Ein Märchen der JEWISH VIRTUAL LIBRARY oder Israel außerhalb des Kontexts

Die JEWISH VIRTUAL LIBRARY schmückt sich hier mit folgendem Zitat aus »Die Arglosen im Ausland« von Mark Twain, um den jüdischen Anspruch auf Israel zu rechtfertigen.

»… ein trostloses Gebiet, dessen Boden recht fruchtbar, aber gänzlich dem Unkraut überlassen ist — eine schweigende, traurige Weite … eine Trostlosigkeit, die nicht einmal die Vorstellungskraft mit dem Gepränge von Leben und Handlung schmücken kann … Wir sahen auf der ganzen Strecke kein einziges menschliches Wesen … Es stand kaum irgendwo ein Baum oder Strauch. Sogar der Ölbaum und der Kaktus, diese treuen Freunde nutzlosen Bodens, hatten das Land beinahe verlassen.«

Wieviel Arbeit könnte es wohl gemacht haben, dieses Zitat zusammenzuklauben?

Es folgt der Kontext, viel Spaß beim Suchen der hervorgehobenen Passagen :)

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Siebenundvierzigstes Kapitel

Wir durchquerten einige Meilen ein trostloses Gebiet, dessen Boden recht fruchtbar, aber gänzlich dem Unkraut überlassen ist — eine schweigende, traurige Weite, in der wir nur drei Menschen trafen, Araber, mit nichts weiter bekleidet als einem langen, groben Hemd, ähnlich dem »wergleinenen« Hemd, das gewöhnlich die einzige Sommerbekleidung der Negerjungen auf den Plantagen des Südens bildet. Schafhirten waren es, und sie bezauberten ihre Herden mit der traditionellen Hirtenflöte — einem Rohrinstrument, das eine genauso hervorragend teuflische Musik erzeugt wie die Araber selbst, wenn sie singen.

In ihren Flöten klang kein Echo der wundervollen Musik nach, welche die Vorväter dieser Hirten in der Ebene von Bethlehem gehört hatten, als die Engel sangen: »Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.«

Ein Teil des Bodens, über den wir kamen, war gar kein Boden, sondern es waren Steine, gelblichweiße Steine, glattgeschliffen wie vom Wasser; sie wiesen kaum eine Kante oder Ecke auf, sondern waren ausgehöhlt, bienenwabenförmig, mit Löchern versehen und zu allerlei wunderlichen Gestalten verarbeitet, unter denen die grobe Ähnlichkeit mit Schädeln häufig war. Auf diesem Teil der Strecke fanden sich gelegentlich Reste einer alten römischen Straße ähnlich der Via Appia, deren Pflastersteine mit römischer Beharrlichkeit noch immer fest an Ort und Stelle hafteten.

Graue Eidechsen, diese Erben der Zerstörung, der Gräber und der Verlassenheit, glitten zwischen den Steinen hin und her oder lagen still da und sonnten sich. Wo Wohlstand herrschte und verfiel, wo Ruhm leuchtete und verlöschte, wo Schönheit wohnte und dahinschwand, wo Freude war und Kummer ist; wo der Prunk des Lebens thronte und jetzt Schweigen und Tod an seiner Hochstätte brüten, da läßt sich dieses Reptil nieder und spottet der menschlichen Eitelkeit. Sein Gewand hat die Farbe der Asche; und Asche ist das Symbol der Hoffnungen, die erstorben sind, der Bestrebungen, die zunichte geworden sind, der Lieben, die begraben liegen. Wenn es sprechen könnte, würde es sagen: »Erbaut Tempel — ich werde in ihren Ruinen herrschen; erbaut Paläste — ich werde in ihnen wohnen; errichtet Reiche — ich werde sie erben; begrabt eure Schönen — ich werde die Würmer bei ihrer Arbeit beobachten; und du, der du hier stehst und über mich moralisierst — ich werde schließlich über deine Leiche kriechen.«

Ein paar Ameisen waren an diesem verlassenen Ort, aber nur um den Sommer hier zu verbringen. Ihre Vorräte holten sie aus Ain Mellaha — elf Meilen weit. Jack fühlte sich heute nicht ganz wohl, das ist leicht zu sehen; aber wenn er auch noch ein Junge ist, er ist schon zu sehr Mann, um davon zu reden. Er hat sich gestern allzu sehr der Sonne ausgesetzt, aber da das seinem ernstlichen Wunsche entsprang, zu lernen und diese Reise so nützlich zu gestalten, wie es die Umstände nur erlauben, will ihn niemand durch Nörgeleien entmutigen. Im Lager vermißten wir ihn eine Stunde lang und fanden ihn dann ein Stück weiter entfernt am Rande eines Baches und ohne Schirm, der ihn vor der grellen Sonne geschützt hätte. Wenn er es gewöhnt gewesen wäre, ohne Schirm zu gehen, wäre es ja in Ordnung gewesen, aber das war nicht der Fall. Er war gerade dabei, einen Erdbrocken nach einer Schildkröte zu werfen, die sich auf einem kleinen Holzklotz im Bach sonnte. Wir sagten:

»Nicht doch, Jack. Warum willst du ihr etwas antun? Was hat sie denn gemacht?«

»Na gut, also nicht, aber ich sollte sie schon umbringen, denn das ist ein Betrug mit ihr.«

Wir fragten ihn, wieso, aber er sagte, das sei egal. Wir fragten ihn noch ein- oder zweimal, wieso, aber er sagte immer, das sei egal. Aber spätabends, als er in nachdenklicher Stimmung auf dem Bett saß, fragten wir ihn wieder, und da sagte er:

»Na, es ist ja egal; es macht mir jetzt nichts mehr aus, aber das hat mir heute nicht gefallen, wißt ihr, denn ich sage nichts, was nicht stimmt, und ich glaube, der Colonel sollte das auch nicht tun. Aber er hat es getan; er hat uns gestern abend bei der Andacht im Pilgerzelt erzählt, und es schien sogar, als läse er es aus der Bibel vor, daß in diesem Lande Milch und Honig fließen und daß die Stimme der Schildkröte durch die Lande gehört wird. Ich dachte, das sei ein bißchen dick aufgetragen, mindestens das mit den Schildkröten, aber ich fragte Mr. Church, ob das stimmt, und er sagte, es stimmt, und was Mr. Church sagt, das glaube ich. Aber ich habe heute dort gesessen und diese Schildkröte fast eine Stunde lang beobachtet und bin in der Sonne fast zerschmolzen, aber ich habe sie nicht singen hören. Ich glaube, ich habe eine doppelte Handvoll Schweiß vergossen — ich weiß es –, weil er mir in die Augen kam und mir die ganze Zeit an der Nase herunterlief; und ihr wißt, daß meine Hosen enger sind als die jedes anderen — Pariser Tick –, und der Wildledereinsatz wurde naß vom Schweiß und dann wieder trocken und fing an, sich zusammenzuziehen und zu kneifen und sich loszureißen — es war furchtbar, aber ich habe sie nicht singen hören. Schließlich sagte ich: ›Das ist Betrug‹ — ist es nämlich, Betrug ist es –, und wenn ich ein bißchen Verstand besäße, hätte ich mir denken können, daß eine verdammte Schildkröte nicht singen kann. Und dann sagte ich: ›Ich will nicht ungerecht gegen die Madam sein und will ihr noch zehn Minuten zum Anfangen geben; zehn Minuten — und wenn sie dann nicht singt, bricht ihr Haus zusammen!‹ Aber sie fing wirklich nicht an, wißt ihr. Ich bin die ganze Zeit dort geblieben und habe dabei gedacht, vielleicht legt sie jetzt los, weil sie immerzu den Kopf hob und senkte und eine Weile die Haut über die Augen zog und sie dann wieder öffnete, als ob sie überlegte, was sie singen könnte, aber gerade als die zehn Minuten um waren und ich ganz erschöpft und verschmort war, legte sie ihren verdammten Kopf auf einen Knorren und schlief fest ein.« »Das war wirklich ein bißchen stark, nachdem du so lange gewartet hattest.«

»Das will ich meinen. Ich sagte: ›Gut, wenn du nicht singen willst, sollst du auch nicht schlafen.‹ Und hättet ihr Burschen mich in Ruhe gelassen, hätte ich ihr beigebracht, schneller aus Galiläa hinauszukriechen, als es eine Schildkröte je getan hat. Aber das ist ja jetzt egal — laßt es gut sein. Die Haut in meinem Nacken ist völlig runter.«

Gegen zehn Uhr morgens machten wir an Josephs Grube halt. Das ist eine zerstörte Karawanserei aus dem Mittelalter; in einem Seitenhof befindet sich eine große, ummauerte und überwölbte Grube mit Wasser darin, und diese Grube, so sagt die Überlieferung, sei diejenige, in welche die Brüder Joseph hineinwarfen. Eine glaubwürdigere Überlieferung, für die auch die Geographie des Landes spricht, verlegt die Grube nach Dothan, etwa zwei Tagereisen von hier entfernt. Aber da viele Leute an diese Grube hier als die richtige glauben, übt sie eine gewisse Anziehungskraft aus.

Es ist schwer, die schönste Stelle in einfm Buch auszuwählen, das einen solchen Blütenkranz schöner Stellen aufweist wie die Bibel; aber es ist gewiß, daß nur wenige Dinge zwischen ihren Deckeln die ausgezeichnete Josephsgeschichte übertreffen. Wer lehrte diese alten Schriftsteller die schlichte Sprache, den treffenden Ausdruck, das Pathos und vor allem die Fähigkeit, sich selbst vollkommen aus der Sicht des Lesers zu halten und die Erzählung allein für sich stehen und scheinbar sich selbst erzählen zu lassen? Shakespeare ist immer gegenwärtig, wenn man sein Werk liest; Macaulay ist gegenwärtig, wenn wir dem Gang seiner prächtigen Sentenzen folgen; aber die Schreiber des Alten Testaments sind dem Blick verborgen.

Wenn die Grube, von der ich gesprochen habe, die richtige ist, so hat sich hier vor langen Zeiten eine Szene abgespielt, die uns allen von Bildern her vertraut ist. Die Söhne Jakobs ließen ihre Herden hier in der Nähe weiden. Ihr Vater wurde wegen ihrer langen Abwesenheit unruhig und schickte Joseph, seinen Liebling, um nachzusehen, ob bei ihnen irgend etwas passiert wäre. Joseph legte sechs oder sieben Tagereisen zurück; er war erst siebzehn Jahre alt, und in jungenhafter Weise quälte er sich über diese lange Strecke des gemeinsten, felsigsten, staubigsten Landes in ganz Asien vorwärts, angetan mit dem Stolz seines Herzens, seinem schönen, bunten Rock. Joseph war der Liebling, und das war schon ein Verbrechen in den Augen seiner Brüder; er hatte Träume geträumt und sie so ausgelegt, daß sie für die ferne Zukunft seine Erhebung über die ganze Familie vorhersagten, und das war das andere Verbrechen; er war gut gekleidet und hatte zweifellos die harmlose Eitelkeit der Jugend bewiesen, indem er diese Tatsache vor seinen Brüdern herausstrich. Das waren Verbrechen, über die sich seine älteren Brüder ärgerten, und sie nahmen sich vor, sie zu bestrafen, wenn sich die Gelegenheit bieten sollte. Als sie ihn vom See Genezareth heraufkommen sahen, erkannten sie ihn und waren froh. Sie sagten: »Seht, da kommt der Träumer — wir wollen ihn töten.« Aber Ruben bat um sein Leben, und sie schonten es. Aber sie ergriffen den Knaben und rissen ihm den verhaßten Rock vom Leibe und stießen ihn in die Grube. Sie hatten die Absicht, ihn dort sterben zu lassen, aber Ruben hatte vor, ihn heimlich zu befreien. Als jedoch Ruben für eine Weile fort war, verkauften die Brüder Joseph an ismaelitische Händler, die auf dem Wege nach Ägypten waren. Das ist die Geschichte der Grube. Und dieselbe Grube befindet sich bis zum heutigen Tage an jenem Ort; und dort wird sie bleiben, bis die nächste Abteilung von Bilderstürmern und Grabschändern von der »Quaker Cit«y-Gesellschaft kommt, und die werden sie unweigerlich ausgraben und mitschleppen. Denn siehe, in ihnen wohnt keine Ehrfurcht vor den erhabenen Denkmälern der Vergangenheit, und wohin sie auch gehen, dorten zerstören sie und verschonen nichts.

Joseph wurde reich, vornehm, mächtig — wie die Bibel es ausdrückt, »gesetzt über ganz Ägyptenland«. Joseph war der wahre König, die Kraft, das Hirn der Monarchie, obwohl Pharao den Titel innehatte. Joseph ist einer der wirklich großen Männer des Alten Testaments. Und er war der edelste und männlichste, außer Esau. Warum sollen wir nicht ein gutes Wort für diesen fürstlichen Beduinen einlegen? Das einzige Verbrechen, das man ihm zur Last legen kann, ist, daß er unglückselig war. Warum muß jedermann, ohne mit glühender Rede zu kargen, Josephs großherzigen Edelmut gegenüber seinen grausamen Brüdern preisen und Esau für seine noch erhabenere Großmütigkeit gegen den Bruder, der ihm unrecht getan hatte, nur widerwillig einen Knochen des Lobes hinwerfen? Jakob nutzte Esaus verzehrenden Hunger aus, um ihn seines Erstgeburtsrechtes zu berauben und der großen Ehre und des Ansehens, die zu der Stellung gehörten; durch Verrat und Falschheit beraubte er ihn des Vatersegens; er machte einen Fremden im eigenen Heim und einen Wanderer aus ihm. Doch nachdem zwanzig Jahre vergangen waren und Jakob Esau begegnete und zitternd vor Furcht zu seinen Füßen niederfiel und jämmerlich bat, von der Strafe verschont zu werden, die er, wie er wußte, verdient hatte, was tat da dieser prachtvolle Wilde? Er fiel ihm um den Hals und umarmte ihn! Als Jakob — der unfähig war, Adel des Charakters zu begreifen — noch im Zweifel, noch in Furcht darauf bestand, durch die Bestechung mit einem Geschenk an Vieh »Gnade zu finden vor meinem Herrn«, was sagte da der prächtige Wüstensohn?

»Ich habe genug, mein Bruder; behalte, was du hast.«

Esau sah, daß Jakob reich, von Weibern und Kindern geliebt war und vornehm reiste, mit Dienern, Viehherden und Kamelkarawanen — aber Esau war noch immer der unbeachtete Ausgestoßene, zu dem der Bruder ihn gemacht hatte. Nach dreizehn Jahren romantischen Geheimnisses kamen die Brüder, die Joseph unrecht getan hatten, als Fremde in ein fremdes Land, hungrig und demütig, um »ein bißchen was zu futtern« zu kaufen; und als sie, eines Verbrechens beschuldigt, in einen Palast befohlen wurden, erkannten sie in seinem Besitzer ihren Bruder, dem sie unrecht getan hatten; sie waren zitternde Bettler — er der Herr eines mächtigen Reiches. Welcher Joseph, der je lebte, hätte sich eine solche Gelegenheit entgehen lassen, anzugeben? Wer steht höherder ausgestoßene Esau, der dem wohlhabenden Jakob vergibt, oder Joseph auf einem Königsthron, der den zitternden Elenden vergibt, deren glückliche Schurkerei ihn dorthin gebracht hat?

Kurz bevor wir zu Josephs Grube gelangt waren, hatten wir einen Hügel bestiegen, und da, ein paar Meilen vor uns, ohne daß die Sicht durch Baum oder Strauch behindert war, lag ein Bild vor uns, das zu sehen Millionen von Gläubigen in den fernen Ländern der Welt ihren halben Besitz hergegeben hätten — der heilige See Genezareth!

Deswegen hielten wir uns nur kurze Zeit an der Grube auf. Wir gönnten den Pferden und uns selbst eine Ruhepause und spürten ein paar Minuten lang den segensreichen Schatten der alten Gebäude. Wir hatten kein Wasser mehr, aber die zwei oder drei finster dreinblickenden Araber mit langen Gewehren, die an dem Ort herumlungerten, sagten, sie hätten keines, und auch in der Umgebung gäbe es keines. Sie wußten, daß sich in der Grube ein bißchen abgestandenes Wasser befand, aber den Ort, der durch die Gefangenschaft eines ihrer Vorfahren geheiligt worden war, verehrten sie zu sehr, um zuzugeben, daß Christenhunde daraus trinken. Aber Ferguson band Lumpen und Tücher zusammen, bis er ein Seil daraus gemacht hatte, das lang genug war, um daran ein Gefäß zum Grund niederzulassen, und wir tranken und ritten dann weiter; in kurzer Zeit saßen wir an jenem Ufer ab, das der Fuß des Heilands zu heiligem Boden gemacht hat. Zu Mittag nahmen wir ein Bad im See Genezareth — eine Gnade in diesem glutheißen Klima — und aßen dann unter einem vernachlässigten alten Feigenbaum an dem Brunnen, der Ain-et-Tin heißt, hundert Yard vor dem zerstörten Kapernaum. Jedes Rinnsal, das aus dem Fels und Sand dieses Teiles der Welt hervorgurgelt, wird mit der Bezeichnung »Brunnen« tituliert, und Leute, die mit dem Hudson, den großen Seen und dem Mississippi vertraut sind, geraten vor Bewunderung über sie ganz außer sich und erschöpfen ihre schriftstellerischen Kräfte damit, ihren Ruhm zu singen. Wenn man all die Poesie und all den Unsinn, die auf die Brunnen und die milde Landschaf\ dieser Gegend losgelassen worden sind, in einem Buch skmelte, so ergäbe das einen zum Verbrennen höchst geeigneten Band.

