Gestatten, Horx, Matthias Horx, kommunistischer Trend- und Zukunftsforscher

Kopiert und eingefügt aus »Wir sind die Wahnsinnigen — Joschka Fischer und seine Frankfurter Gang« von Christian Schmidt.

Wir sind die Wahnsinnigen

… die Spontis von einst waren zwar gerade dabei, es sich als Lehrer, Professoren und Kleinunternehmer in den herrschenden Verhältnissen gemütlich zu machen, ihre alte revolutionäre und nicht unbedingt staatstragende Gesinnung hatten die meisten von ihnen aber deswegen noch längst nicht aufgegeben. Das mußte sich ändern, und zwar, da die Zeit drängte, so schnell wie möglich. Sofort nach der Landtagswahl begann deshalb Daniel Cohn-Bendits PflasterStrand mit der Offensive.

Ein regelrechtes Trommelfeuer von Bekenntnisartikeln und grundsätzlichen Essays sollte der gealterten Spontigefolgschaft klarmachen, daß es, anders als dummerweise seit 1968 immer geglaubt, keine grundsätzliche Alternative zum Bestehenden gab. Alte Kämpfer wie Matthias Beltz meldeten sich zur Stelle und empfahlen den noch nicht geläuterten Linksradikalen eine gründliche Gehirnwäsche. Ein »Alternativ-Spießer« und »geistloser Stammtischstratege« sei derjenige, der jetzt noch immer nicht den alten Idealen abschwören wollte. »Er liebt den Dissens um seiner selbst willen und grenzt Zustimmung zu politischen Institutionen aus, was er denjenigen, die daran glauben mögen, als Fundamentalopposition verkauft.« Dabei sei es jetzt an der Zeit, nicht mehr länger an allem und jedem herumzunörgeln, sondern endlich mitzumachen und dabei en passant ein paar konservative Werte wie »Pflicht, Respekt, Treue und Leistung« mit nach Hause zu nehmen.

Hatte Beltz 1978 noch eindringlich vor »elitären Menschen« gewarnt, die eigentlich nur schwach seien, und weiter recht weise gejammert, er wisse, »wie schnell das Alte in dir dich zurückholt, wie aus dem Ohnmachtsgefühl der Wille zur Macht wird«, schien er nun unbedingt seine Prophezeiung von damals erfüllen zu wollen: »Versuchen wir’s also mal mit der Elite … Bekennen wir uns zur Hierarchie … « Immerhin: Den Namen desjenigen, den er mit dieser Bußpredigt in den Bundestag protegieren wollte, schrieb er nicht hin. Trotzdem wußte jeder Sponti, was er zu tun hatte, wenn der ehemalige »Pfarrer« des RK die gemeinsame Vergangenheit beschwor und mit ungebrochenem Pathos abermals anhob: »Unsere Revolution hat etwas Neues geschaffen, das den Keim großer Taten in sich trägt … Die Kulturrevolution von 1968 hat den Adel hervorgebracht, der sich heute entscheiden muß, eine eigene Identität zu bilden … Unsere Schulen des Adels waren die Studentenbewegung, Betriebsarbeit und Häuserkampf in Frankfurt, die Unterstützung mancher illegaler Angelegenheit im In- und Ausland, hießen Sozialistischer Deutscher Studentenbund, Revolutionärer Kampf, Häuserrat und Rote Hilfe. Verleugnen wir diese Vergangenheit nicht, sondern laßt sie uns neu erwerben, um sie zu besitzen.« Was auch immer der letzte Satz bedeuten mochte, gemeint war sicherlich nur eins: ihr, die ihr einst Revolutionäre wart und jetzt euer Eigenheim abbezahlt, um es einmal zu besitzen, laßt ab von der Vergangenheit und unterstützt den Willen zur parlamentarischen Macht eures alten Häuptlings, des edlen Joschka von Gerabronn.

Zu den altbekannten Spontiführern und Revolutionshelden wie Matthias Beltz gesellte sich eine neue Hilfstruppe, die mit mindestens genauso großem Elan versuchte, die blitzartige Umerziehung des Spontivolks voranzutreiben. Sie waren allesamt PflasterStrand-Redakteure und hießen eigentlich Albert Sellner, Cora Stephan, Matthias Horx und Georg Dick. Ihre Artikel aber zeichneten sie in der Regel mit Pseudonymen. Sellner nannte sich Emil Nichtsnutz, Frau Stephan firmierte als Vita Quell, der nom de plume des ehemaligen Frankfurter AStA-Vorsitzenden Dick war Trino Gardo, und der von Herrn Horx, gleich einen weltumspannenden Anspruch anmeldend, Paul Planet (die beiden letzteren kamen von der Sozialistischen Hochschulinitiative SHI, einer Art Spontinachwuchsorganisation an der Frankfurter Uni).

Das Trio Horx, Stephan und Sellner übernahm es, in einer groß angelegten historischen PflasterStrand-Serie (»15 Jahre Szene«), die Wende der Spontiführer hin zur traditionellen Machtpolitik als völlig logische Entwicklung zu verkaufen. Wer dabei nicht mitziehen wolle, erklärten sie, entziehe sich »dem Gesetz der Generationen«, verstoße also quasi gegen ein ehernes Naturgesetz. Und um auch dem verbiestertsten Alt-Sponti die Aufgabe anti staatlicher Prinzipien zu versüßen, behauptete man einfach, die Revolutionäre von einst hätten ihr eigentliches Ziel just mit Beginn des Jahres 1983 erreicht und auf ganzer Linie gesiegt: Die »Arbeitsmoral« sei »unterminiert«, »das Normengefüge unreparierbar durcheinander«, anders als am Ende der sechziger Jahre sei »das System nicht mehr monolithisch« und »die Macht heute ohnmächtig«. Wohlgemerkt: Joschkas Hilfstruppen formulierten diese »Analysen« zu einem Zeitpunkt, als an der Startbahn West Demonstranten von der Staatsmacht gleich zu Hunderten wenigstens halb ohnmächtig gedroschen wurden. Doch schließlich kam es nicht auf den Wahrheitsgehalt der Behauptungen an, wenn nur das Fazit stimmte: »Unsere alte Rolle als Störenfriede, als Dissidenten … , hat ihren Glanz verloren … Wollen die kulturellen Impulse der 70er Jahre als gesellschaftliche Kraft überleben, können sie sich nicht mehr auf den Dissens, die Marginalisierung, das Außenseiterdasein berufen.«

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