Willy Brandt: 30 Jahre CIA-Agent

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Brandt - CIA Agent for 30 Years

4. Oktober 1974 (IPS) — Die Chancen des ehemaligen westdeutschen Bundeskanzlers Willy Brandt, in öffentlicher Sitzung zu beweisen, daß er weder jetzt noch jemals zuvor ein Mitarbeiter der CIA war, nahmen gestern eine Wende zum Schlechteren.

Diese Woche wurde im westdeutschen Fernsehen die ganze Geschichte über seine langjährigen Bindungen zur Angloamerikanischen Nachrichtendienstszene (intelligence community) ausgestrahlt, wegen deren Veröffentlichung Brandt das „Europäische Arbeiterkomitee“ (the European Labor Committees) verklagt.

Gerhard Löwenthal, ein beliebter Fernsehmoderator für das westdeutsche Zweite Deutsche Fernsehen und ein Sprecher von Franz Joseph Strauss, Vorsitzender der westdeutschen Christlich-Sozialen Union, warfen Brandt vor, während einer gerichtlichen Untersuchung der Günther-Guillaume-Spionageaffäre, die im April des Jahres 1974 zu Brandts Rücktritt als Bundeskanzler führte, einen Meineid geleistet zu haben.

Löwenthal warf Brandt dann vor, daß es lächerlich wäre, darauf zu plädieren, daß er nichts von „Nachrichtendienstangelegenheiten“ wußte und ihm daher nicht bekannt war, daß westdeutsche Nachrichtendienstbeamte Guillaume — ein Top-Berater von Brandt — verdächtigten, ein DDR-Spion zu sein. Löwenthal ging dann auf Brandts Verbindungen zur westdeutschen und internationalen Nachrichtendienstszene ein.

Der Kommentator wies darauf hin, daß der ehemalige Kanzler dafür bekannt war, auf dem Höhepunkt von Hitlers Macht, obwohl er in der Mitte der 1930er Jahre in Deutschland der vermeintliche Führer der wichtigsten antifaschistischen Partei war, ungehindert innerhalb und außerhalb von Berlin zu reisen. Löwenthal beschrieb auch Brandts Beschäftigung als Agent (special agent) beim „US Office of Strategic Services“ (OSS) in Schweden von 1943 bis 1945.

Löwenthals Vorwurf gegen Brandt — Meineid und Agententätigkeit — ist Teil einer einsetzenden internationalen Kampagne, den führenden westeuropäischen CIA-Agenten (operative) zu enttarnen.

In einem Artikel vom 1. Oktober über die CIA-Finanzierung der europäischen Sozialdemokratie verknüpft Schriftsteller Thomas Ross von der CHICAGO SUN TIMES Brandt mit der ganzen CIA-Nachkriegsgeschichte westeuropäischer Operationen. Als Präsident Ford entschied, eine verdeckte CIA-Finanzierung der Sozialistischen Partei Portugals zu beginnen, wurde das Geld über Brandt geleitet, behauptete Ross, weil „die CIA seit dem Zweiten Weltkrieg eng mit führenden deutschen Sozialisten zusammenarbeitete“.

Ross weiter: „Berichten zufolge arbeitete Bundeskanzler Brandt während des Krieges in Skandinavien für den CIA-Vorgänger ‚Office of Strategic Services‘ und blieb später als Bürgermeister und im Bundestag mit der CIA ständig in Kontakt.“

Zeitungen in ganz Westdeutschland greifen den Brandt-Skandal auf. Die HANNOVERSCHE ALLGEMEINE ZEITUNG vom Freitag zitiert Brandt so, jede Verbindung mit der antikommunistischen CIA-Zerschlagungsoperation in Portugal zu leugnen.

Gestern startete die Europäische Arbeiterpartei eine europäische Veranstaltungsreihe, die sich direkt mit der Klage befassen wird, die Brandt gegen das Arbeiterpartei-Vorstandsmitglied und „Neue Solidarität“-Redakteur (editor) Anno Hellenbroich und gegen Jürgen Spahn eingereicht hat. Bei der ersten Veranstaltung in dieser Woche in Düsseldorf, die mit Brandt-Plakaten des „Europäischen Arbeiterkomitees“ beworben wurde, kam es zu einer Überkapazität von 50 Personen.

Hier finden Sie den Originalartikel, Brandt – CIA Agent for 30 Years.

Und in einem ca. 25.000 Worte langen Artikel vom 20. Oktober 1977 über „Die CIA und die Medien“ nannte Carl „Watergate“ Bernstein den für Willy Brandt zuständigen CIA-Offizier.

Die Unnachgiebigkeit der CIA führte im späten März 1976 zu einer außerordentlichen Versammlung zum Abendessen (dinner meeting) im Hauptsitz der Agentur. Unter den Anwesenden waren die Senatoren Frank Church, der nun durch Bader informiert worden war, sowie John Tower, der stellvertretende Vorsitzende des Komitees; Bader; William Miller, Personalleiter des Komitees; CIA-Direktor Bush; Rogovin, Rechtsbeistannd der Agentur; und Seymour Bolten, ein hochrangiger CIA-Agent, der schon seit Jahren ein Stationsleiter in Deutschland und der für Willy Brandt zuständige Offizier (case officer) war. Bolten war von Bush abgeordnet worden, um sich mit den Komiteeanfragen zu Informationen über Journalisten und Wissenschaftler zu befassen. Beim Abendessen behielt die Agentur ihre Weigerung bei, vollständige Akten zur Verfügung zu stellen. Außerdem würde sie dem Komitee weder die Namen der einzelnen, in den 400 Zusammenfassungen beschriebenen Journalisten nennen, noch die Nachrichtenorganisationen, denen sie angehörten. Die Diskussion verlief nach Aussagen von Teilnehmern zunehmend hitzig. Die Vertreter des Komitees sagten, ohne weitere Informationen könnten sie ihren Auftrag nicht einlösen und bestimmen, ob die CIA ihre Autorität mißbraucht hatte. Die CIA behielt ihren Standpunkt bei, durch weitere Angaben gegenüber dem Komitee ihre legitimen nachrichtendienstlichen Operationen oder ihre Mitarbeiter nicht schützen zu können. An einem Punkt sagte Bush, viele der Journalisten wären freie Mitarbeiter der Agentur und die CIA wäre diesen nicht weniger verpflichtet als allen anderen Agenten.

Hier finden Sie den Originalartikel, The CIA and the Media.

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