unter der Lupe

Wie Sie wissen, ist die Regierung von Presidente Jorge W. Boosh beim gegenwärtigen Flächenbrand im Kaukasus der Auffassung, daß Georgien Recht hat und Rußland Unrecht. Zumindest in dieser Frage liegt Boosh bemerkenswert eng im Bett mit Obama, denn Senator Hussein Obamas Führungsperson (handler) ist Zbigniew Brzezinski, der im Namen von David Rockefellers Trilateraler Kommission Jimmy Carter als Präsident einstellte, und der nun offenbar den Auftrag hat, Hussein als Präsident einzustellen. Brzezinski stimmt Boosh sicherlich zu.

Während ich dies schreibe, konfrontiert Philip Berg, ein Rechtsanwalt und Demokrat aus Philadelphia, Senator Hussein vor einem Bundesgericht mit der Behauptung, kein gebürtiger US-Bürger zu sein. Berg sagt, er hätte Dokumente, die beweisen, daß Hussein Obama in Kenia geboren wurde, nicht in Hawaii, und daher nicht beanspruchen kann, Präsident zu sein. Bergs Internetseite ist www.obamacrimes.com. Sehen Sie nach und entscheiden Sie selbst. Wenn Hussein Obama überlebt, wird dies noch viel mehr über Zbig Brother Brzezinski aussagen.

Gehen Sie jetzt vom Flächenbrand im Kaukasus ein paar Jahre zurück und betrachten Sie sich den „Zusammenbruch der Sowjetunion“. Woher wissen wir, daß die Sowjetunion „zusammengebrochen“ ist? Wir wissen, daß sie zusammengebrochen ist, weil die Sowjetunion sagte, daß sie es tat, und die Spatzenhirne in unseren kommunistischen Massenmedien plappern schon lange nach, was die Sowjets sagen. Soweit ich mich erinnere, schluckten die Spatzenhirne das sowjetische Vogelfutter komplett.

Erinnern Sie sich an Mike Gorbatschow. Er ist der Mann mit dem Kainsmal auf seinem Haupt. Einst war er ein sowjetischer Diktator. Am nächsten Tag „fiel“ die Sowjetunion. Und am nächsten Tag taucht Mike in San Francisco auf, schlägt sein Hauptquartier im „Presidio“ auf, der historischen US-Militärbasis, und betreibt eine steuerbefreite Stiftung (Anm.: das „State of the World Forum“), die vor dem „Zusammenbruch“ der Sowjetunion geschaffen wurde. Wußte da oben vielleicht jemand Bescheid?

Wir reden über den Mann, der das „Reich des Bösen“ leitete, die KGB-Folterkammern, den Archipel Gulag, den Mann, der auf der ganzen Welt den Terrorismus finanzierte, etc. Warum tat Washington so etwas? Hatte Mike Reue gezeigt? War aus ihm jetzt ein überzeugter Verfechter der amerikanischen Werte und der Verfassung geworden? Überhaupt nicht! In seinen Büchern erklärt er, daß er sein Leben lang ein Kommunist ist, daß der Wandel in der Sowjetunion keinen Wandel seiner Absicht bedeutet, und daß „Perestroika“ einfach ein neuer Weg ist, um überall auf der Welt den Kommunismus durchzusetzen. (Anm.: Ein Ostblockwitz lautete: Q: What comes after perestroika? A: Perestrelka. — Frage: Was kommt nach Perestroika? Antwort: Erschießung.)

Jetzt war Mike ein „Öko“. Seine Gorbatschow-Stiftung veranstaltete Treffen, an denen George H. W. Bush und andere Weltregierungs-Verschwörer teilnahmen und die Frage diskutierten, wie viele Menschen auf der Welt für den „Umweltschutz“ ausgerottet und wie sie getötet werden sollten. Ted der Verräter Turner, der fünf Kinder hat, sagt zum Beispiel: „Eine Gesamtbevölkerung von 250 – 300 Millionen Menschen, ein Rückgang um 95% der heutigen Zahlen, wäre ideal.“ Seltsamerweise hat sich Ted der Verräter nicht freiwillig zur Exekution gemeldet.

Wir reden über ein Szenario, das so unglaublich ist, daß es mit Worten kaum zu beschreiben ist. Es wäre gleichbedeutend, wenn wir Onkel Hitler oder Onkel Heinrich aus dem Bunker oder dem Konzentrationslager hierher gebracht und zu Harvard-Professoren gemacht hätten. Über dieses Szenario hätte es bergeweise Belege geben müssen. Aber unsere kommunistischen Massenmedien haben es einfach so geschluckt, ohne zu rülpsen.

