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Röhm? Putsch? Sicher?

2013/11/24

Kopiert und eingefügt aus »Das saubere Reich« (S. 127-135) von Hans Peter Bleuel.

DAS SAUBERE REICH

Bezeichnungen wie bürgerlich, bourgeois oder Spießer, die er gerne in Zusammenhang brachte, waren für den Sohn einer alten bayerischen Beamtenfamilie Schimpfworte. Mit seinen homoerotischen Anlagen hatte das wenig zu tun, auch wenn sie diesen Affront natürlich verschärften. Die Welt und das Lebenselexier des Ernst Röhm lagen außerhalb ziviler Begriffe und bürgerlicher Normvorstellungen. Seiner 1928 erschienenen Autobiographie gab er den selbstherrlichen Titel »Geschichte eines Hochverräters«, und noch nach der Machtergreifung, als sich die Parteigrößen in der Reichsführung zumindest um den Anschein privater Wohlanständigkeit bemühten, erklärte er einem ausländischen Diplomaten mit dem Gestus eines Kondottiere, daß er sich »eher mit einem gegnerischen Soldaten als mit einem deutschen Zivilisten verständigen würde; denn dieser ist ein Schwein, und ich verstehe seine Sprache nicht«.

Für den Hauptmann Röhm, dem Kompromisse zutiefst zuwider waren, ging der Krieg nie zu Ende. Auch deshalb mußte der Führer auf der letzten Strecke Weges zur totalen Macht sich seiner entledigen. Zuvor aber hatte er diesen organisatorisch hochbefähigten und arbeitswütigen Troupier, der keinerlei Skrupel kannte, gebraucht wie keinen anderen.

Hauptmann Röhm, der 1919 in Freikorps und Reichswehrdiensten zum Kampf gegen die Republik antrat, hatte dem kleinen V-Mann Hitler praktisch zur Erkenntnis seiner agitatorischen Fähigkeiten verholfen Er förderte den angehenden Parteipolitiker, indem er ihm die Verbindung zu den ob der patriotischen Schmach verbitterten Offizierskreisen im gärenden München herstellte. Er schuf durch Kontrolle der geheimen Munitionslager und Zusammenführung der rechtsrevolutionären Wehrverbände die Voraussetzungen, unter denen der Putschversuch im Jahre 1923 möglich wurde. Vor allem formte er dem Parteiführer aus einer hemdsärmeligen Saalschutztruppe eine schlagkräftige Privatarmee, die zum Durchsetzungsinstrument des nationalsozialistischen Terrors wurde.

Die erste Entfremdung zwischen den Duzfreunden fand während der Landsberger Haft Hitlers statt. Der rücksichtslose Landsknechttyp Röhm konnte sich keinen anderen Weg zur Macht als den der nackten Gewalt, der militanten Auseinandersetzung denken. Hitler aber entschloß sich unter dem Eindruck des gescheiterten Putsches zum »legalen Weg« der Unterwanderung und Aushöhlung des demokratischen Systems. Und dafür konnte er den kompromißlosen Haudegen Röhm zunächst nicht verwenden; seine eigene Autorität hätte eine fortgesetzte Gegnerschaft des SA-Gründers kaum unbeschädigt überstanden. Als Hitler 1925 mit dem Neuaufbau der Partei begann, mußte Röhm aus dem inneren Kreis ausscheiden und zog sich widerwillig zurück.

Klagen und Beschwerden über wüste Sauforgien und üble Ausschweifungen, über Korruption und Gemeinheit im Kreise des SA-Obersten waren schon zuvor reichlich eingegangen. In der braunen Miliz, die sich überwiegend aus entwurzelten Soldaten, verwilderten Freischärlern und dem halbkriminellen Bodensatz städtischer Elendsviertel zusammensetzte, wurde das weniger tragisch als selbstverständlich genommen. Man war ja auch sonst in der Wahl der Mittel nicht gerade zimperlich, und die Bewaffnung der Sturmabteilungen — Schlagringe, Gummiknüppel (»Radiergummi«), Eisenketten, Brechstangen, Messer, Revolver (»Feuerzeug«) — stammte ebenfalls aus dem Waffenarsenal der Halbwelt. In den Saal- und Straßenschlachten erwies sich Röhms SA jedenfalls als eine einsatzstarke und erfolgreiche Truppe, und das war auch für die Parteileitung der einzig wichtige Gesichtspunkt.

Seine homosexuelle Veranlagung entdeckte Röhm nach eigenem Geständnis erst 1924. »Ich kann mich vorher an eine Reihe auch gleichgeschlechtlicher Gefühle und Akte bis in meine Kindheit erinnern, habe aber auch mit vielen Frauen verkehrt. Allerdings nie mit besonderem Genuß. Auch drei Tripper habe ich mir erworben, was ich später als Strafe der Natur· für widernatürlichen Verkehr ansah.«

Um seinen Ruf hatte sich Röhm nie viel geschert. Beim Amtsgericht Berlin-Mitte wurde er unter dem Aktenzeichen 197 D 18/25 seine homosexuelle Natur gerichtskundig. Röhm hatte einen siebzehnjährigen Strichjungen mit dem klangvollen Namen Hermann Siegesmund wegen Diebstahls angezeigt. Er hatte ihn im Januar 1925 zuerst zu einem Glas Bier und dann auf sein Hotelzimmer eingeladen. Als Röhm ihm »einen mir widerlichen Geschlechtsverkehr abverlangte, auf den ich nicht eingehen konnte«, machte der prüde Lustknabe sich auf die Socken. Ganz zufällig — wie er aussagte — stellte er dann fest, daß er einen Gepäckschein mitgehen ließ, den er prompt gegen einen Koffer Röhms einlöste. In dem Gepäckstück steckten enthüllende Briefe, und Röhm erhob Klage.

