Die ultimative Schatzsuche nach dem jüdischen Volk

Ofer Aderet über die Erfindung des jüdischen Volkes.

Auf seiner Suche nach den Vorfahren des jüdischen Volkes entdeckte Eran Elhaik, daß einige Aschkenasim ihren Ursprung nicht im Reich Juda haben, sondern im Chasarischen Reich.

The Jewish people's ultimate treasure hunt
Ein Bild vom 30. Juli 2005 zeigt eine Ausgrabung eines aus dem 11. bis 12. Jahrhundert stammenden Hauses in Itil, eine Stadt an der Seidenstraße, die den Chasaren als Hauptstadt diente, die etwa 1280 km südlich von Moskau lag. Foto: AP

28. Dezember 2012 — „Stellen Sie sich eine Gruppe von Blinden vor, die zum ersten Mal in ihrem Leben auf einen Elefanten stößt. Sie berühren ihn mit ihren Händen, um zu begreifen, worum es sich bei diesem Tier handelt. Doch jeder untersucht nur einen Körperteil, so daß am Ende jeder von ihnen einen anderen Eindruck gewinnt, um welche Art von Tier es sich handelt.“ Mit Hilfe dieses alten indischen Gleichnisses, versucht der Genetiker Dr. Eran Elhaik eines der umstrittensten Themen im Studium der Geschichte zu illustrieren: die Herkunft des jüdischen Volkes.

„Seit Jahren haben Wissenschaftler verschiedene Erklärungen vorgeschlagen, woher die Juden kommen“, sagt der gebürtige Israeli Elhaik und listet die verschiedenen Theorien auf, die im vergangenen Jahrhundert zu Lösung des Rätsels vorgeschlagen wurden. Doch jede Erklärung bietet nur einen partiellen Hinweis, und, zu allem Übel, widersprechen die Erklärungen einander.

„Meine Studie ist die erste, die eine umfassende Theorie vorschlagen soll, die alle scheinbar widersprüchlichen Befunde erklärt“, behauptet der junge Gelehrte in einem Telefonat aus seinem Haus in Maryland. Der 32jährige Elhaik führte seine Forschung an der „School of Public Health“ der „Johns Hopkins University“ in Baltimore, Maryland, durch. Anfang dieses Monats veröffentlichte er seine Erkenntnisse in einem Artikel in der von OXFORD UNIVERSITY PRESS herausgegebenen Zeitschrift GENOME BIOLOGY AND EVOLUTION: „Das fehlende Glied der jüdischen europäischen Vorfahren: Eine Gegenüberstellung der Rheinland-Hypothese und der Chasaren-Hypothese“ („The Missing Link of Jewish European Ancestry: Contrasting the Rhineland and the Khazarian Hypotheses“). Einer der Wissenschaftler, der den Artikel vor seiner Veröffentlichung bewertete, beschrieb ihn als tiefgreifender als alle früheren Studien über die Herkunft des jüdischen Volkes.

Elhaik, der sein Licht nicht unter den Scheffel stellt, beschreibt seine Studie in unserem Telefon-Interview als „Durchbruch“ und sagt, daß er die wissenschaftlichen Grundlagen für eine alte und umstrittene Theorie schuf, die behauptet, daß die europäischen oder aschkenasischen Juden Nachkommen der Chasaren sind. Das Chasarenreich bestand aus verschiedenen Völkern (Iraner, Türken, Slawen, Kaukasier und andere), und herrschte über ein riesiges Gebiet, das sich im Mittelalter vom Schwarzen Meer bis zum Kaspischen Meer erstreckte. Laut dieser Theorie konvertierten die Chasaren im achten Jahrhundert zum Judentum, und ihre Nachkommen sind die „europäischen“ oder Aschkenasi-Juden, die heute in Israel und der Diaspora leben.

The quest for the Jewish gene
Hier finden Sie ein größeres Bild — Bildquelle: HAARETZ

Laut der allgemein akzeptierten Geschichtsschreibung stammen die Juden von den Bewohnern des Königreichs Juda ab, die verbannt wurden und nach Tausenden von Jahren des Exils wieder in ihre Heimat zurückkehrten — den heutigen Staat Israel. Die neue Studie unterstützt dagegen die These, daß die Juden von verschiedenen Völkern abstammen, die in verschiedenen Regionen im Mittelmeerraum lebten, und die in verschiedenen Epochen zum Judentum konvertierten. Laut dieser Theorie kann die Geschichte von der Vertreibung aus Juda, das Leben im Exil, das die Juden in den Ländern der Diaspora führten und ihre ständige Sehnsucht nach ihrer Heimat, als ein Mythos angesehen werden.

