Erscheinungsformen des Sozialismus im Zeitalter der Aufklärung

Kopiert und eingefügt aus »Der Todestrieb in der Geschichte. Erscheinungsformen des Sozialismus« (S. 138-165) von Igor Schafarewitsch.

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§ 3. Das Zeitalter der Aufklärung

Jetzt wenden wir uns der soziologischen und philosophischen sozialistischen Literatur zu, von der wir ebenfalls nur einige Werke berühren, die den größten Einfluß auf die Entwicklung der Ideen des chiliastischen Sozialismus ausgeübt haben.

»Mon testament« von Jean Meslier (49) hebt sich aus der ganzen Literatur dieser Richtung durch viele Besonderheiten des Werkes, sein ungewöhnliches Schicksal und die erstaunliche Gestalt des Autors heraus. Jean Meslier (geboren 1664) verbrachte sein ganzes Erwachsenenleben als Priester in der Champagne. »Mon testament« wurde vom Verfasser nicht veröffentlicht und erst nach seinem Tode im Jahre 1733 durch Abschriften und Zitate bekannt. Voltaire und anderen Aufklärern erschien es interessant und unterhaltsam, doch so gefährlich, daß sie nicht wagten, es vollständig zu veröffentlichen. Als Ganzes erschien es erst im Jahre 1864 in Amsterdam.

Das Hauptmerkmal von »Mon testament« besteht darin, daß in ihm die eigentlich sozialistische Konzeption nur ein Nebenprodukt der Grundidee, des Kampfes mit der Religion, ist. Meslier sieht in der Religion nichts als ihre soziale Rolle, die seiner Meinung nach darin beschlossen ist, durch Betrug und Verbreitung des Aberglaubens die Gewalt und die soziale Ungleichheit zu untermauern:

»Kurz gesagt, alles, was eure Theologen und Priester euch mit solchem Eifer und solcher Beredsamkeit predigen … all das ist im wesentlichen nichts als Illusion, Irreführung, Betrug, Dichtung und Schwindel: Sie wurden zunächst von schlauen und subtilen Politikern ersonnen und später von Gaunern und Scharlatanen wiederholt. Danach glaubten unwissende und ungebildetete Menschen aus dem Volke daran, und schließlich wurde alles durch die Macht der Herrscher und Starken der Welt unterstützt. Sie begünstigten Betrug und Irreführung, Aberglauben und Scharlatanerie und bestärkten sie durch ihre Gesetze, um so die Massen im Zaum zu halten und sie zu zwingen, nach ihrer Pfeife zu tanzen.« (49, Bd. I, S. 67-69)

Von diesen beiden Leidenschaften – dem Haß auf Gott und jede Ungleichheit oder Hierarchie – wird das ganze »Testament« bewegt. Die Religion ist, wie Meslier meint, an dem meisten Unglück der Menschheit schuld. Sie säe vor allem Zwietracht und stifte Religionskriege. Dabei ruft er selbst naiverweise zum Aufstand, zur Ermordung der Könige und zur Vernichtung aller auf, die man für glücklicher und wohlhabender hält.

»In diesem Zusammenhang fällt mir das Begehren eines Mannes ein … Er äußerte den Wunsch, daß >alle Mächtigen der Welt und vornehmen Herren aufgehängt und mit Schlingen aus den Därmen der Priester erwürgt werden<. Diese Ansicht macht zwangsläufig einen etwas groben und brutalen Eindruck, doch ihre unbefangene Geradlinigkeit läßt sich nicht leugnen. Sie ist kurz, doch ausdrucksvoll, da sie mit wenigen Worten alles beschreibt, was derartige Menschen verdienen.« (49, Bd. I, S. 71)

Die Religion ist für Meslier ein alberner Aberglaube, welcher der ersten Berührung des klaren Verstandes nicht widerstehen könne. Von allen Religionen sei jene der Christen, die er Christusanbeter nennt, die albernste. Doch man darf den Grund seiner Einstellung zum Christentum nicht in der allzu rationalistischen Mentalität Mesliers selbst suchen. Um das Christentum zu widerlegen, ist er bereit, den wildesten Aberglauben hinzunehmen und jedes unsinnige Gerücht zu wiederholen. Zum Beispiel kommt ihm läppisch vor, daß Gott nur einen einzigen Sohn gehabt habe, während weit weniger vollkommene Wesen in dieser Hinsicht viel besser ausgestattet seien. Viele Tiere brächten gleichzeitig zehn oder zwölf Junge zur Welt.

»Man sagt, daß eine polnische Gräfin namens Margaritha gleichzeitig 36 Kinder geboren habe. Außerdem gebar eine holländische Gräfin, ebenfalls mit Namen Margaritha, die eine arme, durch ihre Kinder überlastete Frau ausgelacht hatte, gleichzeitig so viele Kinder, wie das Jahr Tage hat, das heißt 365, und sie alle traten später in die Ehe ein (siehe dazu die Annalen von Holland und Polen).« (49, Bd. n, S. 19)

Offensichtlich ist Mesliers Ausgangspunkt sein Haß auf Gott, für den er sich nur im Rahmen seiner Kräfte bemüht, Argumente zu sammeln. Besonders verhaßt ist ihm die Persönlichkeit Christi, über die Meslier buchstäblich nicht genug Beschimpfungen finden kann:

»Und unsere Gottchristusanbeter? Wem schreiben sie Göttlichkeit zu? Einem nichtigen Menschen, der weder Talent noch Geist, noch Wissen, noch Geschick besaß und in der Welt völlig verachtet wurde. Wem schreiben sie also Göttlichkeit zu? Soll ich es sagen? Ja. ich sage es: Sie schreiben sie einem Verrückten, einem Irrsinnigen, einem elenden Fanatiker und unglückseligen Halunken zu.« (49, Bd. n, S. 25)

Der Kämpfer für die Rechte der Armen sieht den endgültigen und unwiderlegbaren Beweis für die Falschheit der Lehre Christi darin,

»daß er immer arm und nur der Sohn eines Zimmermanns war… « (49, Bd. II, S. 26)

Die Religion sei die Quelle der meisten gesellschaftlichen Übel und vor allem der Ungleichheit der Menschen, die nur durch ihre Autorität aufrechterhalten werde. Meslier erkennt die Notwendigkeit »einer gewissen Abhängigkeit und Unterordnung« in jeder Gesellschaft an. Doch jetzt gründe die Macht sich auf Gewalt, Mord und Verbrechen. Im »Testament« ist nicht die Rede von konkreten Maßnahmen zur Verbesserung der Lage der Armen oder von Aufrufen an die Reichen, etwas in dieser Richtung zu unternehmen; das Buch schürt nur den Haß der einen auf die anderen.

»Euch, liebe Freunde, erzählt man von Teufeln, man erschreckt euch schon mit dem Namen des Teufels, man zwingt euch zu glauben, daß die Teufel die bösesten und abscheulichsten Geschöpfe, die schlimmsten Feinde des Menschengeschlechts seien, daß sie sich nur darum bemühten, die Menschen zu verderben und sie für immer in der Hölle unglücklich zu machen…

Aber wisset, liebe Freunde, für euch sind die schlimmsten und echtesten Teufel, vor denen ihr euch fürchten müßt, die Menschen, von denen ich spreche – ihr habt keine schlimmeren und böseren Feinde als die Vornehmen und Reichen.« (49, Bd. II, S. 166)

Das innerste Wesen, die wahre Ursache der Ungleichheit sei das Privateigentum, das die Religion ebenfalls rechtfertige.

»Deshalb leben die einen in Völlerei und Luxus, während die anderen Hungers sterben. Deshalb sind die einen fast immer froh und munter und die anderen ewig traurig und betrübt.« (49, Bd. II, S. 201)

Das ganze Sozialprogramm Mesliers läßt sich auf ein paar Zeilen zurückführen:

»Welch großes Glück wäre es für den Menschen, wenn sie gemeinsam die Segnungen des Lebens genießen könnten.« (49, Bd. II, S. 209)

In einer gerechten Gesellschaft müßten Produktion und Verbrauch nach Mesliers Meinung auf der Grundlage der Gemeinsamkeit organisiert sein.

»Die Menschen müssen gemeinsam und gleichberechtigt über alle Güter und Reichtümer der Erde verfügen und sie ebenfalls gemeinsam und gleichmäßig nutzen.« (49, Bd. II, S. 198)

Nahrung, Kleidung und Kindererziehung sollen sich in den verschiedenen Familien nicht stark voneinander unterscheiden. Alle sollen unter der Führung weiser Alter arbeiten (an einer anderen Stelle ist von gewählten Amtspersonen die Rede).

Diese Maßnahmen werden zu wunderbaren Ergebnissen führen: Niemand wird Not leiden, alle werden einander lieben, schwere Arbeit, Betrug und Eitelkeit werden verschwinden. Dann, sagt Meslier,

»wären auf der Erde keine unglücklichen Menschen zu sehen, während wir ihnen jetzt auf Schritt und Tritt begegnen«. (49, Bd. II, S. 217)

Auch die Familienbeziehungen müssen sich ändern, denn ein großes, von der Kirche eingeführtes Übel wird beseitigt werden: die Unauflösbarkeit der Ehe.

»Männer und Frauen müssen die gleiche Freiheit haben, ungehindert ihrer Neigung gemäß zusammenzukommen, ebenso wie die Freiheit, auseinanderzugehen und sich voneinander zu trennen, wenn ihnen das gemeinsame Leben beschwerlich wird oder wenn eine neue Neigung sie zur Schließung eines anderen Bundes bewegt.« (49, Bd. II, S. 214)

Wer »Mon testament« gelesen hat, erhält den Eindruck, daß dieses Werk sehr persönlich ist, daß sich in ihm die intimen Charakterzüge des Autors widerspiegeln. Deshalb sind jene Stellen interessant, an denen von seiner Persönlichkeit die Rede ist.