Im Mai 1932 schrieb der einstige Parteigänger Hitlers, General Ludendorff: »Ich habe die Unterlagen dafür in Händen, daß Hitler schon im Jahre 1927 auf die ernsten Mißstände innerhalb der Organisation durch die gleichgeschlechtliche Veranlagung der Unterführer Röhm und Heines und im besonderen auf die Verseuchung der Hitlerjugend durch Heines hingewiesen worden ist. Herr Hitler lehnte zunächst die Enthebung der Genannten völlig ab.« Hitler lehnte die Entlassung der beiden nicht nur »zunächst« ab; er suspendierte sie lediglich einstweilig vom Dienst. Doch das hatte mit ihrer homosexuellen Veranlagung nichts zu tun. Edmund Heines jagte er im Mai 1927 davon, weil der Mann disziplinlos war und nicht parierte. Und er holte ihn vier Jahre später zurück, als er nach dem Stennes-Putsch für den verstoßenen SA-Führer Stennes einen scharfen, durchgreifenden Nachfolger brauchte. Und Röhm war ihm bei dem neuen SA-Konzept, das Franz Pfeffer von Salomon verwirklichen sollte, im Wege. Doch tat dies seiner freundschaftlichen Beziehung zu ihm keinen Abbruch. Sonst hätte der altbewährte Kämpfer — seit 1919 in der (damals noch Deutschen Arbeiter-)Partei — schwerlich so wohlgemut gehöhnt: »Mit dem Herrn Alfred Rosenberg, dem tölpelhaften Moralathleten, stehe ich in schärfstem Kampf. Seine Artikel sind auch vor allem an meine Adresse gerichtet, da ich aus meiner Einstellung kein Hehl mache. Das mögen Sie daraus ersehen, daß ›man‹ sich bei mir eben an diese verbrecherische Eigenheit in den nationalsoz. Kreisen hat gewöhnen müssen.«

Kurze Zeit später saß der Reichswehrhauptmann a. D. als Oberstleutnant im Generalstab der bolivianischen Armee. Hitler hatte ihn allerdings mitnichten dorthin abgeschoben, wie Ludendorff meinte, sondern Röhm war dem unverhofften Ruf als militärischer Instrukteur nach Südamerika gerne gefolgt: »Ich kann so prüfen, ob mein Geist noch aufnahmefähig ist oder nicht.« Mit seiner Arbeit war der Entwicklungshelfer ganz zufrieden. Arge Pein bereitete ihm aber der sexuelle Notstand Boliviens, in dem »die von mir bevorzugte Art der Betätigung« unbekannt zu sein schien. Von fern her sandte er an den Gesinnungsfreund Dr. Heimsoth bewegte Klage: »Da steh ich nun, ich armer, Tor, und weiß gar nicht, was ich machen soll. Traurig denke ich an das schöne Berlin zurück, wo man so glücklich sein kann.« Mit der Zeit verstand er es zwar, »bei bescheidenen Ansprüchen« seinem Drang Linderung zu verschaffen, aber das Heimweh verließ ihn nicht. »Was sie über Berlin schreiben, hat wieder alle meine Sehnsucht nach dieser einzigen Stadt erweckt. Herrgott, ich zähle schon die Tage, wo ich wieder dort sein kann, und will hier wirklich, wenn’s einmal möglich ist, sparen, damit ich dort etwas vom Leben habe. Das Dampfbad dort ist aber doch m. A. nach der Gipfel alles menschlichen Glücks. Jedenfalls hat mir dort die Art und Weise des Verkehrs ganz besonders gefallen. An Frenzel sagen Sie besonders hzl. Gruß; auch wenn Sie meine übrigen schwarzen Bekannten — dieser Typ ist mein Ideal — im Bade oder Dampfbad wiedersehen.« Er erinnerte sich auch an des Briefpartners »so berückend schöne Bildersammlung einschlägiger Szenen« und bat ihn, ihm einige Bildchen zu schicken.

Röhm brauchte nicht mehr lange die Tage zu zählen. Im Herbst 1930 setzte Hitler seinen Obersten SA-Führer Pfeffer von Salomon ab und ernannte sich selbst zurn OSAF. Der richtige Typ, die durcheinandergeratene 100 000-Mann-Armee wieder zu straffen und zu organisieren, schien ihm jetzt sein homosexueller Mann in La Paz. Hitler erinnerte den lieben Ernst an alte Treue, und im Januar 1931 trat Röhm sein neues altes Amt als Stabschef der SA an. Neu an dieser Situation war, daß ihm nun Hitler als oberster SA-Herr vorstand.

Der Chef machte ihm am 3. 2. 1931 den Weg frei von störenden Zwischenrufen, mit einem Erlaß, wie er eindeutiger kaum gedacht werden kann. »Der Obersten SA-Führung liegen eine Reihe von Meldungen und Anzeigen vor, die sich gegen SA-Führer und -Männer richten und vor allem Angriffe wegen des Privatlebens dieser Persönlichkeiten enthalten.

Die Prüfung ergibt meist, daß es sich um Dinge handelt, die gänzlich außerhalb des Rahmens des SA-Dienstes liegen. Vielfach sind einfach Angriffe politischer oder persönlicher Gegner ohne weiteres übernommen.

Den obersten und oberen SA-Führern wird zugemutet, über diese Dinge, die rein auf privatem Gebiet liegen, Entscheidungen zu treffen. Ich weise diese Zumutung grundsätzlich und in aller Schärfe zurück.

Abgesehen davon, daß wertvolle Zeit, die im Freiheitskampf notwendiger ist, nutzlos vertan wird, muß ich feststellen, daß die SA eine Zusammenfassung von Männern zu einem bestimmten politischen Zweck ist. Sie ist keine moralische Anstalt zur Erziehung von höheren Töchtern, sondern ein Verband rauher Kämpfer. Aufgabe der Prüfung kann hier nur sein, ob der SA-Führer oder -Mann in der SA seine Dienstpflicht erfüllt oder nicht. Das Privatleben kann nur dann Gegenstand der Betrachtung sein, wenn es wesentlichen Grundsätzen der nationalsozialistischen Anschauung zuwiderläuft.«

Das war im Falle Röhm offensichtlich nicht der Fall. Hitler drohte an: Man werde in Zukunft prüfen müssen, ob nicht der Denunziant zur Verantwortung zu ziehen sei, weil er im Verband rauher Kämpfer Unfrieden stifte.

