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Die Macht des neuen KGB

2012/01/16

Danila Galperovich interviewt Wladimir Bukowski.

(Lesen Sie außerdem hier Paul Beliens Interview mit Wladimir Bukowski vom 27. Februar 2006 „Former Soviet Dissident Warns For EU Dictatorship“ und hier Wladimir Bukowskis Vortrag in Brüssel vom 23. Februar 2006 „Wie Gorbatschow, Giscard d’Estaing und andere die EU neu erfanden“)

(weitere Anmerkungen in Klammern)

[Danila Galperovich führte dieses Interview auf svobodanews.ru durch. Yelena Glazova hat es für Frontpagemag.com ins Englische übersetzt.]

Eine der bekanntesten und angesehensten Persönlichkeiten der russischen Dissidentenbewegung, Wladimir Bukowski, sprach mit Radio Liberty über die Prinzipien und Methoden, die KGB-Agenten gegen freiheitliche Denker anwenden. Welche dieser Methoden werden in naher Zukunft in Rußland gegen die neuesten Proteste zum Einsatz kommen?

Wladimir Bukowski war schon immer ein scharfer Beobachter, wie der KGB nach dem Machtverlust im Jahr 1991 allmählich seine Stärke wiedererlangte. KGB Vertreter besetzen heute die höchsten Ränge der russischen Machtstruktur. Was wird in naher Zukunft passieren? Was sollte von den Teilnehmern der Proteste erwartet werden?

Dieses Interview wurde in England durchgeführt, zu Hause bei Wladimir Bukowski in Cambridge. Der erste Teil erschien in gedruckter Form am 30. Dezember 2011, Bukowskis 69. Geburtstag. Der zweite Teil des Interviews wird am 4. bis 5. Januar veröffentlicht. Da wir unseren Lesern die Übersetzung des Interviews präsentieren, gratulieren wir Wladimir ganz herzlich zu seinem Geburtstag.

Galperovich: Die jungen Menschen, die zu dem Treffen am Bolotnaya Platz kamen, sind eta 20-25 Jahre alt, und sie sind Manager, Geschäftsleute, Künstler; die Stammgäste und Nutzer von Facebook. Sie verstehen das Phänomen des KGB nicht wirklich, weil der KGB in ihrem Leben nicht als ein sichtbares Phänomen existierte. Dennoch wird diese junge Generation mit den KGB-Agenten, die Schlüsselpositionen des Landes besetzen, zu tun haben. Was sollten diese jungen Leute über ihre Gegner wissen? Was sollten sie erwarten? Welches Bewußtsein ist für diese jungen Menschen in ihrem Kampf von zentraler Bedeutung?

Bukowski: Lassen Sie mich zunächst betonen, daß die KGB-Agenten in den letzten zwanzig Jahren viel von ihrem qualitativen Scharfsinn verloren haben. Zu meiner Zeit überwachte das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei die Aktivitäten des KGB, und ohne die Erlaubnis des Zentralkomitees war der KGB nicht einmal in der Lage, Durchsuchungen auszuführen. Diese Kontrolle von oben sorgte für geschliffenes Verhalten und präzise Aktionen; das Zentralkomitee konnte KGB-Agenten immer bestrafen, wenn sie zum Beispiel Fehler machten oder vorsätzlich und ohne Genehmigung handelten. Folglich war der KGB sehr diszipliniert, sehr professionell. Und obwohl diese Agenten auf der Höhe ihres Spiels waren, konnten wir trotzdem viele Siege erzielen, sozusagen auf ihrem eigenen Spielfeld. Alles in allem schnitten sie im Vergleich zu Stalins NKWD nicht mehr so gut ab.

Nach meiner Zeit sind sie jedoch viel tiefer gesunken. Ich bin häufig erstaunt — ihr Niveau entspricht dem einer unfähigen Landwehr aus der Provinz: sie sind nicht der KGB von früher. Sie können nicht einmal Gebäude in ihrer Hauptstadt sprengen, ohne sich zu enttarnen und Spuren zu hinterlassen. Genosse Stalin hätte sie alle erschossen. Als sie zum Beispiel Selimchan Yandarbiev in Katar töteten und danach sofort gefaßt wurden, erschien dies fast unwirklich. Warum beschlossen sie zu handeln, wenn sie von Kameras beobachtet werden? Wieso verwenden sie Telefone, die sich zurückverfolgen lassen und reisen dann zum Landhaus eines Diplomaten? Zu unserer Zeit wäre das undenkbar gewesen. Die damaligen Agenten waren viel qualifizierter.

