Archive for the ‘Bastille’ Category

Der Sturm auf die Bastille fand nicht statt

2013/01/21

Kopiert und eingefügt aus »Niemand hat Kolumbus ausgelacht« von Gerhard Prause.

(Eigentlich Pipifax, denn das, was 1966 potentiell jeder ZEIT-Leser wußte, müßte heute eigentlich jedem bekannt sein, der sein Internet-Erdloch hin und wieder verläßt — WARNUNG: Wer jetzt gleich glauben sollte, in der Schule seine Lehrer aufklären zu können, begeht unter Umständen, je nach politischer Wetterlage oder Wahlverhalten des Lehrers, einen tödlichen Fehler.)

21

Manchmal erhält ein Ereignis erst durch die Legende seine große Bedeutung. So war es bei einem der bekanntesten der neueren Geschichte, bei dem »Sturm auf die Bastille« am 14. Juli 1789. Es ist der Beginn der Französischen Revolution, die das Zeitalter des Despotismus beendete und den Menschen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit verkündete. Alljährlich am 14. Juli tanzen die Franzosen auf den Straßen, um jenes Sturms auf das verhaßte »Bollwerk des Despotismus« zu gedenken.

Wer es genauer wissen will und nachliest, warum sie tanzen an ihrem Nationalfeiertag, der erfährt von den fünfzehn Kanonen der Bastille, die an jenem 14. Juli unentwegt auf das Volk feuerten und zahlreiche Opfer forderten. Von nahezu hundert Toten liest er und ebenso vielen Verwundeten, von denen noch fünfzehn ihren Wunden erlagen. Er liest von einem mehrstündigen erbitterten Gewehrfeuer und einer Mauerbresche (Anm.: Eine Bresche in einer Mauer mit einer Stärke von gefühlten unendlichen 3 Metern?), durch die das Volk in die verhaßte Zwingburg hineinstürmte, um die in den Kerkern schmachtenden Gefangenen, die unschuldigen Opfer der Tyrannei, zu befreien, die dann als »Märtyrer des Königsdespotismus« im Triumph durch die Straßen von Paris geführt wurden. Natürlich liest er auch von den Helden, den Siegern oder — das war später der offizielle Titel — den »Erstürmern der Bastille«. 863 Pariser waren berechtigt, diesen Titel zu führen, mit dem der Bezug einer Ehrenrente verbunden war. Einige müssen ihren Lohn bis ins hohe Alter bekommen haben; denn noch das Budget von 1874 spricht von Leuten, die als »Erstürmer der Bastille« Pensionen erhielten …

Alles das ist schwarz auf weiß nachzulesen. Und doch verlief der 14. Juli 1789 ganz anders. In Wahrheit hat der Sturm auf die Bastille gar nicht stattgefunden. Das sagt einer ihrer berühmtesten »Erstürmer«, der Offizier Elie aus dem Regiment »Königin«: »Die Bastille wurde nicht mit Gewalt erstürmt; sie hat kapituliert, ehe sie angegriffen wurde … « Dieser Elie und der Schweizer Bürger Hulin waren die ersten, die bei dem sogenannten Sturm die Festung betreten hatten. Auch der Unteroffizier Guyot de Flevilles, der zu den Verteidigern der Bastille gehörte, sagt in einem Bericht, »daß die Bastille nie im Sturm genommen worden ist«. Und das sind nicht die einzigen Aussagen.

Erst hinterher wurde alles maßlos übertrieben, nicht nur der »Sturm«, auch die Funktion der Bastille als »Zwingburg«, die wie es noch heute so oft heißt — jahrhundertelang die Pariser Bevölkerung in Furcht und Schrecken gehalten habe. In Wahrheit aber hatte die Bastille gegen Ende des 18. Jahrhunderts so gut wie gar keine Bedeutung mehr, nicht einmal als Gefangnis. Die Regierung hatte längst überlegt, ob man sie nicht abreißen sollte. Denn ihre Unterhaltung war unrentabel. Nicht nur dem Gouverneur, dem Platzkommandanten, dem Major und dem Adjutanten, die den Offiziersstab bildeten und alle Ritter des Sankt Ludwigsordens sein mußten, waren Gehälter zu zahlen, sondern auch einem Arzt, einem Chirurgen, der die Gefangenen rasierte und ihnen das Haar schnitt, einem Apotheker, einem Kaplan, einem Beichtvater, einem Unterkaplan, vier Schließern, vier Köchen und einer Hebamme; sie alle waren Beamte der Bastille. Hinzu kam der Unterhalt für eine Kompanie Invaliden mit Offizieren und Unteroffizieren.

Gemessen an der Zahl der Gefangenen, war dieser Aufwand gewaltig. Im Jahre 1782 waren es zehn Gefangene, im Mai 1788 siebenundzwanzig, im Dezember 1788 und im Februar 1789 waren es neun, und am 14. Juli 1789 waren es sieben. Seit Jahren standen die meisten Zellen leer. Es gab längst genaue Pläne und Gutachten, wie die Bastille am besten abzureißen wäre. Eines dieser Gutachten hatte ihr letzter Gouvemeur ausgearbeitet, der Marquis de Launay, der am 14. Juli auf scheußliche Weise ums Leben kam.

Ursprünglich war die Bastille keineswegs ein Gefängnis. Sie gehörte zu den Pariser Festungsbauten, die im 14. Jahrhundert zum Schutz gegen die Engländer angelegt wurden. Im Jahre 1370, mitten im Hundertjährigen Krieg, wurde der Grundstein gelegt. Es entstanden zunächst zwei Türme, die durch Mauern miteinander und mit den bereits bestehenden Befestigungsanlagen verbunden wurden. Dann kamen zwei weitere Türme hinzu, und um 1383 ließ Karl VI. noch einmal vier Türme anbauen. Jetzt waren es acht Türme, durch hohe Mauen miteinander verbunden, so daß innen ein großer Hof blieb. Die Höhe des Festungswerks betrug etwa dreiundzwanzig Meter.

Während des Hundertjährigen Krieges spielte die Bastille als Festung eine große Rolle. Wer die Bastille hatte, der hatte Frankreich. 1418 wurde sie von den Engländem erobert und blieb achtzehn Jahre in ihrem Besitz. Später, unter Ludwig XI. und Franz I., ist von glänzenden Festen die Rede, die in der Bastille gegeben wurden.

Zurn Gefängnis wurde die Bastille erst im 17. Jahrhundert, zur Zeit Kardinal Richelieus. Doch war sie ein Gefängnis für vornehme Staatsgefangene, ein Luxusgefängnis für die hohe Gesellschaft. Herzöge, Fürsten, Marschälle, Angehörige des Königshauses, hohe Offiziere waren dort in Haft. Nicht etwa an Ketten oder in finsteren Verliesen. Nicht einmal in Zellen. Sie wohnten in Zimmern und durften sich im ganzen Gebäude frei bewegen. Sie hatten ihre Diener mit, besuchten einander und bekamen nicht selten sogar Ausgang in die Stadt. Nur nachts wurden sie in ihre Zimmer eingeschlossen.

Zu keiner Zeit galt es als Schande, Häftling der Bastille zu sein. Dort saßen ja nicht die Schwerverbrecher, sondern meist Leute von Stand, denen oft nur ein »Kavaliersdelikt« vorgeworfen wurde; vielleicht hatten sie ihre Schulden nicht bezahlt, oder hatten im Duell jemanden getötet oder waren politisch zu respektlos.

Fur jeden Gefangenen setzte die Regierung eine bestimmte Unterhaltssumme aus, die nach Rang und Stand allerdings sehr unterschiedlich war. Fur einen Prinzen von Geblüt standen pro Tag 50 Livres zur Verfügung. Diese Summe entsprach einem Wert von 40 Mark vor dem ersten Weltkrieg. Für einen Marschall durfte der Gouverneur täglich 56 Livres ausgeben, für einen Generalleutnant 24, für einen Parlamentsrat 15, für einen vornehmen Bürger 5 Livres. Angehörige niederen Standes, die aber erst in die Bastille kamen, als sie schon kein Luxusgefängnis mehr war, mußten mit weniger Geld auskommen. Ihnen bewilligte der König pro Tag nur zweieinhalb Livres.

Über die Unterhaltssumme durften die Gefangenen ziemlich frei verfügen. Wer sparsam lebte, konnte sich auf diese Weise Geld zurücklegen. Es kam sogar vor, daß Gefangene um Verlängerung der Haft nachsuchten, weil sie ihre Ersparnisse noch erhöhen wollten. Solche Gesuche sind auch bewilligt worden.