Die Pilgerenthusiasten unserer Gruppe, die, seit sie heiligen Boden betreten hatten, so fröhlich und glücklich waren, daß sie kaum etwas anderes taten, als unzusammenhängende Schwärmereien zu murmeln, konnten zu Mittag kaum essen, so brannten sie darauf, »auszulaufen« und in eigener Person auf dem Gewässer zu fahren, das die Schiffe der Apostel getragen hatte. Ihre Gespanntheit wuchs, und ihre Aufregung vergrößerte sich mit jedem verfließenden Augenblick, bis mir Befürchtungen kamen und böse Ahnungen in mir aufstiegen, sie könnten sich vielleicht in ihrem gegenwärtigen Zustand leichtsinnig von allen Erwägungen der Vorsicht losreißen und eine ganze Flotte Boote kaufen, anstatt ein einziges für eine Stunde zu mieten, wie das gesetzte Leute tun. Ich zitterte, wenn ich an die ruinierten Geldbeutel dachte, worin sich die Taten dieses Tages auswirken könnten. Ich mußte ahnungsvoll über den leidenschaftlichen Eifer nachdenken, mit dem Männer mittleren Alters imstande sind, sich mit einer verführerischen Torheit zu überfüttern, die sie zum ersten Male kosten. Und doch glaubte ich, kein Recht zu haben, über den Stand der Dinge, den ich mir so angelegen sein ließ, überrascht zu sein. Diese Männer waren von Kindheit an gelehrt worden, die heiligen Orte, auf denen ihre glücklichen Augen jetzt ruhten, zu verehren; ja, sie fast anzubeten. Viele, viele Jahre hatte dieses Bild ihre Gedanken bei Tage beschäftigt und war bei Nacht durch ihre Träume geschwebt. Leibhaftig davorzustehen, es so zu sehen, wie wir es jetzt sahen, auf dem geweihten See zu fahren und den heiligen Boden zu küssen, der ihn umgab, das waren Sehnsüchte, die sie gehegt hatten, während ein Menschenalter mit seinen schleppend einander folgenden Lebensabschnitten langsam an ihnen vorüberging und seine Furchen auf ihren Gesichtern und seinen Reif auf ihren Haaren zurückließ. Um dieses Bild zu erblicken und auf diesem See zu fahren, hatten sie die Heimat und ihre Abgötter verlassen und waren unter Anstrengungen und Mühen viele tausend Meilen weit gereist. War es ein Wunder, daß die niedrigen Gesichtspunkte der

Alltagsvorsicht vor der Herrlichkeit verblaßten, die eine Hoffnung wie die ihre im vollen Glanze der Erfüllung ausstrahlte? Sollen sie Millionen verschwenden! Ich meinte — wer spricht in einem solchen Augenblick von Geld?

In dieser Gemütsverfassung folgte ich, so schnell ich konnte, den eifrigen Schritten der Pilger und stellte mich ans Ufer des Sees und verstärkte mit Hut und Stimme den rasenden Ruf, der dem eben vorbeirauschenden »Schiff« nachgeschickt wurde. Wir hatten Erfolg. Die Arbeiter des Meeres bogen ein und brachten ihre Barke an Land. Freude strahlte aus jeder Miene.

»Wieviel? — frag ihn wieviel, Ferguson! — wieviel für uns alle — wir sind acht, und du — nach Bethsaida dort drüben und an die Mündung des Jordan und an die Stelle, wo die Schweine in den See gelaufen sind — schnell! — und wir wollen überall entlangfahren — überall! — den ganzen Tag lang! — Ich könnte ein Jahr lang auf diesem Wasser fahren! — Und sag ihm, wir wollen in Magdala halten und in Tiberias aufhören! — Frag ihn wieviel- jeden Preis — jeden beliebigen Preis! — Sag ihm, es ist uns egal, was es kostet!« (Ich sagte mir, ich habe ja gewußt, wie es kommt.)

Ferguson (dolmetscht): »Er sagt zwei Napoleons — acht Dollar.«

Ein oder zwei Gesichter wurden lang. Dann eine Pause. »Zuviel! — wir geben ihm einen!«

Ich werde niemals erfahren, wie es zugegangen ist; ich schaudere noch, wenn ich daran denke, wie der Ort zu Wundern neigt — aber in einem einzigen Augenblick, so schien es mir, war das Schiff zwanzig Schritt vom Ufer entfernt und sauste davon wie ein erschrecktes Wesen! Acht niedergeschlagene Geschöpfe standen am Ufer und — 0 weh, wenn ich daran denke! Das — das — nach all jener überwältigenden Ekstase! Oh, schändliches, schändliches Ende nach so unpassender Prahlerei! Es klang zu sehr wie: »Ho, laßt mich mal ran an ihn!«, gefolgt von einem vorsichtigen: »Zwei von euch halten ihn — einer kann mich halten!«

Sofort gab es im Lager Heulen und Zähneknirschen. Die zwei Napoleons wurden angeboten — wenn nötig, mehr –, und Pilger und Dragoman schrien sich heiser mit Bitten an die sich entfernenden Schiffer zurückzukommen. Aber diese fuhren gelassen davon und kümmerten sich nicht weiter um Pilger, die ihr ganzes Leben lang davon geträumt hatten, eines Tages über das heilige Wasser Galiläas zu gleiten und beim Flüstern der Wellen seiner heiligen Geschichte zu lauschen, und unzählige Meilen gereist waren, um das zu tun, und — und dann zu dem Schluß gelangten, das Fahrgeld sei zu hoch. Unverschämte mohammedanische Araber, von Herren anderen Glaubens so etwas zu denken!

Nun, da war nichts weiter zu machen, als sich einfach zu fügen und auf das Vorrecht zu verzichten, auf dem See Genezareth zu fahren, nachdem man um den halben Globus gekommen war, um dieses Vergnügen zu genießen. Es gab eine Zeit, als der Heiland hier lehrte, da die Fischer an der Küste viele Boote besaßen — aber sowohl Boote wie Fischer sind nun dahin; und der alte Josephus hielt vor achtzehnhundert Jahren eine Kriegsflotte in diesen Gewässern — etwa hundert dreißig kühne Kanus, aber auch sie sind verschwunden und haben keine Spuren hinterlassen. Hier wird nicht mehr auf See Krieg geführt, und die Handelsmarine von Galiläa zählt nur zwei kleine Schiffe, die nach genau dem gleichen Muster gebaut sind wie die kleinen Nachen, die die Jünger kannten. Das eine war für uns endgültig verloren das andere war meilenweit entfernt und weit außer Rufweite. Also bestiegen wir die Pferde und ritten grimmig weiter gen Magdala, indem wir am Rande des Wassers dahin trabten, weil uns die Möglichkeit fehlte, darüber hinwegzufahren.

Wie die Pilger sich gegenseitig beschimpften! Jeder sagte, der andere sei schuld, und jeder wiederum bestritt das. Die Sünder sprachen kein Wort — selbst der mildeste Sarkasmus hätte zu diesem Zeitpunkt gefährlich werden können. Sünder, die man geduckt und denen man Beispiele vorgehalten hatte, die so häufig hatten Strafpredigten anhören müssen, denen man in moralischer Hinsicht so zugesetzt und von denen man verlangt hatte, langsam zu machen und ernst zu bleiben und den Slang zu unterdrücken, die man hinsichtlich der Notwendigkeit, anständig zu bleiben und sich immer und ewig gut zu benehmen, so bedrängt hatte, daß ihnen das Leben zur Last geworden war, dachten in einem solchen Augenblick auch nicht daran, hinter den Pilgern her zu trödeln und heimlich zu zwinkern und fröhlich zu sein und andere derartige Verbrechen zu begehen — denn so etwas würde ihnen gar nicht einfallen. Sonst hätten sie es getan. Aber sie machten es dennoch — und es tat ihnen unendlich gut, zuzuhören, wie sich die Pilger gegenseitig beschimpften. Es verschaffte uns eine unwürdige Befriedigung zu erleben, wie sie sich gelegentlich untereinander zankten, denn das zeigte, daß sie schließlich auch nur arme, menschliche Wesen waren wie wir.

So ritten wir alle hinunter nach Magdala, während das Zähneknirschen abwechselnd stärker und schwächer wurde und harte Worte die heilige Stille Galiläas störten.

Damit nicht jemand denke, ich meinte es böse, wenn ich in der Art wie eben über unsere Pilger spreche, möchte ich mit aller Aufrichtigkeit sagen, daß ich es nicht so meine. Von Männern, die ich nicht leiden und nicht respektieren könnte, würde ich keine Strafpredigten anhören; und keiner von ihnen kann sagen, daß ich ihre Strafpredigten jemals unfreundlich aufgenommen oder mich unter der Heimsuchung widerspenstig gezeigt oder es zu versuchen versäumt hätte, mir das anzunehmen, was sie mir sagten. Es sind bessere Menschen als ich; ich kann das ganz ehrlich sagen; sie sind auch gute Freunde von mir — und außerdem, wenn sie es nicht vertragen sollten, gelegentlich durch etwas Gedrucktes aufgestört zu werden, warum, zum Teufel, sind sie dann mit mir gereist? Sie haben mich doch gekannt. Sie kannten meine großzügige Art, wußten, daß ich Geben und Nehmen gleichermaßen schätze — wenn ich geben kann und andere Leute nehmen müssen. Als einer von ihnen mich in Damaskus zurückzulassen drohte, weil ich die Cholera hatte, besaß er nicht ernsthaft die Absicht, das zu tun ich kenne seine leidenschaftliche Natur und die guten Triebe, die ihr zugrunde liegen. Und hörte ich nicht zufällig, wie Church, ein anderer der Pilger, sagte, es kümmere ihn nicht, wer ginge und wer bliebe, er würde bei mir bleiben, bis ich auf eigenen Füßen aus Damaskus hinausginge oder in einem Sarg hinausgetragen würde, und wenn es ein Jahr dauerte? Und schließe ich Church nicht jedesmal mit ein, wenn ich über die Pilger schlecht rede — und wäre es wahrscheinlich, daß ich in bösem Sinne über ihn sprechen wollte? Ich möchte sie aufstören und gesund erhalten, das ist alles.

Wir hatten Kapernaum hinter uns gelassen. Es war nur eine formlose Ruine. Es besaß keine Ähnlichkeit mit einer Stadt mehr und hatte nichts an sich, was verriet, daß es jemals eine Stadt gewesen ist. Aber wie öde und menschenleer es immer sein mochte, es war berühmter Boden. Ihm ist der Baum des Christentums entsprossen, dessen breite Zweige heute so viele entfernte Länder überschatten. Nachdem Christus in der Einöde vom Teufel versucht worden war, kam er hierher und begann zu lehren; und während der drei oder vier Jahre, die er dann noch lebte, war dieser Ort beinahe durchweg seine Heimstatt. Er begann, die Kranken zu heilen, und sein Ruf verbreitete sich bald so weit, daß Leidende aus Syrien und aus der Gegend jenseits des Jordan und sogar aus Jerusalem herbeikamen, das mehrere Tagesreisen entfernt ist, um sich heilen zu lassen. Hier heilte er den Knecht des Hauptmanns und die Schwiegermutter des Petrus und Massen von Lahmen und Blinden und Besessenen, und hier erweckte er die Tochter des Jairus von den Toten. Er bestieg mit seinen Jüngern ein Schiff, und als sie ihn inmitten eines Sturmes aus dem Schlaf weckten, besänftigte er mit seiner Stimme die Winde und beruhigte den erregten See. Er fuhr ein paar Meilen hinüber auf die andere Seite und befreite zwei Männer von ihren Teufeln, die daraufhin in einige Schweine fuhren. Nach der Rückkehr rief er den Matthäus von der Zolleinnahme fort, vollbrachte einige Heilungen und erregte Ärgernis, weil er mit Zöllnern und Sündern speisen ist, kann man ihr anmutiges Bild betrachten, ohne dabei kaputtzugehen.

Eines der erstaunlichsten Dinge, die uns bisher aufgefallen sind, ist die Tatsache, daß der Erdenbezirk, aus dem die heute blühende Pflanze des Christentums emporwuchs, überaus klein ist. Die längste Reise, die unser Heiland jemals unternahm, führte ihn von hier nach Jerusalem — etwa hundert bis hundertzwanzig Meilen weit. Die zweitlängste führte ihn von hier nach Sidon — ungefähr sechzig oder siebzig Meilen. Anstatt weit voneinander getrennt zu sein — wie man mit der Vorstellung amerikanischer Entfernungen ganz natürlich annehmen möchte –, liegen die Orte, die durch die Anwesenheit Christi ganz besonders berühmt geworden sind, fast alle in voller Sichtweite von Kapernaum und innerhalb der Reichweite eines Kanonenschusses. Mit Ausnahme zweier oder dreier kurzer Reisen verbrachte der Heiland sein Leben, predigte er das Evangelium und verrichtete er seine Wunder in einem Umkreis, der nicht größer als ein gewöhnlicher Landkreis in den Vereinigten Staaten ist. Ich kann diese verblüffende Tatsache kaum begreifen. Wie es einen erschöpft, alle zwei oder drei Meilen hundert Seiten Geschichte nachlesen zu müssen — denn die’berühmten Orte Palästinas fallen wahrhaftig so dicht zusammen. Wie ermüdend, wie verwirrend umschwärmen sie deinen Weg!

Zur vorgesehenen Zeit erreichten wir das alte Dorf Magdala.

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Achtundvierzigstes Kapitel

Magdala ist kein schöner Ort. Es ist durch und durch syrisch, und das heißt, daß es ganz und gar häßlich und eng, schmutzig, ungemütlich und voller Unrat ist — genau die Art von Stadt, die das Land seit Adams Zeiten geziert hat, was zu beweisen alle Schriftsteller sich redlich und mit Erfolg abgemüht haben. Die Straßen von Magdala sind überall drei bis sechs Fuß breit und stinken vor Unsauberkeit. Die Häuser sind fünf bis sieben Fuß hoch und alle nach ein und demselben willkürlichen Muster gebaut — der wenig ansprechenden Gestalt einer Schuhschachtel. Die Seitenwände sind mit einem glatten, weißen Mörtel verputzt und in geschmackvoller Weise über und über mit Scheiben aus Kameldung al fresco verziert, die dort zum Trocknen angebracht sind. Das gibt dem Bauwerk den romantischen Anschein, von Kanonenkugeln durchlöchert zu sein, und verleiht ihm einen sehr kriegerischen Anblick. Wenn der Künstler sein Material mit einem Sinn für richtige Proportionen angeordnet hat — die kleinen und die großen Fladen in abwechselnden Reihen und von sorgfältig ausgewogenen Zwischenräumen getrennt –, wüßte ich nicht, was heiterer anzusehen wäre als ein kühnes syrisches Fresko. Das flache getünchte Dach ist mit malerischen Stapeln Freskenmaterials geschmückt, das nach gründlicher Trocknung dort aufgestapelt wird, wo es leicht zur Hand ist. Es wird als Brennmaterial verwendet. Holz gibt es kaum in Palästina — überhaupt keins, das man zum Feuern verschwenden dürfte –, und es gibt auch keine Kohlengruben. Wenn meine Beschreibung verständlich gewesen ist, werden Sie jetzt erkennen, daß eine viereckige Hütte mit flachem Dach, die nett mit Fresken geschmückt ist und deren Mauerkronen stattlich mit Bastionen und Türmchen aus getrocknetem Kameldung besetzt sind, der Landschaft ein überaus festliches und malerisches Gesicht gibt, besonders, wenn man sorgfältig darauf achtet, überall dort im Anwesen eine Katze unterzubringen, wo eine Katze nur Platz genug zum Sitzen hat. Es gibt in einer syrischen Hütte keine Fenster und keine Schornsteine. Als ich einst las, man habe in Kapernaum einen bettlägerigen Mann durch das Dach eines Hauses hinuntergelassen, um ihn in die Nähe des Heilands zu bringen, hatte ich irgendwie einen dreistöckigen Ziegelbau im Sinn und staunte, daß man ihm bei diesem seltsamen Experiment nicht den Hals brach. Ich stelle jedoch jetzt fest, man hätte ihn an den Fersen packen und glatt über das Haus werfen können, ohne ihn sehr zu belästigen. Palästina hat sich seit jenen Tagen überhaupt nicht geändert, was die Sitten, die Bräuche, die Architektur oder die Menschen anbetrifft.

Als wir in Magdala einritten, war keine Seele zu sehen. Aber das Hufgetrappel machte die stumpfsinnige Bevölkerung munter, und sie kamen alle herausgeströmt — alte Männer und alte Frauen, Jungen und Mädchen, die Blinden, die Irren und die Verkrüppelten, alle in zerlumpter, schmutziger und dürftiger Kleidung und alle von Natur, aus Instinkt und durch Erziehung gemeine Bettler. Wie uns die vom Ungeziefer gequälten Vagabunden umschwärmten! Wie sie ihre Narben und Wunden zeigten und kläglich auf ihre verstümmelten und verkrümmten Glieder wiesen und mit ihren flehenden Augen um eine milde Gabe bettelten! Wir hatten einen Geist beschworen, den wir nicht mehr los wurden. Sie hängten sich den Pferden an den Schwanz, klammerten sich an den Mähnen und Steigbügeln fest, drängten ohne Rücksicht auf die Pferdehufe von allen Seiten heran — und aus ihren ungläubigen Kehlen brach einstimmig ein peinigender und überaus höllischer Chor: »Chowadscha, Bakschisch! Chowadscha, Bakschisch! Chowadscha, Bakschisch! Bakschisch! Bakschisch!« So einen Sturm hatte ich auch noch nicht erlebt.

Während wir Bakschische an Kinder mit entzündeten Augen und an braune, dralle Mädchen mit abstoßend tätowierten Lippen und Kinnen auszahlten, marschierten wir hintereinander durch die Stadt, vorbei an manch erlesenem Fresko, bis wir an ein von Brombeergestrüpp überwuchertes Gehege und eine römisch aussehende Ruine gelangten, welche die echte Wohnung der heiligen Maria Magdalena, der Freundin und Anhängerin Jesu, gewesen war. Der Fremdenführer glaubte daran und ich auch. Ich konnte nicht gut anders, da doch das Haus direkt vor meinen Augen stand, deutlich wie der Tag. Die Pilger trugen Teile der Frontmauer als Andenken ab, wie es ihr ehrwürdiger Brauch ist, und dann brachen wir auf.

Wir lagern jetzt an dieser Stelle, dicht innerhalb der Stadtmauer von Tiberias. Vor Einbruch der Nacht zogen wir in das Städtchen ein und schauten uns seine Menschen an — die Häuser kümmerten uns nicht. Diese Menschen werden am besten aus der Entfernung besichtigt. Es sind besonders häßliche Juden, Araber und Neger. Schmutz und Armut sind der Stolz von Tiberias. Die jungen Frauen tragen ihre Mitgift bei sich, auf einen starken Draht aufgezogen, der sich vom Scheitel bis zum Kiefer spannt — türkische Silbermünzen, die sie zusammengescharrt oder geerbt haben. Die meisten dieser Jungfrauen waren nicht wohlhabend, aber einige wenige waren vom Glück sehr freundlich behandelt worden. Ich sah dort Erbinnen, die von Hause aus wert waren — wert waren, na, ich glaube, ich könnte neuneinhalb Dollar sagen. Aber solche Fälle sind selten. Wenn man einer solchen begegnet, tut sie natürlich vornehm. Sie fragt nicht nach einem Bakschisch. Sie gestattet nicht einmal unpassende Vertraulichkeiten. Sie legt sich eIne niederschmetternde Würde zu und übt gelassen weiter auf ihrem feinen Kamm und zitiert Verse, gerade als ob man überhaupt nicht anwesend wäre. Manchen Leuten bekommt es eben nicht, reich zu werden.