Doch diese Realität hat auch einen erschreckenden Aspekt — diese Menschen begehen Morde, ohne wirklich nachzudenken oder zu planen und das mit voller Hingabe. Um in der Sowjetära einen Mord zu begehen, mußte man einen Plan machen, das Ziel längere Zeit beobachten, den Plan an das Zentralkomitee einreichen und dann auf die Genehmigung warten. Dies würde einige Zeit dauern. Deshalb wollte der KGB viele Morde nicht [verüben]; man mußte lange und hart arbeiten, um Morde vorzubereiten und sich mit viel Bürokratie befassen. Es war viel einfacher, die Person zu verhaften und ins Gefängnis zu schicken und dann in den Gulag. Aber heute ist es einfacher, zu töten, als zu verhaften — zu verhaften heißt, die Öffentlichkeit einzuladen, Offenheit (Glasnost) zu initiieren, Anwälte anzuziehen, und sogar die Presse, egal wie schwach oder minderwertig sie ist. Die Agenten wollen diesen Lärm nicht. Für sie haben Verhaftungen gefährliche Folgen.

Sasha Litwinenko war die erste Person, die mir diese neue Realität erklärte. Er erzählte mir, daß KGB-Agenten Morde planen, während sie in ihrer Cafeteria sitzen. Hier ist seine Geschichte: „Ich sitze ruhig da und esse meine Suppe. Ein Kollege aus einer benachbarten Abteilung setzt sich zu mir und fragt, ob ich zuverlässige kriminelle Kontakte habe. Ich sage, daß ich sie habe. Dann erklärt er: ‚Wir müssen den Deutschen aus dem Weg schaffen.‘ Ich frage: ‚Was meinen Sie mit aus dem Weg schaffen?‘ Und er sagt: ‚Es wäre auch für Sie gut; 30 Tausend ist Ihr Anteil.'“ So erledigen sie jetzt ihre Geschäfte, und so lösen sie ihre Probleme. Dies muß verstanden werden. Vergleichen Sie unsere damalige Zeit mit der heutigen, dann weist dieses Muster auf einen wichtigen, überraschenden Unterschied. Und gleichzeitig machen diese Agenten fortwährend die dümmsten Fehler. In der Sowjetunion gab es das „weise“ Zentralkomitee der Partei, wegen seiner Macht und seiner Kontrolle vom KGB gehaßt; die Agenten freuten sich, als sie von dieser Kontrolle endlich befreit waren, doch nun machen sie Fehler. Nichts funktioniert wirklich so, wie es sollte.

Galperovich: Können sie die Teilnehmer der Protestbewegung töten, die sie für die gefährlichsten halten?

Bukowski: Zu unserer Zeit war es schwierig, doch jetzt … Ich begann mit der Diskussion der Unterschiede zwischen dem sowjetischen KGB und dem KGB von heute — ich ziehe es vor, den FSB bei seinem alten Namen zu nennen. Ich muß aber auch auf einige grundlegende Gemeinsamkeiten aufmerksam machen, die, wie auch immer, bestehen bleiben. Das erste, was sich die neuen Demonstranten vor Augen halten sollten, ist, daß es aussichtslos ist, mit dem KGB irgend etwas zu vereinbaren. Alle westlichen Politiker — mit Ausnahme von Ronald Reagan — machen hier einen grundlegenden Fehler. Westliche Politiker begreifen einfach nicht, daß es unter der Spezies des Homosapiens diesen ganz besonderen Typus gibt. Mit den Vertretern dieses Typus können Sie keine Vereinbarungen treffen, weil sie nicht vorhaben, Vereinbarungen zu treffen. Ihre Aufgabe ist es, Sie zu ihren Agenten zu machen. Sie sind entweder ein Agent — potenziell oder tatsächlich — oder ein Feind; etwas anderes existiert nichts. Sie denken vielleicht, daß Sie sich selbst auf eine zivilisierte Art und Weise benehmen, wenn Sie irgendwelche Kompromisse finden, aber für sie ist jeder Kompromiss ein Zeichen von Schwäche, und es bedeutet, daß weiter Druck und Zwang aus Sie ausgeübt werden sollte. Man muß also eines bedenken — je schneller man sie durchschaut, desto weniger ist man ihr Opfer.

Ich kann Ihnen eine Geschichte erzählen. Nun, sie klingt manchmal etwas umgangssprachlich, aber ich werde versuchen, die Ecken und Kanten zu glätten.