Wenn sich herausstellte, daß jemand unschuldig in der Bastille saß, dann wurde er entschädigt. Das geschah manchmal in sehr großzügiger Weise. Man weiß von einem Rechtsanwalt, der nur achtzehn Tage inhaftiert war, als sich seine Unschuld herausstellte, und der dann als Entschädigung 5 000 Livres erhielt.

Auch der junge Voltaire, der 1717/18 fast ein Jahr lang in der Bastille saß, wurde für die Haft entschädigt; man hatte ihn für den Autor eines Manifestes gehalten, das einen scharfen Angriff gegen den Regenten darstellte — doch hatte man ihm die Autorschaft nicht nachweisen können. Wahrend seiner Haft hatte der angehende Philosoph — er wurde in der Bastille 25 Jahre alt — verhaltnismäßig viel Freiheit. Ungestört konnte er an seinem Epos »Henriade« und an seinem Schauspiel »Ödipus« arbeiten.

Die Reihe berühmter Bastille-Gefangener ist sehr lang, so daß hier nur einige wenige genannt werden können. Wohl am berühmtesten wurde der Mann mit der eisernen Maske. Um ihn sind viele Legenden und Romane gewoben worden. Auch die Forschung hat sich mit diesem Unbekannten, der 1689 in die Bastille kam und dort im Jahre 1703 starb, intensiv befaßt. War er ein Bruder oder ein Sohn Ludwigs XIV.? Über ihn geben die Akten der Bastille keine Auskunft, und so entstanden zahllose Vermutungen, wer sich unter der geheimnisvollen Maske verbergen mußte. Fest steht nur, daß die Maske, die er ständig trug und die zu den bis heute wuchernden Spekulationen Anlaß gab, nicht aus Eisen war, sondem aus Samt.

Ein anderer berühmter Gefangener war der Marschall von Bassompierre, der 1631 auf Befehl Kardinal Richelieus in die Bastille geworfen wurde. Dieses »geworfen« trifft übrigens fast nie zu. Es bestand nämlich der Brauch, den betreffenden Personen eine schriftliche Aufforderung ins Haus zu schicken, sich in der Bastille einzufinden. Bassompierre, der aus politischen Gründen in die Bastille kam, blieb dort bis zu Richelieus Tod, 1643. In diesen Jahren entstanden die interessant geschriebenen Memoiren dieses eleganten Höflings und Diplomaten.

Mehrmals mußte auch der Herzog von Richelieu, ein Großneffe des Kardinals und leitenden Ministers Ludwigs XIII., in die Bastille. Bei seiner ersten Haft, die wegen eines galanten Abenteuers mit der Herzogin von Burgund erfolgte, war der Herzog zwanzig Jahre alt. Wie aus den sehr sorgfältig geführten Akten der Bastille hervorgeht, war er bei seinem Abenteuer auf frischer Tat ertappt worden, nicht einmal mit einem Hemd bekleidet. Fünf Jahre darauf, im Jahre 1716, wurde der Herzog von Richelieu — später ein bekannter Feldherr und einflußreicher Hofmann — ein zweites Mal inhaftiert. Diesmal hatte er allzu offen über Einzelheiten einer Orgie bei einer Madame de Matignon, Gräfin de Glace, berichtet; es sei so toll gewesen, daß die Gräfin schließlich nicht nur durch die Hände ihrer Gäste, sondern auch ihrer Bedienten gegangen sei. Wegen dieser Behauptung forderte der Ehemann der Gräfin den Herzog zum Duell. Dabei wurde er getötet, und der Herzog kam ins Gefängnis.

Einer der kostspieligsten Gefangenen in der Geschichte der Bastille war Kardinal Rohan, der Bischof von Straßburg. Er mußte als Angeklagter im sogenannten Halsbandprozeß wenige Jahre vor dem Ausbruch der Revolution zur Untersuchungshaft in das ehemalige Luxusgefängnis. Konig Ludwig XVI. hatte angeordnet, ihm den Aufenthalt dort so angenehm wie möglich zu machen. Täglich 120 Livres durfte der Bastille-Gouverneur für den Kirchenfürsten ausgeben.

Durch seine Leichtgläubigkeit war Kardinal Rohan in die Halsbandgeschichte verwickelt worden, eine Betrugsaffäre, die in ganz Europa größtes Aufsehen erregte und die dem Ansehen des französischen Königshauses gewaltigen Schaden zugefügt und zum Ausbruch der Revolution wesentlich beigetragen hat. Im Mittelpunkt der Affäre stand Marie Antoinette, die Königin, obwohl sie völlig unschuldig war. Hauptakteurin und

Hauptschuldige dieses ganzen Gaunerstreichs war die achtundzwanzigjährige Jeanne de la Motte. Sie stammte aus einfachen Verhältnissen, gab sich aber in Paris als Angehörige des Adels aus, nannte sich Gräfin und führte zusammen mit ihrem Mann ein großes Haus. Dabei lebten sie lediglich auf Kredit, den sie bekamen, weil sie vorgaben, engen Kontakt zum Hof und besonders zur Königin zu haben. Bittsteller, die irgend etwas vom König oder der Königin wollten, zahlten ihnen hohe Vermittlungsgebühren, manchmal bis zu 1 000 Livres. Von seiten der »Gräfin« de la Motte blieb es aber immer nur bei Versprechungen.

Zu ihrem Bekanntenkreis gehörte auch Kardinal Rohan.

Auch er trat gewissermaßen als Bittsteller auf. Er war davon besessen, die Gnade der Königin zu gewinnen, und Jeanne de la Motte sollte ihm dabei behilflich sein. Eines Tages teilte sie ihm mit, die Königin sei bereit, sich mit ihm zu einem heimlichen Rendezvous zu treffen. Tatsächlich traf der Kardinal dann zur verabredeten Zeit im Park von Versailles — es war nachts und dunkel — für wenige Minuten mit einer Frau zusammen, von der er glaubte, es sei die Königin. In Wahrheit war es ein Straßenmädchen, was er aber erst später, während des Prozesses, erfuhr.

Zunächst hatte der Kardinal nach jener vermeintlichen Begegnung mit Marie Antoinette zu der Gräfin und deren »Verbindungen« vollstes Vertrauen. Und so wunderte er sich nicht, als Madame de la Motte ihn eines Tages aufforderte, im Auftrag der Königin ein Diamantenkollier im Wert von 1,6 Millionen Livres zu erwerben. Dieses außerordentlich teure Halsband war von den Pariser Juwelieren Böhmer und Bassenge gearbeitet worden. Wiederholt hatten sie es der Königin zum Kauf angeboten, aber Marie Antoinette hatte abgelehnt. Sie wußte, daß es unmöglich war, bei der äußerst angespannten Finanzlage des Staates eine derartige Summe fur ein Kollier auszugeben. Die Juweliere, die ihren Schmuck natürlich gerne verkaufen wollten, hatten sich schließlich an die Gräfin de la Motte gewandt, in der Hoffnung, sie könnte die Königin doch noch zum Kauf überreden. Jeanne de la Motte aber hatte sofort ihre Chance zu einem einträglichen Betrug erkannt.

Dem Kardinal erzählte sie, die Königin wolle das Halsband kaufen, scheue sich aber, den König jetzt um eine so große Geldsumme zu bitten. Sie bitte aber ihn, Kardinal Rohan, für sie mit den Juwelieren einen Kaufvertrag abzuschließen. Die Kaufsumme werde sie in Raten zahlen. Rohan setzte einen Kaufvertrag auf, scheint dann aber doch ein wenig ängstlich geworden zu sein. Denn er bestand nun darauf, daß der Vertrag von der Königin gegengezeichnet werde. Madame de la Motte nahm den Vertrag an sich und versprach, für die Unterschrift der Königin zu sorgen. Als sie den Vertrag einige Tage später zurückgab, war er unterzeichnet mit »Marie Antoinette von Frankreich«.

Jetzt war Rohan völlig beruhigt. Offenbar wußte er nicht, daß die Königin niemals in dieser Form unterzeichnete. Von den Juwelieren erhielt er das Kollier, das er dann einem Mann übergab, der angeblich im Auftrag der Königin kam, in Wahrheit aber ein Komplize Madame de la Mottes war. Die Betrüger nahmen den Schmuck auseinander, und der »Graf« de la Motte ging mit den Steinen nach England, wo er einen großen Teil verkaufte.

Unterdessen warteten in Paris die Juweliere vergeblich auf ihr Geld. Als sie sich schließlich mit ihren Forderungen direkt an die Königin wandten, war der Skandal da. Der König ließ Rohan an Mariä Himmelfahrt (15. August) des Jahres 1785 verhaften, wenige Minuten bevor der Kardinal in der Palastkapelle von Versailles eine feierliche Messe zelebrieren wollte. In einer Kutsche wurde Rohan nach Paris in die Bastille gebracht.