Man sagt, daß die langnasigen, schmächtigen, hypochondrisch aussehenden Leichenräuber mit den unbeschreiblichen Hüten auf dem Kopf und der langen Locke, die ihnen vor jedem Ohr herunterbaumelt, die altbekannten selbstgerechten Pharisäer seien, von denen man in der Heiligen Schrift liest. Wahrlich, sie sehen so aus. Wenn man nur nach ihrem allgemeinen Auftreten geht, ohne über andere Beweise zu verfügen, kann man leicht vermuten, daß Selbstgerechtigkeit ihre Spezialität ist.

Von verschiedenen Autoritäten habe ich Informationen über Tiberias zusammengesucht. Es ist von Herodes Antipas, dem Mörder Johannes des Täufers, erbaut und nach dem Kaiser Tiberius benannt. Man glaubt, es steht auf dem Grund und Boden, wo sich vor langen Zeiten eine Stadt mit beträchtlichen architektonischen Ansprüchen befunden haben muß, nach den schönen Porphyrsäulen zu urteilen, die über Tiberias und in südlicher Richtung am Ufer des Sees entlang verstreut liegen. Diese waren einst kanneliert, und doch sind die Kannelüren beinahe verschliffen, obwohl der Stein fast so hart wie Eisen ist. Diese Säulen sind klein, und zweifellos zeichneten sich die Gebäude, die sie zierten, mehr durch Eleganz als durch ihre Größe aus. Diese moderne Stadt — Tiberias — wird nur im Neuen Testament erwähnt, niemals im Alten.

Das Synedrium ist zuletzt hier zusammengetreten, und dreihundert Jahre lang war Tiberias die Hauptstadt der Juden in Palästina. Es ist eine der vier heiligen Städte der Israeliten und bedeutet ihnen dasselbe wie Mekka den Mohammedanern und Jerusalem den Christen. Es war der Wohnsitz vieler gelehrter und berühmter jüdischer Rabbiner. Sie liegen hier begraben, und in ihrer Nähe liegen auch fünfundzwanzigtausend ihres Glaubens, die von weit her gereist kamen, um ihnen nahe zu sein, während sie lebten, und neben ihnen zu liegen, als sie tot waren. Der große Rabbi Ben Israel verlebte hier zu Anfang des dritten Jahrhunderts drei Jahre. Er ist jetzt tot.

Der berühmte See Genezareth ist bei weitem nicht so groß wie der Lake Tahoe; er ist gerade etwa zwei Drittel so groß. (Ich messe alle Seen am Tahoe, teils, weil er mir viel besser bekannt ist als alle anderen, und teils, weil ich eine so große Bewunderung für ihn hege, daß es mir beinahe unmöglich ist, von Seen zu sprechen, ohne ihn zu erwähnen.) Und wenn wir auf Schönheit zu sprechen kommen, so kann man diesen See ebensowenig mit dem Lake Tahoe vergleichen wie einen Längengrad mit einem Regenbogen. Das trübe Wasser dieser Pfütze kann nicht an den klaren Glanz des Lake Tahoe erinnern; diese niedrigen, kahlen, gelben Hügelchen aus Fels und Sand, so bar aller Fernsicht, können nicht an die großartigen Gipfel erinnern, die den-bake Tahoe wie eine Mauer umgeben und deren von Graten und Klüften zerrissene Hänge mit stattlichen Fichten bedeckt sind, die in dem Maße kleiner und kleiner zu werden scheinen, wie sie hinaufklettern, bis sie sich weit oben, wo sie den ewigen Schnee berühren, nur wie Kräuter und Sträucher ausnehmen. Stille und Einsamkeit liegen über dem Lake Tahoe, Stille und Einsamkeit liegen auch über dem See Genezareth. Aber die Einsamkeit des einen ist so freundlich und bezaubernd, wie die Einsamkeit des anderen öde und abstoßend ist.

Am frühen Morgen beobachtet man den schweigenden Kampf zwischen Dämmer und Dunkelheit auf dem Lake Tahoe mit ruhigem Interesse; aber wenn sich die Schatten schmollend hinwegstehlen und die verborgenen Schönheiten des Ufers nacheinander im vollen Glanz des Tages sich enthüllen; wenn die stille Oberfläche auf halber Strecke zwischen Rand und Mitte wie ein Regenbogen mit breiten Streifen von Blau und Grün und Weiß geschmückt ist; wenn man an einem faulen Sommernachmittag in einem Boot liegt, weit draußen, wo das stumpfe Blau des tiefen Wassers beginnt, und die Friedenspfeife raucht und unter dem Mützenschirm hervor träge zu den entfernten Klippen und Schneeflecken hinüberblinzelt; wenn das Bootuferwärts auf das weiße Wasser zutreibt und man sich über den Dollbord rekelt und stundenlang durch die kristallenen Tiefen hinabschaut, die Farben der Kiesel wahrnimmt und das flossentragende Heer besichtigt, das in dreißig Meter Tiefe in Formation dahingleitet; wenn man nachts den Mond und die Sterne sieht, mit Fichten gefiederte Bergketten, emporragende weiße Kappen, kühne Vorsprünge, große Flächen zerrissener Landschaft, gekrönt von kahlen, schimmernden Gipfeln, alles in dem polierten Spiegel des Sees herrlich abgebildet, satt und weich in den Einzelheiten, dann vertieft sich das ruhige Interesse, das der Morgen gebar, stufenweise und sicher, bis es schließlich in widerstandsloser Verzauberung gipfelt!

Das ist Einsamkeit, denn die Vögel und Eichhörnchen am Ufer und die Fische im Wasser sind die einzigen Geschöpfe, die am ehesten etwas anderes daraus machen, aber es ist nicht die Art Einsamkeit, die eiI1en traurig stimmt. Dazu muß man nach Galiläa kommen. Diese unbevölkerten Wüsten, diese rostfarbenen Erdhügel von Unfruchtbarkeit, die nie, aber auch niemals das grelle Licht von ihren schroffen Umrissen abschütteln und zu dem undeutlichen Bild der Ferne verblassen und verschwimmen; diese melancholische Ruine Kapernaum; dieses stumpfsinnige Dorf Tiberias, das unter seinen sechs Begräbnispalmwedeln schlummert; jener öde Abhang, wo die Schweine des Wunders in den See hinuntefliefen, weil sie es zweifellos für besser hielten, ein oder zwei Teufel zu verschlingen und obendrein zu ertrinken, als länger an einem solchen Ort leben zu müssen; dieser wolkenlose, glühende Himmel; dieser ernste See, der ohne Segel, ohne Farbtönungen innerhalb seines Kranzes gelber Hügel und niedriger, steiler Ufer ruht und gerade so ausdruckslos und unpoetisch aussieht (wenn wir seine erhabene Geschichte außer Betracht lassen) wie irgendein beliebiges großstädtisches Wasserreservoir in der Christenwelt — wenn diese Dinge nicht ausreichen, um mich in Schlaf zu wiegen, Mutter, dann tun es andere, glaube ich, auch nicht.

Aber ich sollte nicht Beweise für die Anklage vorlegen und die Verteidigung ungehört lassen. Wm. C. Grimes sagt wie folgt aus:

Wir hatten ein Schiff genommen, um auf die andere Seite überzusetzen. Der See war nicht mehr als sechs Meilen breit. Von der Schönheit der Landschaft kann ich jedoch nicht genug reden, noch kann ich mir vorstellen, wo diejenigen Reisenden ihre Augen hatten, die das Landschaftsbild des Sees als reizlos oder uninteressant beschrieben haben. Sein erstes Hauptmerkmal ist das tiefe Becken, in dem er liegt. Dieses ist mit Ausnahme des unteren Endes an allen Seiten hundert bis hundertzwanzig Meter tief, und der steile Hang der Ufer, die alle im sattesten Grün prangen, wird durch die Wadis und Wasserläufe durchbrochen und aufgelockert, die sich an den Seiten des Beckens ihren Weg bergab wühlen, wobei sie dunkle Klüfte oder helle, sonnige Täler bilden. Dicht bei Tiberias sind diese Ufer felsig, und in ihnen liegen, mit den Öffnungen nach dem Wasser zu, alte Grabstätten frei. Wie seinerzeit die alten Ägypter, hat man hier großartige Stellen als Begräbnisstätten ausgewählt, als hätte man im Sinn gehabt, die Schläfer sollten, wenn die Stimme Gottes sie erreicht, hervortreten und ihre Augen auf ein Bild strahlender Schönheit öffnen. Im Osten kontrastieren die wilden und öden Berge vortrefflich mit dem tiefblauen See; und gen Norden blickt erhaben und majestätisch der Hermon auf den See hinab und erhebt seine weiße Krone in den Himmel, mit dem Stolz eines Berges, der die scheidenden Schritte Hunderter Generationen gesehen hat. An der Nordostküste des Sees steht ein einzelner Baum, und dieser ist der einzige Baum irgendwelcher Größe, der vom Wasser des Sees aus sichtbar ist, ausgenommen ein paar einsame Palmen in der Stadt Tiberias, und durch seine einsame Stellung zieht er mehr Aufmerksamkeit auf sich, als es ein Wald täte. Die Gesamtwirkung der Szenerie ist genau das, was wir vom Landschaftsbild Genezareths erwarten und wie wir es uns wünschen würden, großartige Schönheit, aber schweigende Stille. Selbst die Berge sind still.

Das ist eine geistreich verfaßte Beschreibung und geschickt auf Täuschung berechnet. Aber wenn sie der Schminke und der Bänder und der Blumen beraubt wird, findet man ein Skelett darunter. So entblättert, verbleiben ein sechs Meilen breiter See von unbestimmter Farbe; mit steilen grünen Ufern, die von keinerlei Buschwerk aufgelockert sind; an einem Ende kahle, häßliche Felsen mit (fast, unsichtbaren) Löchern darin, die für das Bild keinerlei Bedeutung haben; nach Osten zu »wilde und öde Berge« (niedrige, öde Hügel, hätte er sagen sollen); im Norden ein Berg namens Hermon, mit Schnee darauf; Besonderheit des Bildes: »Stille«; sein hervorstechendes Merkmal: ein Baum.

Kein noch so erfinderischer Geist könnte ein solches Bild schön machen wenn man es in Wirklichkeit sieht.

Ich beanspruche das Recht, falsche Angaben richtigzustellen, und habe daher die Farbe des Wassers in der oben gegebenen Zusammenfassung berichtigt. Das Wasser des Sees Genezareth ist selbst aus großer Höhe und aus einer Entfernung von fünf Meilen von einem überaus zarten Blau. Dicht aus der Nähe (der Zeuge segelte auf dem See) ist es kaum richtig, es überhaupt blau zu nennen, viel weniger »tiefblau«. Ich möchte auch bemerken, nicht als Berichtigung, sondern als Ansichtssache, daß der Berg Hermon durchaus kein eindrucksvoller oder malerischer Berg ist, denn dazu kommt seine Höhe der seiner unmittelbaren Nachbarn allzu nahe. Das ist alles. Ich habe nichts dagegen, daß der Zeuge einen Berg fünfundvierzig Meilen weit zerrt, um der betreffenden Landschaft aufzuhelfen, denn das ist volikommen in Ordnung, und außerdem hat das Bild es nötig.

»C. W. E.« (aus »Leben im Heiligen Land«) sagt folgendes aus:

Ein wunderschöner See enthüllt sich zwischen den galiläischen Bergen, mitten in dem Land, das einst Sebulon und Naphthali, Asser und Dan besaßen. Der Azur des Himmels dringt bis in die Tiefen des Sees hinab, und das Wasser ist süß und kühl. Im Westen erstrecken sich breite, fruchtbare Ebenen; im Norden steigen die felsigen Küsten Schritt um Schritt empor, bis in der weiten Ferne die schneeigen Höhen des Hermon aufragen; im Osten sieht man durch einen dunstigen Schleier die Hochebenen von Peräa, die sich zwischen schroffen Bergen hindehnen und den Sinn auf verschiedenen Pfaden nach Jerusalem führen, der Heiligen Stadt. Blumen blühen in diesem irdischen Paradies, einst schön und grün von wogenden Bäumen; Singvögel bezaubern das Ohr; die Turteltaube läßt ihre besänftigenden Töne vernehmen; die Haubenlerche sendet ihr Lied gen Himmel, und der ernste und stattliche Storch regt den Geist zu tiefen Gedanken an und führt ihn zu Meditation und Ruhe. Das Leben war hier einst idyllisch, bezaubernd; hier gab es einst keine Reichen, keine Armen, keine Hohen, keine Niedrigen. Es war eine Welt der Ruhe, Einfachheit und Schönheit; jetzt ist es ein Schauplatz der Einöde und Trübsal.

Das ist kein geistreiches Bild. Es ist das schlimmste, das ich kenne. Es beschreibt in ausführlichen Einzelheiten etwas, das es ein »irdisches Paradies« nennt, und schließt mit der überraschenden Mitteilung, daß dieses Paradies jetzt »ein Schauplatz der Einöde und der Trübsal« sei.

Ich habe zwei angemessene Proben davon gegeben, welcherart die Zeugnisse sind, die die meisten Schriftsteller, weIche diese Gegend besuchen, anzubieten haben. Der eine sagt: »Von der Schönheit der Szene kann ich nicht genug reden« und geht dann daran, etwas mit einem Gewebe glitzernder Sätze zuzudecken, das sich, wenn man es zur Nachprüfung entblößt, als ein bescheidenes Wasserbecken, etwas bergige Einöde und ein Baum erweist. Nach einem gewissenhaften Versuch, aus denselben Materialien unter Beifügung eines »ernsten und stattlichen Storches« ein irdisches Paradies zu bauen, verdirbt der andere alles dadurch, daß er zum Schluß aus Versehen doch die entsetzliche Wahrheit ausplaudert.

Fast jedes Buch, das Galiläa und seinen See behandelt, beschreibt die. Landschaft als schön. Nein — nicht immer so geradezu; Manchmal ist es der absichtlich vermittelte Eindruck, daß sie schön sei, während der Autor gleichzeitig darauf bedacht ist, nur nicht in klarem Angelsächsisch zu sagen, daß sib schön ist. Aber eine sorgfältige Analyse dieser Beschreibungen wird zeigen, daß das Material, aus dem sie zusammengestellt sind, im einzelnen nicht schön ist und auch nicht in eine Kombination gebracht werden kann, die schön wäre. Die Verehrung und die Gemütsbewegung, die manche dieser Männer angesichts der Bilder empfanden, von denen sie sprachen, erhitzten ihre Phantasie und machten sie voreingenommen; aber die angenehmen Unwahrheiten, die sie schrieben, waren zumindest voll ehrlicher Aufrichtigkeit. Andere schrieben genauso, weil sie befürchteten, es wäre unpopulär, anders zu schreiben. Andere waren Heuchler und hatten eine vorsätzliche Täuschung im Sinn. Jeder von ihnen würde auf die entsprechende Frage sofort erklären, daß es immer richtig und immer das beste sei, die Wahrheit zu sagen. Sie würden das zumindest dann sagen, wenn sie nicht bemerkten, worauf diese Frage hinauswill.

Aber warum sollte die Wahrheit über diese Gegend nicht ausgesprochen werden? Ist die Wahrheit schädlich? Hat sie es jemals nötig gehabt, ihr Antlitz zu verstecken? Gott schuf den See Genezareth und seine Umgebung so, wie sie sind. Ist es das Amt des Mr. Grimes, das Werk zu verbessern?

Auf Grund des Inhalts von Büchern, die ich las, bin ich sicher, daß viele, die dieses Land in den vergangenen Jahren bereisten, Presbyterianer waren und gekommen sind, um Beweise zur Untermauerung ihres besonderen Glaubens zu suchen; sie fanden ein presbyterianisches Palästina vor, und sie hatten, obwohl sie das vielleicht nicht wußten, da ihr Eifer sie blendete, zuvor schon beschlossen, kein anderes zu entdekken. Andere waren Baptisten, die baptistische Beweise und ein baptistisches Palästina suchten. Andere waren Katholiken, Methodisten, Episkopalisten, die Beweise zur Bestätigung ihrer verschiedenen Glaubensrichtungen sowie ein katholisches, ein methodistisches, ein episkopalistisches Palästina suchten. So ehrlich die Absichten dieser Männer gewesen sein mögen, sie waren parteiisch und voller Vorurteile, und sie betraten das Land mit einem fertigen Urteil und konnten nicht leidenschaftsloser und unparteiischer darüber schreiben, als schrieben sie über ihre eigenen Frauen und Kinder. Unsere Pilger haben ihre Urteile mitgebracht. Seit wir Beirut verließen, haben sie das in ihrer Unterhaltung gezeigt. Ich kann beinahe im genauen Wortlaut angeben, was sie sagen werden, wenn sie Tabor, Nazareth, Jericho und Jerusalem sehen werden — weil ich die Bücher besitze, von denen sie ihre Ideen »abklatschen«. Diese Autoren beschreiben Gemälde und gestalten Rhapsodien, und geringere Leute folgen ihnen und schauen mit den Augen des Autors statt mit den eigenen und sprechen mit seiner Zunge. Was die Pilger in Caesarea Philippi sagten, überraschte mich durch seine Weisheit. Ich fand es später bei Robinson. Was sie sagten, als der See Genezareth in ihr Blickfeld rückte, bezauberte mich durch seine Anmut. Ich fand es in Mr. Thompsons »Das Land und das Buch«. Sie haben oft in glücklich formulierter Sprache, die sich nie änderte, davon gesprochen, daß sie in Bethel ihre müden Häupter auf einen Stein legen wollten, wie es Jakob tat, und ihre matten Augen schließen und vielleicht von Engeln träumen würden, die auf einer Leiter vom Himmel herabsteigen. Das war sehr hübsch. Aber ich habe das müde Haupt und die trüben Augen schließlich wiedererkannt. Sie borgten sich die Idee — und die Worte — und den Satzbau — und die Interpunktion — von Grimes. Die Pilger werden, wenn sie nach Hause kommen, von Palästina erzählen, nicht wie es ihnen erschienen ist, sondern wie es Thompson und Robinson und Grimes erschien — wobei die Tönungen zu dem Bekenntnis jedes Pilgers passend abschattiert werden.