In unserem Lager traf ich einen alten Lehrer aus Zakarpattia Oblast im Südwesten der Ukraine. Er war ein Gelehrter, konnte fünf Sprachen, war ein außergewöhnlicher Mensch. Doch ganz plötzlich fängt unser Vorgesetzter an, ihn zu bestrafen und ihn für 15 Tage in Isolationshaft zu schicken, und wiederholt dies immer wieder. Unter den Gefangenen gab es in den Lagern diesen multi-ethnischen Ausschuß — oder wie er genannt wurde. Menschen verschiedener Nationalitäten — Armenier, Juden, Ukrainer, Russen, Litauer — versammelten sich, um die Situation in der Zone zu diskutieren. Und hier taucht das neue Problem auf — unserem intelligenten Lehrer zu helfen. Ich, anstatt den Mund zu halten, sage: „Der Vorgesetzte versucht, aus ihm einen Spitzel zu machen, und unser Lehrer ist nicht in der Lage, sie alle zur Hölle zu schicken. Man sollte so schnell wie möglich das übelste Arsenal an Schimpfwörtern verwenden. Eine andere Sprache verstehen sie nicht.“

Nun, jede Initiative ist strafbar. Der Ausschuß beschloß, daß ich dem Lehrer die Situation erklären soll, sobald er aus seiner neuen Einzelhaft zurückkehrt.

Als der Lehrer aus seiner Einzelzelle kam, erklärte ich ihm die Situation und versuchte, ihm beizubringen, wie man flucht. Um die russische „Mat“, die Vulgärsprache des Fluchens (mit möglichst vielen F-Wörtern), in vollem Umfang zu nutzen — nach dem System von Stanislawski. Doch die Lippen des Lehrers wollten sich nicht bewegen. Er konnte es einfach nicht sagen. Er konnte fünf Sprachen, aber er konnte nicht fluchen. Drei Stunden wies ich ihn an. Schließlich lernte er; er begriff die Situation in voller Tiefe. Das nächste Mal, als ihn der Vorgesetzte für 15 Tage in die Isolationshaft schickte, fluchte der Lehrer laut und schmutzig, und als er mit seinen 15 Tagen fertig war, faßten sie ihn nie wieder an.

Diese Geschichte ist in der Tat eine Gulag Parabel. Sie zeigt, daß man sich gegenüber dem KGB nicht anders verhalten kann. Subtilität verstehen sie nicht; ihre Köpfe funktionieren anders. Sie wurden nur in einer Richtung ausgebildet. Und wenn Sie sie nicht mit den übelsten F-Wörtern loswerden können, halsen Sie sich ein großes Leid auf.

Galperovich: Also, diese Agenten sehen sich jetzt mit einem Massenprotest konfrontiert. Es hat in Rußland seit dem Ende der 1980er Jahre keine Massenproteste gegeben. Was wird der KGB jetzt tun?

Bukowski: Die Erfahrung gegnerischer Massenbewegungen machte der KGB während der Perestroika. Damals entschieden die Politiker, Massenbewegungen für ihre Zwecke zu entwickeln und zu pflegen. Und der KGB sollte sie kontrollieren und lenken, und diese Aufgabe wurde pflichtgemäß durchgeführt. Die Tatsache, daß niemand auf dieser Erde Massenbewegungen kontrollieren kann, ist eine ganz andere Frage. Der (von der Geheimpolizei unterstützte) Priester (Georgi Apollonowitsch) Gapon, das Phänomen Zubatovschina und sein Netzwerk aus Doppelagenten (des Polizeichefs Zubatov) — hier haben Sie die besten Beispiele für das unvermeidliche Scheitern dieser Versuche. Die Dienste dieser Agenten führten zur Revolution von 1905. Und dieses Muster taucht unvermeidlich wieder auf. Die Logik ist einfach: das Netz der Agenten, das die Massenagitation zu kontrollieren versucht, wird schließlich vor einem unausweichlichen Dilemma stehen. Die soziale Atmosphäre wird zu gegebener Zeit immer politischer und radikaler; die Protestbewegungen werden schärfer. Wenn die KGB-Strukturen diesem Prozeß widerstehen, werden sie überrumpelt und ihre Macht verlieren; wenn sie mitmachen, verlieren sie ihren Einfluß. Und dann, an einem ganz bestimmten Punkt dieses sehr dynamischen Prozesses — verlieren sie über die Massenbewegungen ihre Kontrolle.

Dennoch haben sie in der Manipulation der Massen sehr viel Erfahrung erworben. Man sollte nicht glauben, daß sie die 1980er Jahre mit Nichtstun verplemperten. Sie studierten die Muster der Manipulation und die Kontrolle der Massenagitation. Es ist auch wahr, daß dies Standardmethoden sind; der KGB hat sie nicht erfunden. Agenten aufzustellen, falsche Bewegungen zu schaffen — verschiedene „Volksfronten“ — all das ist nicht neu. Daß diese Methoden eingesetzt werden, daran habe ich keinen Zweifel. Dies sollte man erwarten. Es tauchen bereits einige Persönlichkeiten auf — ich will sie nicht nennen — die mich argwöhnisch werden lassen. Ich sehe sie mir an und etwas bleibt unklar. Aus welchen Tiefen sind sie aufgetaucht?

