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Warum bin ich nicht überrascht?

2012/03/19

Diana West über John Le Carré.

Die London Sunday Times teilt uns (am 14. September 2008) laut CNSNews.com atemlos mit, daß John Le Carre beinahe in die Sowjetunion übergelaufen wäre. Der Bestseller-Autor über die moralische Gleichheit der USA und der UdSSR im Kalten Krieg sitzt vor dem Reporter — „sein Glas Calvados umklammernd, während sich das letzte Sonnenlicht im Meer auflöst und stirbt“ — und beeindruckt ihn schwer:

„Sie waren wirklich in Versuchung?“ Ich frage ihn das mit einiger Verwunderung.

„Ja, es gab eine Zeit, da war ich es, ja“, sagt er.

„Aus ideologischen Gründen, wie der Rest — Blunt, Philby, Maclean?“

Le Carré wird heutzutage links eingeordnet — ein Konsens, der vor allem durch seine Abneigung gegen die derzeitige US-Außenpolitik geschaffen wird. Einer aus der Clique jener literarischer Größen Großbritanniens — Pinter, Hare, Amis — die über den vermeintlichen Kretin im Weißen Haus, Guantanamo und Halliburton schimpfen. Früher war er sicherlich nicht so weit links?

„Gott, nein, nein, nein. Niemals aus ideologischen Gründen, selbstverständlich nicht …“ „Warum dann?“ Geld ist es sicher nicht, denke ich mir.

„Nun, ich wurde nicht ideologisch in Versuchung geführt“, bekräftigt er, damit keine Zweifel aufkommen, „aber wenn man intensiv spioniert und Sie der Grenze näher und näher kommen … scheint es wie ein kleiner Schritt, darüber zu springen … und, wissen Sie, den Rest herauszufinden.“

Dies dürfte weniger überraschen als es zunächst scheint: wir befinden uns auf echtem Le Carré Territorium, nuanciert und komplex, wo Spionage manchmal ein Selbstzweck ist und wo es selten eine einfache, manichäische Aufteilung zwischen den Guten und den Bösen gibt. Überzulaufen war eine Versuchung, der der Schriftsteller widerstand, zu unserem Glück.

Jedem das Seine. Es liegt in erster Linie größtenteils an John Le Carres Bestsellern, wenn ich solchen Müll schreibe, daß „es selten eine einfache, manichäische Aufteilung zwischen den Guten und den Bösen gibt“. Wenn es jemals eine manichäische Aufteilung zwischen „guten Jungs“ und „bösen Jungs“ gab, war es die Aufteilung in westliche Freiheit und sowjetischen Totalitarismus. Jetzt kennen wir noch einen weiteren Grund, warum Le Carre, 76, diese Aufteilung nicht nur verweigerte, sondern solchen Totalitarismus auch niemals abstoßend fand. Es stellt sich heraus, daß er tief darin hineingezogen war.

Hier finden Sie den Originalartikel, Why Am I Not Surprised?