Pilger, Sünder und Araber liegen jetzt alle im Bett, und das Lager ist ruhig. Arbeit in der Einsamkeit ist lästig. Seit ich meine letzten Notizen machte, habe ich eine halbe Stunde lang vor dem Zelt gesessen. Die Nacht ist die richtige Zeit, sich Galiläa anzuschauen. Der See Genezareth unter diesen glänzenden Sternen hat nichts Abstoßendes an sich. Der See Genezareth mit den blinkenden Spiegelbildern der Sterne, die seine Oberfläche sprenkeln, läßt mich fast bedauern, daß ich ihn jemals im grellen Schein des Tages gesehen habe. Seine Geschichte und alles, was mit ihm verknüpft ist, sind in aller Augen sein größter Reiz, und die Zauber, die sie weben, sind schwach im durchdringenden Licht der Sonne. Dann spüren wir kaum ihre Fesseln. Unsere Gedanken wandern ständig zu praktischen Belangen des Lebens und weigern sich, auf Dingen zu ruhen, die verschwommen und unwirklich zu sein scheinen. Aber wenn der Tag vorbei ist, muß selbst der am wenigsten Empfängliche der träumerischen Stimmung dieses stillen Sternenlichts nachgeben. Die alten Legenden dieses Ortes stehlen sich in sein Gedächtnis und geistern durch seine Träumereien, und dann umhüllt seine Phantasie alle Bilder und Geräusche mit dem Übernatürlichen. Im Plätschern der Wellen, die ans Ufer schlagen, hört er das Eintauchen geisterhafter Ruder; in den geheimen Geräuschen der Nacht hört er Geisterstimmen; im sanften Wehen der Brise das Rauschen unsichtbarer Schwingen. Geisterschiffe liegen auf dem See, die Toten von zwanzig Jahrhunderten kommen aus den Gräbern hervor, und in den Klageliedern des Nachtwindes finden die Lieder aus alten, vergessenen Zeiten einen Klang wieder.

Im Sternenlicht kennt Galiläa keine Grenzen als den weiten Himmelsbogen und bildet einen angemessenen Schauplatz für große Ereignisse; angemessen der Geburt einer Religion, die fähig ist, eine Welt zu retten; und angemessen der erhabenen Gestalt, die auserwählt ist, auf ihrer Bühne zu stehen und die hohen Ratschlüsse zu verkünden. Aber bei Sonnenlicht sagt man: Ist es um der Taten willen, die auf diesem kleinen Gebiet von Fels und Sand vor achtzehnhundert Jahren vollbracht wurden, und um der Worte willen, die hier gesprochen wurden, daß die Glocken heute auf den abgelegenen Inseln des Meeres und weit und breit über die Kontinente läuten, die den ganzen riesigen Erdball umspannen? Man kann es nur begreifen, wenn die Nacht alle Ungereimtheiten verbirgt und eine Kulisse schafft, die eines so großartigen Dramas würdig ist.

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Neunundvierzigstes Kapitel

Gestern in der Abenddämmerung nahmen wir wieder ein Bad im See Genezareth und heute früh bei Sonnenaufgang noch eins. Wir sind nicht Boot gefahren, aber dreimal Schwimmen entspricht einer Bootsfahrt, oder nicht? Man sah viele Fische im Wasser, aber wir besitzen auf dieser Pilgerfahrt keine anderen Hilfsmittel als »Zeltleben im Heiligen Land«, »Das Land und das Buch« und weitere Literatur dieses Genres — kein Angelgerät. Es gab in Tiberias keine Fische zu kaufen. Wir sahen zwar, wie zwei oder drei Vagabunden ihre Netze flickten, aber nie, daß sie damit etwas fangen wollten.

Die alten warmen Bäder zwei Meilen unterhalb von Tiberias besuchten wir nicht. Ich hatte nicht den geringsten Wunsch, dort hinzugehen. Das kam mir ein bißchen seltsam vor und veranlaßte mich, zu versuchen, ob ich nicht hinter den Grund dieser übermäßigen Gleichgültigkeit käme. Wie sich herausstellte, lag es einfach daran, daß Plinius sie erwähnt. Ich empfinde eme Art ungerechtfertigter Unfreundlichkeit Plinius und dem Apostel Paulus gegenüber, denn es sieht so aus, als gelänge es mir niemals, einen Ort aufzustöbern, den ich für mich allein haben kann. Immer und ewig sickert es durch, daß der Apostel Paulus an diesem Ort gewesen sei und daß Plinius ihn »erwähnt« habe.

Am frühen Morgen saßen wir auf und ritten los. Und dann marschierte uns an der Spitze des Zuges eine geisterhafte Erscheinung voran — ein Pirat, dachte ich, wenn jemals ein Pirat auf dem Lande gelebt hat. Es war ein hochgewachsener Araber, so dunkelhäutig wie ein Indianer; jung — etwa dreißig Jahre alt. Um den Kopf trug er, fest gebunden, einen prächtigen, gelb und rot gestreiften Seidenschal, dessen verschwenderisch mit Fransen gesäumte Enden ihm zwischen den Schultern herabhingen und im Winde spielten. Von Hals bis Knie wogte in breiten Falten ein Gewand an ihm herab, das ein wahres Sternenbanner geschwungener und gekrümmter schwarzweißer Streifen war. Scheinbar irgendwo aus seinem Rücken ragte der lange Schaft eines Tschibuks hervor und reichte ihm weit über die rechte Schulter hinaus. Hoch über die linke Schulter hinaus hing ihm schräg über den Rücken ein arabisches Gewehr aus Saladins Zeiten, das vom Kolben bis hinauf zum Ende seines unermeßlich langen Laufes von Silberbeschlägen glänzte. Um seine Taille hatte er sich viele Yard reich gemusterten, aber stark verschossenen Stoffes gewunden, der aus dem prächtigen Persien kam, und vorn, zwischen den beuteligen Falten, spiegelten sich auf einer schrecklichen Batterie alter, messingbeschlagener Reiterpistolen und den vergoldeten Griffen blutdürstiger Messer die Sonnenstrahlen wider. Halfter für weitere Pistolen hingen an dem wunderbaren Stapel langhaariger Ziegen felle und persischer Teppiche, die der Mann für einen Sattel zu halten erzogen war; und unten, zwischen den in einer Reihe pendelnden riesenhaften Troddeln, die von diesem Sattel herabbaumelten, gegen eine wahre Eisenschaufel von Steigbügel klirrend, der die Knie des Kriegers zum Kinn hochdrückte, hing ein gebogenes, mit Silber beschlagenes Krummschwert von so furchtbaren Abmessungen und mit so unerbittlichem Ausdruck, daß niemand es, ohne zu schaudern, angucken konnte. Der befranste und herausgeputzte Fürst, dessen Vorrecht es ist, auf einem Pony zu reiten und den Elefanten in ein Dorf zu führen, ist arm und nackt im Vergleich zu diesem Chaos der Ausstaffierung, und die glückliche Eitelkeit des einen ist eine recht armselige Zufriedenheit, verglichen mit der majestätischen Gelassenheit, der überwältigenden Selbstzufriedenheit des anderen.

»Wer ist das? Was ist das?«, das war die bebende Frage die ganze Reihe entlang.

»Unser Wächter! Von Galiläa bis zum Geburtsort des Heilands wird das Land von wilden Beduinen heimgesucht, deren einziges Glück in diesem Leben es ist, harmlose Christen niederzumetzeln, zu erstechen, zu verstümmeln und zu ermorden. Allah sei mit uns!«

»Dann mietet ein Regiment! Wollt ihr uns unter diese schrecklichen Horden hinausschicken, ohne Rettung in unserer äußersten Not als diesen alten Panzerturm?«

Der Dragoman lachte — nicht über den witzigen Vergleich, denn wahrlich, den Fremdenführer oder den Reisemarschall oder den Dragoman hat es auf Erden noch nicht gegeben, der das geringste Verständnis für einen Witz besäße, selbst wenn der Witz so grob und so gewichtig wäre, daß er den Mann, wenn er auf ihn darauffiele, wie eine Briefmarke plattdrücken würde — der Dragoman lachte, und dann, kühn gemacht von irgendeinem Gedanken, den er zweifellos im Kopf hatte, ging er bis zum äußersten und zwinkerte.

In einer solchen Klemme ist es ermutigend, wenn ein Mann lacht; wenn er zwinkert, ist es ganz und gar beruhigend. Er gab schließlich zu verstehen, daß ein Wächter ausreichen würde, um uns zu schützen, aber daß dieser eine absolut notwendig wäre. Es sei wegen der moralischen Wirkung, die seine furchtbare Rüstung auf die Beduinen ausübe. Da sagte ich, wir wollten überhaupt keinen Wächter. Wenn ein einziger phantastischer Vagabund acht bewaffnete Christen und ein Rudel arabischer Diener vor jedem Schaden schützen könnte, dann könnte sich diese Abteilung sicherlich auch selbst wehren. Er schüttelte zweifelnd den Kopf. Dann sagte ich, man stelle sich nur vor, wie das aussähe — man stelle sich vor, wie das auf selbstsichere Amerikaner wirkte, wenn sie läsen, wir wären durch diese einsame Wildnis unter dem Schutz dieses Mummenschanz treibenden Arabers geschlichen, der sich bei dem Versuch, außer Landes zu gelangen, den Hals brechen würde, sobald ein Mann auf ihn losginge, der wirklich ein Mann wäre. Es sei eine armselige, niedrige, entwürdigende Lage. Warum habe man uns überhaupt gesagt, wir sollten Marinerevolver mitnehmen, wenn wir schließlich doch von diesem schändlichen, in ein Sternenbanner gehüllten Abschaum der Wüste beschützt werden sollten? — Diese Vorstellungen waren vergeblich — der Dragoman lächelte nur und schüttelte den Kopf.

Ich ritt an die Spitze, knüpfte eine Bekanntschaft mit König Salomo-in-Gala an und veranlaßte ihn, mir seine schleichende Ewigkeit von einem Gewehr zu zeigen. Es hatte ein rostiges Steinschloß; der Lauf war von einem Ende zum anderen mit Silber beringt und gestreift und plattiert, aber er wich genauso verzweifelt von der Geraden ab wie die Billardqueues von 1849, die man in den alten SilbergräberCamps Kaliforniens noch in Gebrauch findet. Der Rost der Jahrhunderte hatte die Mündung zerfressen und aus ihr ein zerfetztes Filigranwerk gemacht, ähnlich dem Ende eines ausgebrannten Ofenrohrs. Ich schloß ein Auge und schaute hinein — er war wie ein alter Dampferkessel innen mit Schuppen und Eisenrost besetzt. Ich lieh mir die mächtigen Pistolen aus und ließ sie aufschnappen. Auch sie waren innen rostig — sie waren seit einem Menschenalter nicht geladen worden. Ich zog sehr ermutigt wieder nach hinten, erstattete dem Führer Bericht und forderte ihn auf, diese geschleifte Festung zu entlassen. Da kam es dann heraus. Dieser Bursche sei ein Gefolgsmann des Scheichs von Tiberias. Er sei eine Quelle der Regierungseinkünfte. Er sei für das Reich Tiberias das, was für Amerika der Zoll ist. Der Scheich dränge den Reisenden Wächter auf und verlange dafür Geld von ihnen. Es sei eine einträgliche Gewinnquelle und führe dem Staatsschatz manchmal sogar bis zu fünfunddreißig oder vierzig Dollar im Jahre zu.

Jetzt kannte ich das Geheimnis des Kriegers; ich durchschaute die hohle Eitelkeit seines rostigen Plunders und verachtete seine eselhafte Selbstzufriedenheit. Ich verriet ihn, und mit leichtsinnigem Wagemut ritt die Kavalkade geradenwegs in die gefährliche Einsamkeit der Wüste und verachtete seine rasenden Warnungen vor Verstümmelungen und Tod, die sie von allen Seiten umlauerten.

Als wir in einer Höhe von dreihundertfünfzig Metern über dem See angekommen waren (ich sollte erwähnen, daß der See hundertachtzig Meter unter dem Spiegel des Mittelmeeres liegt — kein Reisender versäumt es jemals, diese Nachricht in seinen Briefen herauszustellen), dehnte sich vor uns ein so kahles und wenig ansprechendes Panorama aus, wie es vielleicht ein Land überhaupt nur vorbringen kann. Jedoch war es historisch so interessant, daß alle Seiten, die darüber geschrieben wurden, über seine Oberfläche ausgebreitet, es wie ein Pflaster von Horizont zu Horizont bedecken würden. Unter den Örtlichkeiten, die diese Aussicht umfaßte, befanden sich der Berg Hermon, die Berge, die Caesarea Philippi, Dan, die Quellen des Jordan und das Wasser Merom umgeben; Tiberias; der See Genezareth; Josephs Grube; Kapernaum; Bethsaida; die vermutlichen Schauplätze der Bergpredigt, der Speisung der fünftausend und des wunderbaren Fischzuges; der Abhang, den die Schweine in den See hinuntergelaufen sind; der Zufluß und der Abfluß des Jordan; Safed, »die Stadt auf einem Berge«, eine der vier heiligen Städte der Juden, der Ort, an dem nach ihrem Glauben der wahre Messias erscheinen wird, wenn er kommt, die Welt zu erlösen; ein Teil des Schlachtfeldes von Hattin, wo die Kreuzfahrer ihre letzte Schlacht kämpften, in einer Ruhmesflamme von der Bühne abtraten und ihre glänzende Laufbahn für immer beschlossen; der Berg Tabor, der überlieferte Schauplatz der Verklärung des Herrn. Und unten, nach Südosten zu, lag eine Landschaft, die mir ein Zitat in den Sinn brachte, das ich zweifellos ungenau wiedergebe:

»Die Ephraimiten, die nicht aufgefordert worden waren, sich an der reichen Beute des Krieges gegen die Ammoniter zu beteiligen, versammelten eine mächtige Schar, um gegen Jephta, Richter in Israel, zu kämpfen; dieser, von ihrem Nahen unterrichtet, versammelte um sich die Männer Israels und lieferte ihnen eine Schlacht und schlug sie in die Flucht. Um seinen Sieg noch sicherer zu machen, postierte er Wachen an den verschiedenen Furten und Übergängen über den Jordan, mit der Anweisung, niemand durchzulassen, der nicht ›Schibboleth‹ sagen könnte. Die Ephraimiten, da sie eines anderen Stammes waren, konnten es nicht fertigbringen, das Wort richtig auszusprechen, sondern nannten es Siboleth, was sie als Feinde entlarvte und sie das Leben kostete; daher fielen an jenem Tage zweiundvierzigtausend Mann an den verschiedenen Furten und Übergängen über den Jordan.«

Wir trotteten friedlich auf der großen Karawanenstraße dahin, die von Damaskus nach Jerusalem und Ägypten führt, an Lubia und anderen syrischen Weilern vorbei, die sich in unveränderlicher Weise auf den Gipfeln steiler Erhebungen und Hügel niedergelassen haben und ringsum mit Riesenkakteen eingehegt sind (dem Zeichen für wertloses Land), mit Schinken ähnelnden stachligen Birnen daran, und gelangten schließlich zum Schlachtfeld von Hattin.

Es ist ein großes, unregelmäßiges Plateau und sieht aus, als ob es zum Schlachtfeld geschaffen worden wäre. Hier trat der unvergleichliche Saladin vor etwa siebenhundert Jahren den christlichen Heeren entgegen und brach ihre Macht in Palästina für alle Zeiten. Es hatte einen langen Waffenstillstand zwischen den gegnerischen Mächten gegeben, aber laut Reiseführer brach ihn Raynauld von Chatillon, Herr über Kerak, dadurch, daß er eine Damaszener Karawane plünderte und sowohl die Kaufleute wie auch die Waren herauszugeben ablehnte, als Saladin es verlangte. Dieses Benehmen eines unverschämten kleinen Häuptlings traf den Sultan aufs empfindlichste, und er schwor, er würde Raynauld mit eigenen Händen umbringen, gleichgültig wie, wann oder wo er ihn fände. Beide Heere rüsteten zum Kriege. Dem schwachen König von Jerusalem unterstand die wahre Blüte der christlichen Ritterschaft. Törichterweise zwang er sie, in sengender Sonne einen langen, erschöpfenden Marsch durchzuführen, und dann befahl er ihnen, ohne Wasser oder eine andere Erfrischung auf dieser offenen Ebene zu lagern. Die glänzend berittenen Scharen der moslemischen Soldaten jagten sengend und zerstörend um das nördliche Ende des Sees Genezareth herum und schlugen ihr Lager den gegnerischen Linien gegenüber auf. In der Morgendämmerung begann der furchtbare Kampf. Auf allen Seiten von den wimmelnden Bataillonen des Sultans umgeben, kämpften die christlichen Ritter weiter, ohne Hoffnung, lebend davonzukommen. Sie fochten mit verzweifeltem Mut, aber ohne Ziel; die Übermacht der Hitze und der Menschenmassen und verzehrender Durst standen allzusehr gegen sie. Gegen die Tagesmitte erkämpften sich die Tapfersten ihrer Schar einen Weg durch die Reihen der Moslems und gewannen die Spitze eines kleinen Hügels, und dort hielten sie sich Stunde um Stunde um das Banner des Kreuzes zusammen und schlugen die angreifenden Schwadronen des Feindes zurück.

Aber das Schicksal der christlichen Macht war besiegelt. Der Sonnenuntergang sah Saladin als Herrn über Palästina, die christliche Ritterschaft haufenweise über das Feld verstreut und den König von Jerusalem, den Großmeister der Templer und Raynauld von Chatillon als Gefangene im Zelt des Sultans. Saladin behandelte zwei der Gefangenen mit fürstlicher Höflichkeit und ließ Erfrischungen vor sie hinsetzen. Als der König Chatillon einen eisgekühlten Sorbet überreichte, sagte der Sultan: »Du bist es, der es ihm reicht, nicht ich.« Er erinnerte an seinen Eid und metzelte den unglücklichen Ritter mit eigener Hand nieder.

Es war schwer, sich vorzustellen, daß diese schweigende Ebene einst von kriegerischer Musik widergehallt und unter dem Schritt Bewaffneter gebebt hatte. Es war schwer, diese Einsamkeit mit stürmenden Kavalleriekolonnen zu bevölkern und ihre trägen Pulse mit den Rufen der Sieger, den Schreien der Verwundeten und dem Aufblitzen der Banner und des Stahls über den hin und her gehenden Wogen des Krieges zu beschleunigen. Hier herrscht eine Trostlosigkeit, die nicht einmal die Vorstellungskraft mit dem Gepränge von Leben und Handlung schmücken kann.

Wir erreichten den Tabor unversehrt und wesentlich früher als jener alte gepanzerte Schwindel von einem Wächter. Wir sahen auf der ganzen Strecke kein einziges menschliches Wesen, geschweige denn verbrecherische Beduinenhorden. Der Tabor steht einsam und allein als eine riesige Schildwache über der Ebene von Esdrelom. Er erhebt sich etwa vierhundertzwanzig Meter über die umgebende Fläche, ein grüner, bewaldeter Kegel, symmetrisch und anmutig — ein hervorstechendes Wahrzeichen und überdies ein überaus angenehmes Wahrzeichen für Augen, welche die abstoßende Eintönigkeit der syrischen Wüste satt haben. Wir stiegen den steilen Weg zum Gipfel hinauf, durch winddurchwehte Dornbusch- und Eichenlichtungen. Die Aussicht, die sich von der höchsten Spitze aus bot, war beinahe schön. Unten lag die weite, flache Ebene Esdrelom, durch Felder wie ein Schachbrett aufgeteilt und anscheinend genauso glatt und eben, an den Rändern mit weißen, dichtgedrängten Dörfern gesprenkelt und fern und nah schwach mit den gekrümmten Linien der Straßen und Wege gezeichnet. Wenn sie in das frische Grün des Frühlings gekleidet ist, muß sie ganz von selbst einen bezaubernden Anblick bieten. An ihrem südlichen Rand erhebt sich der Kleine Hermon, über dessen Gipfel hinweg man einen Blick auf das Gilboa-Gebirge erhaschen kann. Nain, berühmt wegen der Erweckung des Sohnes der Witwe, und Endor, ebenso berühmt wegen der Taten seiner Hexe, liegen in Sicht. Ostwärts liegen das lordantal und jenseits davon die Berge Gilead. Westwärts liegt der Berg Karmel. Der Herrnon im Norden — die Landschaft Basan — Safed, die heilige Stadt, weiß schimmernd auf einem hohen Ausläufer des Libanongebirges liegend — eine stahlblaue Ecke des Sees Genezareth — der Hattin mit seinem satteIförmigen Gipfel, der Überlieferung nach »Berg der Seligkeiten« und stummer Zeuge des letzten tapferen Kampfes des Kreuzfahrerheeres für das heilige Kreuz — dies alles füllt das Bild aus.