Das Buch beginnt mit einem Aufruf Mesliers an die Mitglieder seiner Kirchengemeinde:

»Liebe Freunde, es war mir bei Lebzeiten unmöglich, offen das auszusprechen, was ich über die Ordnung und Methode der Regierung der Menschen, über ihre Religionen und Rechte dachte. Dies wäre mit sehr gefährlichen und schimpflichen Folgen verbunden gewesen; deshalb beschloß ich, es euch nach meinem Tode zu sagen.« (49, Bd. I, S. 55)

Über sich selbst teilt Meslier mit:

»Ich war nie so dumm, den Sakramenten und Narrheiten der Kirche Bedeutung einzuräumen, ich verspürte nie den Drang, an ihnen teilzunehmen oder auch nur ehrfurchtsvoll und billigend von ihnen zu sprechen.« (49, Bd. II, S. 73)

»Ich haßte die albernen Verpflichtungen meines Berufes aus ganzer Seele, besonders diese götzendienerischen und abergläubischen Messen sowie die unsinnigen und lächerlichen Spendungen des heiligen Abendmahls, zu denen ich gezwungen war.« (49, Bd. I, S. 77)

Das Buch endet mit den Worten:

»Nach allem Gesagten mag man über mich denken, richten und sprechen, wie man will, und ebenso alles tun, was man will; ich werde mich deshalb nicht im geringsten beunruhigen. Mögen sich die Menschen anpassen und regieren, wenn es ihnen gefällt; mögen sie weise oder närrisch, gut oder böse sein, mögen sie nach meinem Tod über mich sagen oder mit mir machen, was sie wollen – das alles ist mir ganz gleichgültig. Ich nehme schon fast nicht mehr an dem teil, was auf der Welt geschieht. Die Toten, mit denen ich bald denselben Weg beschreiten werde, regt nichts mehr auf, kümmert nichts mehr.

Mit diesem Nichts ende ich hier. Auch ich selbst bin jetzt nicht mehr als nichts, und bald werde ich im wahrsten Sinne des Wortes nichts sein.« (49, Bd. 11, S. 377)

Dies waren keine leeren Worte: Meslier setzte seinem Leben im Alter von 55 Jahren ein Ende.

Die Geschichte von »Mon testament« ist interessant. Es (oder Teile davon) fiel Voltaire in die Hände und machte ungeheuren Eindruck auf ihn. Er schrieb über »Mon Testament«:

»Es ist ein Werk, das den Dämonen völlig unerläßlich ist, ein großartiger Katechismus des Beelzebub. Wisset, daß dies ein sehr seltenes Buch ist, es ist vollkommen«. (49, Bd. III, S. 405)

Den Personen, die er als seine »Brüder« bezeichnete, schrieb Voltaire häufig mit der Aufforderung, Auszüge aus »Mon testament« zu verbreiten.

»Wisset, daß der göttliche Segen auf unserer entstehenden Kirche ruht: In einer der Provinzen wurden 300 Exemplare von Meslier verteilt, was viele Neubekehrte einbrachte.« (49, Bd. III, S. 417)

Das Buch galt als gefährlich. Deshalb schrieb Voltaire, wenn er zu seiner Herausgabe ermunterte:

»Wäre es unmöglich, sich deshalb, ohne sich selbst oder irgendeinen anderen zu kompromittieren, an den guten Meslier zu wenden? Ich möchte nicht, daß einer unserer Brüder auch nur das geringste Risiko eingeht.« (49, Bd. III, S. 416)

»Wir wollen den guten Menschen danken, die es kostenlos weitergegeben haben, und bitten um den allerhöchsten Segen für diese nützliche Lektüre.« (49, Bd. III, S. 419)

»… Sie haben kluge Freunde, die nicht abgeneigt sein werden, dieses Buch bei sich an einem verläßlichen Ort zu verwahren. Übrigens taugt es zur Belehrung der Jugend.« (49, Bd. III, S. 408)

»Jean Meslier muß die ganze Welt überzeugen. Warum ist sein Evangelium so wenig verbreitet? Ihr seid in Paris viel zu träge! Ihr laßt euer Licht nicht leuchten.« (49, Bd. III, S. 410)

»Ich wünsche mir nach christlicher Art, daß sich das >Testament< wie die fünf Brote vermehrte und vier-bis fünftausend Seelen speiste.« (49, Bd. III, S. 411)

Später, im Jahre 1793, als der Konvent die Entchristianisierung durchsetzte und den Kult der Vernunft einführte, schlug Anarcharsis Cloots vor, im Tempel der Vernunft eine Statue des Predigers aufzustellen, der sich als erster von den religiösen Verirrungen losgesagt habe – »des kühnen, hochherzigen und großen Jean Meslier«.

Der »Code de la Nature, ou le veritable esprit de ses loix« von Morelly (50) erschien im Jahre 1755. Über seinen Autor ist fast nichts bekannt – bis heute streitet man sich darüber, ob eine solche Person existierte oder ob es sich um ein‘ Pseudonym handelte.

Dem System Morellys liegt die Vorstellung von einem Naturzustand oder einem »Kodex der Natur« zugrunde, dem die Menschheit folgen müsse, um glücklich und moralisch zu leben. Der Bruch mit dem Naturzustand sei durch das Privateigentum zustande gekommen, das alle Nöte der Menschheit verursacht habe. Nur seine Beseitigung könne wieder zu einem natürlichen und glücklichen Zustand führen.

Der vierte Teil des Buches enthält eine Gesetzgebung, auf die sich die ideale Gesellschaft, nach Morelly, stützen muß.

Im Mittelpunkt stehen drei »wichtige und heilige Gesetze«.

Das erste von ihnen schafft jedes Privateigentum ab. Eine Ausnahme wird nur für »Dinge« gemacht, »die jeder zur Befriedigung seiner Bedürfnisse, zum Vergnügen oder für seine tägliche Arbeit benutzt«. Das zweite Gesetz erklärt alle Bürger zu Beamten, die der Staat mit Arbeit und Unterhalt versorgt. Das dritte Gesetz proklamiert die allgemeine Ptlicht, »dem Verteilungsgesetz gemäß« zu arbeiten.

Alle Bürger müssen sich im Alter von zwanzig bis 35 Jahren mit Ackerbau befassen; danach bleiben sie bei dieser Arbeit oder werden zu Handwerkern gemacht. Mit vierzig Jahren hat jeder das Recht der freien Berufswahl.

Alle Erzeugnisse werden über gesellschaftliche Speicher verteilt.

Handel und Tausch sind durch ein »heiliges Gesetz« verboten.

Die Bevölkerung lebt in Städten, die in gleiche, einheitliche Viertel geteilt sind. Alle Gebäude haben die gleiche Form, und alle Bewohner tragen ein Gewand aus dem gleichen Stoff.

In einem bestimmten Alter muß jeder Bürger die Ehe eingehen.

Die Kinder werden bis zum Alter von fünf Jahren in der Familie erzogen und treten danach in spezielle Erziehungsheime ein. Die Ausbildung (sowie die Nahrung und Kleidung) aller Kinder ist völlig einheitlich. Mit zehn Jahren setzen sie ihre Lehre in Werkstätten fort.

Die Zahl der Personen, die sich den Wissenschaften und Künsten widmen, ist streng begrenzt. »wie für jede Art der Beschäftigung so auch für jede Stadt«.

Die » Moralphilosophie« wird ein für allemal durch die in Morellys Traktat ausgearbeiteten Thesen umrissen:

»… nichts wird hinzugefügt werden, das über die vom Gesetz vorgeschriebenen Grenzen hinausgeht.« (50, S. 202)

Dafür wird auf dem Gebiet der Naturwissenschaften volle Forschungsfreiheit gewährt.

Die von Morelly geschaffenen Gesetze sollen auf Säulen oder Pyramiden eingraviert werden, die man auf dem Hauptplatz jeder Stadt errichten wird.

Wer versucht, die heiligen Gesetze zu ändern, wird für geistesgestört erklärt und bei lebendigem Leib in eine Höhle eingemauert, und

»… seine Kinder und seine ganze Familie sagen sich von seinem Namen los«. (50, S. 238)

All diese Theorien haben wir schon bei More oder Campanella vorgefunden. Das System Morellys ist deshalb bemerkenswert, weil es die Idee der Gesellschaftsentwicklung vom Urzustand bis zum Sozialismus enthält.

Die Menschheit habe einmal im »natürlichen Zustand« gelebt – dies sei das Goldene Zeitalter, an das man sich bei allen Völkern erinnert. Sie habe diesen Zustand verloren, als sie durch einen Fehler der Gesetzgeber das Privateigentum gestattete. Die Rückkehr zu einem System ohne Privateigentum vollzieht sich durch den Fortschritt, den Morelly als entscheidende Triebkraft der Geschichte ansieht.

»Die Erscheinungen, in denen ich ihn beobachte, zeigen mir überall, sogar im kleinsten Mückenflügel, die Existenz einer logischen Entwicklung; ich erlebe, ich fühle den Fortschritt der Vernunft. Ich bin folglich berechtigt zu sagen, daß es durch eine wunderbare Analogie auch auf moralischem Gebiet günstige Umwandlungen gibt und daß die Gesetze der Natur, trotz ihrer Kraft und ihrer Gefälligkeit, nur allmählich volle Macht über die Menschheit gewinnen.« (50, S. 159)

Erst wenn sie verschiedene Regierungsformen ausprobiert hätten, würden die Menschen verstehen, wo ihr wahrer Segen zu finden sei. Als unvermeidlicher Triumph der Vernunft werde letzten Endes die von Morelly beschriebene Gesellschaft entstehen, und die Menschheit werde den Weg vom unbewußten Goldenen Zeitalter zum bewußten zurückgelegt haben.

Die Verbreitung der sozialistischen Ideen im »Zeitalter der Aufklärung« läßt sich an der deutlichen Sympathie ermessen, mit der von ihnen im einflußreichsten Werk jener Zeit, der berühmten »Enzyklopädie«, gesprochen wird. In dem Artikel »Der Gesetzgeber«, der im Jahre 1765 im neunten Band der »Enzyklopädie« erschien und dessen Verfasser anscheinend Denis Diderot war, wird als Hauptziel jeder Gesetzgebung der Austausch des »Geistes des Eigentums« gegen den »Geist der Gemeinsamkeit« hervorgehooen. Wenn in einem Staat der »Geist der Gemeinsamkeit« herrsche, bedauerten seine Bürger nicht, ihren eigenen Willen hinter den Allgemeinwillen zurückstellen zu müssen; die Vaterlandsliebe werde zu ihrer einzigen Leidenschaft.