Was hätten wir sehen sollen, wenn der „Zusammenbruch der Sowjetunion“ echt gewesen wäre? Die Antworten liegen auf der Hand, wenn wir ihn mit dem Zusammenbruch der Nazis am Ende des Zweiten Weltkriegs vergleichen. Zunächst erinnern wir uns, daß die Konzentrationslager der Nazis befreit wurden. Die Tore wurden geöffnet, die Opfer strömten heraus. Wir sahen sie. Wir sahen amerikanische Truppen, die sich entsetzt die Nase zuhielten. Wir sahen endlose Berichte in den Medien. Bei einem echten Zusammenbruch der Sowjetunion hätten wir die gleiche Sache im Gulag sehen sollen.

Wir sahen es nicht. Es gab keine Befreiung, es gab keine Millionen, die strömten, keine tränenreichen Familientreffen. War das keine große Geschichte? Aber es gab keine Nachrichtenberichte, nicht einmal eine ehrenvolle Erwähnung. Dies muß bedeuten, daß der Archipel Gulag noch immer intakt ist, daß die Millionen noch immer dort sind und daß es keinen Zusammenbruch gab.

Als nächstes wurde das deutsche Militär aufgelöst. Die Wehrmacht war nicht mehr. Japan wurde ebenfalls entwaffnet. Das gleiche hätte beim „Zusammenbruch“ der Sowjetunion passieren müssen. Ist es passiert? Nein. Das Militär der Sowjets blieb intakt. Ja, zu der Zeit wurde etwas über die Zerstörung von einigen Raketen gesagt, aber diese Raketen hätten planmäßig ersetzt werden sollen. Deren Abbau hatte nichts mit Abrüstung zu tun. Die Sowjets sind nach wie vor eine gewaltige militärische Macht.

Drittens sollten nun andere Leute zu sehen sein. In Deutschland wurden die Nazis rausgeschmissen und gejagt. Israel ging nach Argentinien und entführte Eichmann. In Deutschland gab es neue Namen. Konrad Adenauer — „Der Alte“ — war Kanzler. General MacArthur tat das Gleiche in Japan. Togos Militaristen verschwanden. Und wer ist jetzt in Moskau zuständig? KGB-Oberst Vlad der Pfähler Putin.

Ja, Presidente Jorge W. Boosh blickte in Putins Augen und sah in seine Seele — und ihm gefiel, was er sah. Inzwischen hat Boosh seine Meinung vermutlich geändert. Wem glauben Sie? Wie es scheint, gibt es nach dem „Zusammenbruch“ die gleichen Leute wie zuvor. Und sollte es nicht wie in Nazi-Deutschland Prozesse gegen die Kriegsverbrecher geben, gegen die Männer, die den Gulag betrieben? Gab es welche? Nein.

Betrachten Sie schließlich die Tatsache, daß es all dies bereits früher gab. 1921 brachen die von Washington und dem Westen unterstützten Roten zusammen. Es herrschte Hunger, weil der „Kriegskommunismus“ keine Wirtschaft erlaubte. Der sowjetische Diktator Lenin machte einen Schritt zurück. Er schrieb sogar ein Buch und erklärte seinen Fanatikern, daß es zur Bewahrung des Kommunismus gut wäre, ein oder zwei Schritte zurück zu gehen.

Lenin führte die „Neue Ökonomische Politik“ ein, in der einen ein wenig Handel nicht gleich ins Gefängnis brachte. „NÖP-Männer“ tauchten auf; Händler, die ein wenig handelten. Der Westen hörte, daß Lenin „zur Besinnung gekommen“ wäre. Der Kommunismus hatte „versagt“. Das Sowjetsystem würde „umstrukturiert“ werden. Auf Russisch würden Sie es wahrscheinlich „Perestroika“ nennen.

Herbert Hoover, der sieben Jahre später US-Präsident wurde, traf in Moskau als Leiter der „American Relief Administration“ ein, mit Tonnen an Lebensmitteln und Investitionskapital. Die Sowjets feierten. Der Kommunismus war gerettet. Moskaus Verdauungsprozeß dauerte drei Jahre. Dann meldete sich der Kommunismus zurück.