Galperovich: Aber da ist (Boris) Nemtsow (von der „Union der rechten Kräfte“, SPS), da ist (Georgi) Jawlinski (der Chef der Jabloko-Partei), da sind verschiedene Arten von Menschen, die nicht neu sind. Haben Sie das Gefühl, daß diese Menschen in diesen neuen Prozessen eine Zukunftsperspektive haben?

Bukowski: Einige dieser Leute haben natürlich eine Zukunft. Nemtsow zum Beispiel. Er besitzt eine einzigartige Kombination: auf der einen Seite hat er Führungserfahrung, da er Teil der Regierung war, selbst ein Gouverneur war, was in der Opposition sonst bei niemandem der Fall ist. Auf der anderen Seite sind seine Erfahrungen als Teil der Opposition glaubwürdig, und in dieser Hinsicht besitzt er Autorität. Ich bin mir sicher, daß man ihn brauchen wird. Was ist mit dem Rest? Die Persönlichkeiten, die in der Opposition am sichtbarsten sind, werden von der breiten Bevölkerung als Option nicht akzeptiert.

Zum Beispiel, mein Freund (der Ex-Schachweltmeister) Garri Gasparow — er ist ihnen zu intelligent, zu weit entfernt vom Volk, zumindest aus ihrer Sicht. (Eduard) Limonow ist eine sehr wichtige Persönlichkeit. Für einen bestimmten Teil der Jugend ist und bleibt er ein Führer — das ist unbestreitbar. Doch dies ist ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung. Von einer breiten Bevölkerung wird er nicht akzeptiert. Jawlinski hat auf allen Seiten gearbeitet. Er ist seit 1990 in der Politik und hat alle Wege versucht, Kompromisse akzeptiert, war in vielen komplexen Situationen, und all dies bleibt in Erinnerung, diese Last der Vergangenheit wird nicht vergessen. Also glaube ich nicht, daß Jawlinski vorhat, ein Führer zu werden.

Ich glaube tatsächlich, daß wir die wirklichen Führer nicht kennen. Normalerweise tauchen die Führer dann auf, wenn der Druck am größten ist, wenn es, symbolisch gesprochen, Zeit ist, auf die Barrikaden zu gehen. Dann werden Menschen, die klug und fähig sind, die sich aber auf ihre eigenen Aufgaben konzentrieren, ihre unmittelbaren Berufe verlassen und auf die Barrikaden gehen, weil es nicht mehr möglich ist, sich zu verstecken. Der Protest wird dann von innen heraus zur Notwendigkeit. Dann werden die wirklichen Führer erscheinen — im Moment der Konfrontation! Die wirklichen Führer können weder in friedlichen Zeiten auftauchen, noch kann in der friedlichen Atmosphäre von innen heraus eine ernsthafte Opposition entstehen. Ohne eine offene Konfrontation gibt es keine Opposition! An diesem Punkt schwellen die Proteste in den verschiedenen Schichten der Öffentlichkeit an — durch diejenigen, die nicht sicher sind, womit sie sich identifizieren sollen — also gehen sie zu verschiedenen Treffen. Der Rest ist mit seinen eigenen unmittelbaren Aufgaben beschäftigt. Eine echte Krise setzt privaten Aufgaben jedoch ein Ende. Zu diesem Zeitpunkt wird es unmöglich, privaten Beschäftigungen nachzugehen.

Galperovich: Dies ist also keine Krise?

Bukowski: Ich denke, daß die erste schwere Krise im Frühjahr stattfinden wird, im März oder April. Jetzt gibt es Aufwärmphasen, Schwellungen, die sich von innen aufschaukeln. Diese Stimmung wird im Frühling radikaler. Präsidentschaftswahlen werden im Vergleich zu Parlamentswahlen in der Regel als ein Prozeß angesehen, der schwerer wiegt. Was ist ein Parlament? Was kann es tun, selbst wenn es aus den idealen Mitgliedern besteht? Aber die Präsidentenwahl in Rußland ist ein schwerer Schritt — eine Person wird der Zar des Landes! Und das erzeugt Emotionen, Stimmungen, psychologische Intensität! Man muß kein Wahrsager sein, um vorauszusehen, daß die Ergebnisse der Präsidentschaftswahlen gefälscht werden — in der gleichen Weise wie die Parlamentswahlen, sogar noch mehr. Und dieser eklatante Betrug wird wieder einmal enthüllt. Es geht nicht anders, das Land ist sehr weit! Man sollte eine sprunghafte Zuspitzung der Auseinandersetzungen erwarten.

