Meistens vertuscht: Israels aggressive Spionage in den USA

Jeff Stein über die Strohmänner israelischer Nachrichtendienst und amerikanischer Nachrichtendienst.
Israel’s Aggressive Spying in the U.S. Mostly Hushed Up

8. Mai 2014 — Als der Sicherheitstrupp (the security detail) der nationalen Sicherheitsberaterin des Weißen Hauses, Susan Rice, am Dienstagabend ihre Jerusalemer Hotelsuite bezüglich Wanzen und Eindringlingen freigab, dachten sie womöglich an einen Überraschungsgast im Zimmer von Vizepräsident Al Gore vor 16 Jahren: Ein Spion in einem Luftschacht.

Laut einem ehemaligen leitenden US-Nachrichtendienstmitarbeiter (intelligence operative) hörte ein Agent des Secret Service, der in Gores Bad einen Moment der Einsamkeit genoß, bevor der Vizepräsident (Veep) eintraf, ein metallisch kratzendes Geräusch. »Der Secret Service hatte [Gores] Zimmer zuvor gesichert und alle gingen, bis auf einen Agenten, der beschloß, einen lange Zeit auf dem Klo (pot) zu verbringen«, erinnerte sich der Funktionär (operative) für NEWSWEEK. »Das Zimmer war also völlig ruhig, er dachte einfach nur an seine Zehen (he was just meditating on his toes), und er hörte ein Geräusch in der Entlüftung. Und er sieht, wie die Entlüftungshalterung von innen bewegt wird. Und dann sieht er einen Mann, der dabei ist, aus der Entlüftung in den Raum zu steigen.«

Griff der Agent nach seiner Waffe? Nein, sagte der ehemalige Nachrichtendienstmitarbeiter mit einem leisen Lachen. »Er hüstelte und der Mann ging zurück in die Entlüftung.« (Anm.: Warum sollte eine Marionette einer anderen ein Auge aushacken?)

Für manche ist der Vorfall eine Metapher für die nichtöffentlichen Beziehungen (behind-closed-doors relations) zwischen Israel und Amerika, die bestenfalls »Freinde« (»frenemies«) sind. Die dreiste Eskapade in der Entlüftung »überschritt die Grenze« des akzeptablen Verhaltens zwischen befreundeten Nachrichtendiensten — doch weil es Israel war, wurde es von US-Offiziellen schnell vertuscht.

Trotz schriller Dementis diese Woche von israelischen Offiziellen ist Israel laut Offiziellen des US-Nachrichtendienstes und Quellen aus dem Kongreß dabei ertappt worden, seit Jahrzehnten aggressive Spionageoperationen gegen amerikanische Ziele durchzuführen. Und sie tun es weiterhin. Sie werden nur nicht allzu häufig verhaftet.

Wie NEWSWEEK am Dienstag berichtete, erklärten amerikanische Offizielle der Gegenspionage Mitgliedern des »Komitees für juristische Verfahren des Repräsentantenhauses der Vereinigten Staaten« (»United States House Committee on the Judiciary«) und des »Komitees für Auswärtige Angelegenheiten« (»Foreign Affairs committee«) Ende Januar, daß Israels aktuelle Spionagetätigkeiten in Amerika »ohne Konkurrenz und ungehörig« seien und weit über die Aktivitäten der anderen engen Verbündeten hinausgehen, darunter Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Japan.

»Sie ist seit Jahren extensiv«, erklärte ein ehemaliger Spitzenfunktionär der US-Sicherheit NEWSWEEK am Mittwoch, nachdem unter anderen israelischen Spitzenfunktionären der israelische »Minister für Nachrichtendienstliche Angelegenheiten« (»Intelligence Affairs Minister«) Yuval Steinitz den NEWSWEEK-Bericht »unmißverständlich« bestritt und sagte, daß Israel alle Spionageoperationen in den USA beendete, nachdem Jonathan Pollard im Jahr 1987 wegen Spionage für Israel verurteilt wurde. In den israelischen Medien wurde ein anonymer Offizieller mit den Worten zitiert, die Schilderung von NEWSWEEK »hätte einen Hauch von Antisemitismus«.