Die hervorstechenden Punkte dieser Landschaft durch den malerischen Rahmen eines verwitterten und verfallenen steinernen Fensterbogens aus der Zeit Christi zu betrachten, so daß alles weniger Anziehende der Sicht verborgen bleibtdas heißt, sich ein Vergnügen zu verschaffen, das zu genießen die Besteigung des Berges lohnt. Man muß auf seinem Gipfel stehen, um bei einem schönen Sonnenuntergang den besten· Eindruck zu erhalten, und die Landschaft in einen kühnen, kräftigen Rahmen setzen, der sehr dicht bei der Hand ist, um all ihre Schönheit zur Wirkung kommen zu lassen. Man lernt diese letztere Wahrheit, um sie niemals wieder zu vergessen, in jenem Scheinland der Verzauberung, dem wundervollen Garten des gnädigen Grafen Pallavicini bei Genua. Man wandert stundenlang zwischen Hügeln und durch waldige Schluchten umher, die kunstvoll so ersonnen sind, daß sie den Eindruck vermitteln, die Natur habe sie gebildet und nicht der Mensch; man folgt gewundenen Pfaden und stößt plötzlich auf hüpfende Kaskaden und ländlich grobe Brükken; man findet Waldseen, wo man sie nicht erwartet; man schlendert durch arg mitgenommene mittelalterliche Miniaturburgen, die altersgrau zu sein scheinen und doch erst vor einem Dutzend Jahren erbaut worden sind; man sinnt über alten, verfallenden Gräbern, deren marmorne Säulen von dem neuzeitlichen Künstler, der sie geschaffen hat, absichtlich beschädigt und zerbrochen wurden; man stößt unerwartet auf zwergenhafte Paläste aus seltenen und kostbaren Materialien und dann wieder auf eine Bauernhütte, deren baufällige Einrichtung gar nicht daran denken läßt, daß sie auf Bestellung so angefertigt wurden; man jagt inmitten eines Waldes auf einem hölzernen Pferd, das durch irgendeine unsichtbare Vorrichtung bewegt wird, immer im Kreis herum; man überquert römische Straßen und geht unter majestätischen Triumphbögen hindurch; man rastet in wunderlichen Lauben, wo unsichtbare Geister aus jeder möglichen Richtung Wasserstrahlen auf den Besucher abgeben, wo sogar die Blumen, die er berührt, ihn mit einer Dusche überfallen; man fährt in einem Boot auf einem unterirdischen See durch prächtig mit Stalaktitenbündeln drapierte Gewölbe und hinaus an den hellen Tag auf einen anderen See, umgeben von sanft abfallenden Grasufern, bunt von patrizischen Barken, die im Schatten eines winzigen Marmortempels vor Anker liegen, der sich aus dem klaren Wasser erhebt udd seine weißen Statuen, seine prachtvollen Kapitäle und gekehlten Säulen in den stillen Tiefen spiegelt. So wird man von Wunder zu Wunder getrieben und denkt die ganze Zeit über, das zuletzt gesehene müsse das größte sein. Und wirklich, das größte Wunder wird tatsächlich bis zum Schluß aufgehoben, aber man sieht es erst, wenn man das Ufer betritt, eine Wildnis seltener Blumen durchschreitet, die aus jedem Winkel der Erde zusammengetragen wurden, und an der Tür eines weiteren Schein tempels steht. Gerade an dieser Stelle hat der Künstler seine Begabung aufs höchste strapaziert und wirklich die Pforten zu einem Feenland geöffnet. Man blickt durch eine anspruchslose, gelb gefärbte Glasscheibe; das erste, was man sieht, ist in einer Entfernung von zehn kurzen Schritten eine Masse flirrenden Laubes, in deren Mitte sich eine unregelmäßige Öffnung wie ein Torweg befindet — etwas, das in der Natur häufig genug vorkommt und nicht geeignet ist, einen scharfsinnigen menschlichen Plan vermuten zu lassen –, und auf dem Boden des Torwegs springen in ganz zufälliger Weise ein paar breite tropische Blätter und glänzende Blumen vor. Plötzlich erhascht man durch dieses lebhafte, markante Tor hindurch einen Blick auf das matteste, zarteste, prächtigste Bild, das jemals den Traum eines sterbenden Heiligen beglückte, seit Johannes das Neue Jerusalem über den Himmelswolken schimmern sah. Eine weite Meeresfläche, mit schräg geneigten Segeln betupft; ein scharf vorspringendes Kap und ein hoher Leuchtturm darauf; eine abfallende Wiese dahinter; jenseits ein Teil der alten »Stadt der Paläste« mit ihren Parks und Hügeln und stattlichen Wohnsitzen; dahinter ein ungeheurer Berg, dessen kräftige Umrisse scharf gegen Ozean und Himmel abstechen; und über allem wandernde Wolkenfetzen und -flocken, die in einem Meer von Gold schweben. Der Ozean ist golden, die Stadt ist golden, der Rasen, der Berg, der Himmel — alles ist golden — voll und zart im Ton und träumerisch wie eine Vision des Paradieses. Kein Künstler könnte seine bestrickende Schönheit auf die Leinwand bannen, und doch, ohne das gelbe Glas und den sorgfältig geplanten Zufall eines Rahmens, der es in verzauberte Ferne versetzt und von allen unerfreulichen Merkmalen freihält, wäre es kein Bild, über das man in Verzückung geraten müßte. So ist das Leben, und der Pfad der Schlange kreuzt unser aller Weg.

Es bleibt nun weiter nichts übrig, als zum alten Tabor zurückzukehren, obwohl das Thema reichlich langweilig ist und ich nicht dabei bleiben kann, weil ich zu Szenen abschweife, deren Andenken erfreulicher ist. Ich glaube, ich werde ihn irgendwie überspringen. Am Tabor ist weiter nichts dran (wenn wir nicht einräumen, daß er der Schauplatz der Verklärung gewesen ist) als ein paar graue, alte Ruinen, die dort zu allen Zeitaltern der Welt aufgestapelt worden sind, angefangen in den Tagen des tapferen Gideon und bei Leuten, die vor dreitausend Jahren in der Blüte des Lebens standen, bis zu dem jüngstvergangenen Gestern des Kreuzzugszeitalters. Der Tabor hat sein griechisches Kloster, und der Kaffee dort ist gut, aber es gibt keinerlei Splitter des wahren Kreuzes oder Knochen eines geweihten Heiligen, um die Gedanken der Weltkinder zu fesseln und in ernstere Kanäle zu lenken. Eine katholische Kirche, die keine Reliquien besitzt, kann mir gestohlen bleiben.

Die Ebene Esdrelom — »das Schlachtfeld der Nationen« versetzt einen lediglich in Träume von Josua und Benhadad und Saul und Gideon; von Tamerlan, Tankred, Löwenherz und Saladin; von den kriegerischen Königen Persiens, Ägyptens Helden und Napoleon — denn sie alle kämpften hier. Wenn die Zauberkraft des Mondlichts die Myriaden von Männern, die auf dieser weiten, fernhin sich erstreckenden Fläche gekämpft haben, zusammenrufen und sie in die tausend seltsamen Trachten ihrer hundert Nationalitäten kleiden könnte und die riesige Heerschar die Ebene hinabbrausen ließe im Glanze der Federn und Banner und funkelnden Lanzen, könnte ich hier ein Leben lang stehen, um dem Geisterzug zuzuschauen. Aber die Zauberkraft des Mondlichts ist Einbildung und Betrug; und wer sein Vertrauen dareinsetzt, wird Kummer und Enttäuschung erleiden. Unten am Fuße des Tabor und gerade am Rand der sagenreichen Ebene Esdrelom liegt das unbedeutende Dorf Deburie, wo Debora, Prophetin Israels, lebte. Es ist genau wie Magdala.

50

Fünfzigstes Kapitel

Beim Abstieg vom Berge Tabor überquerten wir eine tiefe Schlucht und folgten einer bergigen, steinigen Straße nach Nazareth, das zwei Stunden entfernt liegt. Alle Entfernungen im Osten werden in Stunden, nicht in Meilen bemessen. Ein gutes Pferd läuft auf fast jeder Art von Straße drei Meilen in der Stunde; daher zählt hier eine Stunde immer für drei Meilen. Diese Methode der Berechnung ist lästig und ärgerlich; bis man sich gründlich daran gewöhnt hat, gibt sie erst einen Sinn, wenn man angehalten und die heidnischen Stunden in christliche Meilen umgerechnet hat, gerade wie es die Leute mit den gesprochenen Worten einer fremden Sprache tun, mit der sie bekannt, aber nicht vertraut genug sind, um die Bedeutung augenblicklich zu erfassen. Von menschlichen Füßen zurückgelegte Strecken werden ebenfalls nach Stunden und Minuten geschätzt, obwohl ich nicht weiß, was die Grundlage der Berechnung ist. In Konstantinopel fragt man: »Wie weit ist es zum Konsulat?«, und es wird geantwortet: »Etwa zehn Minuten.« — »Wie weit ist es zu Lloyds Agentur?« — »Eine Viertelstunde.« — »Wie weit ist es zur unteren Brücke?« — »Vier Minuten.« Ich kann es nicht genau sagen, aber ich glaube, wenn ein Mann dort ein Paar Hosen bestellt, dann sagt er, er wünsche die Beine eine Viertelminute lang und die Taille neun Sekunden weit.

Zwei Stunden von Tabor nach Nazareth — und da es ein ungewöhnlich enger, gewundener Pfad war, begegneten wir notgedrungen allen Kamelzügen und Eselkarawanen zwischen Jericho und Jacksonville gerade an dieser Stelle und nirgendwo anders. Die Esel machen nicht so viel aus, weil sie so klein sind, daß man das Pferd über sie hinwegspringen lassen kann, wenn es ein feuriges Tier ist, aber ein Kamel ist nicht zu überspringen. Ein Kamel ist so hoch wie in Syrien ein gewöhnliches Wohnhaus — und das bedeutet, daß ein Kamel ein bis zwei und manchmal fast drei Fuß größer ist als ein gutgewachsener Mann. In diesem Teil des Landes besteht seine Last meistens aus zwei kolossalen Säcken — an jeder Seite einer. Das Tier und seine Last nehmen so viel Platz in Anspruch wie ein Wagen. Man stelle sich vor, auf einem engen Pfad einem Hindernis dieser Art zu begegnen. Das Kamel würde nicht einmal einem König ausweichen. Es stakt gelassen dahin, indem es seine gepolsterten Stelzen im langsamen, gleichmäßigen Rhythmus eines Pendels voranbringt, und was immer im Wege steht, muß freiwillig Platz machen oder wird von den umfangreichen Säcken mit Gewalt beiseite gewischt. Für uns war es ein anstrengender Ritt, und für die Pferde war er geradezu erschöpfend. Wir waren gezwungen, über mehr als achtzehnhundert Esel zu springen, und nur eine Person aus der Gruppe wurde weniger als sechzigmal von den Kamelen aus dem Sattel geholt. Dies scheint eine starke Behauptung zu sein, aber der Dichter hat gesagt: »Die Dinge sind nicht, was sie scheinen.« Ich kann mir jetzt nichts vorstellen, was einen sicherer erschauern ließe als ein weichsohliges Kamel, das hinter einem heranschleicht und einen mit seiner kalten, schlaffen Unterlippe am Ohr berührt. Ein Kamel tat das einem unserer Jungs an, der gerade in Nachsinnen versunken im Sattel hing. Er blickte auf, sah die majestätische Erscheinung über sich schweben und machte verzweifelte Anstrengungen, aus dem Wege zu kommen, aber bevor es ihm gelungen war, langte das Kamel hinüber und biß ihn in die Schulter. Das war der einzige erfreuliche Zwischenfall der Reise.

In Nazareth lagerten wir in einem Olivenwäldchen in der Nähe des Marienbrunnens, und jener wundervolle arabische »Wächter« kam, um einen Bakschisch einzusammeln, als Lohn für seine »Dienste«, uns von Tiberias an gefolgt zu sein und unsichtbare Gefahren durch die Schrecken seiner Bewaffnung abgewehrt zu haben. Der Dragoman hatte seinen Herrn bezahlt, aber das zählte nicht — wenn man hier einen Mann einstellt, der für einen niesen soll, und ein anderer hilft ihm, so muß man beide bezahlen. Sie tun überhaupt nichts ohne Bezahlung. Wie muß es diese Leute überrascht haben, zu vernehmen, daß ihnen der Weg zur Erlösung »ohne Geld und ohne Preis« dargeboten wurde. Wenn die Sitten, die Menschen oder die Bräuche dieses Landes sich seit der Zeit des Heilands geändert haben sollten, so sind die Bilder und Gleichnisse der Bibel nicht dazu geeignet, das zu beweisen.

Wir betraten das große römisch-katholische Kloster, das an der historischen Wohnstätte der Heiligen Familie errichtet worden ist. Wir stiegen eine Flucht von fünfzehn Stufen unter die Erdoberfläche hinab und standen in einer kleinen Kapelle, die mit Wandteppichen, silbernen Lampen und Ölgemälden herausgeputzt war. Eine durch ein Kreuz bezeichnete Stelle im marmornen Fußboden unter dem Altar wurde uns als Ort vorgeführt, der für immer durch die Füße der Jungfrau geheiligt worden sei, da sie dort gestanden habe, um die Botschaft des Engels zu empfangen. Ein so einfacher, ein so anspruchsloser Raum und Schauplatz eines so gewaltigen Ereignisses! Der wirkliche Schauplatz der Verkündigung — eines Ereignisses, dessen Andenken überall in der zivilisierten Welt durch prächtige Schreine und erhabene Tempel gefeiert wird und dessen würdige Darstellung auf der Leinwand die Fürsten der Kunst zum Gegenstand ihres höchsten Ehrgeizes machten; eine Stelle, deren Geschichte selbst den Kindern jedes Hauses,jeder Stadt und jedes unbekannten Weilers in den fernsten Ländern der Christenheit vertraut ist; ein Ort, den zu sehen Myriaden von Menschen sich über die ganze Welt hinwegmühen würden; den zu betrachten sie eine unbezahlbare Gnade schätzen. Es war leicht, diese Gedanken zu denken. Aber es wurde mir nicht leicht, mich zu der Erhabenheit der Situation aufzuschwingen. Ich könnte mehrere tausend Meilen weit entfernt sitzen und mir vorstellen, wie der Engel mit seinen schemenhaften Flügeln und seinem strahlenden Antlitz erschien, und den Schein wahrnehmen, der auf das Haupt der Jungfrau herabströmte, während die Botschaft von Gottes Thron an ihr Ohr drang — jenseits des Ozeans kann das jeder, aber hier können es wenige. Ich sah die kleine Nische, aus welcher der Engel getreten war, konnte aber ihre Leere nicht füllen. Die Engel, die ich kenne, sind Geschöpfe der unbeständigen Phantasie — sie passen nicht in Nischen aus solidem Stein. Die Vorstellungskraft bearbeitet am besten entfernt liegende Felder. Ich bezweifle, ob jemand, der in der Verkündigungsgrotte steht, ihre allzu greifbaren Mauern mit den geisterhaften Bildern seines Gemüts bevölkern kann.

Man zeigte uns einen zerbrochenen Granitpfeiler, der vom Dach herunterhing und, wie man uns sagte, von den mo slemischen Eroberern Nazareths in der vergeblichen Hoffnung entzweigehackt worden sei, das Heiligtum einreißen zu können. Aber der Pfeiler blieb wunderbarerweise in der Luft hängen, und obwohl selbst ohne Stütze, trug er auch danach das Dach und trägt es bis heute. Wenn man diese Angaben durch acht teilt, ist es nicht schwer, sie zu glauben.

Diese talentierten katholischen Mönche tun niemals etwas halb. Wenn sie einem die eherne Schlange zeigen würden, die in der Wildnis aufgerichtet wurde, könnte man sich darauf verlassen, daß sie auch die Stange bei der Hand hätten, auf die sie gepflanzt wurde, und sogar das Loch, in der diese gestanden hat. Sie verfügen hier über die Verkündigungsgrotte; und gerade so bequem in Reichweite, wie einem die Kehle zum Munde liegt, haben sie auch die Küche der Heiligen Jungfrau und sogar ihr Wohnzimmer hier, wo sie und Joseph vor achtzehnhundert Jahren dem kindlichen Heiland beim Spielen mit hebräischen Spielsachen zugesehen haben. Alles liegt unter einem einzigen Dach, und alles sind saubere, geräumige, bequeme »Grotten«. Es erscheint seltsam, daß Persönlichkeiten, die eng mit der Heiligen Familie befreundet waren, immer in Grotten wohnten — in Nazareth, in Bethlehem, im großmächtigen Ephesus –, und doch hat zu ihrer Zeit niemand anders daran gedacht, auch so zu wohnen. Wenn sie je so wohnten, so sind ihre Grotten alle fort, und ich denke, wir sollten über das eigenartige Wunder staunen, daß diejenigen, von denen ich spreche, erhalten sind. Als die Heilige Jungfrau vor dem Zorn des Herodes flüchtete, verbarg sie sich in Bethlehem in einer Grotte; der Heiland wurde in einer Grotte geboren — beide werden noch immer den Pilgern gezeigt. Es ist überaus seltsam, daß diese ungeheuren Ereignisse alle in Grotten stattfanden — und auch überaus glücklich, denn auch die festesten Häuser müssen im Lauf der Zeit zu Ruinen zerfallen, aber eine Grotte im gewachsenen Felsen hält ewig. Es ist Schwindel, diese Grottengeschichte, aber einer, für den alle Menschen den Katholiken danken sollten. Wo immer sie eine verlorene, durch irgendein biblisches Ereignis geheiligte Örtlichkeit aufstöbern, bauen sie sofort eine massive, beinahe unzerstörbare Kirche hin und bewahren das Andenken der Örtlichkeit zu Nutz und Frommen zukünftiger Generationen. Wäre es den Protestanten überlassen geblieben, dieses höchst verdienstvolle Werk zu tun, wüßten wir heute nicht einmal, wo Jerusalern liegt, und der Mensch, der hingehen und seinen Finger auf Nazareth legen könnte, wäre zu weise für diese Welt. Die Welt schuldet den Katholiken Wohlwollen, sogar für die unbekümmerte Schurkerei, diese Schwindelgrotten aus dem Felsen gehauen zu haben; denn es ist unendlich befriedigender, eine Grotte zu betrachten, von der die Menschen seit Jahrhunderten getreulich glauben, die Heilige Jungfrau hätte dort gewohnt, als sich einen Wohnort für sie irgendwo, nirgendwo, weit und breit über die ganze Stadt Nazareth vorstellen zu müssen. Das ist ein allzu weiträumiges Gebiet. Da kann die Vorstellungskraft nicht arbeiten. Es gibt keine besondere Stelle, um das Auge zu fesseln, die Anteilnahme auf sich zu ziehen und einen nachdenklich zu machen. Die Erinnerung an die Pilgerväter kann nicht vergehen, solange uns der Plymouth Rock bleibt. Die alten Mönche sind weise. Sie verstehen es, eine angenehme Überlieferung mit einem Pfahl zu durchbohren, der sie für immer an Ort und Stelle festhalten wird.