Mit diesem Freibrief seines Führers in der Hand organisierte Röhm nicht nur zu dessen höchster Zufriedenheit die neue SA, sondern zur eigenen Befriedigung auch seinen persönlichen Verkehr. Neben anderen schleppte ihm Peter Granninger, sinnigerweise in der SA-Nachrichtenabteilung eingestellt und aus eigener Erfahrung mit den sexuellen Ansprüchen des Stabschefs vertraut, die gewünschten Sexpartner heran. 200 Mark kassierte er monatlich für seine Dienste, die sich auch auf Schüler und Lehrlinge erstreckten. Im Münchner »Bratwurstglöckl« lebte die alte Stammtischrunde Röhms wieder auf. Heines war wieder dabei, Karl Ernst erschien aus Berlin und mancher neue SA-Obere, der seinen Rang vornehmlich gleichgeschlechtlichen Leistungen verdankte. In der Partei wurde heftiger Unwillen laut, aber Hitler hatte taube Ohren.

Als im März 1932 Röhms Klagebriefe aus Bolivien an die Öffentlichkeit kamen — der Zwischenträger blieb unbekannt -, versuchte der oberste Parteirichter, Walter Buch, auf eigene Faust für sittliche Läuterung in der SA-Spitze zu sorgen. Er beklagte sich bei einem alten badischen Kumpel aus der Frühzeit der SA über Verrat und homosexuelle Umtriebe in der Partei und nannte Namen. Emil Traugott Danzeisen verstand und mobilisierte eine ad-hoc-Einsatzgruppe unter Karl Hom. Ihr Auftrag: Ein Herr Bell sollte mit dem Hammer erschlagen und aufgehängt werden, Stabsführer Julius Uhl desgleichen und endlich auch Röhm. Den Anfang sollten die Attentäter mit dem alten Röhm-Vertrauten und Nachrichtenchef der SA machen, mit Karl Leonhardt Graf Du Moulin-Eckart. Doch statt den Grafen mit einem fingierten Autounfall aus dem Leben zu befördern, ging Hom zu ihm und petzte. Die Autorschaft Buchs kam heraus. Himmler stellte ihn zur Rede.

Doch die Geschichte blieb nicht intern, und dies nicht nur, well Du Moulin und sein Kollege Graf Spreti den Parteirichter Buch und seine Gesellen bei einem ordentlichen Gericht angezeigt hatten. (Verurteilt wurde im Oktober 1932 nur Danzeisen zu sechs Monaten wegen Mordanstiftung!) Auch Röhm und sein Adlatus Georg Bell hatten es mit der Angst bekommen und ihr Heil in der Flucht gesucht.

Bell, der auch für die Sozialdemokraten als Konfident diente, war beim Auftauchen der lästigen Briefe von Röhm zu einem alten Kameraden aus Reichswehrtagen geschickt worden. Der Major Karl Mayr stand jetzt im republikanischen »Reichsbanner« auf der anderen Seite — und ausgerechnet er sollte Röhm nun garantieren, daß die Briefe in der SPD-Presse nicht mehr veröffentlicht würden! Doch noch schlimmer: Zu dem Mann flüchteten Röhm und Bell nun am 1. April 1932 und erbaten Material gegen den SA-Genossen Paul Schulz, den sie als Urheber der Anschläge wähnten. Und ein paar Tage spater ging Bell auch noch zum sozialdemokratischen Vorwärts und schwärzte die braune Prominenz an.

Das war denn doch zuviel. Der Schwiegersohn des Sittenrichters Buch, Martin Bormann, sandte seinem Chef Rudolf Heß in den Dachauer Urlaub ein empörtes Schreiben: »Ich habe auch nichts gegen die Person Röhms an sich. Meinetwegen mag sich jemand in Hinterindien mit Elefanten und in Australien mit Känguruhs abgeben, es ist mir herzlich gleichgültig.« Aber: »Jedem SA-Mann, jedem einfachen Parteigenossen wird eingeremst, und für den Fall Röhm war das besonders nötig, daß er seine Kameraden, seine Führer auch bei Vorliegen von Fehlern bis zum letzten zu decken habe — der prominenteste SA-Führer geht hin und verleugnet und verleumdet in dieser krassen Art und Weise. Wenn der Führer diesen Mann nach diesem Vorgehen noch hält, so verstehe auch ich ihn, wie schon zahllose andere, nicht mehr und das ist auch nicht zu verstehen.« Der Führer hielt diesen Mann Röhm völlig unbeirrt, und Bormann lernte den Führer ja später besser verstehen.

Brach solcher »Parteiverrat« dem alten Freund schon nicht das Genick, so erst recht nicht seine homosexuelle Ader. Am 4. April 1932 beantragte Röhm eine einstweilige Verfügung gegen die Verbreitung seiner intimen Bekenntnisse. Sie wurde abgelehnt, weil Röhm nicht bestritt, diese Briefe geschrieben zu haben. Zwei Tage darauf unterzeichnete Hitler ein Flugblatt mit der Ehrenerklärung seines SA-Führers: »Röhm bleibt mein Stabschef jetzt und nach den Wahlen. An dieser Tatsache wird auch die schmutzigste und widerlichste Hetze, die vor Verfälschungen, Gesetzesverletzungen und Amtsmißbrauch nicht zurückschreckt und ihre gesetzesmäßige Sühne finden wird, nichts ändern.« Das war auch eine Interpretation für eine einwandfreie Tatsachenfeststellung und einen abgewiesenen Verfügungsantrag.