Doch ein ehemaliger US-Nachrichtendienstmitarbeiter, der mit der israelischen Spionage vertraut ist, lehnte den Antisemitismusvorwurf ab. »Es gibt eine kleine Gemeinde ehemaliger CIA-, FBI- und Militärleute, die diese Schilderung verarbeitet (worked) haben und die Geschichte [von NEWSWEEK] absolut bejubeln«, sagte er. »Nicht einer von ihnen ist antisemitisch. Es hat in der Tat nichts mit Antisemitismus zu tun. Es hat nur damit zu tun, warum [Israel] mit Samthandschuhen angefaßt wird — wenn es Japan oder Indien wären, die es auf diesem Niveau tun, wäre es unverschämt.«

Zwei ehemalige Spitzenfunktionäre der Spionageabwehr erklärten NEWSWEEK, daß sich das FBI ab Mitte der 1990er-Jahre, nachdem Israel im Zuge der Pollard-Affäre versprach, die Spionage in den USA einzustellen, regelmäßig gezwungen sah, israelische Diplomaten aus Washington zur Schelte herbeizuzitieren. Einer sagte, daß die Israelis in dem Jahrzehnt nach 9/11 mehrere »Dutzend« Mal herbeizitiert wurden und ihnen befohlen wurde »aufzuhören« (»cut and shit«), wie es ein ein ehemaliger Spitzenfunktionär des FBI ausdrückte. Doch als »Verbündete« kamen die Israelis fast immer mit lediglich einer Warnung davon. (Anm.: Wäre der Filmproduzent Arnon Milchan nicht eine interessantere Geschichte als Jonathan Pollard?)

Doch egal, wie streng der Vortrag des FBI war, der in der Regel persönlich dem leitenden nachrichtendienstlichen Vertreter der Botschaft zugestellt wurde — die Israelis blieben ungerührt, sagte ein anderer ehemaliger Spitzenfunktionär des Nachrichtendienstes. »Sie können einen Israeli nicht in Verlegenheit bringen«, sagte er. »Es ist einfach unmöglich, sie in Verlegenheit zu bringen. Sie fassen sie auf frischer Tat und sie zucken mit der Schulter und sagen: ›Gut jetzt, sonst noch was?‹«

Immer auf der Lauer war laut einem ehemaligen Offiziellen des Nachrichtendienstes die mächtige »israelische Lobby« — das Netzwerk der Freunde Israels im Kongreß, die Industrie und aufeinanderfolgende Regierungen, Republikaner und Demokraten, bereit, jedem wahrgenommenen Affront seitens der US-Sicherheitsfunktionäre zu widersprechen. Ein ehemaliger Spionageabwehrspezialist erklärte NEWSWEEK, er riskierte, sich Israels Zorn allein dadurch zuzuziehen, indem er für amerikanische Offizielle, Geschäftsleute und Wissenschaftler, die sich für Tagungen und Konferenzen nach Israel aufmachten, regelmäßig
Sicherheitsunterweisungen anbot.

»Wir mußten sehr vorsichtig sein, wie wir amerikanische Offizielle warnten«, sagte er. »Wir erhielten regelmäßig Anrufe von Kongreßmitgliedern, die sich über Sicherheitswarnungen zu Reisen nach Israel empörten. Und sie hatten unser Budget. Wenn … der Direktor der CIA einen Anruf von einem empörten Kongreßabgeordneten bekommt — ›Was sind diese Sicherheitsunterweisungen, die Sie geben? Was sind diese Warnungen vor Bedrohungen auf hoher Stufe zu Reisen nach Tel Aviv, die Sie geben? Das ist empörend‹ — er muß gut aufpassen. Es gab immer diese politisch delikaten Angelegenheiten, derer man sich bewußt sein mußte.«