Diese etwas vagen Aussagen konkretisiert der Autor, indem er als Beispiel die Gesetze von Peru anführt, die auf dem Geist der Gemeinsamkeit basierten. (Einige Mitteilungen über das gesellschaftliche und ökonomische System des Inkareiches (das hier gemeint ist, wenn von Peru gesprochen wird) findet der Leser im ersten Kapitel des folgenden Teils dieser Arbeit.) Er schreibt:

»Die Gesetze von Peru sind bemüht, die Bürger durch die Bande der Menschlichkeit zu vereinen; während die Gesetzgebungen anderer Länder verbieten, daß einer dem anderen Schaden zufüge, verlangen sie in Peru, daß man unermüdlich Gutes tue. Diese Gesetze, welche die Gütergemeinschaft etablierten (soweit dies außerhalb des Naturzustandes möglich ist), schwächten den Geist des Eigentums – die Quelle aller Übel. Die besten und triumphalsten Tage waren in Peru jene, an denen man ein Gemeinschaftsfeld, das Feld eines Alten oder einer Waise bearbeitete. Wer für irgendein Vergehen dadurch bestraft wurde, daß er nicht auf dem Gemeinschaftsfeld arbeiten durfte, hielt sich für überaus unglücklich. Jeder Bürger mühte sich für alle ab, brachte die Früchte seiner Arbeit in staatliche Scheunen ein und erhielt zur Belohnung die Früchte der Arbeit anderer Bürger.« (Zitiert in 51, S. 127)

Später, im Jahre 1772, kehrte Diderot zu den Gedanken über die sozialistische Form des Staatsaufbaus zurück. In seinem Werk »Supplement au voyage de Bougainville« beschreibt er das Leben der Bewohner von Tahiti, als wenn ein Reisender ihre Insel besucht hätte.

Den Wilden gehört alles gemeinsam, sie alle arbeiten zusammen in der Landwirtschaft. Es gibt keine Ehe, und die Kinder werden von der Gesellschaft erzogen. An den Reisenden gewandt, sagt ein alter Bewohner von Tahiti:

»Hier gehört alles allen, du aber verkündetest irgendeinen Unterschied zwischen >mein< und >dein<.« (52, S. 43)

»Laß uns unsere Sitten. Sie sind weiser und tugendhafter als deine; wir werden das, was du Unwissenheit nennst, nicht gegen dein nutzloses Wissen eintauschen. Wir besitzen alles, was für uns notwendig und nützlich ist. Verdienen wir wirklich deswegen Verachtung, weil wir nicht vermocht haben, uns überflüssige Bedürfnisse zu schaffen? … Versuche nicht, uns von deinen angeblichen Bedürfnissen oder deinen trügerischen Tugenden zu überzeugen.« (52, S. 44)

„Unsere Mädchen und Frauen gehören allen … Eine junge Tahitierin überließ sich dem Entzücken in der Umarmung eines jungen Tahitiers und wartete ungeduldig darauf, daß die Mutter ihre Decke fortzog und ihre Brust entblößte … Ohne Scham und Furcht nahmen sie in unserer Gegenwart – im Kreis unschuldiger Tahitier, unter den Klängen von Flöten und unter Tänzen – die Liebkosungen desjenigen entgegen, den ihr junges Herz und die geheime Stimme ihrer Sinnlichkeit ausersehen hatten. Bist du dazu fähig, dieses Gefühl, das wir ihnen eingegeben haben und das sie beseelt, durch ein heldenmütigeres und größeres zu ersetzen?« (52, S. 43-45)

Für die Beziehung Diderots zu den sozialistischen Theorien ist auch kennzeichnend, daß Morellys »Code de la Nature« in Diderots Gesammelte Werke eingeschlossen wurde – ohne jede Einwände von seiten des letzteren. Dies zeugt nicht nur von den moralischen Prinzipien Diderots, sondern auch von seiner Sympathie für die sozialistischen Ideen.

»Le vrai systeme“ von L. M. Deschamps. Zum Abschluß wollen wir uns mit einer der hervorragendsten Gestalten unter den Theoretikern des Sozialismus im 18. Jahrhundert befassen: mit dem Benediktinermönch Deschamps. Zu Lebzeiten veröffentlichte er anonym seine »Briefe über den Zeitgeist« (1769) und »Die Stimme der Vernunft gegen die Vernunft der Natur« (1770). Doch seine originellsten Gedanken sind in dem Werk »Das wahre System« (mit vollem Titel: »Le vrai systeme ou le mot d’enigme metaphysique et morale«) enthalten, das nur als Manuskript vorlag und erst in den letzten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts ungekürzt veröffentlicht wurde (53).

Deschamps erdachte ein ungemein profiliertes und folgerichtiges sozialistisches System. Andererseits war er ein erstaunlich tiefsinniger Philosoph. Manchmal wird er als Vorgänger Hegels bezeichnet. Das trifft zweifellos zu; doch darüber hinaus legte er nicht nur denselben Weg wie Hegel zurück, sondern entwickelte auch viele Konzeptionen, zu denen später die linken Schüler Hegels, Feuerbach, Engels und Marx, gelangten. Mit seinem Begriff des Nichts nahm er in vieler Hinsicht das Gedankengut der modernen Existenzialisten vorweg.

Die Weltanschauung Deschamps‘ steht dem Materialismus am nächsten, obwohl sie schwerlich ganz mit ihm zusammenfällt. In der Welt sieht er nichts als Materie, die er allerdings sehr originell begreift:

»Die Welt … hat ewig existiert und wird ewig existieren.« (53, S. 317)

In ihr verlaufe ein ewiger Prozeß, bei dem die einen Teile aus den anderen entstehen und vernichtet würden:

»Alle Wesen gehen auseinander hervor, gehen ineinander über, und alle ihre verschiedenen Gattungen sind nur Erscheinungsformen einer universellen Gattung …

Alle Wesen sind lebendig, wie tot sie auch scheinen mögen, denn der Tod ist nur eine relativ geringere Äußerung des Lebens, nicht jedoch seine Negation.« (53, S. 127)

Für Deschamps besteht das Leben aus verschiedenen Bewegungsformen. Er sagt über die Natur:

»Alles in ihr besitzt auf seine Art die Fähigkeit des Empfindens, des Lebens, des Denkens, der Vernunft, das heißt der Bewegung. Denn was bezeichnen diese Worte sonst, wenn nicht die Handlung oder Bewegung der uns ausmachenden Teile?« (53, S. 135)

Dadurch würden der Standort des Menschen im All und insbesondere seine Willensfreiheit bestimmt.

»Wenn wir daran glauben, daß wir über Willen und Freiheit verfügen, so geschieht dies erstens infolge eines Absurdums, das uns zwingt, an irgendeinen Gott zu glauben, und infolge des sich daraus ergebenden Glaubens, daß wir eine Seele besitzen, die vor Gott Verdienste oder Verfehlungen aufweist; und zweitens geschieht es, weil wir die inneren Sprungfedern unseres Mechanismus nicht sehen können … « (53, S. 136-137)

Deschamps betrachtet Gott als Idee, die von der Menschheit als Produkt bestimmter sozialer Umstände, beruhend auf dem Privateigentum, geschaffen worden sei. Es habe keine Religion gegeben, bevor sich diese Umstände gebildet hätten, und es werde sie nicht mehr geben, wenn die Umstände beseitigt seien. Die Religion selbst sei nicht nur das Ergebnis der Knechtung der Menschen, sondern auch ein Mittel, das zur Unterdrückung beitrage. Sie sei eines der Haupthindernisse beim Übergang der Menschheit in einen glücklicheren sozialen Zustand.

Deschamps schreibt:

»Das Wort >Gott< muß aus unseren Sprachen entfernt werden.« (53, S. 133)

Nichtsdestoweniger ist er ein leidenschaftlicher Gegner des Atheismus. Er sagt über sein System:

»Auf den ersten Blick mag man annehmen, daß dies eine kurze Darstellung des Atheismus sei, denn in ihr wird jede Religion aufgehoben; doch nach einigem Nachdenken ist der Schluß unumgänglich, daß es sich durchaus nicht um eine Darstellung des Atheismus handelt, denn an die Stelle eines vernünftigen und moralischen Gottes (den ich der Vernichtung übergebe, weil man sich ihn in Wirklichkeit nur als Menschen vorstellt, der mächtiger ist als andere) setze ich ein metaphysisches Sein, das Grundelement der Sittlichkeit, die hier durchaus nicht willkürlich ist … « (53, S. 154)

Deschamps bezieht sich in diesem Zusammenhang auf sein Verständnis des Universums, dem er drei verschiedene Aspekte zuschreibt. Der erste ist das GANZE, das Universum als Verbindung all seiner Teile. Das GANZE ist »die Grundlage, deren Erscheinungsformen alle sichtbaren Wesen sind«, doch es hat eine andere (nicht physische) Natur als seine Teile. Deshalb kann man es nicht sehen, doch mit der Vernunft erfassen. Das zweite – ALLES – ist das Universum als einheitlicher Begriff.