Washington unterstützte die Kommunisten noch einmal und rettete sie vor dem Zusammenbruch. Im Zweiten Weltkrieg tat es die Verschwörung zur Weltregierung wieder. Bitte nennen Sie mir eine kommunistische Diktatur, irgendwo, die nicht von den Vereinigten Staaten geschaffen wurde. Rotchina? Falsch. Kuba? Wieder falsch. Zimbabwe. Falsch. Ich kenne keine. Zur Förderung des Kommunismus hat die US-Regierung auf der ganzen Welt mehr getan, als irgendein anderes Land. Ohne die Vereinigten Staaten wäre der Kommunismus eine Fußnote in einem staubigen Geschichtstext.

Was sind die Folgen des letzten „Zusammenbruchs“ der Sowjetunion? Es floß wieder einmal Investmentkapital. Die Sowjets erlebten einen diplomatischen Triumph. Ihr Mann Michael Gorbaschrott erklärt jetzt amerikanischen Industriellen, was zu tun ist. Dem sowjetisch geförderten Terrorismus wird keine Aufmerksamkeit mehr gewidmet. Der Fokus liegt jetzt auf dem „islamischen Fundamentalismus“, der auf mysteriöse Weise mitten auf der Bühne auftauchte, während die Sowjets an den Seiten verschwanden, fast so, als ob die ganze Sache ein Plan war.

Erinnern Sie sich daran, daß die Sowjets die Rekrutierung, Ausbildung, Finanzierung und Etablierung von Strohmännern erfanden, die ihre Terrorismusarbeit erledigten, während die Sowjets als Philantrophen posierten. Erinnern Sie sich daran, daß der ekelerregende Jassir Arafat, Führer der Palästinensischen Befreiungsorganisation und Knabenliebhaber, sein Leben lang ein Angestellter der Sowjets war. Arafat ist natürlich nur ein Beispiel von vielen.

Die Sowjets planen solche Dinge nicht nur ein oder zwei Jahre im Voraus. Sie sind Schachmeister, sie planen in Jahrzehnten, in Generationen. Hat diese jüngere Geschichte etwas mit dem Flächenbrand im Kaukasus zu tun? Meine eine Antwort wird wie immer kurz, direkt und nachvollziehbar sein. Ich weiß es nicht. Offensichtlich gibt es eine Beziehung — ich weiß aber noch nicht, was es ist. Im Laufe der Zeit wird der Zweck vielleicht deutlich werden. Wir können uns wie üblich darauf verlassen, daß das, was uns gesagt wurde, so falsch ist wie ein Ein-Dollar-Schein.

Wir müssen uns gerade jetzt daran erinnern, was geschah. Wenn Sie nicht wissen, wo Sie in der Vergangenheit waren und was geschah, werden Sie nie verstehen, wo Sie jetzt sind und was zu tun ist. Fürs Erste ist klar, daß wir wieder zu einer amerikanischen Außenpolitik finden müssen, in der wir uns um unsere eigenen Angelegenheiten kümmern und darauf bestehen, daß andere Nationen sich um ihre Angelegenheiten kümmern.

Wir können uns leider nur auf die Tatsache verlassen, daß beide Seiten des Konflikts, Moskau und Washington, daran arbeiten, die Sache der Weltregierung voranzutreiben. Beenden wir diese kurze Übersicht mit einer Frage: Ist die gegenwärtige Inszenierung im Kaukasus eine typische Demonstration des dialektischen Materialismus, in dem die Verschwörung zur Weltregierung beide Seiten manipuliert?

Alan Stang war einer der ersten Skriptschreiber von Mike Wallace auf „Channel 13“ in New York, wo er einige der Skripte verfasste, die Mike Wallace zu CBS brachten. Stang war selbst Radiomoderator. In Los Angeles wurde er zeitgleich zu Larry King gesendet und hatte laut „Arbitron“ fast doppelt so viele Zuhörer. Er hat als Auslandskorrespondent gearbeitet. Er hat hunderte von Sonderbeiträgen in Zeitschriften im ganzen Land und etwa fünfzehn Bücher geschrieben, für die er zahlreiche Auszeichnungen erhielt, darunter eine Ehrung durch das Repräsentantenhaus von Pennsylvania für hervorragende journalistische Leistungen. Eines von Stangs Exposés hielt einen kriminellen Versuch auf, die Kontrolle über New Mexico zu erlangen, wo eine Bande ein Gerichtsgebäude eroberte, einen Richter als Geisel nahm und einen Stellvertreter ermordete. Der Plan stand kurz vor dem Erfolg bevor Stang eingriff. Ein weiteres Exposé von Stang inspirierte wichtige Reformen im bundesstaatlichen Arbeitsrecht.