Die jährliche Übung, in der das Außenministerium Sicherheitsprofile über fremde Länder veröffentlicht, verursachte den Nachrichtendiensten riesige Kopfschmerzen, fügte er hinzu. »Die jährliche Bewertung der Bedrohung für die US-Botschaft und Konsulate [in Israel], das war immer eine große Debatte«, sagte er. »Die Nachrichtendienste pflegten immer, auf die höchste Bedrohungsstufe zu drängen, während das Außenministerium zu sagen pflegte: ›Das wird nicht sehr gut rüberkommen (go over), wir können diese Art von Bewertung nicht geben, weil es hinsichtlich der Reisewarnungen und Einschränkungen bestimmte Konsequenzen geben wird.‹ Es war immer eine große, große Debatte, wie Sie die Bedrohung dort drüben bewerten.«

Doch die Gefahr ist real, sagen er und andere ehemalige Offizielle des US-Nachrichtendienstes, die mit Israels Methoden vertraut sind. Israelische Agenten »verfolgen hochrangige US-Marineoffiziere auf Landgang in Haifa, Offizielle der Raumfahrtindustrie oder Wissenschaftler mit geistigem Eigentum, überall. Das ist für die Gemeinschaft schon immer eine große Sorge gewesen.«

In den Staaten versuchen israelische Offizielle und Geschäftsleute andauernd, attraktive amerikanische Ziele zu Israelbesuchen zu locken. Die Vertreter der (Anm.: Waffenentwicklungsbehörde) MAFAT, eine Regierungsbehörde, die das israelische Verteidigungsministerium für seine Rüstungsindustrien einspannt, bereiteten der US-Spionageabwehr große Sorge, sagte einer der ehemaligen Offiziellen des US-Nachrichtendienstes. »Sie waren diejenigen, die uns wirklich große Besorgnis bereiteten. Weil sie einen plausiblen Grund hatten, all diese Konferenzen und Verteidigungseinrichtungen und dergleichen zu besuchen. Es war eine großes Vehikel zur Tarnung für Industriespionage«, sagte er.

»Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer US-Wissenschaftlerin, die auf einer Konferenz war und von einer Gruppe aus [Israel] bearbeitet wurde«, fuhr der ehemalige US-Nachrichtendienstagent fort. »Und diese Wissenschaftlerin, die klug genug war zu erkennen, was sie sah, sagte, es war wirklich unglaublich, wie die Aushorchtechniken (elicitation techniques) eingesetzt wurden — die Einladungen rüberzukommen und das Datendepot (data dump) im Grunde von einer Wissenschaftlerkollegin zu bekommen. Und die Naivität seitens der amerikanischen Wissenschaftler war wirklich verblüffend. Wir sahen das die ganze Zeit.«

Israelische Offizielle waren dreist genug, selbst ihn zu werben (to pitch). Er sagte, daß sich ihm der Handelsattaché der israelischen Botschaft näherte, nachdem er letztens auf einem Treffen der Sicherheitsindustrie in Washington eine Rede hielt. »Er sagte: ›Oh, es war toll, Ihren Hintergrund zu hören, das war eine großartige Rede, die Sie gaben, wie interessant‹, und so weiter. Und ich dachte, jetzt kommt es, jetzt kommt die Werbung (pitch). Und er sagte tatsächlich: ›Haben Sie schon einmal überlegt, rüberzukommen? Wir würden uns freuen, wenn Sie rüberkommen, wir werden alle Ihre Ausgaben zahlen, während Sie drüben sind, wir werden Ihnen die Tour geben …‹ Ich dachte bloß: ›Komm, Jungs, ich bitte euch.‹« (Anm.: Welche Erfahrungen machte auf diesem Gebiet die Redaktion von NEWSWEEK?)