»Das GANZE setzt die Existenz der Teile voraus. ALLES setzt dies nicht voraus.« (53, S. 87)

»Unter ALLEM verstehe ich die Existenz in sich, die eigentliche Existenz … mit anderen Worten … die durch nichts anderes als sich selbst existierende.« (53, S. 87-88)

»ALLES, das nicht aus Teilen besteht, existiert; es ist untrennbar vom GANZEN, das aus Teilen besteht und dessen Position und Negation es gleichzeitig ist.« (53, S. 124)

Doch am erstaunlichsten ist vielleicht der dritte Aspekt des Universums, den Deschamps in sein System einführt. Er unterstreicht den negativen Charakter der auf ALLES angewandten Definitionen:

»ALLES ist schon keine Teilmenge vom Wesen mehr, sondern die Menge aller Teile … kein einheitliches Sein, das in vielen Wesen existiert … , sondern das einzige Sein, das jedes andere Sein außer ihm selbst negiert … Im Zusammenhang mit ihm kann man das nur negieren, was sich in anderen bestätigt; es ist schon nicht mehr wahrnehmbar oder das Resultat wahrnehmbarer Wesen, sondern NICHTS, das Nichtsein selbst, das ganz allein nichts anderes als die Negation des Wahrnehmbaren sein kann … « (57, S. 125-126)

»ALLES ist NICHTS.« (53, S. 129)

»Vor mir hat aller Wahrscheinlichkeit nach nie jemand geschrieben, daß ALLES und NICHTS identisch seien.« (53, S. 130)

Dieses Prinzip legt Deschamps seiner Existenzlehre zugrunde:

»Worin besteht die Ursache der Existenz? Antwort: Die Ursache besteht darin, daß NICHTS etwas ist, darin, daß es die Existenz ist, darin, daß es ALLES ist.« (53, S. 321)

Hier kann er auch für Gott einen Platz finden:

»Gott ist NICHTS, die Nichtexistenz selbst.« (53, S. 318) Offenbar stellt Deschamps gerade diese Prinzipien und die Schlüsse, die er aus ihnen zieht, dem Atheismus entgegen, erklärt ihn zu einer rein negativen, zerstörerischen Lehre und nennt ihn den »Atheismus des Viehs«, das heißt der Geschöpfe, die sich noch nicht einmal bis zur Religion entwickelt, geschweige denn sie überwunden hätten.

Dieser Gesichtspunkt bestimmt auch die hochmütige, verächtliche Einstellung Deschamps‘ zu den zeitgenössischen aufklärerischen Philosophen. Er wirft ihnen vor, daß ihre Lehrgebäude nicht wissenschaftlich seien, sich auf Phantasien gründeten.

»Unsere destruktiven Philosophen mögen sich davon überzeugen, wie fruchtlos und nichtig ihre gegen Gott und die Religion gerichteten Bemühungen waren. Die Philosophen waren unfähig, ihre Aufgabe zu erfüllen, bevor sie die Existenz des bürgerlichen Zustandes berührten, der allein dafür verantwortlich ist, daß die Idee eines moralischen und universellen Wesens und aller Religionen entstand.« (53, S. 107)

»Der Zustand allgemeiner Gleichheit ergibt sich nicht schlüssig aus der Lehre des Atheismus. Für unsere Atheisten, wie für die Mehrzahl der Menschen, schien er immer eine Ausgeburt der Phantasie.« (54, S. 41)

Und diese Phantasien seien durchaus nicht harmlos. Es gebe nur zwei Auswege – den, welchen die Religion vorschlage, und den, welchen sein – Deschamps‘ – System biete. Die Religion zu untergraben, bevor der Boden für die zweite Möglichkeit bereitet sei, heiße, das Kommen einer zerstörerischen Revolution zu fördern. In der »Stimme der Vernunft« sagt Deschamps:

»Diese Revolution wird natürlich aus den modernen philosophischen Stimmungen hervorgehen, obwohl die Mehrheit davon nichts ahnt. Sie wird weit traurigere Folgen haben und zu viel mehr Zerstörungen führen als eine Revolution, die von einer beliebigen Ketzerei hervorgerufen wird. Aber hat diese Revolution etwa noch nicht begonnen? Hat der Zerfall die Stützen der Religion etwa noch nicht angegriffen. sind sie und alles übrige etwa noch nicht bereit zusammenzubrechen?« (Zitiert in 54, S. 6)

Dem negativen Charakter, den der Atheismus der Aufklärer besitze, stellt Deschamps den nach seiner Meinung positiven Charakter seines eigenen Systems gegenüber:

»Das von mir vorgeschlagene System entzieht uns, wie der Atheismus, die Freuden des Paradieses und die Schrecken der Hölle; doch im Gegensatz zum Atheismus läßt es nicht den geringsten Zweifel daran, daß es rechtmäßig ist, sowohl Hölle wie Paradies zu beseitigen. Schließlich gibt es uns eine im höchsten Maße wichtige Überzeugung, die uns der Atheismus nicht liefern konnte und niemals liefern kann – nämlich die Überzeugung, daß das Paradies für uns nur an einem Ort existieren kann, und zwar auf dieser Welt.« (53, S. 154)

Auf der Metaphysik Deschamps basiert seine soziale und historische Doktrin. Ihre Grundlage ist die Auffassung, daß die Evolution der Menschheit immer weiter auf die Idee der Einheit, des Ganzen zulaufe:

»Die Idee des Ganzen ist so stark wie die Idee der Ordnung, der Harmonie, der Einheit, der Gleichheit und Vollkommenheit. Der Zustand der Einheit oder der Gesellschaftszustand geht aus der Idee des Ganzen hervor, das selbst Einheit und Einigkeit ist; die Menschen müssen zu ihrem eigenen Wohlbefinden im Gesellschaftszustand leben.« (53, S. 335)

Der Mechanismus dieser Evolution liegt in der Entwicklung sozialer Institutionen, die alle anderen Seiten des menschlichen Lebens – Sprache. Religion, Moral – bestimmen. Zum Beispiel:

»Es wäre absurd anzunehmen. daß der Mensch Gottes Hände erwachsen, moralisch und zum Reden fähig verlassen habe: Die Sprache hat sich in dem Maße entwickelt, wie die Gesellschaft zu dem wurde, was sie ist.« (53, S. 102)

Die verschiedenen Erscheinungsformen des Bösen hält Deschamps für das Produkt der sozialen Verhältnisse; zum Beispiel sei sogar die Homosexualität durch ihren Einfluß zu erklären.

Die sozialen Institutionen selbst entstehen durch Einwirkung materieller Faktoren – die Notwendigkeit gemeinsamer Jagd, die Bewachung der Herden, aber auch durch die Vorzüge des menschlichen Körperbaus, insbesondere die Gestalt seiner Hände.

Den gesamten historischen Prozeß teilt Deschamps in drei Stufen oder Zustände, welche die Menschheit durchlaufen müsse: »Für den Menschen gibt es nur drei Zustände: den Zustand der

Wildheit oder den Zustand der Tiere in den Wäldern, den Zustand der Gesetze (Der Zustand der Gesetze ist bei Deschamps identisch mit dem schon erwähnten bürgerlichen Zustand) und den Zustand der Sitten. Der erste bedeutet Bindungslosigkeit ohne Einigkeit, ohne Gesellschaft; der zweite – unserer – bedeutet äußerste Bindungslosigkeit in der Einigkeit, und der dritte ist der Zustand der Einigkeit ohne Bindungslosigkeit. Dieser Zustand ist unstreitig der einzige, der, soweit das möglich ist, Kraft und Glück der Menschen ausmachen kann.« (53, S. 275)

Im Zustand der Wildheit seien die Menschen viel glücklicher als in jenem der Gesetze, in dem sich die zeitgenössische zivilisierte Menschheit befinde:

»… der Zustand der Gesetze ist für uns, die Menschen im bürgerlichen Zustand, zweifellos schlechter als der Zustand der Wildheit.« (53, S. 184)

Dies treffe auch auf die wilden Völker in Deschamps‘ Zeit zu:

»Wir behandeln sie geringschätzig, obwohl keinem Zweifel unterliegt, daß ihr Zustand viel weniger unvernünftig ist als der unsere.« (53, S. 184)

Doch es sei unmöglich, zum Zustand der Wildheit zurückzukehren: Er habe infolge objektiver Gründe und vor allem durch die Entstehung von Ungleichheit, Macht und Privateigentum unweigerlich zusammenbrechen und den Zustand der Gesetze hervorbringen müssen.

Das Privateigentum sei die Hauptursache für alle im Zustand der Gesetze auftretenden Übel:

»Mein und dein in bezug auf irdische Güter und Frauen existieren nur unter dem Schutz unserer Sitten, die alles Böse hervorbringen, das diese Sitten sanktioniert.« (53, S. 178)

Der Zustand der Gesetze ist nach Meinung Deschamps‘ der Zustand des geringsten Glücks für die geringste Zahl von Menschen. Das Böse selbst werde von diesem Zustand gezeugt:

»Das Böse im Menschen gibt es nur wegen des existierenden bürgerlichen Zustandes, der seiner Natur unendlich widerspricht. Im Herdenzustand war dieses Böse im Menschen nicht angelegt.« (53, S. 166)

Doch gerade die Aspekte des Zustandes der Gesetze, die ihn für die Menschen besonders unerträglich machen, bereiten laut Deschamps den Übergang zum Zustand der Sitten vor, der offenbar jenes »Paradies auf Erden« darstellt, von dem er in dem oben angeführten Zitat sprach. Seine Beschreibung, die voll von deutlichen Einzelheiten ist, erweist sich als eine der originellsten und konsequentesten sozialistischen Utopien.

Das gesamte Leben im Zustand der Sitten werde sich vollkommen einem Ziel unterordnen: der maximalen Verwirklichung von Gleichheit und Gemeinsamkeit. Die Menschen werden ohne dein und mein leben, Spezialisierung und Arbeitsteilung würden fortfallen.

»Die Frauen wären Gemeinbesitz für alle Männer, wie die Männer für die Frauen …, die Kinder würden nicht individuell diesen oder jenen Männern und Frauen gehören.« (53, S. 206)

»… die Frauen, die zum Stillen imstande und nicht schwanger sind, würden den Kindern wahllos die Brust geben …

Ist es wirklich wahr, wird man mir entgegnen, daß die Mütter ihre eigenen Kinder nicht bei sich behalten dürfen?

Es ist wahr! Was soll dieses Eigentum … ?« (53, S. 212)

Den Autor erschreckt nicht, daß diese Lebensweise zur Blutschande führen kann.

»Man sagt, daß die Blutschande im höchsten Grade gegen die Natur sei. Dabei ist sie nur unserer Sitten wegen, aus keinem anderen Grund, gegen die Natur.« (53, S. 212)

Alle Menschen

»würden nur die Gesellschaft kennen und ihr als alleiniger, einziger Eigentümerin gehören.« (53, S. 211)

Um den Übergang zu diesem Zustand möglich zu machen, müsse vieles von dem zerstört werden, was für wertvoll gehalten werde, zum Beispiel:

»all das, was wir als herrliche Werke der Kunst bezeichnen. Dieses Opfer wäre unzweifelhaft gewaltig, doch es muß unbedingt gebracht werden«. (53, S. 202)

Nicht nur erlesene Künste wie Dichtung, Malerei oder Architektur, sondern auch Wissenschaft und Technik müßten fortfallen. Die Menschen würden keine Schiffe bauen oder die Erdkugel erforschen.