Schon jetzt hat sich die Situation sprungweise entwickelt, am 31. August gingen rund tausend Menschen zum Platz des Triumphes, während bereits 40.000 zu einer Kundgebung am Bolotnaya-Platz gingen. Die Beobachter sagen, es waren mehr — vielleicht 60.000. Dies ist eindeutig ein sehr sprunghafter Start. Man kann natürlich immer analysieren, warum dies geschah, aber man kann nicht die Realität dieses überraschenden Anstiegs negieren. Man kann nicht den Prozeß der Unruhen und Radikalisierung in der Gesellschaft verneinen. Und man muß mit einem ähnlichen Sprung im Frühling rechnen. Dies ist keine komplexe Prognose; es ist leicht absehbar. Und dann wird die Krise beginnen, und es wird Barrikaden geben, in welcher Form auch immer. Und dann werden Sie sehr viele Menschen sehen, die aus mittelmäßigen Unternehmen auftauchen, ihre Buchhaltung zur Seite legen und auf den Platz gehen, weil es sonst keine Zukunft gibt.

Das Gespräch wurde am 2. Januar 2012 um 4:00 Uhr und um 15.00 Uhr Moskauer Zeit auf russisch in einer Sonderausgabe der Sendung „Von Angesicht zu Angesicht“ [„Лицом к лицу„] ausgestrahlt.

Bücher von Wladimir Bukowski finden Sie hier.

Hier finden Sie den Originalartikel, The Power of the New KGB.

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Eine historische Taktik der Linken: Nicht die Ideologie ist schuld, sondern der Vorgänger

2011/12/16

Ion Mihai Pacepa über Chruschtschow, Breschnew, Andropow, Ceausescu, Gorbatschow, Jelzin, Putin, Occupy Wall Street und die immer wieder neu aufgelegte Platte des Marxismus mit menschlichem Antlitz.

Termini technici
political necrophagy: politische Nekrophagie (neomarxistische Strategie der Vergangenheitsbewältigung)

(Generalleutnant Ion Mihai Pacepa ist der höchste Vertreter, der jemals aus dem Ostblock übergelaufen ist.

Zwischen 1957 und 1960 diente er als Chef der rumänischen Geheimdienststation in der BRD, zwischen 1972 und 1978 war er stellvertretender Chef des Auslandsgeheimdienstes.

Pacepa setzte sich im Juli 1978 im Zuge eines Aufenthaltes in der US-amerikanischen Botschaft in Bonn ab. Dorthin war er von Ceausescu mit einer Nachricht für Bundeskanzler Helmut Schmidt geschickt worden. Geheim wurde er in einer US-Militärmaschine auf die Andrews Air Force Base in der Nähe von Washington, D.C. ausgeflogen. Im September 1978 wurde Pacepa in Rumänien zum Tode verurteilt.

Ceausescu setzte eine Belohnung in Höhe von zwei Millionen Dollar auf seinen Kopf aus. Auch Yassir Arafat, über den Pacepa berichtet hatte, er sei homosexuell, und Muammar al-Gaddafi boten eine Million Dollar.

1989 wurde der rumänische Tyrann Nicolae Ceausescu nach einem Prozeß hingerichtet, dessen Haupt-Anklagepunkte Pacepas Buch „Red Horizons“ entnommen wurden, das anschließend in 27 Ländern wiederveröffentlicht wurde.)

Ich habe diese Strategie in der Sowjetunion erlebt, und jetzt sehe ich sie bei Occupy Wall Street. Sie schlägt immer fehl.

Die chaotische Occupy Wall Street Bewegung ist das Ergebnis der chaotischen Bemühungen der Demokratischen Partei, Bösewichte für ihre chaotische Wirtschaftspolitik zu finden, die 14 Millionen Amerikaner ihre Arbeit verlieren ließ. Die US-Verschuldung hat jetzt 15.000.000.000.000 Dollar erreicht, ein noch nie erreichtes Ausmaß, höher als die Gesamtverschuldung aller 41 Präsidenten von George Washington bis George H.W. Bush zusammen. Das bedeutet eine Schuld von 35.835 Dollar für jeden amerikanischen Haushalt. Das BIP fiel von einem Wachstum von 4,5% im ersten Quartal 2011 auf 1,3% im zweiten Quartal 2011.

