Ein offener Brief von Dylan Farrow

Mia Farrows Tochter über den aschkenasischen Kindersammler Allan Stewart Konigsberg.
An Open Letter From Dylan Farrow

1. Februar 2014 — ( Anmerkung von Nicholas Kristof: Als Teil einer sensationellen Geschichte über die Promi-Trennung von Allen und seiner Freundin Mia Farrow füllten im Jahr 1993 Vorwürfe die Schlagzeilen, daß Woody Allen seine Adoptivtochter Dylan Farrow mißbraucht hätte. Das ist ein Fall, über den endlos geschrieben wurde, aber dies ist das erste Mal, daß Dylan Farrow selbst darüber in der Öffentlichkeit schreibt. Es muß darauf hingewiesen werden, daß Woody Allen in diesem Fall nie strafrechtlich verfolgt wurde und ein Fehlverhalten immer wieder abgestritten hat; er verdient also die Unschuldsvermutung. Wozu also ein Bericht über einen alten Fall? Zum Teil, weil die Golden-Globe-Auszeichnung für Allens Lebenswerk eine Diskussion über die Angemessenheit des Preises entzündete. Zum Teil, weil es hier nicht um Berühmtheit geht, sondern um sexuellen Mißbrauch. Und zum Teil, weil unzählige Leute leidenschaftlich über diese Ereignisse geschrieben haben, wir sie aber noch nicht vollständig von der jungen Frau gehört haben, die im Mittelpunkt von ihnen stand. Ich habe darüber eine Kolumne geschrieben, aber es wird Zeit, daß die Welt Dylans Geschichte in ihren eigenen Worten zu hören bekommt.)

Was ist Ihr Lieblingsfilm von Woody Allen? Bevor Sie antworten, sollten Sie wissen: Als ich sieben Jahre alt war, nahm mich Woody Allen bei der Hand und führte mich in eine dunkle, schrankähnliche Dachkammer in der zweiten Etage unseres Hauses. Er sagte, ich solle mich auf den Bauch legen und mit der elektrischen Eisenbahn meines Bruders spielen. Dann hat er mich vergewaltigt. Er sprach zu mir, während er es tat, flüsterte, daß ich ein gutes Mädchen wäre, daß dies unser Geheimnis wäre, und versprach, daß wir nach Paris gehen würden und ich ein Star in seinen Filmen sein würde. Ich erinnere mich, auf diese Spielzeugeisenbahn zu starren und mich darauf zu konzentrieren, als sie in der Dachkammer ihren Kreis fuhr. Bis heute finde ich es schwierig, mir Spielzeugeisenbahnen anzusehen.

Denn solange ich mich erinnern konnte, hatte mir mein Vater Dinge angetan, die ich nicht mochte. Ich mochte nicht, wie oft er mich von meiner Mutter und meinen Geschwistern und Freunden wegnahm, um mit ihm allein zu sein. Ich mochte es nicht, wenn er seinen Daumen in meinen Mund steckte. Ich mochte es nicht, wenn ich zu ihm ins Bett unter die Bettdecke mußte, wenn er in seiner Unterwäsche war. Ich mochte es nicht, wenn er seinen Kopf in meinen nackten Schoß legte und ein und aus atmete. Ich versteckte mich unter den Betten oder schloß mich im Bad ein, um diese Begegnungen zu vermeiden, aber er hat mich immer gefunden. Diese Dinge passierten so oft, so routinemäßig, so geschickt verborgen vor einer Mutter, die mich beschützt hätte, wenn sie davon gewußt hätte, daß ich dachte, es wäre normal. Ich dachte, dies wäre wie Väter in ihre Töchter vernarrt sind. Doch was er auf dem Dachboden mit mir machte, fühlte sich anders an. Ich konnte das Geheimnis nicht mehr für mich behalten.

Als ich meine Mutter fragte, ob ihr Vater ihr das angetan hat, was Woody Allen mir angetan hat, wußte ich ehrlich gesagt nicht, welche Antwort folgen würde. Ich wußte auch nicht, welchen Feuersturm dies auslösen würde. Ich wußte nicht, daß mein Vater seine sexuelle Beziehung mit meiner Schwester nutzen würde, um den Mißbrauch, den er mir angetan hat, zu vertuschen. Ich wußte nicht, daß er meine Mutter beschuldigen würde, den Mißbrauch in meinen Kopf zu pflanzen und sie dafür, mich zu verteidigen, eine Lügnerin nennen würde. Ich wußte nicht, daß ich im Rahmen eines juristischen Kampfes, den ich vielleicht nicht verstehen konnte, meine Geschichte immer und immer wieder erzählen sollte, Arzt für Arzt, um zu sehen, ob ich zugeben würde zu lügen. An einem Punkt setzte mich meine Mutter hin und erklärte mir, daß ich nicht in Schwierigkeiten geraten würde, wenn ich gelogen habe — daß ich alles zurücknehmen könnte. Ich konnte es nicht. Es war alles wahr. Doch sexuelle Mißbrauchsvorwürfe gegen die Mächtigen sind leichter abzuwürgen. Es gab Experten, die bereit waren, meine Glaubwürdigkeit anzugreifen. Es gab Ärzte, die bereit waren, ein mißbrauchtes Kind dazu zu bringen, am eigenen Verstand zu zweifeln.