Sein erstes Buch, „Es ist sehr einfach: Die wahre Geschichte der Bürgerrechte“ („It’s Very Simple: The True Story of Civil Rights“), war ein sofortiger Bestseller. Sein erster Roman, „Die höchste Tugend“ („The Highest Virtue“), der in der russischen Revolution spielt, errang eine Fünf-Sterne-Bewertung in der „West Coast Review of Books“, die in nur einem Prozent ihrer Bewertungen fünf Sterne vergab.

Stang hat in jedem amerikanischen Bundesstaat und auf der ganzen Welt Vorträge gehalten und wurde in vielen Sendungen begrüßt, darunter „Cross Fire“ auf CNN. Weil er und seine Frau in Santo Domingo in der Dominikanischen Republik die meisten Kinder hatten, wo sie damals lebten, wurde die ganze Familie gewählt, um in Sydney Pollacks „Havanna“ mit Robert Redford zu spielen, dem bis dahin teuersten Film. Alan Stang ist der Mann mit den angeklatschten Haaren in dem lächerlichen Harry-Truman-Hawaii-Shirt. Er sagt, daß er dazu gezwungen wurde.

Hier finden Sie den Originalartikel, "Soviet Collapse" Revisited.

Alle Kinder sind Kinder des Staates

2013/01/30

Joseph A. D’Agostino über den Schönen Neuen Bürger.

Children of the State

So etwas wie Kinder anderer Leute gibt es nicht.“ — Hillary Clinton, 1996

Konservative glauben, daß der Sozialismus weitgehend besiegt ist, oder daß Steuern und Ausgaben seine größte verbleibende Gefahr darstellen. Sie vergessen, daß der Traum liberaler linker Revolutionäre seit Jahrhunderten nicht nur darin besteht, den sozialen Status und den Reichtum gleichzumachen, sondern darin, alle Unterschiede zwischen den Bürgern ihrer idealen Republik zu beseitigen. Seit Marx zielen alle diese Revolutionäre darauf ab, die Familie zu zerstören.

Eine undemokratische Institution

Die Familie ist eine sehr undemokratische Institution. Die Kernfamilie besteht aus einem Mann und einer Frau, eine genau bezeichnete und nicht emanzipierte Zwangsjacke einer sozialen Struktur. Sie verfügt über eine Loyalität zueinander, die größer ist als die gegenüber der Gesellschaft insgesamt und auch eine Hingabe für ihre eigenen Kinder, über die sie Autorität haben — und jede private Autorität ist ein Rivale für die Autorität der Regierung. Für einen wahren Demokraten verstößt diese Bevorzugung des eigenen Ehepartners und der eigenen Autorität über die eigenen Kinder gegen den Grundsatz der Gleichheit, der verkündet, daß wir alle genau gleich behandeln müssen. Für den modernen demokratischen Etatisten schwächen diese Loyalitäten und Autoritäten seine eigene Macht und hemmen die permanente, anhaltende Konzentration aller Autorität in einer Zentralregierung.

Stephen Baskervilles „In Verwahrung genommen: Der Krieg gegen Väter, Ehe und Familie“ („Taken Into Custody: The War Against Fathers, Marriage, and the Family“) beschreibt detailliert, wie weit es liberalen Linken gelungen ist, die Familie abzuschaffen. Natürlich weiß jeder mit oberflächlichen Kenntnissen über den Zustand der Familie, daß sie weitgehend zerstört wurde, die meisten Kinder verbringen zumindest einen Teil ihrer Kindheit zu Hause ohne einen ihres biologischen Elternteils, die Scheidungsrate liegt bei über 40 Prozent, die Rate unehelicher Geburten wird immer größer, und das verschuldensunabhängige Scheidungsrecht macht die Ehe rechtlich unverbindlicher als einen Smartphone-Vertrag.