Anstatt sich am Riemen zu reißen und die Produktion — nicht die Umverteilung — von Reichtum zu förden, machten die Demokratischen Führer im Weißen Haus und US-Senat den ehemaligen Präsidenten George W. Bush für die aktuelle wirtschaftliche Katastrophe verantwortlich. Kein Amerikaner hat es so richtig geglaubt. Also machten die Demokraten den japanischen Tsunami verantwortlich. Auch Pech. Den arabischen Frühling und die europäische Wirtschafts-Krise verantwortlich zu machen, führte auch nicht zum gewünschten Ergebnis. Jetzt machen die Demokraten Wall Street — was auch immer das heißt — und die Reichen verantwortlich. Sie sind das eigentliche Übel. Sie saugen den Menschen das Blut aus und zerstören Amerika.

Im Allerheiligsten des ehemaligen sowjetischen Imperiums, dem ich einst angehörte, wurde die Suche nach einem Sündenbock für die Fehler des Führers eines Landes als „politische Nekrophagie“ bezeichnet. Obwohl der Marxismus verkündet, daß „das Volk“ die entscheidende Rolle in der Geschichte spielen muß, glaubten die Marxisten, die auf dem Kreml-Thron saßen, daß nur der Führer zählt. Aus dem Munde von Chruschtschow selbst konnte ich immer und immer wieder hören: „Ändere das Bild des Führers in der Öffentlichkeit, und du änderst die Geschichte.“

Am 26. Februar 1956 erblickte die geheime „Wissenschaft“ der politischen Nekrophagie im Kreml das Licht der Welt. An diesem Tag enthüllte Chruschtschow in einer vierstündigen „Geheimrede“ „Stalins Verbrechen“ — um ihre Bedeutung zu betonen um Mitternacht unter einer geheimnisschwangeren Wolke während des öffentlichkeitswirksamen XX. Kongresses der Kommunistischen Partei der Sowjetunion.

New York Times Journalist Harry Schwartz schrieb: „Chruschtschow öffnete die Türen und Fenster einer versteinerten Struktur. Er ließ frische Luft und frische Ideen einströmen, die Änderungen hervorriefen, die, wie, wie sich bereits gezeigt hat, irreversibel und grundlegend sind.“

In Wirklichkeit war Chruschtschows „Geheimrede“ nur eine Show, die von der Brutalität des sowjetischen Marxismus und von seinem eigenen Bild als „Schlächter der Ukraine“ ablenken sollte. Nicht der Marxismus war Schuld, daß in der Sowjetunion 20 Millionen Menschen barbarisch getötet wurden, um den Marxismus zur einzigen Religion zu machen — es war alles Stalins Schuld. Nicht der Marxismus war Schuld, daß in den Jahren, als Chruschtschow der Vizekönig des Kremls in Kiew war, Hunderttausende von Ukrainern hingerichtet wurden — auch das war alles Stalins Schuld.

Ein paar Tage nach Chruschtschows „Geheimrede“ brachte sein brandneuer Geheimdienstchef, General Aleksandr Sakharovsky — der ehemalige Chefberater des sowjetischen Geheimdienstes für Rumänien — den Text meinem rumänischen Auslandsnachrichtendienst, dem DIE (Departamentul de Informatii Externe). „Dies ist das geheimste Dokument, das ich jemals in meiner Hand gehalten habe“, erzählte uns Sakharovsky — mit einem Augenzwinkern.

Er bat uns, die „Geheimrede“ an den israelischen Mossad weiterzuleiten, der gerade Diskussionen über ein geheimes Tauschgeschäft mit dem DIE begonnen hatte, um rumänischen Juden im Tausch gegen amerikanische Dollars die Auswanderung nach Israel zu ermöglichen. Das DIE spielte die Geheimrede gehorsam dem Mossad zu, der zu dieser Zeit eng mit der amerikanischen CIA zusammenarbeitete.

Im Juni 1956 wurde Chruschtschows „Geheimrede“ von der New York Times veröffentlicht, die einräumte, sie von der CIA bekommen zu haben. Darüber, wie diese Rede zur New York Times gelangte, gibt es viele öffentliche Versionen — der Mossad ist für die Verschleierung seiner Aktivitäten bekannt. Wie auch immer, Sakharovsky dankte dem DIE ein paar Monate später dafür, ihm geholfen zu haben, Chruschtschows neuen „Kommunismus mit menschlichem Antlitz“ der Welt vorzustellen.

Bald darauf wurde Chruschtschows „Geheimrede“ im gesamten Ostblock in allen Organisationen und Medien der Kommunistischen Partei diskutiert. Der Marxismus war rehabilitiert.