„Meine Forschung widerlegt 40 Jahre an genetischen Studien, die alle davon ausgegangen sind, daß die Juden eine von anderen Nationen genetisch isolierte Gruppe darstellen“, erklärt Elhaik. Seine Studie basiert auf umfassenden genetischen Daten, die in anderen Studien veröffentlicht wurden. In Ermangelung solcher Daten über die Chasaren selbst, stützte sich Elhaik auf Zahlen von Populationen, die denen der Chasaren genetisch ähnlich sind, wie Georgiern, Armeniern und Kaukasiern — ein Verfahren, das von Forschern auf seinem Gebiet häufig eingesetzt wird. Elhaik sagt, „sie sind alle aus der gleichen genetischen ‚Suppe‘ entstanden“.

Nachdem er zahlreiche Analysen unter Einsatz verschiedener Techniken durchführte, von denen einige noch nie zuvor angewandt wurden, entdeckte der Forscher das, was er als die chasarische Komponente des europäischen Judentums beschreibt. Nach seinen Erkenntnissen ist das dominierende Element im Erbgut der europäischen Juden chasarisch. Unter mitteleuropäischen bzw. osteuropäischen Juden dominiert diese Komponente in ihrem Genom mit einem Anteil von 38 bzw. 30 Prozent.

Welche Komponenten, die das Genom der europäischen Juden ausmachen, gibt es noch?

Elhaik: „[Sie] stammen vor allem aus Westeuropa, das im Römischen Reich verwurzelt ist, und dem Nahen Osten, dessen Ursprung wahrscheinlich Mesopotamien ist, obwohl es möglich ist, daß ein Teil dieser Komponente den israelischen Juden zugeschrieben werden kann.“

Letzteres Datum ist von erheblicher Bedeutung, weil es die europäischen Juden mit Israel „wiederverbindet“. Allerdings macht die Komponente dieser Verbindung nur einen kleinen Teil des Genoms aus, und diese Zahl ist statistisch nicht signifikant genug, um zu begründen, daß das Königreich Juda der Ursprung der Juden ist.

Laut Elhaiks Studie gibt es bei den Juden im Iran, im Kaukasus, in Aserbaidschan und in Georgien eine kontinuierliche genetische Größe, die sie mit den europäischen Juden verknüpft. Mit anderen Worten, es ist möglich, daß diese Gruppen gemeinsame Vorfahren haben — nämlich die Chasaren.

Der Genetiker führt des Weiteren aus, daß es unter den verschiedenen Gruppen von europäischen und nichteuropäischen Juden keine verwandtschaftlichen oder familiären Verbindungen gibt: „Die verschiedenen Gruppen von Juden in der heutigen Welt haben keine gemeinsame genetische Herkunft. Wir reden hier über Gruppen, die sehr heterogen und ausschließlich durch die Religion verbunden sind.“

Im Endeffekt, so behauptet er, ist das „Genom der europäischen Juden ein Mosaik der alten Völker und sein Ursprung ist weitgehend chasarisch“.

Andere Studien

Ähnliche Untersuchungen, die von anderen Wissenschaftlern durchgeführt wurden, darunter einige in Israel und anderen Ländern gefeierte Professoren, kommen zu ganz anderen Ergebnissen. Im vergangenen Sommer veröffentlichte OXFORD UNIVERSITY PRESS beispielsweise das Buch „Das Erbe: Eine Geschichte des jüdischen Volkes“ („Legacy: A Genetic History of the Jewish People“), das versucht, die verschiedenen Studien zusammenzufassen, die in den letzten zwei Jahrzehnten mit dieser Angelegenheit im Zusammenhang standen. Der Autor, Professor Dr. Harry Ostrer, der an der „Yeshiva University“ am „Albert Einstein College of Medicine“ in den Fachbereichen Pathologie, Genetik und Kinderheilkunde unterrichtet, argumentiert, daß alle Juden eine gemeinsame genetische Herkunft und ähnliche genetische Eigenschaften haben. Laut Ostrer ist diese gemeinsame Herkunft nicht chasarisch sondern nahöstlich. Folglich, im Einklang mit seiner Theorie, sind die Juden Nachkommen der Bewohner dieser Region, die dort vor Tausenden von Jahren lebten, verbannt wurden und kürzlich in ihre Heimat zurückkehrten — das heißt, dem heutigen Israel.

Im Gegensatz zu Elhaik fand Ostrer keinen signifikanten Nachweis für eine Verbindung zwischen den Juden und dem Chasarenreich. Darüber hinaus sind die Juden vom genetischen Standpunkt aus, so argumentiert er, näher an den Palästinensern, Beduinen und Drusen als an den Chasaren. Seine Erkenntnisse stützen das Argument, daß die Juden ihren Ursprung im Nahen Osten haben.

Elhaik, der Ostrers Studie bezweifel, behauptet, daß die bisherige Forschung zum Thema „keine empirische Grundlage hat, sich manchmal sogar widerspricht und Schlußfolgerungen bietet, die einfach nicht überzeugend sind“.