Dort blieb er bis zum Ende des Prozesses am 1. Juni 1786.

Kardinal Prinz de Rohan, Bischof von Straßburg, wurde freigesprochen. Madame de la Motte, die auch verhaftet worden war, wurde dazu verurteilt, mit einem Diebeszeichen gebrandmarkt und öffentlich ausgepeitscht zu werden und auf Lebenszeit im Arbeitshaus zu bleiben. Der »Graf« de la Motte wurde in Abwesenheit zu lebenslänglicher Galeerenstrafe verurteilt.

Über den Freispruch des Kardinals war die Königin empört.

Sie fühlte sich beleidigt, weil in ihrem Namen ein solcher Betrug möglich gewesen war und ein Kardinal ungestraft glauben konnte, mit ihr ein Rendezvous gehabt zu haben. Tatsächlich war dies ein entscheidender Punkt. Obwohl die Königin mit der ganzen Affäre nichts zu tun gehabt hatte, blieb ihr Ansehen geschädigt. Daß es auch später nicht wiederhergestellt wurde, sondern im Gegenteil noch sehr viel tiefer sank, dafür sorgte vor allem Jeanne de la Motte. Mit Hilfe einiger einflußreicher Freunde gelang es ihr nämlich, schon nach kurzer Zeit aus dem Arbeitshaus zu entkommen. Sie ging nach England und veröffentlichte dort eine Reihe giftsprühender Broschüren über Marie Antoinette, in der die Königin als hemmungslose Erotikerin, als Messalina verleumdet wurde.

Diese Lügen fanden in ganz Europa Verbreitung. Später hat man sie als den ersten großen Pressemord der Weltgeschichte bezeichnet. Sie vor allem haben dazu geführt, daß der Prozeß gegen Marie Antoinette, der im Oktober 1793 stattfand, einen so entwürdigenden Verlauf nahm. Als der »Witwe Capet«, wie man die ehemalige Königin zu jener Zeit ansprach, in allen Punkten der Anklage keine Schuld nachgewiesen werden konnte, holten die Ankläger jene Verleumdungen wieder ans Licht, und sie zwangen den Sohn und die Tochter, den achtjährigen Dauphin und seine etwas ältere Schwester, zu falschen Aussagen über die Mutter. Dabei wurden die »unnatürlichsten Sünden aufgedeckt«, und so hatte man endlich einen Grund, Marie Antoinette, die Tochter Kaiserin Maria Theresias, auf die Guillotine zu schicken. Der Jakohiner und Diktator Robespierre, der die Hinrichtung Ludwigs XVI. betrieben hatte und der als einer der blutgierigsten Revolutionäre in die Geschichte eingegangen ist, war über diese Prozeßführung zutiefst empört.

Zusammen mit dem Kardinal Rohan war einer der berühmtesten Männer des 18. Jahrhunderts in die Bastille gekommen:

Alexander Graf Cagliostro, berüchtigter Abenteurer, dessen Gestalt Schiller für seinen »Geisterseher« (1789), Goethe in seinem »Großkophta« (1791) zum Urbild nahm. Cagliostro war Geisterbeschwörer, Magnetiseur, Alchimist; er lebte von Zauberstücken und Betrügereien, manchmal auch davon, daß er seine Frau verlieh. Er machte Gold und Schönheitswasser und verkaufte, in der Uniform eines preußischen Offiziers, Lotterietabellen. In England trat er einer Freimaurerloge bei, in der er bald großen Einfluß hatte. In Lyon gründete er die »Große Mutterloge zur triumphierenden Weisheit«. Er behauptete, aus Ägypten zu stammen und dreihundert Jahre alt zu sein. Von seiner jungen Frau sagte er, sie sei siebzig Jahre alt.

Viele glaubten ihm alles. Auch der leichtgläubige Kardinal Rohan, der ihn mit nach Paris nahm und in die Hofkreise einführte. Und weil Rohan als sein Gönner aufgetreten war, entstand der Verdacht, Cagliostro sei an der Halsbandgeschichte beteiligt. Deswegen mußte auch er in die Bastille. Dort saß er, bis er am Ende des Prozesses freigesprochen wurde. Unterdessen war man seiner Vergangenheit auf die Spur gekommen. Da erfuhr die Welt, daß der Graf Cagliostro nicht nur nicht 300 Jahre alt war, sondern auch den Grafentitel und den Namen Cagliostro zu Unrecht führte. In Wahrheit hieß er Joseph Balsamo und stammte aus einer ziemlich ärmlichen Familie Palermos.

Wie sehr man sich damals wirklich für diese als sensationell empfundene Enthüllung interessierte, zeigen die Aufzeichnungen Goethes in seiner »Italienischen Reise« unter dem 13. und 14. April 1787 aus Palermo. Goethe beschreibt da, wie er in Palermo über Cagliostros wahre Herkunft informiert wurde und dessen dort lebende Familie besuchte: Cagliostros Mutter, seine Schwester, einen Neffen und noch andere Verwandte. Fünf Jahre später hat Goethe über Cagliostro einen Aufsatz veröffentlicht: »Des Joseph Balsamo, genannt Cagliostro, Stammbaum. Mit einigen Nachrichten von seiner in Palermo noch lebenden Familie.«

Als Cagliostro und der Kardinal Rohan in die Bastille kamen, gehörte zu deren Häftlingen seit kurzem auch der Marquis de Sade. Der berüchtigte Schriftsteller, aus dessen Namen die Wörter »Sadist« und »Sadismus« gebildet wurden und der in seinem Leben 27 Jahre in Gefängnissen zugebracht hat — zunächst wegen sexueller Vergehen, dann wegen seiner skandalösen Veröffentlichungen –, hatte beinahe zu den Befreiten des 14. Juli gehört. Aber nachdem er im Juni einen Posten tätlich angegriffen und Anfang Juli durch ein Sprachrohr Schimpfkanonaden auf Gouverneur de Launay losgelassen hatte, die vor der Bastille einen Menschenauflauf bewirkten, war er am 4. Juli in eine Irrenanstalt gebracht worden. So fand der Triumphzug der Erstürmer mit den befreiten »Schlachtopfern des Despotismus« am Abend des 14. Juli 1789 ohne den Marquis de Sade statt.

Aber darüber sind die Helden der Bastille nicht traurig gewesen. Ihnen ging es ja gar nicht urn die Gefangenen. Nicht einmal um die Bastille ging es ihnen anfangs. Man hat das nur sehr rasch vergessen. Zunächst ging es ihnen nur um die Waffen, die dort lagerten.

Schon am 12. Juli hatte das Volk von Paris angefangen, sich zu bewaffnen. Man war nervös geworden. Man fühlte sich verraten. Der König, hieß es, hatte Truppen gegen Paris zusammengezogen. Das bedeutete: Notfalls sollten königliche Truppen die Bevölkerung in Schach halten! Und am 11. Juli hatte Ludwig XVI. seinen Finanzminister Necker entlassen, jenen Mann, dessen Ziel es war, den Franzosen zu einer Verfassung nach englischem Vorbild zu verhelfen.

Jacques Necker, Sohn eines Deutschen, geboren in Genf, hatte warnend des vorangegangenen Hungerwinters für Brot gesorgt. Der Winter 1788/89 war der kälteste seit achtzig Jahren gewesen — und das nach einer Mißernte. Tausende strömten nach Paris, in der Hoffnung, dort Brot zu bekommen. Necker hatte der Regierung von seinem eigenen Vermögen zwei Millionen Livres zur Verfügung gestellt, um Weizen einzukaufen. Zwar hatte er das Geld nur vorgeschossen, gegen fünf Prozent Zinsen, aber selbst das war schließlich ein Risiko. Auch hatte er zugunsten der Bevölkerung auf sein Gehalt von 220 000 Livres verzichtet. Jacques Necker war also der Mann des Volkes.

Aber das Volk überschätzte ihn in verhängnisvoller Weise.

Dieser eitle, ehrgeizige, durch Spekulationen reich gewordene Bankier hatte den Kredit der Krone durch seine gewagte Anleihenpolitik schwer belastet. Damit hatte er die Gefahr des Staatsbankrotts, die Frankreich schon seit Jahren bedrohte, wesentlich verschärft. Die Staatsschulden waren in die Milliarden gestiegen. Doch auch Neckers Vorgänger, die Finanzminister Turgot und Calonne, waren mit der Situation nicht fertig geworden. Allerdings war das nicht so sehr die Schuld der Minister als vielmehr die des Königs gewesen, der ihre Reformvorschläge nicht gutzuheißen wagte. Turgot, bei dessen Berufung der alte Voltaire den Franzosen voller Begeisterung einen neuen Himmel und eine neue Erde propbezeite, hatte eine Steuerreform vorgeschlagen: eine einheitliche Grundsteuer, obne Rücksicht auf das Privileg der Steuerfreiheit von Adel und Geistlichkeit. Von den drei Ständen, Klerus, Adel und Bürgertum, mußten nur die Angehörigen des dritten Standes Steuern zahlen, also die Kaufleute und Händler, die Bauern, Handwerker und Bauarbeiter. Die Angehörigen des Adels hatten oft große Besitzungen und einträgliche Güter, waren aber steuerfrei.