Rumäniens erster kommunistischer Herrscher, Gheorghe Gheorghiu-Dej, starb nur wenige Monate nachdem Chruschtschow gestürzt wurde, und die politische Nekrophagie erreichte nun auch Rumänien. Wie auf dem Balkan nicht anders zu erwarten, kam Rumäniens politische Nekrophagie in einer herrlich byzantinischen Färbung daher. „Wir brauchen keine Idole“, erklärte Nicolae Ceausescu, der neue Herrscher, dem Plebs. Dann „demaskierte“ Ceausescu den „beispiellosen“ Personenkult seines Vorgängers, und erlaubte dem Plebs, seine Augen auf den opulenten Palast von Gheorghiu-Dej zu werfen. Es dauerte nicht lange, bis sich Ceausescu selbst zum „Laien-Gott“ erklärte und rühmte, „ein Mensch wie ich wird alle 500 Jahre nur einmal geboren“. Ein paar Jahre später gründete Ceausescu die erste kommunistische Dynastie, und begann abwechselnd in 21 luxuriös eingerichteten Palästen, 41 „Wohn-Villen“ und 20 Jagdhütten zu residieren.

Nach Chruschtschow wurde die politische Nekrophagie im Kreml die Regel. Breschnew beschuldigte Chruschtschow, die Einheit der kommunistischen Welt zerstört zu haben. Als Gorbatschow kam, warf er Breschnew vor, die sowjetische Wirtschaft verwüstet zu haben. Gorbatschow hatte sogar einige von Breschnews Verwandten verhaften lassen — in einem offensichtlichen Versuch, zu beweisen, daß die sowjetische Wirtschaft durch korrupte Individuen verwüstet worden war und nicht durch den Marxismus. Jelzin beschuldigte Gorbatschows Perestroika, das „Land in den Ruin zu führen“ und dann gab Putin Jelzin die Schuld für den „Untergang der Sowjetunion, die größte Katastrophe des Jahrhunderts.“

Im Jahr 2004 — als unser Krieg im Irak auf die ersten Schwierigkeiten stieß — schmuggelte die Demokratische Partei die politische Nekrophagie des Kremls in die Vereinigten Staaten. Obwohl der Krieg von 296 Mitgliedern des Repräsentantenhauses und 76 Senatoren autorisiert war, bezeichneten ihn die Führer der Demokratischen Partei als Bushs Krieg. „Bush hat gelogen, Menschen sind gestorben“ („Bush lied, people died“) wurde zum Slogan der Demokratischen Partei, deren Führer plötzlich vergessen hatten, daß auch sie für diesen Krieg gestimmt hatten.

Die Fußmatte am Eingang zum Büro des Bundesvorsitzenden der Demokratischen Partei, Terry McAuliffe, stellte den US-Präsidenten dar und trug die Aufschrift „Gib Bush einen Tritt“ („Give Bush the Boot“). Der Demokratische Senator Tom Daschle, der Minderheitenführer, nannte Präsident Bush einen unglücklichen Störfall. Der pensionierte General Wesley Clark, ein ehemaliger NATO-Oberbefehlshaber, der ein Führer der Demokratischen Partei mit Blick auf das Weiße Haus wurde, forderte den Kongreß auf, zu „prüfen, ob Präsident Bush ein Verbrecher war, als er einen Krieg gegen Saddam Hussein befürwortete“. Im Jahr 2004 konzentrierte sich die Demokratische Nationalversammlung (Democratic National Convention) fast ausschließlich auf politische Nekrophagie. Mit Ausnahme von Senator Joe Lieberman verunglimpften alle anderen Sprecher den US-Präsidenten.

Zwei Tage nach Beendigung dieses Kongresses erklärte Teresa Heinz Kerry, die Ehefrau des demokratischen Kandidaten für das Weiße Haus, daß vier weitere Jahre der Bush-Regierung für Amerika vier weitere Jahre der Hölle bedeuten. Wie sie bin auch ich ein Einwanderer. Ich habe meine 33 Jahre in Amerika unter sechs Präsidenten verbracht — einige besser als andere –, aber ich habe immer das Gefühl gehabt, daß ich im besten Land der Welt lebe. Und in jenem Wahljahr hatte auch die überwältigende Mehrheit der Amerikaner dieses Gefühl.

Präsident Bush wurde wiedergewählt, aber die politische Nekrophagie der Demokratischen Partei hatte das internationale Ansehen der Vereinigten Staaten so unglaublich herabgesetzt, daß die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa dem Rest der Welt bescheinigen mußte, daß die Vereinigten Staaten im November 2004 freie Wahlen hatten.

Jetzt nähern wir uns wichtigen Neuwahlen, und die Demokratische Partei greift zu einer neuen Form der politischen Nekrophagie. „Zieht eure Pantoffeln aus und steigt in eure Schuhe zum Marschieren“ wurde der neue Slogan der Demokratischen Partei. Das Ergebnis: Occupy Wall Street Zeltlager.