Röhm versuchte es beim Landgericht München I knapp drei Wochen später noch einmal und scheiterte an der gleichen Begründung. Auf die zweite Beschwerde hin setzte das Oberlandesgericht München eine mündliche Verhandlung an — und wies am 20. Juli die einstweilige Verfügung abermals ab. Röhm legte Einspruch ein — und zog ihn am 7. September wieder zurück. Nicht schnell genug, allerdings, denn zuvor noch konnte Oberlandesgerichtsrat Dr. Kemmer unter Eid erklären, daß ihm Röhm die Echtheit der drei Briefe bestätigt habe.

Törichter und dreister konnte der Stabschef seine homosexuelle Veranlagung kaum in den Wind schreiben. Es wurde allmählich auch alten Parteifreunden zuviel. Der bewährte Hitlerförderer und ultrareaktionäre Verlagsherr J. F. Lehmann schickte einen Beschwerdebrief in die Reichsleitung der NSDAP. Er klagte dem Dr. Stellrecht, daß Röhm allseits das Ansehen der Partei schädige. Der Führer solle ihn durch stillschweigenden Rücktritt verschwinden lassen, weil Röhm in SA und SS die Führerstellen nach seinen Neigungen besetze. »Der Fisch stinkt vom Kopf … «

Den Parteiführer störte der Gestank nicht. Er brauchte den tüchtigen Söldnerführer Röhm und mochte die Schlagkraft seiner tadellos funktionierenden Bürgerkriegsarmee jetzt nicht moralischer Skrupel wegen aufs Spiel setzen. Auch den Reichskanzler Hitler störte zwar der Machtanspruch seines Stabschefs und Reichsministers Röhm, der dauernd von der zweiten Revolution dröhnte, aber nicht der moralische Gestank. Der starke Mann im Staate, dessen 500 000-Mann-Heer auch die Reichswehr zu fürchten hatte, entwarf sich dafür einen Tagesbefehl, mit dem er es all diesen »Zivilistenschweinen« zeigen wollte: »Ich will das Oberhandnehmen derartiger, oft geradezu lächerlicher Auswüchse von Prüderie und Schlimmerem zum Anlaß nehmen, um einmal eindeutig festzustellen, daß die deutsche Revolution nicht von Spießern, Muckern und Sittlichkeitsaposteln gewonnen worden ist, sondern von revolutionären Kämpfern. Diese allein werden sie auch sichern. Die Aufgabe der SA besteht nicht darin, über Anzug, Gesichtspflege und Keuschheit anderer zu wachen, sondern Deutschland durch ihre freie und revolutionäre Kampfgesinnung hochzureißen.

Ich verbiete daher sämtlichen Führern und Männern der SA und SS, ihre Aktivität auf diesem Boden einzusetzen und sich zum Handlanger verschrobener Moralästheten herzugeben. Das gilt vor allem auch für diejenigen SA- und SS-Führer, die von mir als Polizeipräsidenten oder für sonstige staatliche Stellen zur Verfügung gestellt sind. Der Chef des Stabes. Röhm.«

Der Stabschef lebte goldene Tage in seiner geliebten Stadt Berlin, wo man im »Kleist-Kasino«, in der »Silhouette« oder im Dampfbad so glücklich sein konnte. Dazu kamen rauschende Gelage und Orgien in seinem Hauptquartier. Das anzügliche Mai-Datum ließ er sich auch im Jahre 1934 nicht entgehen und verschickte Billettchen an liebe Freunde: »Stabschef Ernst Röhm würde sich freuen, Brigadeführer Adolf Koch zum Bowlenabend am Donnerstag, den 17. Mai um 21 Uhr, bei sich zu sehen.«

Sechs Wochen später war Röhm tot. Hitler ließ ihn umbringen, weil er ihm beim Ausgleich mit der Reichswehr im Wege war. Er suchte diesen Ausgleich, um nach Hindenburgs baldigem Tod auch noch Reichspräsident werden zu können. Himmler und Göring inszenierten den sogenannten Röhm-Putsch, das Blutbad des 30. Juni, um einen starken Konkurrenten auszuschalten und zugleich einen Haufen konservativer Gegner zu beseitigen und einen Stapel alter Rechnungen zu begleichen.

Vorbereitungen zu einem Putsch der SA hat es nie gegeben, auch wenn Hitler das kurze Zeit seinen beiden Einbläsern geglaubt haben wollte. Doch das war nicht die Ursache für Röhms Ermordung. Die Reichspressestelle verlautbarte auch: »Seine bekannte unglückliche Veranlagung führte allmählich zu so unerträglichen Belastungen, daß der Führer der Bewegung und Oberste Führer der SA selbst in schwerste Gewissenskonflikte getrieben wurde.«

Das stimmte noch viel weniger. Die homosexuellen Neigungen und Umtriebe seines Freundes Ernst waren dem Führer vollkommen gleichgültig. Solange er ihn brauchen konnte, schirmte er Röhm mit seiner ganzen Autorität gegen Angriffe ab.

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Die jüdischen Nürnberger Prozesse

2013/10/27

Kopiert und eingefügt aus »Der große Plan der Anonymen« (S. 134-137) von Douglas Reed.

from smoke to smother - Douglas Reed - Der große Plan der Anonymen

Wem gehörte nun eigentlich die Rache in Nürnberg? Etwas anderes geschah dort, worüber die Welt völlig in Unkenntnis gelassen wurde. Der Meineidige unter den Eidgeschworenen war deutlich sichtbar, wenn man auch nur das geringste Gedächtnis für geschehene Verbrechen besaß. Das andere aber blieb verborgen.

Ich hatte es in meinem Buche »Falls wir es bereuen sollten!« vorausgesehen. Am 17. Dezember 1942 machte Anthony Eden vor dem Unterhaus im Namen der Vereinigten Nationen eine Erklärung über das Judenproblem. Soweit mir bekannt ist, geschah es damals erst zum zweiten Male, daß ein britischer Politiker das Wort »Erklärung« gebrauchte. Die erste »Erklärung« war das Versprechen, »die Gründung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina zu unterstützen«, die Lord Balfour am 2. November 1917 während des Ersten Weltkrieges abgegeben hatte.