Mit seinen Reformvorschlägen, die auch die Aufhebung der Frondienste enthielten und in der Öffentlichkeit heftig diskutiert wurden, hatte Turgot sich viele Feinde gemacht, die schließlieh seinen Sturz berbeiführten. Das war im Jahre 1776, und Voltaire schrieb, als er die Nachricht von Turgots Entlassung bekam: »Frankreich würde glücklich gewesen sein. Was wird nun aus uns werden? lch bin niedergeschmettert und verzweifelt.«

Voltaires Reaktion war durchaus nicht übertrieben. Er, der Führer der Aufklärung, und mit ihm viele französische Literaten hatten »la belle revolution« erhofft — nicht einen Umsturz des Staates, sondern eine Revolution im Denken der Regierenden. Diese »Revolution von oben«, die für das französische Königtum vielleicht eine Chance gewesen wäre, war gescheitert.

In den folgenden Jahren verschlechterte sich die Finanzlage des Staates bis zur Ausweglosigkeit. Als im Jahre 1786 Finanzminister Calonne eine grundlegende Neuorganisation der Staatsverwaltung forderte, ließ der König auch ihn fallen.

Calonne hatte unter anderem die Einrichtung eines Finanzrats als oberste Überwachungsbehörde des Staatshaushalts vorgeschlagen. Damit war die Frage des königlichen Absolutismus berührt worden. Die absolutistische Regierungsform stieß jetzt auf immer mehr Kritik, die ihre Wurzeln in den Gedanken der Aufklärungsphilosophie und in den Vorgängen des amerikanischen Unabhängigkeitskampfes hatte.

In Amerika, wo sich die englischen Kolonien 1776 von dem Mutterland gelöst und in einem siebenjährigen Krieg die Souveranität errungen hatten, und nicht — wie man so oft fälschlich lesen kann — in der Französischen Revolution, wurde der Grundsatz von der Freiheit und Gleichheit aller Menschen geboren und auch zuerst verfassungsmäßig verankert. Die Staatsschöpfungen der Französischen Revolution sind erst eine Folge des nordamerikanischen Befreiungskrieges. Es war das erstemal, daß die Vereinigten Staaten von Nordamerika die Entwicklung in Europa entscheidend beeinflußten.

Einige Jahre vor dem Ausbruch der Revolution erklärte Joseph Lafayette, der als General am Unabhängigkeitskampf der Amerikaner teilgenommen hatte, eine Neuordnung der Steuern könne nur in Zusammenarbeit mit einer Vertretung der Nation beraten werden. Die Ansicht, daß die Nation befragt werden müsse, setzte sich immer mehr durch, nicht nur beim Bürgertum, auch beim niederen Adel und beim Klerus. Der Klerus wies dann auf die Generalstände — die Vertreter der drei Stände — und deren Steuerbewilligungsrecht als letzte Instanz zur Behebung der Not hin. Auch die Regierung erwog schließlich die Einberufung der Generalstände, und am 8. August 1788 entschloß sich der König, sie zum 1. Mai 1789 zusammenkommen zu lassen.

»Das war die Kapitulation des königlichen Absolutismus vor den bevorrechteten Gewalten des alten Staates«, schreibt Richard Nürnberger. »Die Regierung offenbarte ihre Hilflosigkeit, den Mangel eines klaren Programms, als sie erklärte, daß sie die Versammlung der Generalstände des Königreichs abwarten wolle, ehe die notwendigen Reformen beginnen sollten.«

Die Ständevertreter waren seit 175 Jahren nicht mehr einberufen worden. Deswegen mußte zunächst eine Reihe von Fragen geklärt werden. Sie betrafen unter anderem die Wahl, die Zusammensetzung, die Form der Abstimmung. Dabei wurde beschlossen, die Vertreter des dritten Standes zu verdoppeln, so daß der dritte Stand ebenso viele Stimmen bekam wie Klerus und Adel zusammen. Die Verdoppelung des dritten Standes hat Necker durchgesetzt. Neckers Ziel war eine Verbindung des Bürgertums mit der Krone. Aber er war zu entschlußlos, um die Annäherung herbeizuführen. Als die Generalstände zusammentraten und Necker eine Rede hielt, in der er die finanziellen Schwierigkeiten schilderte, zeigte sich, daß Necker kein festumrissenes Programm hatte. Da die Regierung ohne Initiative blieb — nach Neckers Rede hatte der König die Sitzung geschlossen, so daß nicht einmal eine Beratung über die Notlage möglich war — und da auch jetzt noch keineswegs klargestellt war, was die Generalstände nun eigentlich tun sollten und ob sie geschlossen oder getrennt beraten und abstimmen sollten, ergriff der dritte Stand die Initiative. Am 17. Juni 1789 erklärte er sich zur »Nationalversammlung«, das heißt zum alleinigen Repräsentanten der Nation. Das war der Beginn der Revolution. Graf Mirabeau, der zu den Vertretern des dritten Standes gehörte, hat versucht, diesen gefährlichen Schritt, mit dem die Versammlung über das Königtum hinwegging, aufzuhalten — aber vergeblich.

Auch die Regierung war machtlos, und die beiden anderen Stände, die aufgefordert wurden, sich der Nationalversammlung anzuschließen, haben gegen die Beschlüsse des dritten Standes nichts unternommen. Als die Vertreter der Nationalversammlung am 20. Juni in Versailles ihren Sitzungssaal verschlossen fanden, zogen sie ins benachbarte Ballhaus und leisteten den berühmten Schwur, nicht eher auseinanderzugehen, bis Frankreich eine Verfassung habe. Der größere Teil des geistlichen Standes und ein Teil des Adels schloß sich der Nationalversammlung an. Der König sah schließlich keine andere Möglichkeit, als die Nationalversammlung anzuerkennen und — das war am 27. Juni — den restlichen Vertretern von Adel und Geistlichkeit ausdrücklich zu befehlen, sich der Nationalversammlung anzuschließen.

Damit hatte Ludwig XVI. seinen absolutistischen Standpunkt endgültig aufgegeben. Der Weg zu einer konstitutionellen Monarchie war frei. Aber der König machte jetzt einen entscheidenden Fehler. Statt mitzuarbeiten, zog er sich zurück; er ging zur Jagd und spielte den Unbeteiligten. Als er dann in der Umgebung von Paris und Versailles Truppen zusammenziehen ließ, geriet er in den Verdacht, einen Staatsstreich vorzubereiten. Dieser Verdacht verstarkte sich, als Ludwig am 11. Juli Necker entließ, dem er an der ganzen Entwicklung die Schuld gab, und dessen Geschäfte in die Hände von Reaktionären legte.

Lafayette, auf dessen Antrag später die »Erklärung der Menschenrechte« angenommen wurde, und einige andere wollten Necker wieder zurückhaben, in dem sie den Garanten für eine Verfassung sahen. Sie stellten Volksbataillone auf, aus Soldaten des Königs, die sie zur Desertion überredeten, und bildeten eine Bürgergarde. Um sie zu bewaffnen, wurde am nachsten Tag, dem 13., das Invalidenhaus erobert, wo 28 000 Gewehre und einige Kanonen lagerten. Unterdessen beschloß die Nationalversammlung, eine Adresse an Necker zu richten, in der sie ihr Bedauern über seine Entlassung zum Ausdruck brachte.

Necker hatte Paris auf Befehl des Königs noch am Abend des 11. Juli verlassen, heimlich, well niemand etwas merken sollte. Am 12., einem Sonntag, traf er zusammen mit seiner Frau in Brüssel ein. Dorthin kamen auch seine Tochter, die später so berühmte Madame de Stael, und deren Mann, Baron de Stael-Holstein, Botschafter des schwedischen Königs in Paris. Er und Necker reisten dann Hals über Kopf nach Basel weiter, wohin Madame Necker und ihre Tochter langsam nachkommen sollten.