Doch was die meisten nicht wissen, selbst wenn sie Familiensachen verfolgen, ist, daß unsere Familiengerichte nahezu allmächtig sind, daß sie Gerichte sind wie Heinrichs VII. nicht an das Gesetz gebundene „Star Chamber“, die die Rechtsstaatlichkeit, traditionelle Rechte und die Verfassung selbst offen ablehnen. Familiengerichte sind Zivilgerichte oder Gerichte der Billigkeit, keine Strafgerichte, so daß die meisten verfassungsmäßigen Schutzmaßnahmen und Verfahren nicht gelten, auch wenn diesen Gerichten enorme Macht gegeben wurde. Sie nehmen Paaren aufgrund der fadenscheinigsten Mißbrauchsvorwürfe von Lehrern oder Nachbarn routinemäßig ohne Gerichtsverfahren die Kinder weg, sie verbieten einem oder beiden Elternteilen nach der Scheidung den Kontakt mit ihren Kindern oder schränken ihn ein, ohne jegliche Anzeichen für Fehlverhalten seitens der Eltern, sie befehlen Eltern die Zahlung von Gebühren für Rechtsanwälte und Psychotherapeuten, die sie nicht bestellt haben, und sie schicken Eltern ohne mündliche Verhandlung ins Gefängnis.

Die Macht der Gerichte

Dieses ausgezeichnete Buch dokumentiert sorgfältig die extreme Kontrolle dieser Gerichte und wie sie von treulosen Müttern — und zunehmend auch von treulosen Väter — genutzt werden, um den anderen Elternteil aus der Familie zu werfen und seinen Lohn für sich selbst auszugeben. Dann müssen diese Mütter den Gerichten natürlich in jeder Hinsicht gehorchen, wie ihre Kinder erzogen und gebildet werden, und die Gerichte tun sich keinen Zwang an, staatlich anerkannte Methoden zu verfügen. Baskerville kennt seinen Gegenstand in- und auswendig und liefert im Anhang 974 Punkte zu Dokumentationen und weiterführender Literatur. Er bietet außerdem faszinierende psychosoziale Spekulationen, warum in den letzten Jahrzehnten die Elternschaft und insbesondere die Vaterschaft als Kulmination einer langen Revolte gegen die weitgefaßte soziale Vaterschaft organischer Gesellschaften und traditioneller Monarchien — und gegen Gott selbst — unter einen so starken Angriff geraten ist.

Wer glaubt, daß die Vereinigten Staaten trotz der gelegentlichen Mißbrauchsfälle eine gerechte Rechtsordnung hat, wird dies wahrscheinlich ignorieren. Doch wenn die Gerichte die Abtreibung-nach-Bedarf zu einem verfassungsmäßigen Recht erklärt haben, egal was der Gesetzgeber sagt, und wenn die Gerichte die Regierung ermächtigt haben, Land ohne Entschädigung zu konfiszieren, wenn darauf eine vom Aussterben bedrohte Art gefunden wird, ist das dann so unvorstellbar?

Baskerville weist wiederholt darauf hin, daß es kein Geheimnis ist, daß Familiengerichte auf diese Weise funktionieren. Sie verfügen offiziell über die Befugnisse, die sie jeden Tag tausende Male nutzen. Widerwillig geschiedene Väter und Kinder tragen die Hauptlast der Familiengerichtsindustrie, die jedes Mal profitiert, wenn eine Familie zerbricht, aber finanziell immer verliert, wenn eine Familie zusammen bleibt. Eine Mutter, die sich einseitig von ihrem Mann scheiden läßt (who unilaterally divorces her husband), erhält für ihre Kinder für den größten Teil der Zeit das hauptsächliche Sorgerecht — und obendrein noch finanzielle Unterstützung. Das verschuldensunabhängige Scheidungsrecht der einzelnen Staaten unterstellt in der Regel kein Fehlverhalten auf Seiten des Vaters, geschweige denn einen Nachweis. Es ist unwichtig: Will eine Seite die Ehe zerstören, dann zahlt die andere — und nun, da immer mehr Männer mitspielen, fangen die Mütter an, zu verlieren. Doch im Gegensatz zu dem auch von konservativen Journalisten dargestellten Bild, werden mindestens zwei Drittel der Scheidungen von Frauen gewünscht und nicht von Männern. Es sind mehr Frauen als Männer, die heute die Familien zerstören.

Väter werden zu Hause gebraucht

Wie Baskerville erklärt, lautet der Konsens unter den überwiegend liberalen linken Sozialwissenschaftlern, daß Kinder ohne ihre leiblichen Väter zu Hause viel eher mißbraucht werden, arm sind und psychische Probleme entwickeln. Mehr als Rasse oder Einkommen, oder Rasse und Einkommen zusammen, ist die Abwesenheit des Vaters ein Bewertungsindex oder Prädiktor für Jugendkriminalität, Drogenmißbrauch und psychische Erkrankungen. Indem die Anwesenheit ihrer Väter in ihrem Leben verringert wird, schadet Scheidung den Kindern weit häufiger als sie ihnen hilft — sogar Wissenschaftler können es sehen.