Edens Erklärung beschäftigte sich im besonderen und ausschließlich mit den Juden, und er sagte: »Diejenigen, die für diese Verbrechen verantwortlich sind, werden ihrer Strafe nicht entrinnen.« Mir schienen das damals die bedeutungsvollsten Worte des ganzen Krieges zu sein, denn sie bekundeten, daß Strafe nur für die Vergehen gegen eine Gruppe von den vielen, die Hitler verfolgt hatte, zu erwarten war. Damals schrieb ich: »Kein Sterbenswörtchen verlautet über alle die Verbrechen, die gegen Tschechen, Serben, Polen, Franzosen, Holländer, Norweger, Griechen, Belgier und andere begangen worden sind … Wir teilen den Deutschen formell aus unserem Unterhaus mit, daß alles, was sie von uns zu erleiden haben werden, einzig und allein um der Juden willen geschehen wird. Die Folgerung daraus ist, daß sie Tschechen, Polen, Serben und alle anderen ungestraft unterdrücken, deportieren und morden können. Wir haben unseren Namen für die Androhung einer jüdischen Rache hergegeben.«

Mir scheint, daß diese Drohung durch die Art der Urteile und durch das Erhängen der Verurteilten wahrgemacht worden ist. Aber was für mich das bedeutungsvollste Ereignis in Nürnberg, wo die ganze Weltpresse versammelt war, zu sein schien — das fand keine Erwähnung in der Massen‑Weltpresse. Die Tage der Verurteilung und der Hinrichtung waren jüdische Feiertage! Rosch Hoschanni, das jüdische Neujahr und der Tag der Buße, fiel auf den 26. September 1946; Yom Kippur, der Tag der Sühne, auf den 5. Oktober; Hoschanna Rabba (da der jüdische Gott nach einer Pause, während der er seinen Urteilsspruch über jedes einzelne menschliche Wesen erwogen hat und Sünder immer noch begnadigen konnte, sein endgültiges Urteil bekannt gibt) auf den 16. Oktober.

Die Urteile in Nürnberg wurden am 30. September und 1. Oktober verkündet (zwischen dem jüdischen Neujahr und dem Tag der Sühne). Die Hinrichtungen wurden gleich, nach Mitternacht, in den Morgenstunden des 16. Oktobers, am Tage Hoschanna Rabba, vollzogen. Für das Judentum in der ganzen Welt lag eine unmißverständliche Bedeutung in der Wahl dieser Tage. Den Nicht‑Juden in der ganzen Welt bedeuteten sie nicht mehr als andere Tage.

Der Prozeß und die Hinrichtungen fanden in der amerikanischen Zone statt. Mir will scheinen, daß diese symbolischen Daten mit Absicht gewählt worden sind, und daß diejenigen, die sie auswählten, Stellungen bekleideten, die ihnen erlaubten, die amerikanischen Behörden ihren Wünschen willfährig zu machen.

Die britischen Zeitungen vermieden es, zu diesen Dingen irgendwelche Kommentare zu bringen; ich weiß aus eigener Erfahrung, daß das immer so ist. Eine Zeitung jedoch, der »Manchester Guardian«, druckte den Brief eines Lesers ab, der sich über den Nürnberger Prozeß folgendermassen aussprach: »Die vier Nationen … haben jetzt durch ihre Führer das Christentum ganz offen verleugnet … Es ging darum, die Wahl zu treffen zwischen dem ›Auge um Auge, Zahn um Zahn‹ und ›Schlagt Agag in Stücke!‹ und ›Die Rache ist mein!‹ Großbritannien, Amerika, Frankreich und Rußland haben die Wahl zugunsten blutrünstiger vorchristlicher Riten getroffen.«

Dies scheint mir die genaue Wahrheit zu sein. Die Wahl dieser Tage kann schwerlich zufällig erfolgt sein, und auf diese Weise erhielten die Hinrichtungen den Charakter einer Stammesrache nach dem Gesetz des Alten Testamentes. Die politischen Vertreter Großbritanniens und der Vereinigten Staaten, deren Namen mit diesen Geschehnissen verknüpft sind, haben entweder bewußt oder unbewußt der Auffassung zugestimmt, daß das europäische Christentum bei allen diesen Dingen von zweitrangiger oder gar keiner Bedeutung war. Wenn man diese Todesurteile nicht im Namen aller Opfer vollstreckte, sondern nur im Namen der einen Gruppe, dann wurden alle anderen Opfer ganz offensichtlich außerhalb des angewandten Rechtes gestellt, und das war weder gerecht noch christlich. Sie wurden nach ihrem Tode ebenso effektiv durch diese Symbolik entrechtet wie durch Hitlers Erlasse zu Lebzeiten.

In der Folge machte sich dann in der Gegend von Nürnberg derselbe geheime Einfluß bemerkbar. Viele nazistische Organisationen wurden in Nürnberg en bloc für verbrecherisch erklärt, und das bedeutete, daß Tausende von Deutschen in Haft gesetzt und monatelang oder gar jahrelang ohne Untersuchung und Urteil nicht wegen besonderen Verbrechen gefangen gehalten wurden, sondern einzig und allein weil sie Organisationen angehört hatten, in die sie unter Zwang eingetreten waren.