Wir besuchten die Orte, wo Jesus fünfzehn Jahre lang als Tischler gearbeitet hatte und wo er den Versuch gemacht hatte, in der Synagoge zu lehren, und von der Menge hinausgejagt wurde. Katholische Kapellen stehen an diesen Stellen und schützen die noch vorhandenen kleinen Bruchstücke der alten Mauern. Unsere Pilger brachen sich Andenken davon ab. Wir besuchten auch die neue Kapelle mitten in der Stadt, die um einen Felsblock von etwa zwölf Fuß Länge und vier Fuß Breite herum errichtet worden ist; die Priester haben vor ein paar Jahren entdeckt, daß sich die Jünger einst zum Ausruhen auf diesen Felsen setzten, als sie von Kapernaum heraufkamen. Sie beeilten sich, diese Reliquie zu erhalten. Reliquien sind ein sehr wertvoller Besitz. Man erwartet von den Reisenden, daß sie dafür bezahlen, sie sich anschauen zu dürfen, und sie tun das mit Freuden. Der Gedanke gefällt uns. Es kann dem Gewissen nie schaden, wenn man weiß, man hat seinen Eintritt wie ein Mann bezahlt. Unsere Pilger hätten sehr gern Lampenruß und Schablonen herausgeholt und ihre Namen an diesen Felsen gemalt, zusammen mit den Namen der Dörfer in Amerika, aus denen sie stammen, aber die Priester erlauben so etwas nicht. Um jedoch die strenge Wahrheit zu sagen, unsere Gruppe vergeht sich selten in dieser Weise, obwohl wir Leute auf dem Schiff haben, die niemals eine Gelegenheit vorbeilassen, es zu tun. Die Hauptsünde unserer Pilger ist ihre Gier nach Andenken. Ich nehme an, daß sie inzwischen die Maße dieses Felsens auf den Zoll genau kennen und sein Gewicht auf die Tonne genau; und ich zögere nicht zu behaupten, daß sie heute nacht dorthin zurückkehren und versuchen werden, ihn wegzutragen.

Von diesem »Marienbrunnen« berichtet die Überlieferung, Maria habe, als sie ein junges Mädchen war, zwanzigmal am Tage aus ihm Wasser geholt und es in einem Krug auf dem Kopfe davongetragen. Das Wasser strömt aus Zapfstellen in der Vorderseite einer Wand aus altem Mauerwerk, die abseits von den Häusern des Dorfes steht. Die jungen Mädchen von Nazareth versammeln sich dort noch immer zu Dutzenden und lassen ihr lautes Lachen und Scherzen nicht verebben. Die Nazarener Mädchen sind reizlos. Manche von ihnen haben große, glänzende Augen, aber keine von ihnen besitzt ein hübsches Gesicht. Die Mädchen tragen gewöhnlich ein einziges Kleidungsstück, und das ist lose, formlos, von unbestimmter Farbe; es ist meist auch ausbesserungs bedürftig. Nach der Art der Schönen von Tiberias tragen sie vom Scheitel bis zum Kinn seltsame Ketten aus alten Münzen und haben Messingschmuck um die Handgelenke und in den Ohren. Schuhe und Strümpfe tragen sie nicht. Es sind die menschlichsten Mädchen, die wir bisher im Lande getroffen haben, und die gutmütigsten. Aber es ist keine Frage, daß es diesen malerischen Mädchen in bedauerlichem Maße an Anmut mangelt.

Ein Pilger — der »Enthusiast« — sagte: »Seht jenes hochgewachsene, anmutige Mädchen! Schaut euch die madonnenhafte Schönheit ihres Antlitzes an!«

Bald kam ein anderer Pilger daher und sagte: »Beachtet das hochgewachsene, anmutige Mädchen; welch königliche, madonnenhafte Anmut der Schönheit in ihrem Antlitz liegt.« Ich sagte: »Sie ist nicht hochgewachsen, sie ist klein; sie ist nicht schön, sie ist hausbacken; sie ist recht anmutig, das gebe ich zu, aber sie ist ziemlich laut.«

Bald darauf kam der dritte und letzte Pilger vorbei, und er sagte: »Ah, was für ein hochgewachsenes, anmutiges Mädchen! Welche madonnenhafte Anmut von königlicher Schönheit!«

Die Sprüche waren alle gefallen. Es war nun Zeit, die Quellen für all diese Urteile nachzuschlagen. Ich fand den folgenden Absatz. Von wem geschrieben? Von Wm. C. Grimes:

Nachdem wir aufgesessen waren, ritten wir zur Quelle hinab, um einen letzten Blick auf die Frauen von Nazareth zu werfen, im ganzen bei weitem die hübschesten, die wir im Orient gesehen hatten. Als wir uns der Menge näherten, schritt ein hochgewachsenes Mädchen von neunzehn Jahren auf Miriam zu und bot ihr einen Becher Wasser an. Ihre Bewegungen waren anmutig und königlich. Wir staunten sofort über die madonnenhafte Schönheit ihres Antlitzes. Whitely war plötzlich durstig, bat um Wasser und trank langsam, wobei seine Augen über den Becher hinweg an ihren großen, schwarzen Augen hingen, die ihn genauso neugierig betrachteten wie er sie. Dann wollte Moreright Wasser. Sie gab es ihm, und es gelang ihm, es zu verschütten, um einen weiteren Becher erbitten zu können, und bis sie zu mir kam, durchschaute sie den Vorgang; die Ausgelassenheit guckte ihr aus den Augen, als sie mich ansah. Ich lachte heraus, und sie fiel mit einem so lustigen Lachen ein, wie nur ein Landmädchen im alten Orangenland lachen kann. Ich wünschte, ich hätte ein Bild von ihr. Eine Madonna, deren Antlitz ein Porträt jenes schönen Mädchens aus Nazareth wäre, würde ein »Urbild der Schönheit« und eine »ewige Freude« abgeben.

Das ist die Art Schleim, mit der man von Palästina her seit einer Ewigkeit bedient wird. Empfehlt mich Fenimore Cooper, um Schönheiten bei den Indianern zu finden, und Grimes, um sie bei Arabern zu entdecken. Arabische Männer sehen oft gut aus, aber nicht arabische Frauen. Wir können alle glauben, daß die Jungfrau Maria schön war; es wäre unnatürlich, anders zu denken; aber folgt daraus, daß es unsere Pflicht ist, die heutigen Frauen von Nazareth schön zu finden?

Ich zitiere gern aus Grimes, weil er so dramatisch ist. Und weil er so romantisch ist. Und weil er sich nur wenig darum zu kümmern scheint, ob er die Wahrheit sagt oder nicht, wenn er nur den Leser in Schrecken versetzt oder seinen Neid oder seine Bewunderung erregt.

Er zog durch dieses friedliche Land ständig mit einer Hand am Revolver und der anderen am Taschentuch. Immer, wenn er nicht gerade dabei war, an einer heiligen Stätte zu weinen, war er gerade dabei, einen Araber zu töten. Es widerfuhren ihm in Palästina mehr überraschende Dinge, als sie jemals einem Reisenden hier oder woanders widerfahren sind, seit Münchhausen starb.

Bei Bet Dschenn, wo ihn niemand gestört hatte, kroch er mitten in der Nacht aus seinem Zelt und schoß auf etwas, das er für einen in gewisser Entfernung auf einem Felsen liegenden Araber hielt, der Böses im Schilde führte. Die Kugel tötete einen Wolf. Er zeichnet ein dramatisches Bild von sich, kurz bevor er abfeuert — wie üblich um dem Leser einen Schrecken einzujagen:

War es Einbildung, oder sah ich tatsächlich einen beweglichen Gegenstand auf der Oberfläche des Felsens? Wenn es ein Mann war, warum knallte er mich jetzt nicht ab? Er hatte ein wunderbares Ziel, als ich mich in meinem schwarzen Burnus gegen das weiße Zelt abhob. Ich hatte die Empfindung, als durchbohrte mir eine Kugel den Hals, die Brust, den Kopf.

Leichtsinniges Geschöpf!

Als sie auf den See Genezareth zuritten, sahen sie zwei Beduinen, und »wir sahen nach unseren Pistolen und lockerten sie heimlich in den Schals« und so weiter. Immer kühl.

In Samaria stürmte er einen Hügel hinauf, einem Hagel von Steinen entgegen; er feuerte in die Menschenmenge, die sie warf. Er sagt:

Ich verpaßte nie eine Gelegenheit, den Arabern nachdrücklich die Vollkommenheit der amerikanischen und englischen Waffen vor Augen zu führen sowie die Gefahr, die ihrer harrte, falls sie irgendeinen der bewaffneten Franken angreifen sollten. Ich glaube, die Lehre jener Kugel war nicht vergeblich.

In Bet Dschenn sagte er der ganzen Bande seiner arabischen Maultiertreiber die Meinung, und dann:

Ich begnügte mich mit einer feierlichen Versicherung, daß ich, wenn noch ein Fall von Ungehorsam meinen Befehlen gegenüber vorkäme, den Verantwortlichen verprügeln würde, wie er es sich nie hätte träumen lassen, und wenn ich den Verantwortlichen nicht finden könnte, würde ich sie alle, vom ersten bis zum letzten Mann, auspeitschen, ob ein Statthalter da wäre, der das machte, oder ob ich es selbst tun müßte.

Absolut furchtlos, dieser Mann.

Er ritt den senkrecht abfallenden Felsenpfad von der Burg Banjas bis zum Eichenwäldchen in fliegendem Galopp hinunter, wobei sein Pferd bei jedem Satz »dreißig Fuß« zurücklegte. Ich bin bereit, dreißig zuverlässige Zeugen beizubringen, um zu beweisen, daß damit verglichen Putnams berühmte Tat bei Horseneck unbedeutend war.

Seht ihn an, wie er — immer theatralisch — Jerusalem erblickt, aus Versehen diesmal mit der Hand nicht an der Pistole.

Ich stand auf der Straße, die Hand am Hals meines Pferdes, und versuchte, mit meinen schwimmenden Augen die Umrisse der heiligen Stätten auszumachen, die ich meinem Geist seit langem eingeprägt hatte, aber die schnellfließenden Tränen hinderten mich daran. In unserem Geleit befanden sich unsere mohammedanischen Diener, ein römisch-katholischer Mönch, zwei Armenier und ein Jude, und alle starrten gleichermaßen mit überfließenden Augen hinüber.

Wenn katholische Mönche und Araber weinten, dann weiß ich todsicher, daß auch die Pferde weinten, und damit ist das Bild vollkommen.

Aber wenn es die Notwendigkeit erforderte, konnte er steinhart sein. Im Tal des Libanon bestahl ihn ein arabischer Jüngling — ein Christ; er bemerkt ausdrücklich, daß Mohammedaner nicht stehlen — um Pulver und Kugeln im Werte von schäbigen zehn Dollar. Er überführte ihn vor einem Scheich und schaute zu, während er mit der furchtbaren Bastonade bestraft wurde. Hören Sie sich ihn an:

Er (Musa) lag im Handumdrehen heulend, rufend, schreiend auf dem Rücken, aber er wurde zu der Piazza vor der Tür getragen, wo wir den Vorgang sehen konnten, und mit dem Gesicht nach unten gelegt. Ein Mann setzte sich ihm auf den Rücken und einer auf die Beine, wobei der letztere Musas Füße hochhielt, während ein dritter den bloßen Sohlen den Kurbasch aus Rhinozerosleder gab, der bei jedem Schlag durch die Luft pfiff. (Kurbasch ist arabisch für Rindsleder, wobei die Kuh ein Rhinozeros ist. Es ist die grausamste Peitsche, die man kennt. Sie ist schwer wie Blei und biegsam wie Gummi, gewöhnlich etwa vierzig Zoll lang, und verjüngt sich allmählich von einem Zoll Durchmesser bis zu einer Spitze, und sie versetzt einen Schlag, der für immer seine Spur hinterläßt. »Schiffsleben in Ägypten« von demselben Autor.) Der arme Moreright litt Qualen, und Nama und Nama die Zweite (Mutter und Schwester Musas) lagen bittend und jammernd auf den Gesichtern und umschlangen abwechselnd meine und Whitelys Knie, während die Luft draußen von den Schreien des Bruders gellte, lauter noch als die Musas. Selbst Jussuf kam und bat mich auf Knien, barmherzig zu sein, und schließlich flehte Betuni der Schurke hatte einen Futtersack in dem Hause verloren und war mit seinen Anklagen am Morgen der lauteste gewesen — den Chowadscha an, Mitleid mit dem Burschen zu haben.

Aber er nicht! Die Strafe wurde nach dem fünfzehnten Schlag »ausgesetzt«, um das Geständnis zu hören. Dann ritten Grimes und seine Gesellschaft davon und überließen die ganze christliche Familie ihrem Schicksal, mit einer Geldbuße und im übrigen so streng bestraft zu werden, wie es der mohammedanische Scheich für angemessen erachten sollte.

Als ich aufsaß, bat mich Jussuf noch einmal, einzuschreiten und Gnade walten zu lassen, aber ich schaute mir die dunklen Gesichter ringsum an, und ich konnte in meinem Herzen keinen Tropfen Mitleid für sie entdecken.

Er beschließt seine Darstellung mit einem übermütigen Ausbruch guter Laune, der sehr fein mit dem Jammer der Mutter und ihrer Kinder kontrastiert. Noch ein Absatz:

Dann neigte ich noch einmal das Haupt. Es ist keine Schande, in Palästina geweint zu haben. Ich habe geweint, als ich Jerusalem sah, ich habe geweint, als ich bei Sternenlicht in Bethlehem lag, ich habe an den gesegneten Ufern des Sees Genezareth geweint. Meine Hand am Zügel war nicht weniger fest, der Finger bebte nicht am Abzug meiner Pistole, die ich in der rechten Hand hielt, als ich am Ufer des blauen Sees entlangritt [weinend]. Mein Auge wurde durch diese Tränen nicht getrübt, und mein Herz in keiner Weise geschwächt. Möge derjenige, der über meine Rührung spotten will, das Buch an dieser Stelle schließen, denn er wird an meinen Reisen durch das Heilige Land wenig nach seinem Geschmack finden.

Er bohrte nie, ohne auf Wasser zu stoßen.

Ich bin mir dessen bewußt, daß das eine ziemlich umfangreiche Besprechung des Buches von Mr. Grimes ist. Aber es ist zweckmäßig und berechtigt, darüber zu sprechen, denn »Nomadenleben in Palästina« ist ein typisches Buch — der Vertreter einer Klasse von Palästinabüchern –, und eine Kritik darüber wird als Kritik über sie alle dienen. Und da ich es in seiner umfassenden Eigenschaft als typisches Buch behandele, habe ich mir erlaubt, sowohl dem Buch als auch dem Autor erfundene Namen zu geben Vielleicht ist es ohnehin geschmackvoller, das zu tun.

51

Einundfünfzigstes Kapitel

Nazareth ist kolossal interessant, weil dieses Städtchen wirkt, als stünde es noch genau wie damals, als Jesus es verließ, und man ertappt sich ständig dabei, daß man sich sagt: ›Der Knabe Jesus hat in diesem Torweg gestanden — hat in jener Straße gespielt — hat diese Steine mit seinen Händen berührt — ist über diese kreidigen Hügel getollt.‹ Wer immer dereinst einmal Jesu Kindheit sinnreich beschreiben mag, wird ein Buch verfassen, das bei alt und jung gleichermaßen lebhaftes Interesse finden wird. Ich schließe das daraus, daß wir bei uns für Nazareth eine größere Anteilnahme entdeckten, als irgend eine unserer Betrachtungen über Kapernaum und den See Genezareth hatte aufkommen lassen. Wenn man am See Genezareth stand, war es nicht möglich, sich mehr als eine verschwommene, entfernte Vorstellung von der majestätischen Persönlichkeit zu bilden, die auf den schaumgekrönten Wogen dahingeschritten war, als wäre es feste Erde, und die Toten berührt hatte, worauf diese aufstanden und sprachen. Ich lese jetzt mit neuem Interesse in meinen Notizen einige Stellen aus einer Ausgabe des apokryphischen Neuen Testaments aus dem Jahre 1621.

(Auszug) Christus wird von einer Braut geküßt, die Zauberer stumm gemacht haben, und heilt sie. Ein aussätziges Mädchen wird durch das Wasser geheilt, in dem der kleine Christus gewaschen worden ist, und wird die Dienerin Josephs und Marias. Der aussätzige Sohn eines Fürsten wird in gleicher Weise geheilt.

Ein junger Mann, der behext und in ein Maultier verwandelt worden war, wird wunderbarerweise geheilt, indem man den kindlichen Heiland auf seinen Rücken setzte, und wird mit dem Mädchen verheiratet, das vom Aussatz geheilt worden war. Woraufhin die Umstehenden Gott preisen.

Kapitel 16. Christus vergrößert oder verkleinert in wunderbarer Weise Zäune, Milcheimer, Siebe oder Kisten, die Joseph nicht ordentlich machte, da er nicht geschickt in seinem Tischlerhandwerk ist. Der König von Jerusalem gibt Joseph einen Thron in Auftrag. Joseph arbeitet zwei Jahre daran und macht ihn um zwei Spannen zu kurz. Da der König zornig auf ihn ist, tröstet Jesus ihn — weist ihn an, an der einen Seite des Throns zu ziehen, während er an der anderen zieht, und bringt ihn zu seiner richtigen Größe.