»Welchen Sinn hätte die Gelehrtheit des Kopernikus, Newtons oder Cassinis für sie?« (53, S. 224)

Die Sprache werde viel einfacher und weit weniger schmuckvoll sein. Alle Menschen würden eine einzige Sprache sprechen, die stabil und keinen Änderungen unterworfen sein werde. Die Literatur werde verschwinden, und die ermüdende Arbeit, lesen und schreiben zu lernen, werde entfallen. Die Kinder würden überhaupt nicht unterrichtet werden, sondern sich alles Notwendige aneignen, indem sie die Älteren nachahmten.

Man werde auch nicht mehr urteilen müssen:

»Im Zustand der Wildheit überlegte und urteilte man nicht, weil es nicht nötig war; im Zustand der Gesetze überlegt und urteilt man, weil man es nötig hat; im Zustand der Sitten wird man nicht überlegen und urteilen, weil es nicht mehr nötig sein wird.« (53, S. 296)

Am klarsten wird diese Bewußtseinsänderung dadurch illustriert, daß alle Bücher vernichtet werden sollen. Man werde sie nur zu dem einzigen Zweck benutzen, zu dem sie im Grunde taugten – dem Anheizen der Öfen. Alle bisher geschriebenen Bücher hätten das Ziel, das eine Werk notwendig zu machen und vorzubereiten, das ihre Entbehrlichkeit beweise: das Buch Deschamps‘. Es werde sie alle überleben, doch am Ende ebenfalls, als letztes aller Bücher, verbrannt werden.

Das Leben der Menschen werde einfacher und leichter werden.

Sie würden fast keine Metalle mehr fördern und bearbeiten. da man die Mehrheit aller Gegenstände aus Holz herstellen werde. Sie würden keine großen Häuser bauen, sondern in Holzhütten wohnen.

»Ihr Mobiliar würde nur aus Bänken, Regalen und Tischen bestehen … « (53, S. 217)

»Frisches Stroh, das danach als Streu für das Vieh dient, würde ihr gemeinsames und gesundes Bett bilden, auf dem sie sich der Ruhe hingeben. Sie würden sich dazu wahllos verteilen, Frauen und Männer gemischt, nachdem sie zunächst gebrechliche Greise und Kinder, die für sich schlafen, zu Bett gebracht haben.« (53, S. 221)

Das Essen wäre hauptsächlich vegetarisch, was seine Zubereitung stark erleichtern würde.

»In ihrer sehr bescheidenen Existenz brauchten sie nur sehr wenige Dinge zu kennen, und dies wären gerade die Dinge, die man am leichtesten lernen kann.« (53, S. 225)

Diese Veränderung des Lebens geht mit einer radikalen Veränderung der Psyche einher, so daß

»die Neigung eines jeden gleichzeitig auch die allgemeine Neigung wäre«. (53, S. 210)

Die »Einzelbeziehungen« zwischen den Menschen und alle stark individuellen Gefühle würden aufgehoben werden:

»… es würde nicht die überschäumenden, doch flüchtigen Empfindungen des glücklichen Liebhabers, des siegreichen Helden, des erfolgreichen Ehrgeizigen, des gekrönten Künstlers geben …« (53, S. 205)

»… alle Tage würden einander gleichen.« (53, S. 211)

Sogar die Gesichter der Menschen würden einheitlich werden: »Im Zustand der Sitten würde man nicht weinen und lachen. In allen Mienen würde sich helle Zufriedenheit spiegeln, und fast alle Gesichter würden, wie ich schon gesagt habe, das gleiche Aussehen haben. In den Augen des Mannes würde jede Frau den anderen ähneln, und in den Augen der Frau wäre ein Mann wie der andere.« (53, S. 205)

Die Köpfe der Menschen würden

»ebenso harmonisch, wie sie jetzt unterschiedlich sind.« (53, S. 214)

»Sie würden sich unvergleichlich stärker als die heutigen Menschen in allem an eine einheitliche Lebensweise halten und daraus nicht den Schluß ziehen – wie wir es hinsichtlich der Tiere tun -, daß diese Handlungsweise einen Mangel an Vernunft und Verständnis offenbart.« (53, S. 219)

Diese neue Gesellschaft werde auch eine neue Weltanschauung hervorbringen.

»Und sie würden nicht daran zweifeln – doch sich nicht im geringsten davor fürchten -, daß auch die Menschen nur infolge einer ähnlichen Unbeständigkeit existieren und daß es ihnen beschieden ist, an irgendeinem Tag durch diese Unbeständigkeit umzukommen, damit sie in der Aufeinanderfolge der Zeiten vielleicht später von neuem durch die Verwandlung von einer Gattung in die andere geschaffen werden.« (53, S. 225)

»Da sie wie wir nicht in Betracht ziehen würden, daß sie früher tot waren, das heißt, daß die sie bildenden Teile früher nicht in Gestalt eines Menschen existierten, würden sie – konsequenter als wir – auch dem zukünftigen Ende der Existenz in dieser Gestalt keine Bedeutung zumessen.« (53, S. 228)

»Man würde einander genauso begraben, wie man das Vieh verscharrt«, weil »ihre toten Mitbrüder ihnen nicht mehr bedeuten sollen als tote Tiere«. (53, S. 229)

»… sie würden an keinem Menschen hängen, insbesondere nicht so, daß sie seinen Tod als persönlichen Verlust empfinden und beweinen würden.« (53, S. 230)

»Sie würden eines stillen Todes sterben – eines Todes, der ihrem Leben gleicht …« (53, S. 228)

§ 4. Die ersten Schritte

Wir haben gesehen, wie der Sozialismus im Schoße der Autklärungsphilosophie ausgetragen wurde. Das Neugeborene erblickte das Licht der Welt zur Zeit der Französischen Revolution und wurde mit der Milch von Mütterchen Guillotine gestillt. Doch die ersten Schritte im Wirkungskreis seines Lebens gehören schon in jene Zeit, als die heroische Epoche des Terrors verstrichen war. Es ist rührend zu beobachten, wie hinter der bezaubernden kindlichen Ungeschicklichkeit schon die Züge jenes Helden hervorlugen, der bald Königreiche ins Wanken bringen und Throne umstürzen wird.

Im Jahre 1796, nach dem Fall Robespierres und zur Zeit der Herrschaft des Direktoriums, wurde in Paris eine Geheimgesellschaft gegründet, die den politischen Umsturz vorbereitete und ein Programm für die künftige sozialistische Organisation des Landes ausarbeite. An der Spitze der Vereinigung stand das Geheime Direktorium zur Rettung der Gesellschaft, das sich auf ein Netz von Agenten stützte. Ihre führenden Mitglieder waren Philippe Buonarotti und Francois Noel (der sich zunächst in Camille, danach in Gracchus umbenannte) Babeuf. Man schuf ein Kriegskomitee zur Vorbereitung des Aufstandes. Die Verschwörer hofften auf die Unterstützung der Armee. Nach ihren Berechnungen würden ihnen 17000 Menschen aktiv zur Seite stehen. Doch die Anführer der Verschwörung wurden angezeigt und verhaftet; man richtete zwei von ihnen hin, unter ihnen auch Babeuf, und schickte Buonarotti in die Verbannung. Aus der Verbannung zurückgekehrt, setzte Buonarotti die Propaganda für seine Ansichten fort. Unter seinem Einfluß befanden sich die meisten Anhänger des revolutionären Sozialismus jener Zeit. Vor allem gründete er bei einem Aufenthalt in Genf einen Kreis, der später Weitling stark beeindruckte. Die Rolle Weitlings für die formative Periode von Marx ist allgemein bekannt.

Viele Dokumente der Gesellschaft, die ihre Anschauungen charakterisieren, wurden sofort von der Regierung veröffentlicht, nachdem die Verschwörung aufgedeckt worden war. Eine ausführliche Darstellung der Verschwörung und der ausgearbeiteten Pläne gab Buonarotti später in seinem Buch »Conspiration pour I’Egalite (dite de Babeuf)«.

Die Weltanschauung der Gesellschaft gründete sich darauf, die Gleichheit um jeden Preis durchzusetzen. Dieses Bestreben wird auch aus ihrem Namen, »Bund der Gleichen«, ersichtlich. Das Prinzip des Bundes wurde in seinem »Manifest« mit unangreifbarer gallischer Logik begründet:

»Alle Menschen sind gleich, nicht wahr? Dieser Grundsatz ist unanfechtbar, denn nur wer den Verstand verloren hat, kann den Tag ernsthaft als Nacht bezeichnen.« (55, Bd. II, S. 134)

Nachdem damit das unerschütterliche Fundament gelegt ist, geht das »Manifest« zu den Folgerungen aus diesem Axiom über:

»Wir wollen tatsächlich Gleichheit oder Tod – genau das wollen wir.« (55, Bd. II, S. 134)

»Dafür sind wir zu allem bereit – bereit, alles hinwegzufegen, um allein daran festzuhalten. Falls nötig, mögen alle Künste verschwinden, wenn uns nur echte Gleichheit bleibt.« (55, Bd. II, S. 135)

»Mögen schließlich alle empörenden Unterschiede zwischen Reichen und Armen, Großen und Kleinen, Herren und Dienern, Regierenden und Regierten verschwinden.« (55, Bd. II, S. 136)

Aus diesem Prinzip ergibt sich in erster Linie die Verkündung der Gütergemeinschaft:

»Ein Agrargesetz oder die Verteilung des bebauten Bodens war die kurzfristige Forderung einiger prinzipienloser Soldaten, einiger Stämme, die eher vom Instinkt als von der Vernunft getrieben wurden. Wir jedoch streben nach etwas Höherem und Gerechterem, zur Gemeinschaft des Besitzes oder der Gütergemeinschaft.« (55, Bd. II, S. 135)

»… alles Eigentum, das sich auf dem nationalen Territorium konzentriert, ist gemeinsam; es gehört unabänderlich dem Volk, das allein das Recht besitzt, seine Nutzung und seine Früchte aufzuteilen.« (55, Bd. I, S. 295)

Das Recht auf individuelles Eigentum soll abgeschafft werden. Das ganze Land soll sich in eine Einheitswirtschaft verwandeln, die ausschließlich auf bürokratischem Prinzip aufgebaut ist. Der Handel – außer dem Kleinsthandel – soll unterbunden und das Geld aus dem Verkehr gezogen werden.