Ein Abgeordneter des britischen Unterhauses, Nigel Birch, stellte bei einem Besuch im August 1947 fest, daß sich allein in einem Konzentrationslager annähernd viertausend solcher Männer befanden. Er berichtete, daß die erste Frage, die man ihnen vorlegte, wenn sie endlich vor ein Gericht kamen, immer dieselbe war: »Haben Sie etwas von den Judenverfolgungen gewußt?« Die Strafe, welche diese Menschen für gewöhnlich trifft, ist die Streichung von den Wahllisten und der Zwang, sich bei der Polizei registrieren zu lassen, die Beschlagnahme ihres Eigentums und das Verbot, andere als die niedrigsten Arbeiten anzunehmen. Wieder einmal wurde die Unterstützung amerikanischer und britischer Politiker für ein mit den vorgegebenen Kriegszwecken völlig unvereinbares Ziel deutlich. Der lange Schatten von Nürnberg und von den Mächten, die hinter dem Prozeß standen, reicht bis weit in die Zukunft. Wer so mächtig ist, derartige Dinge zustande zu bringen, wie es ihm gerade paßt, wird seine Anstrengungen natürlich nicht auf Deutschland beschränken.

Siehe auch:

Agent Hitler

Die sexuelle Revolution ißt vegetarisch

2013/02/01

Kopiert und eingefügt aus Das saubere Reich von Hans Peter Bleuel.

DAS SAUBERE REICH

Seite 114, Zitat Adolf Hitler: »Die Gesellschaft der Zukunft wird vegetarisch leben.«

Seite 7, Zitat Adolf Hitler: »Wenn wir Deutschland groß machen, haben wir ein Recht, auch an uns zu denken. Wir haben es nicht nötig, uns an die bürgerlichen Vorstellungen von Ehre und Reputation zu haIten. Mögen diese Herren von der ›Guten Kinderstube‹ es sich gesagt sein lassen, daß wir das mit gutem Gewissen tun, was sie heimlich tun und mit bösem.«

Seite 11, Zitat Joseph Goebbels: »Ich hasse diese Prüderie und Sittenschnüffelei. Was hat das mit unserem Kampf zu tun? Das sind solche abgestandenen Vorstellungen von reaktionären Kaffeetanten wie der Hugenberg, die sich eine nationale Erneuerung nur mit tugendhaften Sitten und strengem Geist vorstellen können. ›Tugendbund und christlich-deutsche Tischgesellschaft‹, ›die materiellen Verluste der Nation durch Geist ersetzen‹: und wie diese blechernen patriotischen Phrasen lauten. Unser Aufbruch hat nichts mit bürgerlicher Tugend zu tun. Wir sind der Aufbruch der Kraft unserer Nation. Meinetwegen auch der Kraft ihrer Lenden. Ich werde keinem meiner Leute ihren Spaß verderben. Wenn ich von ihnen das Äußerste verlange, so muß ich ihnen auch freigeben, sich auszutoben wie sie es wollen, nicht wie es alten Betschwestern paßt. Meine Leute sind, weiß Gott, keine Engel, und sollen es nicht sein. Sie sind Landsknechte und sollen es bleiben. Ich kann Duckmäuser und Tugendbündler nicht brauchen. lch kümmere mich nicht um ihr Privatleben, so wie ich es mir verbitte, daß man hinter meinem Privatleben herschnüffelt. Die Partei hat nichts mit Konventikeln zu tun und mit diesen albernen Reden von moralischer Erneuerung aus dem Geiste und der Geschichte unseres Volkstums.«

Seite 30: Mit Selbstverständlichkeit, selbstbewußt geworden durch ihren Einsatz im Krieg, bewegten sich jetzt die Frauen aller Schichten in der Öffentlichkeit. Am auffälligsten spiegelte sich die neue Ungezwungenheit in ihrem äußeren Erscheinungsbild, in der Mode. Die gewaltigen Hutkreationen, die den Kopf zur Bedeutungslosigkeit degradierten, schrumpften zu knappen Kappen. Die bodenlangen Röcke, die zu gemessenem Wandel verpflichteten, rutschten in Kniehöhe und betonten jene Körperpartien, die zuvor auch im ehelichen Gemach noch schamvoll umhüllt waren. Der korsettgeschnürte Busen, Zeichen der Mutternatur so gut wie züchtig verdeckter Blickfang, erhielt wieder seine natürliche Form und schien in der Garçon-Linie (Anm.: Garçon-Linie würde heute vielleicht »im sonst mannhaften Auftreten« formuliert werden — »comme des garçons« bedeutet »so wie Jungen«) fast schon lästig. Die umständlich kunstvoll zu drapierende Haartracht fiel der Schere zum Opfer, der lässige Bubi-Kopf kam en vogue.

Seite 137, Zitat Adolf Hitler: »Von einer Schule wird in Zukunft der junge Mann in die andere gehoben werden. Beim Kinde beginnt es, und beim alten Kämpfer wird es enden. Keiner soll sagen, daß es für ihn eine Zeit gibt, in der er sich ausschließlich selbst überlassen sein kann.«

Seite 141: Geistliche wurden aus dem Schuldienst entfernt. Für den Religionsunterricht wurden Eckstunden gewählt: Das regte die Schüler zum Schwänzen an und erleichterte den Eltern den erwünschten Entschluß, ihre Kinder vom Religionsunterricht abzumelden. Die Einrichtung von Gemeinschaftsschulen ist auch unter diesem kirchenfeindlichen Aspekt zu sehen.

Seite 145: Entsprechend war der Lehrplan gestaltet. Es gab fünf Pflichtfächer für die ganze Schulzeit: Deutsch, Geschichte, Erdkunde, Rassenkunde und Biologie. Das waren genau jene Fächer, die für weltanschauliche Schulung prädestiniert waren. Dazu kamen ab Untersekunda — da durfte man bereits auf Mathematik verzichten — zwei Wochenstunden »Nationalpolitischer Unterricht«. Gemäß dem Konzept einer ganzheitlichen Erziehung suchte man auch die seelischen Kräfte der Jungen, ihre ästhetischen Neigungen und irrationalen Bedürfnisse weltanschaulich zu binden. Die musischen Fächer erhielten breiten Raum: Kunsterziehung, Zeichnen, handwerklicher Unterricht, Musik und Laienspiel boten reiche Gelegenheit, das mit der rechten volkhaft deutschbewußten Betonung zu tun.