Kapitel 19. Jesus, der beschuldigt wird, einen Knaben vom Dach eines Hauses gestoßen zu haben, veranlaßt den toten Knaben in wunderbarer Weise zu reden und ihn freizusprechen; er holt Wasser für seine Mutter, zerbricht den Krug, sammelt das Wasser wunderbarerweise in seinem Mantel und bringt es nach Hause.

Zu einem Schulmeister geschickt, weigert er sich, seine Aufgaben vorzulesen, und da der Schulmeister ihn prügeln will, verdorrt diesem die Hand. Etwas weiter in diesem wunderlichen Band abgelehnter Evangelien findet sich eine Epistel des heiligen Klemens an die Korinther, die vor vierzehnoder fünfzehnhundert Jahren in den Kirchen verwendet und für echt gehalten worden ist. Darin kommt dieser Bericht über den sagenhaften Phönix vor:

1. Laßt uns jene wunderbare Art der Auferstehung betrachten, die man in den östlichen Ländern, das heißt in Arabien, sieht:

2. Dort lebt ein gewisser Vogel, der Phönix heißt. Von diesem gibt es stets nur einen, und der lebt fünfhundert Jahre. Und wenn die Zeit seiner Auflösung naht, daß er sterben muß, baut er sich ein Nest aus Weihrauch und Myrrhen und anderen Gewürzen, in das er sich begibt, wenn seine Zeit erfüllt ist, und stirbt.

3. Aber sein verwesendes Fleisch bringt einen gewissen Wurm hervor, der, vom Saft des toten Vogels genährt, Federn bekommt; und wenn er vollkommen ausgewachsen ist, nimmt er das Nest, in dem die Gebeine seines toten Vaters liegen, und trägt es von Arabien nach Ägypten in eine Stadt namens Heliopolis.

4. Und er fliegt am hellen Tag vor aller Menschen Augen, legt sie auf den Altar der Sonne und kehrt dann zurück, woher er gekommen.

5. Die Priester suchen dann in den Aufzeichnungen der Zeit und stellen fest, daß er genau nach fünfhundert Jahren wiedergekommen ist.

Geschäft ist Geschäft, und es geht nichts über Pünktlichkeit, besonders bei einem Phönix.

Die wenigen Kapitel, die sich auf die Kindheit des Erlösers beziehen, enthalten viele Dinge, die frivol und nicht der Bewahrung wert erscheinen. Ein großer Teil der übrigen Abschnitte des Buches liest sich jedoch wie guter Bibeltext. Da gibt es einen Vers, der nicht hätte zurückgewiesen werden sollen, weil er sich so offensichtlich in prophetischer Weise auf die übliche Art von Kongressen der Vereinigten Staaten bezieht:

199. Sie spielen sich groß auf und als kluge Männer; und sind sie gleich Narren, so möchten sie doch Lehrer scheinen.

Ich habe diese Auszüge so wiedergegeben, wie ich sie fand. Überall in den Kirchen Frankreichs und Italiens findet man Überlieferungen von Persönlichkeiten, die nicht in der Bibel vorkommen, und von Wundern, die nicht auf ihren Seiten erwähnt werden. Aber sie sind alle in diesen Apokryphen enthalten, und obwohl diese aus unserer modernen Bibel ausgesondert sind, wird behauptet, sie seien vor zwölf- oder fünfzehnhundert Jahren genauso als Evangelium anerkannt gewesen und hätten ebenso viel gegolten wie die anderen. Dieses Buch muß man gelesen haben, bevor man jene ehrwürdigen Kathedralen mit ihren Schätzen verbotener und vergessener Überlieferungen besucht.

Man bürdete uns in Nazareth einen weiteren Piraten auf einen weiteren unbesiegbaren arabischen Wächter. Wir warfen einen letzten Blick auf die Stadt, die sich wie ein getünchtes Wespennest an den Berg hängte, und brachen um acht Uhr morgens auf. Wir saßen ab und führten die Pferde einen Reitpfad hinab, von dem ich glaube, daß er genauso krumm war wie ein Korkenzieher, von dem ich weiß, daß er so steil war wie der abfallende Teil eines Regenbogens, und von dem ich annehme, daß er das schlimmste Stück Weg in der ganzen Geographie ist, mit Ausnahme eines anderen auf den Sandwich-Inseln, an den ich mich mit Schmerzen erinnere, und möglicherweise ein oder zweier Bergpfade in der Sierra Nevada. Oft mußte sich das Pferd auf diesem engen Pfad sorgfältig auf einer rohen Steinstufe im Gleichgewicht halten, um dann die Vorderbeine über ihren Rand hinweg um etwas mehr als die Hälfte seiner eigenen Höhe hinabfallen zu lassen. Dadurch kam es mit der Nase in die Nähe des Bodens, während der Schwanz irgendwo in den Himmel wies, und verlieh ihm das Aussehen, als bereite es sich vor, auf dem Kopf zu stehen. Ein Pferd kann in dieser Stellung nicht würdig aussehen. Wir schafften schließlich den langen Abstieg und trabten über die große Ebene von Esdrelom.

Einige von uns werden erschossen sein, bevor wir diese Wallfahrt beenden. Die Pilger lesen »Nomadenleben« und halten sich ständig in einem Zustand donquichottischen Heldenmuts. Sie haben dauernd die Hand an der Pistole, und hin und wieder, wenn man es am wenigsten erwartet, reißen sie diese heraus und zielen auf unsichtbare Beduinen oder ziehen die Messer und richten wilde Ausfälle gegen weitere Beduinen, die nicht existieren. Ich schwebe ständig in Lebensgefahr, denn diese Anfälle treten plötzlich und unregelmäßig auf, und natürlich kann ich nicht wissen, wann ich aus dem Wege gehen muß. Wenn ich bei einer dieser romantischen Rasereien der Pilger einmal versehentlich ermordet werde, muß Mr. Grimes als Anstifter streng zur Verantwortung gezogen werden. Wenn die Pilger wohlüberlegt zielen und auf einen Mann schießen wollten, wäre das richtig und in Ordnung — denn dieser Mann befände sich überhaupt nicht in Gefahr; aber diese ziellosen Angriffe sind es, wogegen ich etwas habe. Ich möchte eine Gegend wie Esdrelom nicht mehr sehen, wo der Boden eben ist und die Leute galoppieren können. Es setzt den Pilgern melodramatischen Unsinn in den Kopf. Ganz plötzlich, wenn man stumpfsinnig in der Sonne dahintrottet und über irgend etwas unendlich Fernliegendes nachdenkt, kommen sie in brausendem Galopp daher, spornen und feuern diese knochigen, alten, wunden Mähren an, bis sie die Hufe höher werfen als die Köpfe, und während sie vorbeisausen, kommt ein Revolver wie eine kleine Kartoffelschleuder heraus, es gibt einen überraschenden kleinen Puff, und ein kleines Kügelchen singt durch die Luft. Da ich diese Wallfahrt nun einmal angefangen habe, will ich sie durchstehen, wenn mich bisher auch nur, um die Wahrheit zu sagen, die verzweifeltste Tapferkeit hat zu meinem Vorsatz stehen lassen. Beduinen kümmern mich nicht ich habe keine Angst vor ihnen; denn weder Beduinen noch gewöhnliche Araber haben irgendeine Neigung gezeigt, uns etwas anzutun, aber vor meinen eigenen Gefährten fürchte ich mich wirklich.

Als wir am äußersten Rand der Ebene ankamen, ritten wir ein kleines Stück einen Berg hinauf und befanden uns in Endor, berühmt wegen seiner Hexe. Ihre Abkömmlinge sind noch dort. Sie stellten die abenteuerlichste Horde halbnackter Wilder dar, die wir bis dahin getroffen hatten. Sie schwärmten aus lehmgefertigten Bienenstöcken herbei; aus Hütten nach dem Schuhkartonmodell; aus Höhlen, die unter schrägen Felsen klafften; aus Spalten in der Erde. In fünf Minuten war es aus mit der totengleichen Einsamkeit und Stille, und eine bettelnde, kreischende und schreiende Menge umdrängte die Beine der Pferde und versperrte uns den Weg. »Bakschisch! Bakschisch! Bakschisch! Chowadscha, Bakschisch!« Ein anderes Magdala, nur war hier der Blick der Ungläubigen wild und haßerfüllt. Die Bevölkerung zählt zweihundertfünfzig Köpfe, und mehr als die Hälfte der Bürger lebt in Höhlen im Felsen. Schmutz, Erniedrigung und Barbarei sind Endors Spezialitäten. Wir sagen jetzt nichts mehr über Magdala und Deburie. Endor führt die Liste an. Es ist schlimmer als jedes Indianerdorf. Der Berg ist kahl, felsig und abstoßend. Kein Grashalm ist zu sehen und nur ein einziger Baum. Das ist ein Feigenbaum, der zwischen den Felsen an der Öffnung der schaurigen Höhle, die einst von der wirklichen Hexe von Endor bewohnt wurde, seinen unsicheren Stand bewahrt. In dieser Höhle, so sagt die Überlieferung, saß König Saul um Mitternacht und starrte und bebte, während die Erde erschütterte, der Donner in den Bergen krachte und sich mitten aus Feuer und Rauch der Geist des toten Propheten erhob und ihm entgegentrat. Saul war in der Dunkelheit, während seine Armee schlief, an diesen Ort geschlichen, um zu erfahren, welches Schicksal ihn in der Schlacht des nächsten Tages erwartete. Er ging als geschlagener Mann davon, dem Unglück und dem Tod entgegen.

Eine Quelle tröpfelt in den düsteren Winkeln der Höhle aus dem Felsen, und wir waren durstig. Die Bürger von Endor erhoben Einspruch dagegen, daß wir dort hineingingen. Sie haben nichts gegen Schmutz; sie haben nichts gegen Lumpen; sie haben nichts gegen Ungeziefer; sie haben nichts gegen barbarische Unwissenheit und Wildheit; sie haben nichts gegen ein vernünftiges Maß von Hunger, aber auf jeden Fall wollen sie rein und heilig vor ihrem Gott stehen, wer das auch immer sein mag, und daher erschauern sie und werden fast bleich bei der Vorstellung, christliche Lippen könnten eine Quelle besudeln, deren Wasser ihre geheiligten Gurgeln hinabrinnen soll. Wir hegten nicht einmal den Wunsch, ihre Gefühle mutwillig zu verletzen oder auf ihren Vorurteilen herumzutrampeln, aber wir hatten so früh am Tag kein Wasser mehr und glühten vor Durst. Bei dieser Gelegenheit und unter diesen Umständen geschah es, daß ich einen Aphorismus formulierte, der bereits berühmt geworden ist. Ich sagte: »Not kennt kein Gebot.« Wir gingen hinein und tranken.

Wir kamen endlich von den lärmenden Schuften los und ließen sie, als wir über die Berge zogen, gruppen- und paarweise zurück — die Alten zuerst, dann die Kinder, später die jungen Mädchen; die starken Männer liefen eine Meile weit neben uns her und ließen erst ab, als sie sich den letztmöglichen Piaster in Form von Bakschischen verschafft hatten.

Nach einer Stunde erreichten wir Nain, wo Christus den Sohn der Witwe wieder zum Leben erweckt hatte. Nain ist ein Magdala im kleinen Maßstab. Es weist keine nenneswerte Bevölkerung auf. Hundert Ellen davon entfernt liegt, soviel ich weiß, der ursprüngliche Friedhof; die Grabsteine liegen flach auf der Erde, wie es jüdischer Brauch in Syrien ist. Ich glaube, die Moslems erlauben ihnen keine aufrechtstehenden Grabsteine. Ein moslemisches Grab ist gewöhnlich grob verputzt und übertüncht und weist an einem Ende einen aufragenden Vorsprung auf, der entsprechend einem überaus rohen Versuch zur Ausschmückung geformt ist. In den Städten ist oft überhaupt keine Ähnlichkeit mit einem Grab vorhanden; ein hoher, schlanker, marmorner Grabstein, sorgfältig beschriftet, vergoldet und bemalt, bezeichnet den Begräbnisplatz, und dieses Gebilde wird von einem Turban überragt, der so bearbeitet und geformt ist, daß er den Rang anzeigt, den der Tote zu Lebzeiten innehatte.

Man zeigte uns ein Stück einer alten Mauer, die eine Seite des Tores gebildet haben soll, aus dem vor vielen Jahrhunderten der tote Sohn der Witwe herausgebracht wurde, als Jesus der Prozession begegnete:

Als er aber nahe an das Stadttor kam, siehe, da trug man einen Toten heraus, der ein einziger Sohn war seiner Mutter, und sie war eine Witwe; und viel Volks aus der Stadt ging mit ihr.

Und da sie der Herr sah, jammerte ihn derselben, und er sprach zu ihr: Weine nicht!

Und trat hinzu und rührte den Sarg an; und die Träger standen. Und er sprach: Jüngling, ich sage dir, stehe auf!

Und der Tote richtete sich auf und fing an zu reden; und er gab ihn seiner Mutter.

Und es kam sie alle eine Furcht an, und sie priesen Gott und sprachen: Es ist ein großer Prophet unter uns aufgestanden und Gott hat sein Volk heimgesucht.

Eine kleine Moschee steht an der Stelle, wo nach der Überlieferung die Wohnung der Witwe stand. Zwei oder drei bejahrte Araber saßen an ihrem Tor herum. Wir traten ein, und die Pilger brachen sich Andenken von den Grundmauern ab, obwohl sie die »Gebetsteppiche« berühren und sogar darauf treten mußten, um das zu tun. Es war fast so, als bräche man Stücke aus den Herzen dieser alten Araber. Rücksichtslos mit Stiefeln an den Füßen auf die geheiligten Gebetsmatten zu treten — etwas, was kein Araber tut — bedeutete, Männern, die uns in keiner Weise beleidigt hatten, weh zu tun. Man stelle sich vor, eine Gesellschaft bewaffneter Ausländer würde eine Dorfkirche in Amerika betreten und als Andenken Verzierungen von den Altargittern abbrechen und hinaufklettern und auf der Bibel und den Kanzelkissen umherlaufen? Jedoch die Fälle liegen verschieden. Das eine ist die Entweihung eines Tempels unseres Glaubens — das andere nur die Entweihung eines heidnischen.

Wir stiegen wieder in die Ebene hinab und hielten einen Augenblick an einem Brunnen — ohne Zweifel aus Abrahams Zeit. Er befand sich in einem verlassenen Ort. Bis drei Fuß über dem Erdboden war er nach Art der Bibelillustrationen mit viereckig zugehauenen, schweren Steinblöcken ummauert. Um ihn herum standen einige Kamele, und andere knieten. Es war auch eine Gruppe nüchterner, kleiner Esel da, und nackte, dunkle Kinder kletterten an ihnen herum oder saßen rittlings auf ihnen oder zogen sie am Schwanz. Gelbbraune, schwarzäugige, barfüßige Mädchen, in Lumpen gekleidet und mit eisernen Armringen und Talmiohrringen geschmückt, balancierten Wasserkrüge auf dem Kopf oder schöpften Wasser aus dem Brunnen. Eine Herde Schafe stand dabei und wartete darauf, daß die Hirten die ausgehöhlten Steine mit Wasser füllten, damit sie trinken könnten — Steine, welche wie die des Brunnens glattgerieben und tief ausgehöhlt waren, da Hunderte von Generationen durstiger Tiere mit dem Kinn über sie weggeschabt hatten. Malerische Araber saßen in Gruppen auf der Erde herum und rauchten feierlich ihre langstieligen Tschibuks. Andere Araber füllten schwarze Schweinshäute mit Wasser — wenn diese Häute ganz gefüllt und vom Wasser ausgedehnt waren, bis die kurzen Beine peinlich aus der richtigen Richtung standen, sahen sie wie die Leichen vom Ertrinken aufgetriebener Schweine aus. Hier bot sich ein großartiges orientalisches Bild, das ich tausendmal auf zarten, prächtigen Stahlstichen angebetet hatte! Aber auf dem Stich gab es keine Einöde; keinen Schmutz; keine Lumpen; keine Flöhe; keine häßlichen Gesichter; keine entzündeten Augen; keine schmausenden Fliegen; keine schwachsinnige Unwissenheit in den Mienen; keine DruckstelIen auf den Rücken der Esel; kein unangenehmes Plappern in unbekannten Zungen; keinen Kamelgestank; keine Andeutung davon, daß ein paar Tonnen Pulver, der Bande untergeschoben und angesteckt, die Wirkung erhöhen und die Szene wirklich interessant machen und ihr einen Zauber verleihen würden, dessen man sich immer gern erinnern dürfte, auch wenn man tausend Jahre lebte.

Orientalische Szenen sehen am besten auf Stahlstichen aus. Mich kann man nicht mehr mit dem Bild betrügen, auf dem die Königin von Saba Salomo besucht. Ich werde mir sagen: ›Ihr seht gut aus, Madam, aber Eure Füße sind nicht sauber, und Ihr riecht wie ein Kamel.‹

Plötzlich erkannte ein wilder Araber, der einen Kamelzug beaufsichtigte, in Ferguson einen alten Freund, und sie liefen aufeinander zu und fielen sich gegenseitig um den Hals und küßten einander auf beide Wangen ihrer schmutzigen, bärtigen Gesichter. Das erklärte mir sofort etwas, das mir immer nur als weit hergeholte orientalische Redensart vorgekommen war. Ich beziehe mich auf den Umstand, daß Christus einen Pharisäer oder irgend so einen Charakter getadelt und daran erinnert hatte, daß er von ihm noch keinen »Willkommenskuß« bekommen habe. Es kam mir unvernünftig vor, daß Männer einander küssen, aber ich stelle jetzt fest, daß sie es taten. Das hatte auch seinen Grund. Der Brauch war natürlich und schicklich; denn die Menschen müssen küssen, und ein Mann würde wahrscheinlich keine der Frauen seines Landes aus freiem Willen und Antrieb küssen. Man muß reisen, um zu lernen. Täglich nehmen jetzt alte Bibelsätze einen Sinn an, die für mich vorher nie eine Bedeutung besessen hatten. Wir zogen um den Fuß des Berges herum — des Kleinen Hermon, an der alten Kreuzfahrerburg Fule vorbei, und erreichten Sunem. Das war bis auf das I-Tüpfelchen ein zweites Magdala, mit Fresken und allem. Hier, so sagt die Überlieferung, wurde der Prophet Samuel geboren, und hier baute die Sunamitin auf der Stadtmauer ein kleines Haus, um den Propheten Elisa unterzubringen. Elisa fragte sie, was sie dafür erwarte. Es war eine vollkommen natürliche Frage, denn diese Leute haben und hatten die Gewohnheit, Dienste und Gefälligkeiten anzubieten und dann Bezahlung zu erwarten und zu erbitten. Elisa kannte sie gut. Er konnte es nicht begreifen, daß jemand diese bescheidene kleine Kammer für ihn baute, nur um alter Freundschaft willen und ohne irgendein selbstsüchtiges Motiv. Die Frage, die Elisa dem Weibe stellte, war mir immer sehr unhöflich, um nicht zu sagen roh, vorgekommen, aber das scheint mir jetzt nicht mehr so. Das Weib sagte, sie erwarte nichts. Darauf beglückte er ihr Herz um ihrer Güte und Selbstlosigkeit willen mit der Nachricht, sie würde einen Sohn gebären. Es war eine hohe Belohnung — aber für eine Tochter hätte sie ihm nicht gedankt; Töchter sind hier schon immer unbeliebt gewesen. Der Sohn wurde geboren, wuchs, erstarkte, starb. Elisa erweckte ihn in Sunem wieder zum Leben.