Auf dem Wege dorthin ahnten sie nichts von den Vorgängen in Paris, die ihr Leben noch einmal ändern sollten. Madame Necker hat zu dieser Zeit wieder einmal an die Fixierung ihres Plans gedacht, der kurz darauf mit allen Einzelheiten schriftlich festgelegt wurde, nämlich auch nach ihrem Tode mit ihrem Mann irgendwie in Verbindung bleiben zu können, indem sie ihm wenigstens bis zu einem gewissen Grade erhalten bliebe. Schon seit gut zehn Jahren hatte sie darüber nachgegrübelt und alle möglichen Experten befragt, wie sie später am besten einbalsamiert werden könnte. Jetzt, auf dem Weg in die Schweiz, nach dem ersten Sturz ihres Mannes, entstand die letzte Fassung ihres Plans, so wie er später auch ausgeführt wurde: ein Mausoleum auf Neckers Schweizer Besitz mit einem großen steinernen Becken, um sie und ihn aufzunehmen — konserviert in Alkohol. Da sie überzeugt war, als erste zu sterben, bestimmte sie noch, daß ihr Mann sie häufig besuchen solle. Nach seinem Tode solle das Mausoleum zugemauert werden.

Während man hier ans Ende dachte, fühlten sich die Pariser am Anfang. Sie veranstalteten Demonstrationszüge und trugen eine Büste von Necker durch die Straßen. Wenigstens symbolhaft sollte er dabeisein, als das Volk seine Rückkehr forderte und sich bewaffnete. Am 13. Juli abends wurden in Paris alle Entscheidungen einem von den Wählern ernannten »Ständigen Ausschuß« übertragen. Präsident des Ausschusses wurde der Bürgermeister von Paris, des Flesselles, der indessen jetzt weniger Rechte hatte als zuvor in seiner Bürgermeisterfunktion.

Am Morgen des 14. Juli schickte der Ständige Ausschuß eine Deputation in die Bastille. Man hatte nämlich festgestellt, daß in der Nacht zum 13. aus dem Zeughaus, das an die Bastille anstieß, sämtliche Vorräte an Pulver und Patronen in die Festung hinübergeschafft worden waren.

Kurz zuvor war die Besatzung der Bastille, die aus 82 Invaliden bestand, um 32 Schweizer vom Regiment Salis-Samade verstärkt worden. Noch einige Zeit vorher hatte der Gouverneur die Zugbrücken ausbessern und einige Schießlöcher für die Kanonen verändern lassen.

Dachte man also an Kampf? Wohl kaum. Zumindest nicht zu jenem Zeitpunkt. Sonst hätte man die Truppe mit Verpflegung versorgt. Die ganze Besatzung hatte aber an Lebensmitteln lediglich zwei Säcke Mehl und einen kleinen Vorrat an Reis. Nicht einmal für Wasser war gesorgt worden. Das Wasser floß von außen zu, konnte also mit Leichtigkeit gesperrt werden.

Freilich war das fur die Pariser im Augenblick belanglos, da sich diese Dinge erst hinterher herausstellten. Sie hatten durchaus Grund zum Mißtrauen. Nachdem sie angefangen hatten, sich mit Waffen zu versehen, hatte auch Bastille-Gouvemeur de Launay seine Kompanie »zu den Waffen greifen« lassen, wie es in einem zeitgenössischen Bericht heißt. Entsprechende Befehle hatte er in der Nacht zum 13. gegeben, morgens um 2 Uhr. Praktisch sah das so aus, daß die Tore geschlossen wurden und die Truppe sich ins Innere der Bastille zurückzog, ihre Quartiere lagen namlich vor der eigentlichen Festung. Zwölf Posten wurden auf die Türme und Mauern kommandiert. Auch an den Toren standen noch Posten, aber unbewaffnet.

So blieb die Situation während des ganzen Tages. In der Nacht zum 14. wurde einige Male auf die Turmposten gefeuert. Am 14. morgens um zehn traf vor dem Gitter die bereits erwähnte Deputation ein. Sie sollte erkunden, wie sich der Gouvemeur und seine Truppe in der neuen Situation zu verhalten gedachten, ferner sollte sie ihn veranlassen, die Kanonen abzubauen und Waffen zu verteilen.

Als erstes sah die Deputation, die von Thuriot de la Roziere, dem ersten Wahlherrn des Distrikts St. Louis de la Culture, angeführt wurde, daß ihr bereits eine andere Deputation zuvorgekommen war. Drei Herren, die sich als Abgeordnete der Stadt bezeichnet hatten und denen eine große Menschenmenge gefolgt war, saßen mit dem Gouverneur beim Frühstück. Marquis de Launay, den man eines der sanftmütigsten Geschöpfe von ganz Frankreich genannt hat, war sofort bereit gewesen, sie zu empfangen. Ja er hatte von sich aus vorgeschlagen, der wartenden Menge vier seiner Unteroffiziere als Geiseln hinauszuschicken, solange die Deputation in der Festung wäre. Und so war es dann auch geschehen. Woher die Deputation kam und was sie forderte, ist nie geklärt worden.

Diese Leute waren mit dem Frühstück noch nicht fertig, als die Deputation vom Ständigen Ausschuß erschien. Die Zugbrücke wurde heruntergelassen, und der Wahlherr de la Roziere betrat die Bastille. Er mußte einen Moment warten, weil die erste Deputation noch erst verabschiedet werden mußte. Dann hatte der Gouverneur Zeit, auch ihn anzuhören.

»Ich komme«, sagte de la Roziere — es gibt darüber einen protokollarischen Bericht –, »im Namen der Nation und des Vaterlandes, um Ihnen vorzustellen, daß die Kanonen, die man auf den Türmen der Bastille aufgeführt sieht, viel Unruhe verursachen und über ganz Paris viel Besorgnis verbreiten. Ich bitte Sie, diese Kanonen herunterbringen zu lassen, und ich hoffe, daß Sie in das Verlangen, das ich Ihnen überbringen soll, einwilligen werden.«

»Das steht nicht in meiner Gewalt«, antwortete ihm der Gouverneur. »Diese Kanonen sind immer auf den Türmen gewesen, ich kann sie nicht anders als auf königlichen Befehl herunterbringen lassen. Da ich von der Besorgnis, welche sie in Paris verursachen, bereits unterrichtet bin, sie aber nicht von den Lafetten herunternehmen kann, so habe ich sie zurückbringen und aus den Schießscharten ziehen lassen.«

Das also hatte Gouverneur de Launay immerhin schon getan. Aber er war noch zu Weiterem bereit. Er ließ seine Offiziere und Soldaten schwören, nicht zu schießen, vorausgesetzt, daß sie nicht angegriffen würden. Als de la Roziere dann um die Erlaubnis bat, auf die Türme zu steigen, um sich alles genau ansehen und darüber berichten zu können, wurde ihm auch das erlaubt.

Die Leute, die vor der Bastille warteten, wurden inzwischen ungeduldig. Vermutlich fürchteten sie, man wolle den Abgeordneten in der Bastille festhalten, vielleicht waren sie auch nur gelangweilt, weil nichts passierte. Jedenfalls wurde nach dem Abgeordneten laut gerufen. Einige machten Anstalten, das Haus des Gouverneurs zu stürmen. Da traten Thuriot de la Roziere und der Gouverneur an ein Fenster und winkten den Leuten zu, was mit großem Beifall aufgenommen wurde. De la Roziere rief zu der Menge hinunter, daß die Besatzung versprochen habe, nicht zu schießen, wenn sie nicht angegriffen würde. Wenige Minuten später verließ er die Bastille und kehrte ins Stadthaus zurück.

Wahrend sich dort der Ständige Ausschuß von den friedlichen Absichten des Gouverneurs überzeugen ließ und die auf dem Platz vor dem Stadthaus versammelte Menge entsprechend informierte, wurde es den Leuten vor der Bastille nun doch zu langweilig. Sie riefen nach Waffen, nach Pulver und schließlich: »Wir wollen die Bastille! Herunter mit der Truppe!« Es war ein drohender Haufe, bewaffnet mit Flinten, Säbeln, Degen, Äxten, Stangen.

»Wir baten alle diese Leute auf eine so anständige Art als nur möglich war, sich zu entfernen«, heißt es in dem späteren Bericht der Invaliden, »und gaben uns Mühe, ihnen die Gefahr, der sie sich aussetzten, zu erkennen zu geben.« Gouverneur de Launay erklärte sich sogar bereit, eine bestimmte Anzahl von Bürgern in den Raum zwischen Gouvernementshaus und Bastille hereinzulassen, um ihnen dort so viele Gewehre und Munition zu geben, als er selber entbehren konnte. Es ist nicht klar, ob Launay dann die entsprechende Zugbrücke herunterließ oder ob es — wie es in den meisten Aussagen heißt den immer ungeduldiger werdenden Leuten gelang, vom Dach des Wachthauses aus die Ketten der kleinen und auch der großen Zugbrücke des Vorplatzes zu zerschlagen. Auf jeden Fall gingen die Brücken herunter (waren aber später wieder hoch). Jetzt drängte alles hinüber, wobei auf die Soldaten gefeuert wurde.