Seite 150: Zeugnisse oder Versetzung gab es in der AHS nicht. Bei der ungleichartigen Vorbildung der Pimpfe ließ sich auch schwer ein befriedigender Maßstab finden. Statt dessen wurde in einer »Leistungswoche« eine Art Klassen- und Schulwettkampf veranstaltet. Die Erfinder brüsteten sich neuer Unterrichtsformen: Arbeitsgemeinschaften, der Lehrer als Kamerad seiner Schüler, das »Kampfgespräch« als neue Diskutiermethode.

Seite 168, Zitat Baldur von Schirach: »Die Erziehung der Jugend ist ein unveräußerliches Hoheitsrecht des Staates. Das Ziel der staatlichen Jugenderziehung ist die systematische Heranbildung des unbewußten Jungen zum bewußten Staatsbürger und Träger der Staatsidee.« (Anm.: Man denke jetzt um Gottes willen nicht an Hillary Clintons »So etwas wie Kinder anderer Leute gibt es nicht.« — »There is no such thing as other people’s children.«.)

Seite 170: Die politische Pädagogik des Dritten Reiches war schließlich von Erfolg gekrönt. Eltern wagten es nicht mehr, vor ihren Kindern offen zu sprechen.

Seite 225, Zitat Heinrich Himmler: »Die heutige Form der Ehe ist ein satanisches Werk der katholischen Kirche, die Ehegesetze selbst sind unmoralisch.«

Seite 225: Im Mai 1943 vertraute Himmler seinem Masseur strahlend an, der Führer habe sich entschlossen, unmittelbar nach dem Krieg die Doppelehe einzuführen.

Seite 241: Dies war wohl das auffälligste und entsprechend glossierte Element im Kaleidoskop nationalsozialistischer Bildkunst: die Aktmalerei. Prallbrüstige fleischesfrohe Frauenkörper von eindeutig zweideutigem Zuschnitt wurden unter den verwegensten Vorwänden mit anschaulichem Strich auf die Leinwand gebracht. Kammerpräsident Ziegler, der sich mit seinem detailgeübten Pinsel den Ehrentitel »Meister des Schamhaares« ermalte, hielt es vor allem mit der Allegorie. Die vier Elemente nannte er zum Beispiel ein Gemälde, auf dem vier hockende Schönheiten mit strammen Schenkeln und straffen Brüsten, symbolisch garniert mit Fackel, Ähren, einem Topf Wasser und wehenden Haarzotteln, die »Freude am gesunden Körper« ideologiegerecht demonstrierten. Gänzlich untänzerische Übergrößen zeichnen Ober- und Unterpartie seiner Terpsichore aus; dafür trägt die Muse des Tanzes im geziert gewinkelten linken Arm — der rechte ist zwecks Straffung der Brust kokett erhoben — ein neckisches Tambourstäbchen mit der Grazie eines Funken-Mariechens.

Seite 242: Paul Padua, an Formkraft dem Akademieprofessor sogar noch überlegen und in jüngerer Zeit als Prominentenporträtist geschätzt, ging weniger umständliche Wege. Seine Leda mit Schwan ist so fade obszön, wie das ein phantasieloser Zeitgeschmack nur zuließ. Der Oberbayer Sepp Hilz drapierte Fleischeslust mit rustikalem Interieur. Seine drallen Dirnen mit der ausgeprägten Bauchfalte und den plastischen Brustwarzen werden durch Bauernbett oder Barockschrank als Dorfschöne bei der Abendtoilette ausgewiesen.

Seite 293: Goebbels klagte 1942, bei einer Razzia seien über 15 Prozent der aufgegriffenen Frauen geschlechtskrank, meist syphilitisch gewesen. Die neue Linie bot willkommene Gelegenheit, unter dem Vorwand geschlechtshygienischer Erfordernisse einesteils die längst als unvermeidlich erkannte Prostitution verständnisvoll zuzugestehen, zum anderen auch diesen geheimen Teil des öffentlichen Lebens, die Unzucht, in Zucht zu nehmen. Erleichtert schier stellte der Berliner Gauleiter und Minister für Volksaufklärung fest: »Auf die Dauer werden wir wohl um die Begründung eines Bordellviertels in der Reichshauptstadt nicht herumkommen, ähnlich wie das auch in Hamburg, Nürnberg und anderen großen Städten der Fall ist. Man kann eine Vier-Millionen-Stadt nicht nach bürgerlich-moralischen Gesichtspunkten organisieren und verwalten.«

Da das Bordellwesen nun schon einmal sanktioniert war, sollte es auch in vollem Umfang dem Volkswohl dienstbar gemacht

werden. Das nahm bizzarre Formen an, die auf Himmler als dem Urheber wiesen. So experimentierte eine absonderliche wissenschaftliche Forschung mit männlichem Sperma, um ein Ersatzmittel für Bluttransfusionen herzustellen. Die Freudenhäuser wurden als Samenlieferanten herangezogen. Die Dirnen der Stuttgarter Klosterstraße, so hält ein zuverlässiges Zeugnis fest, waren verpflichtet, nur mit Präservativen zu verkehren und die spermagefüllten Reagenzbeutel nach jedem Verkehr in einem besonderen Behälter aufzubewahren, der in bestimmten Abständen von einem Sonderbeauftragten des Forschungsinstitutes abgeholt wurde.