Er fügt hinzu: „Mein Eindruck ist, daß ihre Ergebnisse geschrieben wurden, bevor sie die Forschung begannen. Sie haben zuerst ihren Pfeil abgeschossen — und dann die Zielscheibe darum gemalt.“

Im Gegensatz zu anderen Forschern glaubt Elhaik nicht an die Existenz eines einzigartigen jüdischen Gens: „Jeder Mensch ist ein genetisches Amalgam. Keine Bevölkerungsgruppe hat jemals in völliger Abgeschiedenheit von anderen Gruppen gelebt.“ Die Behauptung, daß das Genom vieler Juden eine nahöstliche Komponente enthält, die beweist, daß die Juden aus dieser Region stammen, entkräftet er ebenfalls: „Die Mehrheit der Juden weist die nahöstliche Genkomponente nicht in der Menge auf, die wir zu finden erwarten würden, wenn sie Nachkommen der Juden der Antike wären.“

Elhaik weiter: „Ironischerweise waren einige der Chasaren iranischer Herkunft. Ich denke, es ist naheliegend, anzunehmen, daß die Iraner in nicht unerheblichem Maße zum jüdischen Mosaik beigetragen haben.“

HAARETZ hat sich in den letzten Wochen an eine Reihe von Wissenschaftlern aus Israel und dem Ausland gewandt, darunter Historiker und Genetiker, und sie gefragt, was sie von dem neuen Artikel hielten. Die Historiker lehnten es ab, zu antworten, indem sie darauf verwiesen, daß sie auf dem Gebiet der Genetik keine Erfahrung hätten. Was die Genetiker betrifft, waren sie aus anderen Gründen nicht zur Kooperation bereit. Während einige von ihnen die Anfrage von HAARETZ einfach ignorierten, behaupteten andere, sie wären mit der spezifischen Disziplin der Bevölkerungsforschung nicht vertraut oder zu sehr in Zeitnot, um zu antworten.

Der einzige Gelehrte, der bereit war, seine Meinung zu äußern — und dies mit großer Begeisterung tat –, war Shlomo Sand, Professor für Geschichte an der „Universität Tel Aviv“ und Autor des Bestsellers „Die Erfindung des jüdischen Volkes: Israels Gründungsmythos auf dem Prüfstand“, das im Jahr 2008 von RESLING PRESS auf Hebräisch veröffentlicht wurde — eine englische Übersetzung von Yael Lotan wurde im Jahr 2009 von VERSO veröffentlicht. In den Regalen in seinem kleinen Büro an der „Universität Tel Aviv“ finden sich Übersetzungen des Buches, das jetzt in 22 Sprachen erhältlich ist.

Für Genetiker, die jüdische Gene suchen, hat Sand einige harte Worte der Kritik: „Für einen Ignoranten wie mich, schien Genetik schon immer mit einem Heiligenschein gekrönt zu sein — als eine exakte Wissenschaft, die sich mit quantitativen Ergebnissen befaßt und deren Schlußfolgerungen unwiderlegbar sind.“ Als er damit begann, Artikel über das Thema der Herkunft der Juden zu lesen, stellte er fest, daß er sich geirrt hatte: „Ich entdeckte Genetiker — jüdische Genetiker — deren Kenntnis der Geschichte mit dem endete, was für ihre Prüfungen zur Hochschulreife notwendig war. So würde ich meine Biologiekenntnisse beschreiben. Am Gymnasium hatten sie gelernt, daß es eine jüdische Nation gibt, und auf der Grundlage dieser historischen Erzählung rekonstruieren sie ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse.

Ihre Suche nach dem Ursprung eines gemeinsamen Gens zur Charakterisierung eines Volkes oder einer Nation ist sehr gefährlich“, sagt Sand. Mit einigen Vorbehalten nennt er das Beispiel der Deutschen, „die ebenfalls nach einer gemeinsamen Komponente der Blutsbande suchten“. Die Ironie der Geschichte, betont er, kommt in der Tatsache zum Ausdruck, daß, „während in der Vergangenheit jeder, der die Juden als Rasse definierte, als Antisemit verunglimpft wurde, wird heute jeder, der nicht darauf vorbereitet ist, sie als Rasse zu definieren, als Antisemit bezeichnet“.

Sands fügt hinzu: „Früher dachte ich, daß Fakten nur in Disziplinen wie Geschichte und Literatur verschieden interpretiert werden können, doch dann ich habe entdeckt, daß die gleiche Sache in der Genetik getan wird. Es ist sehr leicht möglich, bestimmte Ergebnisse groß herauszustellen, während andere marginalisiert werden, und Ihre Studie als wissenschaftliche Forschung zu präsentieren. Eine Spezialisierung in Genetik kann eine unglaublich hohen Unkenntnis der Geschichte schaffen.“

Hier finden Sie den Originalartikel, The Jewish people’s ultimate treasure hunt.

Wer jetzt auf den Gedanken kommt, eine Grafik der genetischen Kartierung des menschlichen Genoms zu studieren, um zu sehen, ob das Volk mit dem jüdischen Genom Ähnlichkeiten mit den Nachbarvölkern hat, begeht ein Gedankenverbrechen und wird mit Gehirnwäsche durch die nichtjüdisch kontrollierten Medien bestraft.

The Missing Link of Jewish European Ancestry: Contrasting the Rhineland and the Khazarian Hypotheses

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