Die Besatzung feuerte zurück, und zwar mit Gewehren. Die Angreifer drängten wieder hinaus. Einige waren verwundet. Wahrscheinlich hat es auch schon Tote gegeben. Daß die Soldaten zurückschossen, wurde ihnen als Verrat ausgelegt. Wütend zog ein großer Teil der Belagerer zum Stadthaus, um sich über den Verrat zu beklagen. Sie forderten Waffen und die Eroberung der Bastille.

Daraufhin überlegte der Ständige Ausschuß, wie man die Festung angreifen könne. Bürgermeister Flesselles aber tat solche Überlegungen als töricht ab und schlug dem Ausschuß vor, noch einmal eine Deputation in die Bastille zu schicken; man solle den Gouverneur auffordern, eine bestimmte Anzahl Bürger in die Festung zu lassen. »Der Gouverneur kann dann seinen Eid gegen den König nicht vorschützen«, argumentierte Flesselles, »und wir haben genügend Sicherheit, daß die Festung uns keinen Schaden tun kann.«

Sein Vorschlag wude angenommen, die Deputation abgesandt. Sie sollte dem Gouverneur ein Schreiben iiberbringen, in dem der Standige Ausschuß nicht etwa die Ubergabe der Festung forderte, sondern lediglich anfragte, ob er »geneigt« sei, in die Festung Truppen der Pariser Bürgerwehr aufzunehmen, die gemeinsam mit seiner Truppe »die Festung bewachen« würden.

Als die Deputation bereits unterwegs war, fiel dem Ausschuß ein, daß sie keinerlei Erkennungszeichen trug. Tatsächlich gelang es ihr auch nicht, sich der Besatzung erkenntlich zu machen. So wurde nun noch eine Deputation auf den Weg gebracht, ausgerüstet mit einer weißen Fahne und begleitet von einem Trommler und einigen Stadtsoldaten. Diese Abordnung wurde von der Besatzung sofort erkannt, und Gouverneur de Launay forderte die Parlamentäre auf näher zu kommen. Zum Zeichen der Verhandlungsbereitschaft kehrten die Soldaten ihre Gewehre um, hielten also den Lauf nach unten. Sie riefen, daß sie nicht schießen würden; sie boten an, sechs Unteroffiziere als Geiseln zu stellen; und sie hielten auf der Plattform der Bastille zum Zeichen des Friedens und der Unterredung ein weißes Tuch in die Höhe. Die Besatzung scheint also über die Verhandlungsmöglichkeit ziemlich froh gewesen zu sein.

Aber die Abgeordneten wagten sich nur bis in den äußeren Hof. Dort blieben sie eine Viertelstunde stehen. Nach Aussagen der Invaliden wurde ihnen zugerufen, daß man bereit sei, ihnen die Bastille zu übergeben, vorausgesetzt, daß sie wirklich Abgeordnete der Stadt seien. Aber plötzlich zogen sie sich zurück. Gouverneur de Launay sah darin einen Beweis, daß die Deputation nicht von der Stadt kam.

Die Deputierten sagten später aus, sie hätten nicht verhandeln können, weil die Besatzung auf sie geschossen habe, ja die Belagerten hatten das Feuer die ganze Zeit nicht unterbrochen. Diese Aussage ist aber schon sehr bald kritisch unter die Lupe genommen worden, wobei sich zeigte, daß sie der Wahrheit keineswegs entsprach. Geschossen wurde erst wieder, nachdem die Deputierten sich zurückgezogen hatten, die vielen Menschen aber, die mit ihnen in den äußeren Hof gekommen waren, dort blieben und plötzlich zum Angriff auf die zweite Brücke ansetzten. Die Besatzung warnte vergeblich. Dann gab der Gouverneur Feuerbefehl. Es wurde — wieder nur aus Gewehren — eine Salve abgegeben. Wieder zogen sich die Angreifer zurück. Wieder blieben aber auch einige von ihnen auf dem Platz.

Dies alles spielte sich noch außerhalb der eigentlichen Bastille ab. Hier waren die Quartiere der Invaliden, die Wohnung des Gouverneurs, das erste Wachthaus, Küchen, Ställe und Wagenschuppen. Diese Gebäude wurden jetzt demoliert und geplündert. Man schleppte Stroh heran und steckte das Wachthaus, das Gouvemement und die Küchen in Brand. Das war übrigens völlig sinnlos, denn das Feuer erschwerte nur die Belagerung. Zu diesem Zeitpunkt wurde von der Besatzung eine mit einer Kartäsche geladene Kanone abgefeuert. Das war an jenem 14. Juli der einzige Kanonenschuß aus der Bastille.

Wohl aber wurde die Bastille selber mit Kanonen beschossen.

Die wiederholten Klagen und Drohungen der Bürger vor dem Ständigen Ausschuß waren schließlich nicht ohne Erfolg geblieben. Die Drohungen hatten allerdings auch schnell an Eindringlichkeit zugenommen. Bürgermeister und Wahlherren wurden beschuldigt, mit Bastille-Gouverneur de Launay im Einverständnis zu sein; sie müßten, hieß es, dem Volk geopfert werden. Tatsächlich wurde schon Stroh herangeholt, um das Stadthaus anzuzünden und den Ständigen Ausschuß zu verbrennen. »Unzweifelhaft liefen der Bürgermeister und die anderen Angehörigen des Ausschusses in diesem Augenblick größere Gefahr als der Gouverneur der Bastille und seine Soldaten«, schrieb später Louis Guillaume Pitra, Mitglied des Ständigen Ausschusses und Augenzeuge. »Jedenfalls bin ich überzeugt, daß es mit zu den Wundern jenes Tages gehört, wenn das Stadthaus nicht in Brand gesteckt, noch alle, die sich darin befanden, niedergemetzelt worden sind.«

In dieser kritischen Lage riß draußen ein Bürger die Führung an sich. Während der Ausschuß zwei Abgeordnete nach Versailles schickte, die der Nationalversammlung die Lage schildern und Waffen verlangen sollten, »stellte sich«, wie Pitra erzählt, »ein bis dahin unbekannter Mann an die Spitze zweier Kompanien der französischen Garde, die seit dem Morgen in Reih und Glied auf dem Platz vor dem Stadthaus standen«. Es war der 31jährige Schweizer Hulin, der in La Bridle bei St. Denis eine Waschanstalt leitete. Er war mit Necker persönlich bekannt und gehörte zu dessen enthusiastischsten Verehrern. Aus geschäftlichen Gründen war Hulin nach Paris gekommen, und hier geriet er auf die Woge der Revolution, die ihn nach oben brachte. Er wurde General und war 1806, unter Napoleon, Stadtkommandant von Berlin.

Jetzt aber stand er noch ganz am Anfang. Auf dem Stadthausplatz hielt er vor den zwei Gardekompanien eine zündende Rede, indem er auf die Verwundeten wies, die man von der Bastille zum Stadthaus gebracht hatte: »Seht diese Unglücklichen, die nach euch die Arme ausstrecken! Wollt ihr unsere waffenlosen Väter, Frauen, Kinder vor der Bastille niedermetzeln lassen, ihr, die ihr Waffen habt, sie zu beschützen? Soldaten der französischen Garde, man mordet die Bewohner von Paris, und ihr wollt nicht gegen die Bastille marschieren?« Und so weiter, bis sie sich ihm tatsächlich anschlossen. Nachdem sie im Stadthaus noch Munition empfangen hatten, zogen sie unter Hulins Führung zur Bastille, 150 Grenadiere und Füsiliere. Gruppen bewaffneter Bürger schlossen sich ihnen an. Auch vier oder fünf Kanonen, die auf dem Greveplatz vor dem Stadthaus gestanden hatten, wurden mitgezogen.

Vor der Bastille brachte man die Geschütze in Stellung.

Dann wurde gefeuert. Eine direkte Wirkung wurde nicht erzielt. Aber Gouverneur de Launay wurde jetzt nervös. Wie die Invaliden später aussagten, wollte er das in der Festung lagernde Pulver anzünden und die ganze Bastille in die Luft sprengen. Er besprach seinen Plan mit der Besatzung, die sich jedoch für Kapitulation aussprach. Der Gouverneur gab nach und ließ von den Türmen herab Schamade schlagen und eine weiße Fahne aufstecken. Das bedeutete noch nicht Kapitulation, sondern zunächst nur Bereitschaft zu Verhandlungen. Dazu kam es dann auch. Die Besatzung erklärte sich bereit, die Waffen niederzulegen und die Bastille zu übergeben, unter der Bedingung, daß ihr sicheres Geleit zugestanden würde.