»… es ist unbedingt notwendig, daß alle Produkte des Bodens und der Industrie in Gemeinschaftsspeichern verwahrt werden, von wo sie unter der Aufsicht dafür verantwortlicher Beamter gleichmäßig zwischen den Bürgern aufgeteilt werden.« (55, Bd. I, S. 309)

Gleichzeitig wird die Arbeitspflicht eingeführt.

»Menschen, die nichts für das Vaterland tun, dürfen keine politischen Rechte genießen; sie sind Ausländer, denen die Republik die Gastfreundschaft verwehrt.« (55, Bd. II, S. 206)

»Diejenigen tun nichts für das Vaterland, die ihm nicht durch nützliche Arbeit dienen.

Das Gesetz betrachtet als nützliche Arbeit: Ackerbau, Viehzucht, Fischfang, Schiffahrt; Kleinhandel; Transport von Menschen und Sachen; das Kriegshandwerk; erzieherische und wissenschaftliche Tätigkeit.« (55, Bd. II, S. 296)

»Personen, die sich mit Unterricht und Wissenschaft befassen, müssen ein Zeugnis über ihre Zuverlässigkeit erbringen. Nur in diesem Fall wird ihre Arbeit als nützlich angesehen werden.« (55, Bd. II, S. 297)

»Beamte leiten die Arbeiten, und achten darauf, daß sie gleichmäßig verteilt werden.« (55, Bd. II, S. 297)

»Ausländern ist die Teilnahme an öffentlichen Versammlungen versagt. Sie befinden sich unter der direkten Aufsicht der obersten Verwaltung, die sie von ihrem ständigen Wohnort zur Zwangsarbeit schicken kann.« (55, Bd. II, S. 297)

Unter Androhung der Todesstrafe ist allen verboten, Waffen zu besitzen.

Die Schöpfer dieser Pläne sind sich darüber im klaren, daß ihre Ausführung ein unerhörtes Anwachsen der Beamtenzahl erfordert. Dieses Problem umreißen sie in großen Zügen:

»Tatsächlich hat noch keine Nation sie je in solchem Umfang besessen. Abgesehen davon, daß in gewisser Hinsicht jeder Bürger eine Amtsperson wäre, die sich selbst und andere beaufsichtigt, unterliegt keinem Zweifel, daß die gesellschaftlichen Pflichten äußerst vielfältig und die Amtspersonen sehr zahlreich wären.« (55, Bd. I, S. 372)

So stellt man sich die Wechselbeziehungen zwischen einzelnen Persönlichkeiten und dieser Bürokratie vor:

»In dem vom Komitee geplanten Gesellschaftssystem erfasst das Vaterland den Menschen am Tage seiner Geburt und entläßt ihn bis zum Tode nicht.« (55, Bd. I, S. 380)

Die Regierungsgewalt beginnt schon bei der Erziehung des Kindes:

»… sie schützt es vor gefährlicher falscher Zärtlichkeit und führt es durch die Hand seiner Mutter in eine staatliche Einrichtung, wo es die Tugenden und Kenntnisse erwirbt, die für den wahren Bürger notwendig sind.« (55, Bd. I, S. 380)

Von den Staatsschulen werden die jungen Menschen an Militärlager weitergegeben, und erst danach machen sie sich unter der Führung der »Amtspersonen« an die nützliche Arbeit.

»Die örtliche Verwaltung wird ständig über die Lage der Werktätigen jeder Klasse und über die von ihnen ausgeführten Aufgaben unterrichtet. Darüber erstattet sie der obersten Verwaltung regelmäßig Bericht.« (55, Bd. II, S. 304)

»Die oberste Verwaltung verurteilt zu Zwangsarbeiten – unter Aufsicht der erwähnten Kommunen – Personen beiderlei Geschlechts, die der Gesellschaft das schädliche Beispiel dessen liefern, daß ihnen staatsbürgerliches Bewusstsein fehlt, das Beispiel der Müßigkeit, der üppigen Lebensweise und der Lasterhaftigkeit.« (55, Bd. II, S. 305)

Diese letzte Idee wird liebevoll in allen Einzelheiten entwickelt: »Die Inseln Marguerite und Honore, die Hieres-Inseln, die Inseln Oleron und Rhe werden in Besserungsstätten verwandelt, in die zur gesellschaftlichen Zwangsarbeit verdächtige Ausländer und Personen ausgesiedelt werden, die man verhaftet hat, weil sie sich mit Aufrufen an die Franzosen wandten. Der Zugang zu diesen Inseln wird gesperrt. Auf ihnen wird es eine Verwaltung geben, die direkt der Regierung unterstellt ist.« (55, Bd. II, S. 299)

Nach diesen finsteren Bildern erfreut uns der Abschnitt über die »Pressefreiheit«,

»… unbedingt muß daran gedacht werden, mit welchen Mitteln von der Presse all jene Hilfe zu beziehen ist, die man von ihr erwarten kann, ohne das Risiko einzugehen, daß die gerechte Gleichheit und die Rechte des Volkes von neuem in Frage gestellt werden und die Republik endlosen und unheilvollen Diskussionen anheimfällt.« (55, Bd. I, S. 390)

Wie sich erweist, sind diese »Mittel« sehr einfacher Art: »Niemand darf Ansichten äußern, die sich in direktem Widerspruch zu den heiligen Prinzipien der Gleichheit und der Volkssouveränität befinden …

Die Publikation jedes Werkes, das angeblich entlarvenden Charakter hat, wird verboten …

Jedes Werk wird nur dann gedruckt und verteilt, wenn die Wächter über den Willen der Nation der Meinung sind, daß seine Veröffentlichung der Republik nutzen kann.« (55, Bd. I, S. 391)

Es ist erstaunlich, wie die Schöpfer dieses Systems sich an die kleinsten Bedürfnisse des Bürgers der zukünftigen Republik erinnern und um sie sorgen konnten.

»In jeder Kommune werden zu bestimmter Zeit Gemeinschaftsmahlzeiten abgehalten werden, an denen alle Mitglieder der Gemeinde teilnehmen müssen.« (54, Bd. II, S. 306)

»Das Mitglied einer nationalen Gemeinde erhält die gewöhnliche Ration nur in dem Kreis, in dem es lebt, abgesehen von den Fällen, in denen die Verwaltung einen Umzug gestattet hat.« (55, Bd. II, S. 307)

»Vergnügungen, die nicht alle einbeziehen, müssen strengstens verboten werden.« (55, Bd. I, S. 299)

Dies wird an anderer Stelle erläutert:

»… aus der Befürchtung heraus, daß die Phantasie, von der Aufsicht eines strengen Richters befreit, bald entsetzliche Laster hervorbringt, die dem Allgemeinwohl so sehr entgegenwirken.« (55, Bd. I, S. 398)

Die »Gleichen« teilen uns mit, daß sie Freunde aller Völker seien, Doch nach ihrem Sieg soll Frankreich zeitweilig streng isoliert werden.

»Solange die anderen Nationen sich den politischen Prinzipien Frankreichs nicht anschließen, können mit ihnen keine engen Beziehungen aufgenommen werden; bis dahin wird Frankreich in ihren Sitten, Institutionen und vor allem in ihren Regierungen nur eine Gefahr für sich sehen.« (55, Bd. I, S. 357)

Wie sich herausstellt, gab es eine Frage, in der unter den »Gleichen« keine Einmütigkeit herrschte. Buonarotti meinte, daß das Gottesprinzip und die Unsterblichkeit der Seele beachtet werden sollten, weil es

»für die Gesellschaft wichtig ist, daß die Bürger einen untadeligen Richter über ihre geheimen Gedanken und Handlungen anerkennen, die für das Gesetz nicht erreichbar sind, und damit sie glauben, daß das ewige Glück die unerläßliche Folge ihrer Hingabe an die Menschheit und die Heimat ist«. (55, Bd. I, S. 348)

»Alle sogenannten Offenbarungen mussten durch die Gesetze zusammen mit den Krankheiten ausgetrieben werden, deren Keime allmählich auszurotten waren, Bis dies geschehen konnte, stand es jedem frei, Unsinn zu schwatzen, solange nur das Gesellschaftssystem, die allgemeine Bruderschaft und die Macht der Gesetze nicht verletzt wurden.« (55, Bd. I, S. 348-349)

»Die Lehre Jesu könnte als Stütze einer vernünftigen Reform dienen, wenn sie als Ergebnis der natürlichen Religion dargestellt wird, von der sie sich nicht unterscheidet …« (55, Bd. I, S. 168)

Babeuf vertrat dagegen geradlinigere Ansichten:

»Ich greife das Hauptidol gnadenlos an, das unsere Philosophen, die nur wagten, sein Gefolge und seine Umgebung zu kritisieren, bis jetzt verehrten und fürchteten … Christus war weder ein Sansculotte noch ein ehrlicher Jakobiner noch ein Weiser noch ein Moralist noch ein Philosoph noch ein Gesetzgeber.« (55, Bd. II, S. 398)

Das Akademiemitglied W. P. Wolgin, ein prominenter Spezialist für utopisch-sozialistische Literatur, hebt im Vergleich mit den anderen Denkern dieser Richtung bei Babeuf und den »Gleichen« eine wichtige Neuerung hervor. Während seine Vorgänger – More, Campanella, Morelly – das Bild einer schon zustande gekommenen sozialistischen Gesellschaft zeichneten, macht Babeuf sich auch über die Aufgaben der Übergangszeit Gedanken und schlägt Methoden zur Festigung und Stärkung des neu entstandenen sozialistischen Systems vor. Tatsächlich finden wir in den Dokumenten der »Gleichen« in dieser Hinsicht viel Interessantes und Lehrreiches.