Für Millionen von Menschen, die nach Freiheit strebten und in die Vereinigten Staaten kamen, war die amerikanische Staatsbürgerschaft der höchste Traum — wie für mich. Nun aber ersetzt die Demokratische Partei die amerikanische Staatsbürgerschaft durch ein „Ash-Sha’b yurid isqat an-nizam“ — „das Volk will den Sturz des Regimes“. „Bringt einen offenen Geist und einen Schlafsack“, schrieben die Organisatoren von Occupy Wall Street auf Facebook und Twitter. „Es wird eine große Sache und es wird global.“

Diese durch die politische Nekrophagie der Demokratischen Partei generierte Anarchistenbewegung hat sich in mehr als 200 Städten in den USA sowie 82 weiteren Ländern ausgebreitet.

Die politische Nekrophagie von Chruschtschow erschütterte das Bild der Sowjetunion als Arbeiter-Paradies. Die politische Nekrophagie und die Occupy Wall Street Zeltlager der Demokratischen Partei erschüttern das Bild der Vereinigten Staaten als Führer der freien Welt.

Ich könnte ein ganzes Buch über politische Nekrophagie schreiben, und vielleicht werde ich es eines Tages tun. Hier möchte ich nur sagen, daß, politische Nekrophagie — nach meiner Erfahrung — ein gefährliches Spiel ist. Sie verletzt den Nationalstolz der Menschen, und in der Regel wendet sie sich gegen den Verursacher.

Am 14. Oktober 1964 wurde Chruschtschow zum ersten sowjetischen Führer, der jemals entthront wurde. Das sowjetische Politbüro schätzte seine politische Nekrophagie als so unberechenbar und gefährlich ein, daß es ihn unter Hausarrest stellte — bewacht vom KGB, für den Rest seines Lebens. Als Chruschtschow starb, verfügte Breschnew, daß sein Vorgänger den historischen Respekt des Landes gegenüber dem Kreml schwer geschädigt hatte, und daß er unwürdig wäre, an der Kreml-Mauer neben den anderen ehemaligen Führern beigesetzt zu werden. Die sowjetische Regierung weigerte sich sogar, Chruschtschows Grabstein zu bezahlen. 1972, als ich Chruschtschows Grab auf dem Friedhof von Novodevichi besuchte, gab es darauf nur einen kleinen unbedeutenden Hinweis.

Leonid Breschnew, der Chruschtschow absetzte, endete dann aber so, daß er von den Russen und vom Rest der Welt als selbstverherrlichende Karikatur gesehen wurde. Seine politische Nekrophgie und sein Personenkult beschädigten das internationale Ansehen der Sowjetunion in einem solchen Maße, daß der KGB entschied, den Kreml zu übernehmen.

Yury Andropow, der erste Offizier des KGB, der im Kreml inthronisiert wurde, begann, die Sowjetunion in ein Land umzuwandeln, in dem, hinter einer Fassade des Marxismus, die politische Polizei des Herrschers den Vorrang über das ursprüngliche Werkzeug zur Führung des Landes einnahm — die Kommunistische Partei. Bereits todkrank, starb Andropow, bevor er seine Aufgabe erfüllen konnte.

Michail Gorbatschow, dessen Glasnost und Perestroika als ein Akt der politischen Nekrophagie geschildert wurden, die Rußlands historische Traditionen ändern sollten, endete im Exil.

Im Dezember 1989 wurde der rumänische Tyrannen Nicolae Ceausescu hingerichtet. Das außerordentliche Gericht, das ihn zum Tode verurteilte, entschied, daß seine politische Nekrophagie und sein anschließender Personenkult Rumäniens traditionellen Respekt gegenüber seinen Führern entehrt hatten, und daß er nicht einmal einen Sarg und ein Grab verdient. Ceausescus Leiche wurde deshalb in einen Beutel gepackt und in einem Fußball-Stadion in den Müll geworfen.

Die Sowjetunion und das kommunistische Rumänien waren extreme Fälle. Aber auch in den Vereinigten Staaten wird die politische Nekrophagie nicht funktionieren. Es gibt hier eine lange Tradition, die gewählten Führer zu respektieren. Während des Zweiten Weltkriegs gaben 405.399 Amerikaner ihr Leben, um den Nationalsozialismus und den Holocaust zu besiegen, aber die USA standen hinter ihrem Präsidenten. Die Vereinigten Staaten hielten während dieses Krieges Wahlen ab, aber kein Bewerber für ein Amt hatte auch nur daran gedacht, auf der Suche nach einem persönlichen Sieg die Einheit des Landes zu schädigen.

Die amerikanischen Traditionen können weder durch politische Nekrophagie noch durch demonstrierende Occupy Wall Street Mobs geändert werden.

Hier finden Sie den Originalartikel, Blame the Predecessor, Not the Ideology: A Historical Leftist Tactic.