Seite 294: Ende 1943 waren im Reichsgebiet »zum Schutze deutschen Blutes« 60 Bordelle für ausländische Arbeiter in Betrieb, 50 weitere kurz davor. Die »Einsatzstellen« waren mit rund 600 Prostituierten belegt, die in Paris, in Polen und im Reichsprotektorat Böhmen und Mähren angeworben worden waren. Sie konnten jederzeit in ihre Heimat zurückkehren. Die Baracken standen unter strenger gesundheitlicher, hygienischer und natürlich polizeilicher Kontrolle. Für Verpflegung, Heizung, Licht und Wäsche mußten die Damen einen bestimmten Tagessatz abführen. Ihre Einnahmen waren beträchtlich. Spitzenkräfte bedienten täglich bis zu fünfzig Männer. Eine Virtuosin aus Frankreich, im Bitterfelder Einsatz, erklärte, an manchen Tagen bis zu 200 Mark zu verdienen: »Sie selbst sei in Paris bereits Besitzerin von zwei Mietshäusern und hatte einen Freund dort, der für sie zwei weitere Häuser kaufen solle. Sie würde nach Ablauf ihrer Vertragszeit nach Paris zurückkehren und sich dann auf Grund ihres Besitzes von vier Häusern zur Ruhe begeben.«

Seite 300: Nach den Statistiken der Justiz fielen die Schranken zwischen Fremdarbeitern und deutschen Mädchen vor allem auf dem Land. Die Städte waren aus naheliegenden Gründen von der Entwicklung nicht so stark betroffen. Dort lebte man mit den Helfern selten in Hausgemeinschaft. Eine rassenbewußtere nationalsozialistische Einstellung war dabei gewiß nicht am Werk. Im Gegenteil, gerade unter urbanen Verhältnissen stach die Absurdität dieser Maximen noch stärker hervor, wurden die Widersprüche der Ideologen noch durchsichtiger.

Klage führte nämlich auch die Reichsstudentenführung über das unwürdige Verhalten deutscher Maiden. Unter den Studentinnen sei Verwirrung eingekehrt, weil offiziell sogar Japaner oder Siamesen für rassisch wertvoll, den Ariern gleichgestellt erklärt worden waren. Und nun waren diese deutschen Frauen instinktlos genug, ihre angeblich normalen Hemmungen gegenüber Ausländern fallenzulassen, gaben sich mit orientalischen Kommilitonen, mit Iranern und Indern ab! Die rassenpolitischen Amtswalter jedoch hatten ihren Instinkt bewahrt und rempelten diese ausländischen Gäste an, wenn sie ihnen mit deutschen Mädchen begegneten.

Seite 308: Im ostpreußischen Bezirk Holland wurde Ende 1939 bei einer ärztlichen Reihenuntersuchung von Schulmädchen festgestellt, daß viele von ihnen kurz zuvor einen Beischlaf vollzogen haben mußten. Im hessisch-ländlichen Bezirk Marburg stellte man das gleiche bei Mädchen unter vierzehn Jahren fest. In Frankfurt entsetzte sich der Generalstaatsanwalt über die Zunahme von Sittlichkeitsdelikten unter Halbwüchsigen. Das städtische Jugendamt lieferte die Beispiele. In einem Fall hatten fünf Hitlerjungen zwischen vierzehn und siebzehn Jahren vierzehnjährige Mädchen in eine Mansarde gelockt, und während drei die Opfer festhielten, wurden sie von den beiden anderen vergewaltigt. In zwei anderen Fällen ging die Aktivität von den Schulmädchen aus. Sie nutzten ihre Besuche in Soldatenunterkünften, um erste sexuelle Erfahrungen zu sammeln. Nicht einmal, sondern mehrfach, und nicht mit einem, sondem mit mehreren. Ihr Alter: dreizehn und vierzehn Jahre.

Seite 309: Drei Jungen und drei Mädchen im Alter von dreizehn Jahren fanden sich zu Übungen im Gruppensex zusammen. Zwei andere Knaben, dreizehn und sechzehn Jahre alt, holten sich zu gleichen Exerzitien drei neunjährige Mädchen. Ein Sechzehnjähriger verdingte sich als Lustknabe. Eine Volksschülerin hielt ihren Klassenkameradinnen Vorträge über Praktiken des Beischlafs und den Gebrauch von Verhütungsmitteln. Fünfzehn- und sechzehnjährige Mädchen versicherten sich gegenseitig, daß französische Kriegsgefangene »es viel besser können als die Deutschen« und bewiesen sich das durch Taten, zu denen auch »pervertierter Geschlechtsverkehr« zählte. Zwei fünfzehnjährige Mädchen zogen mit Flaksoldaten in Stellung und übten einige Abende Stellungen. Andere Schulmädchen machten daraus ein Geschäft, das sie sich in Unkenntnis ihres rassischen Wertes allerdings nur mit Groschenbeträgen honorieren ließen.

Seite 311: In Frankfurt am Main wurde 1940 die OK-Gang und der Haarlem-Klub ausgehoben. Der Klub bestand seit Anfang 1939. 88 Mädchen, dreizehn bis achtzehn Jahre alt, und 72 Jungen zwischen vierzehn und zwanzig Jahren, fanden sich da zusammen. Sie besuchten durchweg höhere Schulen und stammten aus den besseren Kreisen. Die meisten gehörten der HJ und dem BdM an. Ihre Interessen richteten sich auf Schlager, Tanz und Kaffeehausbesuche. Sie liebten auffallende Kleidung und schienen politisch uninteressiert. Das Untersuchungsprotokoll zeichnet ein Bild wahlloser und intensiver Promiskuität. — Im Freien, in Kaffees, auf Hausbällen und auf einer Skihütte bei Oberreifenberg im Taunus. Text einer Einladung: »Herren erscheinen in der Badehose, Damen: oben nichts, unten nichts, in der Mitte Hohlsaum.« Spirituosen waren auf diesen Festen reichlich vorhanden, intime Räume auch, in denen die Paare verschwinden konnten. Durch pornographische Literatur verschafften sich die Klubmitglieder Lustgewinn und Anregungen. Partnertausch war die Regel, Gefühlsbindungen kamen nicht auf.

Seite 311: Eine Siebzehnjährige ging nach einer Veranstaltung von »Glaube und Schönheit« auf Tour, war aber zu abgeschlafft: »Ich war so besoffen, daß ich geschleift wurde, deshalb ist es nicht zum Verkehr gekommen.«