Baskerville, ein langjähriger Aktivist für die Rechte von Vätern und jetzt Professor am Patrick Henry College, bietet eine Horrorgeschichte nach der anderen: Dem unfreiwillig geschiedenen Vater wird befohlen, zwei Drittel seines Einkommens an Alimenten zu zahlen, der Mann, der keines Verbrechens schuldig ist, kommt ins Gefängnis, weil er zu seinen Kindern auf der Straße Hallo sagte. Da Familiengerichte in der Regel unbeaufsichtigt im Geheimen arbeiten, gibt es keine Möglichkeit, zu sagen, wie verbreitet solche Greuel sind. Der wahre Horror ist aber die Routine: Die Macht der Gerichte, den Zugang der Eltern zu ihren Kindern zu kontrollieren und die Finanzierung ihrer Leben zu bestimmen, sobald der betrügende Ehepartner beschließt, den anderen zu verlassen.

Hier finden Sie den Originalartikel, Children of the State.

In den Worten von Thomas Bernhard:

„Der Staat denkt, die Kinder sind die Kinder des Staates und handelt entsprechend und tut seit Jahrhunderten seine verheerende Wirkung. Der Staat gebiert in Wahrheit die Kinder, nur Staatskinder werden geboren, das ist die Wahrheit. Es gibt kein freies Kind, es gibt nur das Staatskind, mit dem der Staat machen kann, was er will, der Staat bringt die Kinder auf die Welt, den Müttern wird nur eingeredet, daß sie die Kinder auf die Welt bringen, es ist der Staatsbauch, aus dem die Kinder kommen, das ist die Wahrheit. Hunderttausende kommen alljährlich aus dem Staatsbauch als Staatskinder, das ist die Wahrheit. Die Staatskinder kommen aus dem Staatsbauch auf die Welt und gehen in die Staatsschule, wo sie von den Staatslehrern in die Lehre genommen werden. Der Staat gebiert seine Kinder in den Staat und läßt sie nicht mehr aus. Wir sehen, wohin wir schauen, nur Staatskinder, Staatsschüler, Staatsarbeiter, Staatsbeamte, Staatsgreise, Staatstote, das ist die Wahrheit. Der Staat macht und ermöglicht nur Staatsmenschen, das ist die Wahrheit. Den natürlichen Menschen gibt es nicht mehr, es gibt nur noch den Staatsmenschen und wo es noch den natürlichen Menschen gibt, wird er verfolgt und zu Tode gehetzt und / oder zum Staatsmenschen gemacht.“

Obamas Südafrika-Inspiration

2013/01/29

Joel B. Pollak über Südafrikas realparadiesische Verfassung und, und, und.

Obama's South African Inspiration: Why It Matters

In einem Interview mit dem Herausgeber (Anm.: Editor at Large — hier eher das fünfte Rad am Wagen) von BREITBART NEWS, Ben Shapiro, machte der Republikanische Senator für Kentucky, Rand Paul, die scharfsinnige Beobachtung, daß Barack Obama unserer Verfassung nicht nur skeptisch gegenübersteht, sondern auch ein alternatives Modell vor Augen hat: Südafrikas Verfassung. Seit das Dokument Mitte der 1990er Jahre, in Südafrikas Übergang zur Demokratie, verabschiedet wurde, ist es für Amerikas liberale linke Rechtsgelehrte das Objekt der Begierde.

Von einem bestimmten Abschnitt der südafrikanischen Verfassung, der „Bill of Rights“, den sogenannten „positiven“ oder sozioökonomischen Rechten, sind die liberalen Linken regelrecht besessen, darunter das Recht auf Behausung, das Recht auf eine saubere Umwelt, das Recht auf Gesundheit, das Recht auf Nahrung und Wasser, und so weiter. Südafrikas „Bill of Rights“ verhindert auch Diskriminierung auf Grundlage einer Vielzahl von Kategorien, darunter soziales Geschlecht, sexuelles Geschlecht, Kultur, sexuelle Orientierung und Schwangerschaft.

Wenn das wie die Hitparade der „progressiven“ Bewegung klingt, dann deshalb, weil viele Rechtsgelehrte, die Südafrikas Verhandlungen über eine Verfassung beeinflußten, aus den Vereinigten Staaten stammen. Einer der wichtigsten war Professor Frank Michelman der juristischen Fakultät Harvard, dessen Beitrag für Südafrikas Lehre der sozioökonomischen Rechte im vergangenen Jahr von Sandile Ngobo, Richter am südafrikanischen Verfassungsgericht, gelobt wurde.