»Ihr Ziel«, fuhr er fort, »ist es, Kontakte zu bekommen, aus den USA und dort rüber zu kommen, und ihnen dann einzuschenken, sie zu bewirten und zu bewerten, um zu sehen, was ihre Schwächen sind. Ich meine, wir hatten da drüben Offizielle der Regierung, denen Drogen angeboten wurden, wie: ›Hey, möchten Sie etwas Gras?‹ Was? Dies sind Offizielle der US-Regierung. Die Drogen und Frauen kommen auf Ihr Hotelzimmer — sie werfen Ihnen alles zu. Egal wie hoch der Offizielle ist.«

Am Mittwoch schmetterte der israelische Nachrichtendienstminister (Intelligence Minister) Yuval Steinitz die Spionagevorwürfe ab und sagte: »Israel spioniert nicht in den USA, wirbt in den USA keine Spione an und betreibt in den USA keine Informationsbeschaffung.« Ebenso sagte der israelische Außenminister Avigdor Liberman, er »würde keiner Spionage in den Vereinigten Staaten zustimmen, weder direkt noch indirekt«. Er bezeichnete die Vorwürfe, die von NEWSWEEK Offiziellen des Nachrichtendienstes zugeschrieben wurden, die den Kongreß informierten, als »bösartig«.

Doch aktuelle und ehemalige Offizielle des US-Nachrichtendienstes standen ihren Mann.

»Es ist wirklich die gesamte Skala, die Sie sich vorstellen können«, sagte ein ehemaliger Offizieller des US-Nachrichtendienstes, der über Jahrzehnte ein bekanntes Gesicht in den Chefetagen mehreren US-Sicherheitsbehörden ist. »Früher waren es französische Studenten, die in die Vereinigten Staaten kamen, als Praktikanten, Sommerbeschäftigte und ähnliches, sie alle hatten einen französischen Offizier der ›Generaldirektion für äußere Sicherheit‹ (›Direction Générale de la Sécurité Extérieure‹, DGSE), dem sie in der Botschaft Bericht erstatten mußten«, sagte er. »Ähnliche Dinge geschehen in Bezug auf die Israelis … [die] in den Vereinigten Staaten viele israelische Reisende haben.«

Solche Pauschalvorwürfe machen die Verteidiger Israels wütend, die darin diesen »Hauch von Antisemitismus« erkennen. Aktuelle und ehemalige Offizielle des US-Nachrichtendienstes, die Pollards vorzeitige Entlassung ablehnten, wurden ebenfalls des Antisemitismus beschuldigt.

Die hohe Zahl junger Israelis, die ihre Besuche in den USA überziehen, sind ein wunder Punkt in Israels Drängen (drive), von der »US-Visum erforderlich«-Liste zu kommen. Ein weiterer ist Israels Unterlassen, verlorene und gestohlene Pässe regelmäßig nicht an Interpol zu melden. Ein größeres Problem ist Israels rauhe Behandlung von arabischen Amerikanern und propalästinensischen Aktivisten, die nach Israel reisen. Quellen im Kongreß zufolge hat sich aber auch die israelische Jagd auf US-militärische, wissenschaftliche und industrielle Geheimnisse als eine große Hürde — wenn nicht als die größte Hürde — bei der Normalisierung im Bereich Visa erwiesen.

Ein ehemaliger Kongreßberater erklärte NEWSWEEK: »Ich war in dieser Unterrichtung — dort waren einige« über israelische Spionage durch Offizielle der US-Sicherheit im Jahr 2013. »In der Unterrichtung, in der ich war, waren leitende Mitarbeiter für auswärtige Angelegenheiten, das gesamte Komitee und der Unterausschuß … Justiz, Republikaner und Demokraten und der Führungsstab. Ich glaube nicht, daß es dort irgendjemand gab, der nicht für ein Mitglied arbeitete, das nicht leidenschaftlich und öffentlich Pro-Israel war«, sagte er.

»Und danach sagten wir: ›Auf keinen Fall. Das darf doch wohl nicht wahr sein.‹« Die Beweise der israelischen Spionage waren überwältigend, sagte er. Das Thema Visumbefreiung war vom Tisch.

»Die Stimmen in dem Raum«, erinnerte sich der Berater, und sagte: »Es geht einfach nicht, daß dies möglich ist.«

Hier finden Sie den Originalartikel, Israel’s Aggressive Spying in the U.S. Mostly Hushed Up.


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