Diese Zusicherung wurde von den Belagerern gemacht, das heißt von ihren beiden Anführern, dem Offizier Elie und dem Schweizer Hulin. Daraufhin kapitulierte die Bastille-Besatzung und ließ eine Zugbrücke herunter. Hulin und Elie gingen hinüber und betraten als erste die Bastille. Es war nachmittags, etwa eine Viertelstunde vor fünf. Auf dem Hof hatte sich die Besatzung versammelt. Ihre Gewehre lagen bereits an der Mauer. Elie und Hulin begrüßten den Gouverneur und die Offiziere, indem sie sie umarmten.

Sie hatten ihr Wort in dem guten Glauben gegeben, es auch halten zu können. Aber sie hatten ihren Einfluß überschätzt. Nach ihnen drängte eine entfesselte Masse über die Brücke. Hulin hatte Mühe, den Gouverneur vor ihr zu schützen. Er schlug ihm vor, mit ihm die Festung zu verlassen und sich unter dem Schutz einiger Gardesoldaten ins Stadthaus zu begeben. Auf dem Weg dorthin wurden sie wiederholt angegriffen. Hulin erzählte später, die Gefahr, ums Leben zu kommen, sei für ihn dabei viel größer gewesen als während des Kampfes um die Bastille. Schließlich wurde Hulin niedergeschlagen, der Gouverneur ihm entrissen und getötet. Mit einem Fleischhackermesser wurde dem Marquis de Launay der Kopf abgeschlagen.

Inzwischen forderte die Menge den Tod der gesamten Besatzung. Daß es nicht dazu kam, ist vor allem Elie und den Soldaten der Garde zu danken, die für ihre Kameraden um Gnade baten. Aber einige wurden doch noch getötet: der Major der Bastille, der Adjutant, zwei Leutnants und drei Invaliden.

In der Bastille wurde stundenlang gewütet und alles demoliert. Man fand das Archiv, das über viele Jahre mit größter Sorgfalt geführt worden war. Papiere und Bücher wurden herausgerissen und in den Graben geworfen. An die Gefangenen, die »traurigen Opfer des Despotismus«, dachte man erst später. Als sie dann endlich befreit werden sollten, fehlten die Schlüssel. Man hatte sie den Schließern abgenommen und im Triumph aufs Stadthaus gebracht. Schließlich holte man sie heraus, die »Schlachtopfer«. Aber es war mit ihnen nicht viel Staat zu machen. Schon zahlenmäßig nicht, da es nur sieben waren. Einer war ein Schwerverbrecher, zwei waren geisteskrank, die vier andern hatten Wechsel gefälscht und saßen noch in Untersuchungshaft. Im Triumphzug wurden die Befreiten durch die Straßen geführt — vorneweg auf einer Stange der Kopf des Marquis de Launay.

Das war der sogenannte Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789. Am Abend dieses turbulenten Tages schrieb Ludwig XVI. in sein Tagebuch, ein kleines, in graues Leinen gebundenes Heft, nur ein einziges Wort: »Nichts«. Das war denn freilich doch etwas untertrieben. Immerhin war dies für ihn der Anfang vom Ende. Unter dem Eindruck der Vorgänge vom 14. Juli bat Ludwig XVI. seinen drei Tage zuvor entlassenen und außer Landes gewiesenen Finanzminister zurückzukommen.

Die Familie Necker war noch nicht auf ihrem Schweizer Besitz, dem Schloß Coppet, eingetroffen, mit dessen Kauf Necker zugleich auch den Barontitel erworben hatte, als ein Kurier aus Versailles die Nachricht über die Vorgänge in Paris brachte und zugleich die Bitte des Konigs, Baron Necker möge — nun zum drittenmal — ins Kabinett zurückkehren. Necker kam wirklich wieder, mit Frau, Tochter und Schwiegersohn.

»Wie wunderbar war doch diese Reise«, schrieb Madame de Stael später. »Ich glaube, kein Mann, der nicht der Souverän seines Landes ist, hat jemals Ähnliches erlebt … Begeisterter Jubel begleitete jeden seiner Schritte; die Frauen, die im Feld arbeiteten, fielen auf die Knie, als sein Wagen vorbeifuhr; die Honoratioren der Orte, durch die wir fuhren, spielten den Postillion und führten unsere Pferde; und in den Städten spannten die Bewohner unsere Pferde aus und zogen selbst den Wagen … « Der Höhepunkt war Paris. Da standen die Menschen zu Tausenden auf den Straßen und auf den Dächern und jubelten ihm zu.

Als Necker nach Paris zurückkehrte, hatte man dort begonnen, die Bastille abzureißen. Vom »Bollwerk des Despotismus« sollte kein Stein auf dem andern bleiben. Aber es war nicht das so oft bemühte »Volk von Paris«, das die Feste einriß. Es war der Bauunternehmer Palloy mit 500 Arbeitern, die für ihre Arbeit pro Tag 45 Sous erhielten.

Für manche von ihnen gab es dabei noch Nebenverdienste.

Denn einige Wochen lang war die Bastille für die Pariser das Ziel ihres Spaziergangs. Und viele kauften für ein paar Sous Stückchen jener »Kruste von den schrecklichen Gewölben, die sich in Jahrhunderten aus dem Atem der unschuldigen Gefangenen gebildet hatte«. Ganz Paris wollte die Bresche sehen, durch die die Sieger gestürmt waren. Man befühlte die Kanonen, die »unentwegt auf das Volk gefeuert hatten«, stand schaudernd vor einem »Marterinstrument«, das in Wahrheit eine alte beschlagnahmte Druckmaschine war, und starrte voller Entsetzen auf eine Reihe menschlicher Skelette, die im Hof der Bastille gefunden worden waren. Die Skelette schienen »Überreste der Märtyrer der Freiheit«, die endgültig den Beweis für die Grausamkeit des Despotismus erbrachten. Graf Mirabeau sagte in der Nationalversammlung: »Die Minister haben es an Weitblick fehlen lassen, sie haben vergessen, die Knochen aufzuessen!«

In diesen Wochen und Monaten entstand die Legende vom »Sturm auf die Bastille« und von der »Zwingburg des Despotismus«. Genährt wurde sie vor allem von dem ehemaligen Häftling Henri Masers de Latude. Fünfunddreißig Jahre hatte er in der Bastille gesessen und sah nun seine Chance kommen. Während der Abbrucharbeiten betätigte er sich als Fremdenführer, und dann schrieb er über seine Haftzeit ein Buch.

Latude hatte im Jahre 1749 ein Attentat auf Madame de Pompadour fingiert. Und zwar hatte er der Pompadour eine Art Höllenmaschine geschickt, war aber, bevor seine Konstruktion ankam, nach Versailles gefahren und hatte dort gewarnt. Er habe beobachtet, erzählte er, wie zwei Männer ein verdächtiges Paket aufgegeben hatten. So wollte er zu Ruhm, Belohnung und Beziehungen kommen. Aber man kam ihm auf die Schliche und steckte ihn in die Bastille.

Nun hatte ihm die Sache keinesfalls 35 Jahre eingebracht, doch benahm er sich in der Bastille derart überspannt, daß man ihn für geisteskrank hielt. Dreimal brach er aus. Seinen zweiten Ausbruch machte er über eine Strickleiter, die er aus Hemden angefertigt hatte. Die Hemden aber hatte die Gefängnisverwaltung ihm auf seinen Wunsch geliefert. Darüber gibt es noch heute genaue Unterlagen: dreizehn Dutzend Hemden ließ die Verwaltung ihm anfertigen — das Stück zu zwanzig Livres! Dies hat Latude in seinen Memoiren »Meine Flucht aus der Bastille« allerdings verschwiegen.

Noch heute würde man Latude und seinen Greuelmärchen glauben, wenn nicht das Archiv der Bastille gerettet worden wäre. Gleich nach der Übernahme der Festung hatte der Ausschuß einige Bürger beauftragt, vom Archiv zu retten, was noch zu retten war. »Retten wir die Papiere!« hatte einer der Wähler ausgerufen. »Man behauptet, daß die Papiere der Bastille geplündert werden. Laßt uns schnell die Reste der Schriftstücke retten, die die Zeugen des unwürdigsten Despotismus sind. Sie sollen unseren Enkeln Abscheu vor der Vergangenheit einflößen!«

So wurde ein großer Tell der Papiere gerettet und veröffentlicht. Die Veröffentlichung erfolgte auch dann noch, als man sehr deutlich sah, daß gerade diese Papiere aus der Bastille das alte Regime von vielen Anklagen freisprachen! Wenn 138 Jahre nach dem »Sturm« auf die Bastille behauptet wurde, »die Geschichtsforschung hat erst neuerdings endlich die Legende über das geheimnisvolle Schloß der französischen Könige zerstört; mit unendlicher Mühe haben zahlreiche Gelehrte die Dokumente der Bastille ans Licht gezogen und sie sorgfältig miteinander verglichen, um dann vorsichtig die Ergebnisse der Welt bekanntzugeben«, — dann begann eben damit eine neue Legende, die so populäre und zugkräftige Legende von der neueren Forschung. In Wirklichkeit lag alles Wesentliche über die Bastille schon im Jahre 1789 vor.