Michelman, der an Harvard lehrte, als Obama studierte, war auch einer der wenigen Anhänger von Derrick Bell, dem Pionier der Kritischen Rassentheorie. Bell glaubte, daß das amerikanische Rechtssystem die weiße Vorherrschaft verankert, und daß die Verfassung — selbst nach den Änderungen nach dem Bürgerkrieg — grundsätzlich rassistisch war. Die einzige Erlösung, so argumentierte er, wäre die Verabschiedung von Änderungen, die sozioökonomische Rechte garantieren.

Read on: Obama’s South African Inspiration: Why It Matters

Der Rest des Artikels geht leider nicht weiter auf Frank Michelman ein, sondern auf und, und, und.

Was den Suchtrieb weckte.

Was den Suchtrieb befriedigte, war dieser interessante Teil in Frank Michelmans Biographie:

Präsentationen

Michelman, Frank I. „Grundlagen einer Verfassung“ — Grundsatzrede für eine Konferenz zum 20. Jahrestag von Israels Menschenrechtsrevolution, 19. Dezember 2011.

Vollständiger Text: www.ssrn.com

(Dies ist der Text meiner Grundsatzrede für die Eröffnungssitzung einer dreitägigen Konferenz in Israel zum 20. Jahrestag der Verabschiedung von zwei israelischen Grundgesetzen — Grundgesetz: Menschenwürde und Freiheit sowie Grundgesetz: Berufsfreiheit. Die Eröffnungssitzung wurde in der Knesset abgehalten und vom Präsidenten der Knesset eingeführt.)

Michelman, Frank I. Zwei Arbeiten über verfassungsrechtliche Eigentumsklauseln, 19. Dezember 2011.

(Diese zwei auf Seminaren zum öffentlichen Recht an der Hebräischen Universität Jerusalem vorgestellten Arbeiten, befassen sich mit der Frage, in einer verfassungsrechtlichen „Bill of Rights“ eine „Eigentums“-Klausel einzubeziehen (oder nicht). Beide Arbeiten werden im Jahr 2012 veröffentlicht, eine in der „Stellenbosch Law Review“ (Südafrika) und die andere in der Zeitschrift „Constellations“. Abzüge auf Anfrage des Autors.)

Anhang

Der interessante Teil im Original:

Presentations

Michelman, Frank I. „Constitutional Essentials“(Keynote Address for a Conference on the 20th Anniversary of Israel’s Human Rights Revolution) (December 19, 2011).

Full text: www.ssrn.com

(This the text of my Keynote Address for the opening session of a three-day conference in Israel on the 20th Anniversary of the enactment of two of Israel’s Basic Laws — Basic Law: Human Dignity and Liberty and Basic Law: Freedom of Occupation. The opening session was held at the Knesset and was introduced by the Speaker of Knesset)

Michelman, Frank I. Two Papers on Constitutional Property Clauses (December 19, 2011).

(These two papers, as presented at a Public Law Workshop at Hebrew University, Jerusalem, deal with the question of including (or not) a „property“ clause in a constitutional bill of rights. Both will be published in 2012, one in the Stellenbosch Law Review (South Africa) and the other in the journal Constellations. Copies available on request from the author)

Sozialist oder Faschist?

2012/07/07

Thomas Sowell klärt auf.

Es stört mich ein wenig, wenn Konservative Barack Obama als „Sozialist“ bezeichnen. Er ist sicherlich ein Feind des freien Marktes und will, daß Politiker und Bürokraten die grundlegenden Entscheidungen über die Wirtschaft treffen. Das bedeutet aber nicht, daß er den Staat als Eigentümer an den Produktionsmitteln will, was schon seit langem eine Standarddefinition des Sozialismus ist.

Was Präsident Obama vorhat, ist heimtückischer: die staatliche Kontrolle über die Wirtschaft, wobei das Eigentum in privaten Händen bleibt. Auf diese Weise behalten die Politiker das Sagen, können aber, wenn ihre aufklärerischen Ideen zur Katastrophe führen, stets denen die Schuld geben, die Unternehmen in der Privatwirtschaft besitzen.

Politisch ist es „Kopf, ich gewinne“ wenn alles gut läuft und „Zahl, du verlierst“ wenn etwas schief geht. Dies ist aus Obamas Sicht bei weitem vorzuziehen, da es ihm für seine gesamte verfehlte Politik eine Vielzahl von Sündenböcken gibt, ohne daß die ganze Zeit Präsident Bush als Sündenbock herhalten muß.