Nachdem eine Sorgerechtsanhörung meinem Vater das Besuchsrecht verweigerte, lehnte es meine Mutter ab, die Vorwürfe strafrechtlich zu verfolgen, obwohl der Staat Connecticut einen hinreichenden Verdacht fand — in den Worten des Staatsanwalts aufgrund der Zerbrechlichkeit des »Opfers« (»child victim«). Woody Allen wurde nie wegen irgendeiner Straftat verurteilt. Daß er mit dem, was er mir angetan hat, davonkam, verfolgte mich während ich heranwuchs. Ich war beladen mit Schuldgefühlen, daß ich ihm erlaubt hatte, in der Nähe von anderen kleinen Mädchen zu sein. Ich hatte Angst, von Männern berührt zu werden. Ich entwickelte eine Eßstörung. Ich fing an, mich zu schneiden. Die Qualen wurden durch Hollywood nur noch schlimmer. Alle drückten ein Auge zu, bis auf ein paar herzlich wenige Helden, meine Helden. Die meisten fanden es einfacher, die Mehrdeutigkeit zu akzeptieren, zu sagen, »wer kann schon sagen, was passiert ist«, so zu tun, als ob alles in Ordnung wäre (that nothing was wrong). Schauspieler lobte ihn bei Preisverleihungen. Sendernetze brachten ihn ins Fernsehen. Kritiker brachten ihn in Zeitschriften. Jedes Mal, wenn ich das Gesicht meines Täters sah, auf einem Plakat, auf einem T-Shirt, im Fernsehen, konnte ich meine Panik nur verstecken, bis ich einen Ort fand, um allein zu sein und zu zerbrechen (to fall apart).

Letzte Woche wurde Woody Allen für seinen neuesten Oscar nominiert. Doch dieses Mal weigere mich, zu zerbrechen. Viel zu lange brachte mich Woody Allens Akzeptanz zum Schweigen. Es fühlte sich an wie eine persönliche Zurechtweisung, als wären die Preise und Auszeichnungen ein Weg, mir zu sagen, den Mund zu halten und zu gehen. Aber die Opfer (survivors) von sexuellem Mißbrauch, die auf mich zugekommen sind, um mich zu unterstützen, um mit mir ihre Ängste zu teilen, hervorzutreten und eine Lügnerin genannt zu werden und zu hören, daß die eigenen Erinnerungen nicht die eigenen Erinnerungen wären, haben mir einen Grund gegeben, nicht zu schweigen, wenn auch nur, damit andere wissen, daß sie ebenfalls nicht schweigen müssen.

Heute kann ich mich glücklich schätzen. Ich bin glücklich verheiratet. Ich habe die Unterstützung meiner phantastischen Brüder und Schwestern. Ich habe eine Mutter, die in sich eine Quelle der Tapferkeit fand, die uns vor dem Chaos rettete, das ein Raubtier in unser Haus gebracht hat.

Doch andere haben immer noch Angst, sind verletzlich und suchen den Mut, um die Wahrheit zu sagen. Für sie ist von Bedeutung, welche Botschaft Hollywood schickt.

Was, wenn es Dein Kind gewesen wäre, Cate Blanchett, Louis C. K., Alec Baldwin? Was, wenn es Du gewesen wärst, Emma Stone? Oder Du Scarlett Johansson? Du kanntest mich, als ich ein kleines Mädchen war, Diane Keaton. Hast Du mich vergessen?

Woody Allen ist ein lebender Beweis dafür, wie unsere Gesellschaft Opfer von sexueller Gewalt und sexuellem Mißbrauch im Stich läßt.

Stellen Sie sich also vor, daß Ihre siebenjährige Tochter von Woody Allen in eine Dachkammer geführt wird. Stellen Sie sich vor, daß sie bei der Erwähnung seines Namens ihr Leben lang von Übelkeit befallen wird. Stellen Sie sich eine Welt vor, die den Peiniger Ihrer Tochter feiert.

Können Sie sich das vorstellen? Und nun, was ist Ihr Lieblingsfilm von Woody Allen?

Hier finden Sie den Originalartikel, An Open Letter From Dylan Farrow.

Siehe auch den Fall des aschkenasischen Kindernacktfotografen Roman Polanski:

Der Alte und die Dreizehnjährige


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