In der schon errichteten sozialistischen Gesellschaft liegt die gesetzgebende Gewalt, wie sich von selbst versteht, völlig in Händen des Volkes. In jedem Bezirk wird eine »Versammlung zur Verwirklichung der Volkssouveränität« geschaffen, die aus allen Bürgern dieses Bezirks besteht. Die Delegierten, die direkt vom Volk ernannt werden (das »Ernennungsverfahren« wird nicht näher beschrieben), bilden die »Zentralversammlung der Gesetzgeber«. Die gesetzgebende Gewalt dieser Versammlungen wird jedoch durch die Abtrennung einiger wichtiger Prinzipien eingeschränkt, die »das Volk selbst weder verletzen noch verändern darf«. Parallel zu den gesetzgebenden Versammlungen werden Senate einberufen, die aus den Ältesten bestehen. Die höchste Macht liegt bei der Korporation der »Hüter des nationalen Willens«. Man dachte sie sich als

»eigenständiges Tribunat, dem die Aufsicht darüber auferlegt ist, daß die Gesetzgeber nicht ihr Recht zur Herausgabe von Dekreten mißbrauchen und sich an der legislativen Macht vergreifen«. (55, Bd. I, S. 359)

Aber in der Periode unmittelbar nach dem Umsturz wird eine andere Machtstruktur angenommen.

»Wie wird diese Macht aussehen? So lautete die heikle Frage, die das Geheime Direktorium gründlich untersuchte.« (55, Bd. I, S. 216)

Die Antwort auf die »heikle Frage« läßt sich im wesentlichen darauf zurückführen, daß sich die Macht in den Händen der Verschwörer befinden oder teilweise von ihnen ernannten Personen übergeben werden müsse.

»… dem Pariser Volk wird vorgeschlagen werden, eine mit der höchsten Macht ausgestattete Nationalversammlung einzurichten, die aus jeweils einem Demokraten aus jedem Departement besteht; gleichzeitig wird das Geheime Direktorium sorgfältig erforschen, welche der Demokraten vorgeschlagen werden sollen, wenn die Revolution vollendet ist. Das Direktorium wird seine Tätigkeit nicht einstellen, sondern die Handlungsweise der neuen Versammlung beaufsichtigen.« (55, Bd. I, S. 293)

»Nach langem Zögern beschlossen unsere Verschwörer beinahe, beim Volk um ein Dekret nachzusuchen, das ihnen allein die gesetzgebende Initiative und die Ausführung der Gesetze anvertrauen würde.« (55, Bd. I, S. 290)

In einem Abschnitt mit dem Titel »Im Anfangsstadium der Umwandlung dürfen die Ämter nur Revolutionären anvertraut werden« heißt es:

»Die wahre Republik dürfen nur jene uneigennützigen Freunde der Menschheit und der Heimat gründen, deren Vernunft und Mut die Vernunft und den Mut ihrer Zeitgenossen bestimmt haben.« (55, Bd. I, S. 375)

Deshalb war das aus »Uneigennützigen Freunden der Menschheit« bestehende Komitee »der festen Ansicht«,

»daß die gesellschaftlichen Einrichtungen, die sich ausschließlich aus den besten Revolutionären zusammensetzen, nur allmählich erneuert werden sollten«. (55, Bd. I, S. 375)

Konkreter gesprochen, aus dem damals bestehenden Konvent wollte man 68 vom Komitee bestimmte Deputierte beibehalten. Ihnen sollten hundert Deputierte beigegeben werden, die »von uns gemeinsam mit dem Volk« gewählt wurden.

Vom ersten Tag des Umsturzes an würde man auch wirtschaftliche Reformen einleiten, wie das vorbereitete »ökonomische Dekret« mitteilt. Wie angenehm zu erfahren, daß man plante, sie auf der Grundlage vollkommener Freiwilligkeit durchzuführen! Alle, die freiwillig auf ihr Eigentum verzichteten, würden die große nationale Gemeinschaft bilden. Doch jeder werde das Recht haben, sich dieser Gemeinschaft nicht anzuschließen. Dann erhalte er den Status eines »Ausländers« mit allen daraus folgenden Rechten und Verpflichtungen, die wir oben erwähnt haben. Die wirtschaftliche Lage der »Ausländer« soll durch das »Dekret« über steuerliche Auflagen bestimmt werden, das unter anderem folgende Artikel enthält:

»1. Die einzigen Steuerzahler sind die Bürger, die sich nicht in die Gemeinschaft einfügen …

4. Die gesamte Beitragssumme der Steuerzahler verdoppelt sich in jedem Jahr gegenüber dem Vorjahr …

6. Von Personen, die nicht an der nationalen Gemeinschaft teilhaben, kann nötigenfalls, in Anrechnung auf zukünftige Steuern, die Lieferung von Lebensmitteln oder industriellen Gütern an die Speicher der nationalen Gemeinschaft gefordert werden.« (55, Bd. II, S. 312-313)

In dem Dekret »Über die Schulden« besagt Artikel 3, daß

»die Schulden jedes Franzosen, der Mitglied der nationalen Gemeinschaft geworden ist, bei jedem anderen Franzosen annulliert werden«. (55, Bd. II, S. 313)

Auch andere Maßnahmen waren geplant, welche die neugeschaffene Macht stärken und ihre Reformen unterstützen sollten, zum Beispiel

»die Verteilung des Vermögens von Emigranten, Verschwörern und Volksfeinden an die Verteidiger des Vaterlandes und die Armen«. (55, Bd. II, S. 253)

Man kann sich nicht von dem Gedanken befreien, daß tiefe Lebenskenntnis, gegründet auf tragische persönliche Erfahrung, den »uneigennützigen Freunden der Menschheit« die Idee eingab, schon am ersten Tag des Umsturzes die folgenden wichtigen Reformen durchzuführen:

»Gegenstände, die dem Volk [!] gehören und in Pfandhäusern aufgegeben wurden, werden ihm sofort unentgeltlich zurückgegeben.« (55, Bd. II, S. 253)

»Nach Beendigung des Aufstandes werden unvermögende Bürger, die sich zur Zeit in schlechten Unterkünften befinden, nicht in ihre gewöhnlichen Behausungen zurückkehren; sie werden unverzüglich in den Häusern der Verschwörer einquartiert werden.« (55, Bd. II, S. 281)

(Dem Leser muß mitgeteilt werden, daß die Teilnehmer an der »Verschwörung der Gleichen« nicht sich selbst als Verschwörer bezeichneten, sondern die Regierungsmitglieder und überhaupt die Vertreter der ihnen feindlichen Klassen.)

Leider haben die Jünger des Zeitalters der Aufklärung uns keine detaillierteren Überlegungen zu dieser Operation hinterlassen. Hatte der Wohlstand damals schon ein solches Niveau erreicht, daß die Zahl der unvermögenden Bürger jene der »Verschwörer« nicht überstieg? Wenn aber die Wohnungen der »Verschwörer« nicht für alle Unvermögenden ausreichten, wie würden dann jene gewählt werden, die eine neue Behausung bekommen sollten? Aus den Dokumenten der »Verschwörung der Gleichen« erfahren wir darüber nichts.

Außer – zugegeben – der Bemerkung: »Es wäre falsch, die geregelte Verteilung von Behausungen und Kleidung mit Diebstahl zu verwechseln … « (55, Bd. I, S. 282)

Aber dafür lesen wir von anderen interessanten Einzelheiten:

»Den oben erwähnten Reichen [den >Verschwörern<] werden die Möbel fortgenommen werden, die notwendig sind, um die Wohnungen der Sansculotten bequem auszustatten.« (55, Bd. II, S. 282)

Schließlich ist in der Reihe von Maßnahmen, die das neue Regime festigen sollen, auch Terror vorgesehen. Man will die Tribunale wiedererstehen lassen, die zur Zeit des Jakobinerterrors bis zum 9. Thermidor 1794 tätig waren. Man plante »unter der Androhung, sie für gesetzlos erklären zu lassen, wieder all jene Personen ins Gefängnis zu bringen, die dort bis zum 9. Thermidor des 2. Jahres inhaftiert gewesen waren, wenn sie sich dem Aufruf, sich zum Nutzen des Volkes auf das Notwendigste zu beschränken, nicht untergeordnet haben«. (55, Bd. I, S. 404)

»Jeder Widerstand muß unverzüglich mit Gewalt unterdrückt werden. Die Widerständischen sind zu vernichten. Der Todesstrafe unterliegen auch: Personen, die zu Versammlungen aufrufen oder andere dazu zwingen; Ausländer, gleich welcher Nationalität, die auf der Straße angetroffen werden.« (55, Bd. II, S. 232)

Die Angehörigen der bestehenden Regierung – Mitglieder beider Kammern und des Exekutivdirektoriums – sollten vernichtet werden.

»Ihr Verbrechen war offensichtlich, und sie mußten mit dem Tode bestraft werden, was als abschreckendes Beispiel unumgänglich war.« (55, Bd. I, S. 283)

»Im Aufständischenkomitee gab es auch die Ansicht, daß die Verurteilten unter den Ruinen ihrer Paläste begraben werden sollten, deren Trümmer noch die fernsten Generationen an die gerechte Strafe erinnern würden, welche die Feinde des Volkes ereilt hatte.« (55, Bd. I, S. 284)

Während sie dieses System von Reformen und praktischen Maßnahmen ausarbeiteten, verschlossen die Angehörigen des »Bundes der Gleichen« auch nicht die Augen vor Einwänden, denen sie begegnen konnten:

»Man erklärt uns, wir seien Empörer, die nur Zerstörung verursachten und nichts als Gemetzel und Beute wollten.« (55, Bd. II, S. 136)

Doch sie wiesen diese Einwände zurück:

»Noch nie ist ein umfassenderer Plan erdacht und verwirklicht worden.« (55, Bd. II, S. 136)

»Man zeige uns, riefen die Teilnehmer an der Verschwörung zuweilen, ein Gesellschaftssystem, in dem so gewaltige Resultate mit einfacheren und leichter in die Praxis umzusetzenden Mitteln erzielt würden.« (55, Bd. I, S. 339)

Mit Bestürzung sehen wir, wie ein so vollkommen ausgearbeitetes System bei seiner praktischen Anwendung trotzdem auf eine Menge abgeschmackter und trivialer Hindernisse stößt. Vor allem entgingen die Verschwörer nicht dem, was Rabelais ein »unvergleichliches Leid« nennt: dem Geldmangel. In dem Abschnitt mit dem Titel »Die Teilnehmer der Verschwörung verachteten das Geld« erzählt Buonarotti:

»Einige Schritte wurden eingeleitet, um Mittel aufzubringen, doch die größte Summe, die das Geheime Direktorium zur Verfügung hatte, bestand aus 240 Francs in klingender Münze, die von dem Abgesandten einer verbündeten [?] Republik überbracht worden waren.« (55, Bd. I, S. 251)

Es ist unmöglich, seine Gefühle nicht zu teilen:

»Wie schwierig es ist, Gutes nur mit den Mitteln zu schaffen, die durch die Vernunft anerkannt werden!« (55, Bd. I, S. 251)

Doch auch ein zweites Übel verschonte unsere Helden nicht: innere Zwistigkeiten bei der Aufteilung der noch nicht eroberten Macht. Zunächst schloß sich dem Komitee eine kleine Gruppe an, die sich »Montagnards« nannte, aber bald

»wurde das Komitee davon unterrichtet, daß sie bei geheimen Manövern Zuflucht nahmen, um die verabredeten Bedingungen zu umgehen und für die Konzentration der obersten Macht der Republik ausschließlich in den Händen der Montagnards zu sorgen. Das Komitee war in höchstem Maße davon überzeugt, daß sie nichts Gutes schaffen könnten, und hielt die kleinste Bewegung, die ihnen die Macht einbringen konnte, für ein unverzeihliches Verbrechen«. (55. Bd. I, S. 286)

Und dann das dritte Unglück: Das Komitee befand sich unter dem Einfluss eines Provokateurs. Das Mitglied des Kriegskomitees Grisel

»trieb seine leichtgläubigen Kollegen an, beseitigte Schwierigkeiten, regte zu neuen Maßnahmen an und vergaß nie, den Mut der Umgebenden zu stärken, indem es die Hingabe an Grenelles demokratisches Lager übertrieben darstellte«. (57, Bd. I, S. 265)

Und eben dieser Grisel verriet das Komitee an die Behörden! Das Aufständischenkomitee befaßte sich schon mit den Einzelheiten der Erhebung. Eines seiner Mitglieder schrieb den Aufruf:

»Aufständischenkomitee zur Rettung der Gesellschaft. Das Volk hat den Sieg errungen, die Tyrannei ist beseitigt, ihr seid frei … « (55, Bd. I, S. 400)

»Dabei wurde der Schreibende unterbrochen und festgenommen«, sagte Buonarotti, der offenbar seinen französischen Witz nicht verloren hatte. Die Armee und das Volk unterstützten die Verschwörer nicht:

»Die inneren Truppen halfen dem Feldzug in die Demokratie mit der Waffe in der Hand, und die Bevölkerung von Paris, die man überzeugt hatte, daß Diebe verhaftet worden seien, schaute passiv zu.« (55, Bd. I, S. 417)

Die ganze Atmosphäre dieser erstaunlichen Episode zwang uns zu einer Form der Darstellung, welche in dieser Arbeit, die im allgemeinen wenig zum Lachen reizt, seltsam wirken mag. Doch diese Inkongruenz hat ihre Ursache in einer interessanten objektiven Eigenschaft des von uns untersuchten Phänomens. Die sozialistischen Bewegungen überraschen im Moment ihrer Entstehung häufig durch ihre Hilflosigkeit, ihre Lebensfremdheit, ihr naives Abenteurertum, irgendwelche komischen, an Gogol erinnernden Züge (wie schon Berdjajew bemerkte). Es scheint, daß diese hoffnungslosen Pechvögel nicht nur keine Erfolgschance haben, sondern sogar alles tun, um die von ihnen verkündeten Ideen zu kompromittieren. Sie warten jedoch nur auf ihre Stunde. In irgendeinem Moment, fast unvermittelt, öffnet sich die Volksseele diesen Ideen, und dann werden sie zu Kräften, die den Gang der Geschichte bestimmen; und die Führer der Bewegungen werden zu Lenkern des Geschickes von Nationen (so klettert der verschreckte Müntzer über die Stadtmauer von Allstedt, flüchtet, nachdem er seine Gesinnungsgenossen betrogen hat, und wird bald darauf zu einer der führenden Gestalten des Bauernkrieges, der Deutschland erschütterte). Offenbar lag nicht der geringste Widerspruch vor, als Dostojewski die Nihilisten in den »Dämonen« als Haufen von »dreieinhalb Menschen« darstellte, die nicht einmal dazu fähig seien, ernsthafte Unruhen in einem kleinen Provinzstädtchen anzuzetteln – und als er gleichzeitig eine baldige Revolution prophezeite, die hundert Millionen Köpfe kosten werde.

RESÜMEE

Wir wollen versuchen, die neuen Züge der sozialistischen Ideologie zusammenzufassen, die wir im utopischen Sozialismus und in den Werken der Aufklärungsepoche angetroffen haben.

1. Während sich die sozialistischen Ideen im Mittelalter und in der Reformationszeit im Rahmen von Bewegungen entwickelten, die wenigstens der Form nach religiös waren, so befreien sie sich jetzt immer mehr von der religiösen Hülle und nehmen allmählich einen der Religion feindlichen Charakter an. Bei More und Campanella konnten wir auf eine entfremdete, manchmal ironische Einstellung gegenüber dem Christentum und getarnte Angriffe auf es hinweisen. Winstanley betrachtet die zeitgenössischen Religionen mit offener Feindschaft. Deschamps leugnet alle Religionen und erklärt die Idee Gottes zu einer menschlichen Erfindung, dem Resultat der Knechtung der Menschheit und dem Instrument der Unterdrückung. Statt dessen legt er die rätselhafte Konzeption des Gottes als Nichts vor. Meslier schließlich stellt den Haß auf die Religion, vor allem auf das Christentum und Christus, in den Mittelpunkt seiner Weltanschauung. So verschmilzt die sozialistische Idee mit dem Atheismus.

2. Der Sozialismus dieser Epoche entlehnt die Idee der mittelalterlichen Mystik (zum Beispiel Joachims von Floris), da die Geschichte einen immanenten, gesetzmäßigen Evolutionsprozeß darstelle. Jedoch gehen das Ziel und die Triebkraft unter, welche die Mystik in diese Entwicklung einbrachte: die Erkenntnis Gottes und die Verschmelzung mit ihm. Statt dessen wird der FORTSCHRITT als Triebkraft der Geschichte und die menschliche Vernunft als sein höchstes Produkt anerkannt.

3. Die sozialistischen Lehren behalten die Vorstellung der mittelalterlichen Mystik von DREI STUFEN des historischen Prozesses bei, ebenso wie das Schema vom FALL der Menschheit und ihrer Rückkehr in den Urzustand in vollkommenerer Form. Folgende Bestandteile machen diese Lehren aus:

I. Der MYTHOS vom ursprünglichen glücklichen »Naturzustand«, dem »Goldenen Zeitalter«, das durch den Träger des Bösen, das Privateigentum, zerstört worden sei.

II. Die ENTLARVUNG der Gegenwart. Die zeitgenössische Gesellschaft wird als unheilbar sündhaft, ungerecht, unsinnig, nur zur Zerschlagung tauglich dargestellt. Erst auf ihren Trümmern könne ein Gesellschaftssystem geschaffen werden, welches den Menschen das Höchstmaß von Glück bereite, das zu erleben sie fähig seien.

III. Die PROPHEZEIUNG einer neuen, auf sozialistischen Prinzipien aufgebauten Gesellschaft, in der alle Nachteile der Gegenwart verschwinden. Dies sei der einzige Weg, um die Menschheit zum »Naturzustand« zurückkehren zu lassen, wie Morelly sagt, der Weg vom unbewußt zum bewußt erlebten Goldenen Zeitalter.

IV. Die Idee der »Befreiung«, die von den mittelalterlichen Ketzerlehren spirituell als Erlösung des Geistes von der Macht der Materie verstanden wurde, verwandelt sich in den Aufruf zur Befreiung von der Moral der zeitgenössischen Gesellschaft, von ihren sozialen Einrichtungen und vor allem von Privateigentum. Als Triebkraft dieser Befreiung wird zunächst die Vernunft anerkannt, doch allmählich nimmt das Volk – die Armen – ihre Stelle ein. In der Weltanschauung, die von den Teilnehmern an der »Verschwörung der Gleichen« vertreten wurde, erkennen wir dieses Konzept in schon vollständiger Form. Im Zusammenhang damit werden auch neue konkrete Züge für den Plan zur Errichtung der »Zukunftsgesellschaft« ausgearbeitet: Terror, Einquartierung der Armen in die Wohnungen der Reichen, Beschlagnahme des Mobiliars, Befreiung von Schuldverpflichtungen usw.

LITERATURVERZEICHNIS

49. J. Meslier. Saweschtschanije (Mon testament). Moskau, 1954, Bd.I-III.

50. Morelly. Kodeks prirody iIi duch ejo sakonow (Code de la Nature, ou le véritable esprit de ses loix). Moskau, 1947.

51. W. P. Wolgin. Raswitije obschtschestwennoj mysli wo Franzii w XVIII weke (Die Entwicklung des gesellschaftlichen Denkens in Frankreich im 18. Jahrhundert). Moskau, 1958.

52. D. Diderot. Sobranije sotschinenij (Gesammelte Werke). Moskau, 1935, Bd. II.

53. L. M. Deschamps. Istina iIi istinnaja sistema (Le vrai système ou le mot d’énigme métaphysique et morale). Moskau, 1973.

54. L. M. Deschamps. Istina ili Dostowernaja sistema (Le vrai systéme, andere Ausgabe). Mit einem einleitenden Artikel von S. Wassiljew, Baku, 1930.

55. Ph. Buonarroti. Sagowor wo imja rawenstwa. (Conspiration pour l’Egalité, dite de Babeuf). Moskau, 1963, Bd. I-II.

56. L. Baudin. Les Incas de Pérou. Paris, 1947.

57. R. Karsten. Das Altperuanische Inselreich. Leipzig, 1949.

Das Cover der englischsprachigen Ausgabe:

The Socialist Phenomenon by Igor Shafarevich


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