Die Regierung als Eigentümer an den Produktionsmitteln bedeutet, daß den Politikern auch die Folgen ihrer Politik „gehören“ und sie sich der Verantwortung stellen müssen, wenn diese Folgen katastrophal sind — etwas, das Barack Obama meidet wie die Pest.

Die Obama-Administration kann Versicherungen beliebig zwingen, die Kinder ihrer Kunden zu versichern, bis sie 26 Jahre alt sind. Offensichtlich schafft dies für Präsident Obama positive Werbung. Aber wenn diese und andere staatlichen Erlasse zu einem Anstieg der Versicherungsprämien führen, dann ist das etwas, für das die „Gier“ der Versicherungsgesellschaften verantwortlich gemacht werden kann.

Das gleiche Prinzip gilt für viele andere Unternehmen in Privatbesitz. Es ist ein sehr erfolgreicher politischer Trick, der an alle möglichen Situationen angepaßt werden kann.

Einer der Gründe, warum sowohl die Pro-Obama- und die Anti-Obama-Beobachter zögern, ihn als faschistisch zu sehen, ist, daß beide die herrschende Annahme akzeptieren, daß der Faschismus politisch rechts steht, während es offensichtlich ist, daß Obama ein liberaler Linker ist.

In den 1920er Jahren jedoch, als der Faschismus eine neue politische Entwicklung war, wurde er gemeinhin — und richtig — als politisch links betrachtet.

Jonah Goldbergs großartiges Buch „Liberaler Faschismus“ („Liberal Fascism“) zitiert überwältigende Beweise, daß die Faschisten in den 1920er Jahren konsequent die Ziele der Linken verfolgten und von ihnen als einem der ihren umarmt wurden. Sowohl die europäischen als auch die amerikanischen Linken verehrten Mussolini in den 1920er Jahren. Selbst Hitler, der in den 1920er Jahren faschistische Ideen annahm, wurde von einigen als ein Mann der Linken gesehen, darunter W. E. B. Du Bois.

In den 1930er Jahren, als häßliche interne und internationale Aktionen von Hitler und Mussolini die Welt abstießen, distanzierte sich die Linke dann vom Faschismus und seinem Nazi-Ableger — und übertrug diese totalitären Diktaturen verbal auf die rechte Seite und kleidete ihre Gegner mit diesen Parias.

Was Sozialismus, Faschismus und andere linke Ideologien gemeinsam haben, ist die Annahme, daß einige sehr kluge Leute — wie sie selbst — die Entscheidungen dem niedrigeren Volk aus den Händen nehmen und dann durch ein Gebot der Regierung aufzwingen müssen.

Das linke Leitbild ist nicht nur ein globales Leitbild, sondern auch ein Leitbild von ihnen selbst als überlegenen Wesen, die überlegene Ziele verfolgen. In den Vereinigten Staaten steht dieses Leitbild jedoch im Widerspruch zu einer Verfassung, die mit den Worten beginnt: „Wir, das Volk …“

Das ist der Grund, warum liberale Linke seit mehr als einem Jahrhundert versuchen, die Regierungseinschränkungen der Verfassung zu lockern oder durch neue Interpretationen von Richtern, basierend auf Vorstellungen von „einer lebendigen Verfassung“, aufzuheben, wodurch die Entscheidungen aus unseren Händen genommen werden, damit „Wir, das Volk“ keine Entscheidungen mehr treffen müssen, und diese Entscheidungen an unsere Besten übertragen werden.

Die Selbstschmeichelei der Linken verhilft dem Ego der wahren Gläubigen außerdem zu einer riesigen Beteiligung an diesem liberalen linken Leitbild, was bedeutet, daß reine Fakten wahrscheinlich nicht dazu führen werden, es zu überdenken, unabhängig davon, wie schwer die Beweise gegen das Leitbild der Linken wiegen, und unabhängig von seinen katastrophalen Folgen.

Nur wenn wir uns bewußt werden, was alles auf dem Spiel steht, können wir uns vor dem Chaos der Besseren retten, ganz gleich, ob sie Sozialisten oder Faschisten genannt werden. Solange wir ihnen ihre berauschende Rhetorik abkaufen, verkaufen wir unsere Freiheit.

Hier finden Sie den Originalartikel, Socialist or Fascist?