Eine von der Stadt eingesetzte Kommission hatte nämlich sofort mit der Veröffentlichung des Bastille-Archivs begonnen. Diese wichtige Sammlung von Dokumenten und Augenzeugenberichten über die Einnahme der Bastille erschien noch 1789 auch in Deutsch: »Die enthüllte Bastille oder Sammlung ächter Beyträge zur Geschichte derselben«. Dabel ging es um zwei Dinge: Enthüllung des Despotismus und wahrheitsgetreue Darstellung der Einnahme der Bastille. Im Vorwort der ersten Lieferung ist von den »unschuldigen Schlachtopfern« die Rede; die Bastille wird als einer der »scheußlichsten Köpfe der Hydra des Despotismus« bezeichnet, und die Herausgeber versprechen eine »Sammlung von Beweisen und Beispielen eines grausamen Verfahrens, dessen der ministeriale Despotismus sich unaufhörlich schuldig gemacht hat«.

Dieses Versprechen konnte nicht gehalten werden. Was die Herausgeber tatsächlich vorlegten an Urkunden und Aufzeichnungen, zeigte gerade das Gegenteil, nämlich, daß die Behandlung in der Bastille durchweg korrekt war. Aber — und das ist vielleicht das Erstaunlichste an der ganzen Sache — die Herausgeber ließen das Unternehmen nun nicht etwa einschlafen. Ihnen ging es um die Wahrheit! Und so haben gerade sie die ins Grauenhafte übertriebenen Memoirendarstellungen einiger ehemaliger Häftlinge als Lügen entlarvt. Obwohl sie im Auftrag der neuen Herrscher standen, haben sie als erste die Legende von den im Hof der Bastille verscharrten verhungerten oder zu Tode gefolterten Gefangenen zerstört. Mit wissenschaftlicher Akribie wiesen sie nach, wessen Skelette man dort gefunden hatte. Es handelte sich um protestantische Gefangene, die in der Bastille verstorben waren und die im Hof der Festung beigesetzt wurden, weil ihnen auf den katholischen Friedhöfen der Stadt kein Begräbnis zugestanden wurde.

In dieser Dokumentensammlung aus dem Jahre 1789 wurde auch schon die Legende vom Sturm auf die Bastille widerlegt. Das geschah in der zweiten Lieferung. »Unser vornehmster Endzweck in dieser zweiten Lieferung ist gewesen, die Authentizität aller auf die Einnahme der Bastille sich beziehenden Tatsachen zu bestätigen. Wir haben keine Nachforschungen unterlassen, um zur Wahrheit zu gelangen. Alles ist auf das gewissenhafteste untersucht und zu Rate gezogen worden. Die Besatzung des Schlosses, die Invaliden, die Kerkermeister, die Gefangenen, die Belagerer, die Belagerten, alle sind befragt worden … « Und nach all dem kamen die Herausgeber des Bastille-Archivs zu dem Ergebnis: »Die Bastille ist nicht durch Sturm eingenommen, sondern die Tore sind durch die Besatzung geöffnet worden. Diese Tatsachen sind gewiß und können nicht in Zweifel gezogen werden.«

Auch daß von der Besatzung nur ein einziger Kartätschenschuß abgegeben wurde und daß die Erzählung von den unentwegt feuernden fünfzehn Kanonen nicht stimmt, wurde schon hier ausdrücklich gesagt. Wenn dennoch einige der umliegenden Häuser von Kanonenkugeln getroffen wurden, so erklären die Herausgeber das damit, »daß die Kanonenkugeln der Belagerer nicht immer die Bastille trafen, sondern bisweilen über dieselbe hingingen und sehr weit flogen«. Aber die Pariser — und nicht nur sie — glaubten weiter an die fünfzehn Kanonen, an die entsetzlichen Kerker, die grausam behandelten Gefangenen, an den Sturm und die Bresche.

Und Necker, um den all das inszeniert worden war? Er verlor jetzt schnell an Popularität und Einfluß. Nach dreizehn Monaten wurde er endgültig gestürzt und ging auf sein Schweizer Schloß. Als im Jahre 1794 seine Frau starb, führte er ihre Anweisungen aufs sorgfältigste aus. Es dauerte drei Monate, bis das Mausoleum mit dem großen Becken fertig war; solange behielt er die Tote in seinem Haus. Zehn Jahre später folgte er ihr nach. Und im Jahre 1817 folgte auch die Tochter, Germaine de Stael, die inzwischen als Schriftstellerin, besonders durch ihr dreibändiges Buch »Deutschland«, in dem sie das »Land der Dichter und Denker« verherrlichte, Weltruhm erlangt hatte.

Es war ein 14. Juli, an dem Germaine de Stael starb, achtundzwanzig Jahre nach jenem Tag, an dem die Büste ihres Vaters durch Paris getragen worden war. Vier Tage nach dem Tod wurde das Neckersche Mausoleum aufgebrochen, wo Necker und seine Frau unter einer roten Decke in dem noch zur Hälfte mit Akohol gefüllten schwarzen Marmorbecken lagen. Der Sarg der Tochter wurde ans Fußende des Beckens gestellt, das Mausoleum wieder zugemauert, und die Neckers hatten endlich ihre Ruhe.

Auch in der Politik war es wieder ruhig geworden. Die Revolution und ihr Erbe Napoleon gehörten bereits der Geschichte an. Und Frankreich hatte wieder einen König. Fast könnte man meinen, es wäre alles wieder wie vorher — so sehr hatte man restauriert.

Aber unterirdisch wirkte die Revolution weiter, die Große Revolution, von der es in Georg Büchners Drama »Dantons Tod« heißt, sie kenne keine Reliquien. Eine Reliquie behielt sie bis heute: den 14. Juli als Gedenktag jenes Sturms auf die Bastille, der in Wirklichkeit nie stattfand. Alljährlich an diesem Tag tanzen die Franzosen auf den Straßen und gedenken der Helden, der Bresche, der fünfzehn Kanonen, die unentwegt auf das Volk feuerten …

Aus dem Klappentext:

»Ein Historiker legt hier eines der wichtigsten Geschichtsbücher vor, korrigiert Vorurteile, rückt die richtigen Tatsachen ins rechte Licht. Man darf getrost behaupten: sein Buch wird Rankeschem wie modernem Anspruch gerecht.«

Alexander Rost, DIE ZEIT

»Ein ganzes Bündel von Fälschungen, Lügen und Legenden der Geschichtsschreibung hat Prause in seinem Buch — einem künftigen Standardwerk fur Besserwisser — entwirrt.«

DER SPIEGEL

»Das ist das Buch für unsere skeptische Zeit, für den zweifelnden, wissensdurstigen Leser. Prause gibt sich nicht mit Richtigstellungen zufrieden. Er sucht auch nach dem Sinn der historischen Lüge.«

P. C. Holm, WELT AM SONNTAG

»Ein Legenden-Killer, ein Sachbuch aus einem Guß, das hält, was sein amüsanter Titel verspricht.«

Irmgard Trietsch, SÜDDEUTSCHER RUNDFUNK

»Das Verdienst von Prause liegt darin, daß er Klischees in der Geschichtsdarstellung zertrümmert und damit beiträgt, verhängnisvollen Fehlschlüssen vorzubeugen.«

Ernst A. Stiller, DER TAGESSPIEGEL

Gerhard Prause (* 16. Mai 1926 in Hamburg; † 2. Dezember 2004 ebenda) war ein deutscher Literaturwissenschaftler und Historiker. Bekannt wurde Prause als Autor der ZEIT-Serie »Tratschke fragt: Wer war’s?«. Das Pseudonym Tratschke erinnert bewußt an den Nachnamen des preußischen Haus- und Hofhistoriker Heinrich von Treitschke, der beim Bildungsbürgertum der Kaiserzeit und der Weimarer Zeit und auch noch der frühen Nachkriegszeit sehr bekannt war und dessen Name damals sprichwörtlich für genaues geschichtliches Faktenwissen stand. Prause schrieb zahlreiche Essays, Fernsehdokumentationen und Sachbücher, die in viele Sprachen übersetzt wurden. Sein 1966 erschienenes Werk »Niemand hat Kolumbus ausgelacht« ist eines der ersten, die sich mit der Legendenbildung in der Geschichte befassen.