Wir fanden hier ein Wäldchen von Zitronenbäumen — kühl, schattig, mit Früchten behangen. Man ist geneigt, Schönheit zu überschätzen, wenn sie selten ist, aber mir erschien dieses Wäldchen sehr schön. Es war schön. Ich überschätzte es nicht. Ich werde mich immer dankbar an Sunem als einen Ort erinnern, der uns nach einem langen, heißen Ritt den Schutz dieses Blätterdaches gewährte. Eine Stunde lang aßen, ruhten, plauderten wir und rauchten unsere Pfeifen; dann saßen wir auf und ritten weiter.

Während wir über die Ebene Jesreel trabten, begegneten wir einem halben Dutzend Digger-Indianer (Beduinen) mit sehr langen Speeren in den Händen, die auf alten Vogelscheuchen von Pferden umhersprengten und imaginäre Feinde durchbohrten; sie brüllten, ließen ihre Lumpen im Winde flattern und benahmen sich in jeder Hinsicht wie eine Horde hoffnungsloser Irrer. Endlich, hier waren die »wilden, freien Söhne der Wüste, die wie der Wind auf ihren schönen arabischen Stuten über die Ebene jagen«, über die wir so viel gelesen und die zu sehen wir uns so sehr gesehnt hatten! Hier waren die »malerischen Trachten«! Das war das »kriegerische Schauspiel«! Vagabundierende Lumpenkerle — billige Prahlhänse — »arabische Stuten« mit Rückgrat und Hals wie die Ichthyosaurier im Museum und mit Buckeln und Ecken wie Dromedare! Den echten Sohn der Wüste sehen heißt, ihn für immer der Romantik zu entkleiden — sein Roß sehen heißt, voll Mitleid danach zu verlangen, ihm das Geschirr abzunehmen und es auseinanderfallen zu lassen.

Bald gelangten wir zu einer verfallenen alten Stadt auf einem Berg, dem alten Jesreel.

Ahab, König von Samaria (das war für die damalige Zeit ein sehr großes Königreich, beinahe halb so groß wie Rhode Island), wohnte in der Stadt Jesreel, die seine Hauptstadt war. In seiner Nähe wohnte ein Mann namens Naboth, der einen Weinberg besaß. Um diesen bat ihn der König, und als er ihn nicht hergeben wollte, erbot sich Ahab, ihn zu kaufen. Aber Naboth weigerte sich, ihn zu verkaufen. Damals wurde es als eine Art Verbrechen betrachtet, sich um irgend einen Preis von seinem Erbe zu trennen — und selbst wenn ein Mann sich davon trennte, fiel es im nächsten Jubeljahr wieder an ihn oder seine Kinder zurück. Also ging dieses verzogene Kind von einem König hin und legte sich mit dem Gesicht zur Wand auf das Bett und grämte sich sehr. Die Königin, in jenen Tagen eine berüchtigte Persönlichkeit, deren Namen selbst noch in unseren Tagen in tadelndem Sinne sprichwörtlich ist, kam herein und fragte ihn, worüber er sich gräme, und er sagte es ihr. Isebel sagte, sie könne den Weinberg beschaffen; und sie ging hin und fälschte auf den Namen des Königs Briefe an die Edlen und Weisen und befahl ihnen, eine Fastenzeit auszurufen und Naboth im Volke obenan zu setzen und zwei Zeugen dazu zu verleiten, daß sie schwörten, er hätte gelästert. Sie taten es, und die Leute steinigten den Beschuldigten an der Stadtmauer, und er starb. Da kam Isebel und berichtete dem König und sagte: »Siehe, Naboth ist nicht mehr — stehe auf und nimm den Weinberg.« Also nahm Ahab den Weinberg und ging hinein, um ihn in Besitz zu nehmen. Aber der Prophet Elia trat dort zu ihm und sagte ihm sein Schicksal voraus und das Schicksal der Isebel; und er sagte, an der Stelle, wo die Hunde das Blut des Naboth aufgeleckt hätten, würden Hunde auch sein Blut auflecken und er sagte auch, an der Mauer Jesreels würden die Hunde Isebel auffressen. Im Laufe der Zeit wurde der König in einer Schlacht getötet, und als die Räder seines Streitwagens im Teich von Samaria gewaschen wurden, leckten die Hunde das Blut auf. In späteren Jahren zog Jehu, der König von Israel war, auf Befehl eines der Propheten gegen Jesreel und erteilte eine jener überzeugenden Zurechtweisungen, die unter den Menschen jener Zeit so alltäglich waren: er tötete viele Könige und deren Untertanen; und als er daherkam, sah er !sebel geschminkt und schön gekleidet aus einem Fenster schauen, und er befahl, sie zu ihm hinabzustürzen. Ein Diener tat das, und Jehus Pferd zertrampelte sie unter seinen Hufen. Dann ging Jehu hinein und setzte sich zu Tisch, und dann sagte er: »Geht und begrabt diese Verfluchte, denn sie ist eines Königs Tochter.« Der Geist der Milde überkam ihn jedoch zu spät, denn die Prophezeiung war bereits erfüllt die Hunde hatten sie aufgefressen, und sie »fanden nichts von ihr denn den Schädel und die Füße und ihre flachen Hände«.

Ahab, der verstorbene König, hatte eine hilflose Familie hinterlassen, und Jehu tötete siebzig der verwaisten Söhne. Dann tötete er alle Verwandten und Lehrer und Diener und Freunde der Familie und ruhte sich von der Anstrengung aus, bis er in die Nähe von Samaria gelangte, wo er zweiundvierzig Personen traf und sie fragte, wer sie wären; sie sagten, sie wären Brüder des Königs von Juda. Er tötete sie. Als er nach Samaria kam, sagte er, er wolle seinen Eifer um den Herrn beweisen; also versammelte er alle Priester und Menschen, die Baal verehrten, unter dem Vorwand, daß er diesen Glauben annehmen und ein großes Opfer darbringen wolle; und als sie alle eingeschlossen waren, wo sie sich nicht verteidigen konnten, ließ er jeden einzelnen Menschen töten.

Dann ruhte sich Jehu, der gute Missionar, erneut von der Anstrengung aus.

Wir kehrten in das Tal zurück und ritten zu der Quelle Ain Dschalud. Man nennt sie gewöhnlich Quelle von Jesreel. Es ist ein etwa hundert Quadratfuß großer und vier Fuß tiefer Teich, in den von einem überhängenden Felsenriff herab ein Wasserrinnsal hinein tröpfelt. Er liegt inmitten einer großen Ödnis. Hier hatte Gideon in alten Zeiten sein Lager aufgeschlagen; hinter Sunem lagen »die Midianiter, die Amelekiter und die aus dem Morgenland«, die waren »wie eine Menge Heuschrecken; und ihre Kamele waren nicht zu zählen vor der Menge wie der Sand am Ufer des Meeres«. Was heißen soll, daß sie hundertfünfunddreißigtausend Mann waren und daß sie entsprechende Transportmittel hatten.

Gideon überraschte sie in der Nacht mit nur dreihundert Mann und stand dabei und schaute zu, wie sie einander abschlachteten, bis hundertzwanzigtausend tot auf dem Felde lagen.

Wir lagerten vor Abend in Dschenin, standen um ein Uhr morgens wieder auf und zogen weiter. Irgendwann um Tagesanbruch kamen wir an dem Ort vorbei, an den die begründetste Überlieferung die Grube verlegt, in die Joseph von seinen Brüdern geworfen wurde, und um Mittag, nachdem wir über eine Kette mit Feigenwäldchen und Ölbäumen bestandener Bergkuppen gestiegen waren, wobei wir in etwa vierzig Meilen Entfernung das Mittelmeer sehen konnten, und an vielen alten, biblischen Städten vorbeigezogen waren, deren Bewohner unsere christliche Prozession wild und drohend anstarrten und anscheinend geneigt waren, sich an ihr im Steinwurf zu üben, gelangten wir an die eigentümlich terrassierten und reizlosen Hügel, die verrieten, daß wir endlich aus Galiläa heraus und nach Samaria gekommen waren.

Wir erstiegen einen hohen Hügel, um die Stadt Samaria zu besuchen, aus der die Frau gestammt haben mag, die bei Jakobs Brunnen mit Christus gesprochen hatte, und aus der zweifellos auch der berühmte barmherzige Samariter gekommen war. Herodes der Große soll aus diesem Ort eine prächtige Stadt gemacht haben, und eine große Anzahl plumper Kalksteinsäulen, zwanzig Fuß hoch und zwei Fuß im Durchmesser, die in Form und Ornamentik fast jeglicher architektonischen Anmut entbehren, wird von vielen Autoren als Beweis für diese Tatsache angeführt. Sie hätten im alten Griechenland jedoch nicht als schön gegolten.

Die Bewohner dieses Lagers sind besonders niederträchtig und haben vor einem oder zwei Tagen zwei Gruppen unserer Pilger mit Steinen angegriffen. Diese hatten die schwierige Situation heraufbeschworen, indem sie ihre Revolver zeigten, ohne die Absicht zu haben, sie zu gebrauchen — eine Sache, die im Fernen Westen für unvernünftig gehalten wird und sicherlich überall so betrachtet werden sollte. Wenn in den neuen Territorien jemand die Hand an eine Waffe legt, weiß er, daß er sie gebrauchen muß; er muß sie sofort benutzen oder damit rechnen, niedergeschossen zu werden, wo er gerade steht. Jene Pilger hatten Grimes gelesen.

Es gab in Samaria für uns nichts weiter zu tun, als Hände voll alter römischer Münzen zu einem Franc das Dutzend zu kaufen und eine verfallene Kirche der Kreuzfahrer und eine Gruft darin zu betrachten, die einst die Leiche Johannes des Täufers enthalten hatte. Diese Relique ist vor langer Zeit nach Genua geschafft worden.

Samaria hat einst in den Tagen Elisas eine verheerende Belagerung seitens des Königs von Syrien durchgemacht. Lebensmittel erreichten einen solchen Preis, daß »ein Eselskopf achtzig Silberlinge und ein Viertelkab Taubenmist fünf Silberlinge galt«.

Ein Vorfall, der aus jener schweren Zeit aufgezeichnet ist, vermittelt eine sehr gute Vorstellung von der Not, die in diesen verfallenden Mauern herrschte. Als der König eines Tages auf den Mauern dahinschritt, »schrie ihn ein Weib an und sprach: Hilf mir, mein Herr König! Er sprach: Was ist dir? und sie sprach: Dies Weib sprach zu mir: Gib deinen Sohn her, daß wir heute essen; morgen wollen wir meinen Sohn essen. So haben wir meinen Sohn gekocht und gegessen. Und ich sprach zu ihr am anderen Tage: Gib deinen Sohn her und laß uns essen! Aber sie hat ihren Sohn versteckt.« Der Prophet Elisa erklärte, daß innerhalb von vierundzwanzig Stunden die Preise für Lebensmittel auf beinahe Null fallen würden, und so war es. Die syrische Armee hob aus irgendeinem Grund ihr Lager auf und floh, der Hungersnot wurde von außerhalb abgeholfen, und mancher neureiche Spekulant in Taubendung und Eselfleisch war ruiniert.

Wir waren froh, als wir dieses heiße und staubige alte Dorf verließen und weitereilten. Um zwei Uhr hielten wir im alten Sichern, um zu essen und zu rasten, zwischen den historischen Bergen Garizim und Ebal, von deren Höhen herab in den alten Zeiten die Gesetzesbücher, Fluch und Segen den untenstehenden jüdischen Menschenmassen vorgelesen worden waren.

52

Zweiundfünfzigstes Kapitel

Die enge Schlucht, in der Nablus oder Sichern gelegen ist, wird intensiv bebaut, und der Boden ist überaus schwarz und fruchtbar. Sie ist gut bewässert, und die Wirkung ihrer üppigen Vegetation wird durch den Gegensatz zu den unfruchtbaren Bergen verstärkt, die auf beiden Seiten emporragen. Einer dieser Berge ist der alte Berg des Segens und der andere der Berg des Fluches; und weise Männer, die nach erfüllten Prophezeiungen suchen, glauben, daß sie hier ein Wunder dieser Art vorfänden — nämlich, der Berg des Segens wäre merkwürdig fruchtbar und sein Partner ebenso merkwürdig unfruchtbar. Wir konnten jedoch nicht feststellen, daß in dieser Hinsicht wirklich ein großer Unterschied besteht.

Sichern zeichnet sich als einer der Wohnsitze des Erzvaters Jakob und als Wohnsitz jener Stämme aus, die sich von ihren Brüdern Israel gelöst und Lehren verbreitet haben, die nicht mit denen des ursprünglichen jüdischen Glaubens übereinstimmten. Seit Jahrtausenden hat dieser Stamm unter strengem Tabu in Sichern gelebt und wenig Handel oder Umgang mit ihren Mitmenschen irgendeiner anderen Religion oder Nationalität unterhalten. Generationen hindurch zählte er nicht mehr als ein- oder zweihundert Menschen, aber sie hängen noch immer ihrem alten Glauben an und bewahren ihre alten Riten und Zeremonien. Redet nur von Familie und alter Abstammung! Fürsten und Adlige brüsten sich mit Stammbäumen, die sie ein paar hundert Jahre zurückverfolgen können. Was ist diese Kleinigkeit im Vergleich zu der Handvoll erster Familien aus Sichern, die ihre Väter Tausende von Jahren zurück lückenlos nennen können — in gerader Linie bis zu einem so weit zurückliegenden Zeitalter, daß Leute, die in einem Lande aufgewachsen sind, wo die Tage vor zweihundert Jahren »alte« Zeiten genannt werden, betäubt und verwirrt werden, wenn sie das zu begreifen versuchen! Hier habt ihr Achtbarkeit — hier ist »Familie« — hier ist hohe Abkunft, die der Rede wert ist. Dieser traurige, stolze Rest einer einst mächtigen Gemeinschaft hält sich noch immer abseits von aller Welt; sie leben noch immer, wie ihre Väter lebten, arbeiten, wie ihre Väter arbeiteten, denken wie jene, fühlen wie jene, beten an derselben Stelle, vor denselben Wahrzeichen und in der gleichen wunderlichen, patriarchalischen Weise wie ihre Vorfahren vor mehr als dreißig Jahrhunderten. Ich ertappte mich dabei, daß ich jeden weitläufigen Abkömmling dieses seltsamen Volkes gefesselt und bezaubert anstarrte, gerade wie man ein lebendes Mastodon oder ein Megatherium anstarren würde, das sich in der grauen Morgendämmerung der Schöpfung bewegte und die Wunder jener geheimnisvollen Welt sah, die vor der Sintflut war.

Sorgfältig aufbewahrt in den geheiligten Archiven dieser seltsamen Gemeinschaft befindet sich ein Manuskript des alten jüdischen Gesetzes, welches das älteste Dokument der Erde sein soll. Es ist auf Pergament geschrieben und etwa vier- oder fünftausend Jahre alt. Nur ein Bakschisch kann einen Blick darauf erkaufen. Der Ruf des Schriftstücks ist in letzter Zeit etwas durch die Zweifel getrübt, die so viele Autoren palästinensischer Reisebücher darüber zu äußern sich berufen fühlten. Von diesem Manuskript zu sprechen erinnert mich dar an, daß ich mir von dem Hohenpriester dieser alten samaritischen Gemeinschaft unter großen Kosten ein geheimes Dokument von noch höherem Alter und weit außerordentlicherem Interesse verschafft habe, das ich zu veröffentlichen gedenke, sobald ich damit fertig bin, es zu übersetzen.

In Sichern tat Josua den Kindern Israel seinen Letzten Willen kund und vergrub dort etwa um die gleiche Zeit heimlich einen wertvollen Schatz unter einer Eiche. Die abergläubischen Samariter haben sich von jeher gefürchtet, nach ihm zu suchen. Sie glauben, er würde von wilden Geistern bewacht, die für Menschen unsichtbar sind.

Etwa anderthalb Meilen von Sichern entfernt hielten wir am Fuß des Berges Ebal vor einem kleinen viereckigen Grundstück, das von einer hohen, sauber getünchten Steinmauer eingefaßt wird. Quer an einer Seite dieses Geheges steht ein Grabmal, das nach Art der Moslems gebaut ist. Es ist das Grab Josephs. Keine Wahrheit ist besser verbürgt als diese.

Als Joseph im Sterben lag, sagte er jenen Auszug der Israeliten aus Ägypten voraus, der vierhundert Jahre später erfolgte. Gleichzeitig verlangte er seinen Leuten einen Eid ab, daß sie seine Gebeine mitnehmen und sie in dem alten Erbteil seiner Väter beisetzen würden, wenn sie zum Lande Kanaan zögen. Der Eid wurde gehalten.

»Die Gebeine Josephs, welche die Kinder Israel hatten aus Ägypten gebracht, begruben sie zu Sichern in dem Stück Feld, das Jakob kaufte von den Kindern Hamors, des Vaters Sichems, um hundert Groschen.«

Wenige Gräber auf Erden verlangen so vielen Rassen und Menschen verschiedener Glaubensrichtungen Verehrung ab wie das Josephs. »Samariter und Jude, Moslem und Christ gleichermaßen bezeigen ihm ihre Ehrfurcht und erweisen ihm mit ihren Besuchen Ehre. Das Grab Josephs, des pflichtbewußten Sohnes, des liebenden, verzeihenden Bruders, des tugendhaften Mannes, des weisen Fürsten und Herrschers. Ägypten fühlte seinen Einfluß — die Welt kennt seine Geschichte.«

Auf diesem seI ben »Stück Feld«, das Jakob von den Söhnen des Hamor um hundert Groschen kaufte, liegt Jakobs berühmter Brunnen. Er ist in den massiven Felsen gehauen und mißt neun Fuß im Quadrat und dreißig Meter Tiefe. Der Name dieses anspruchslosen Loches in der Erde, an dem man vorbeigehen könnte, ohne es zu bemerken, ist selbst den Kindern und Bauern manches weitentfernten Landes so vertraut wie ein Alltagswort. Es ist berühmter als der Parthenon, es ist älter als die Pyramiden.

An diesem Brunnen saß Jesus und redete mit einer Frau aus jener seltsamen, veralteten samaritischen Gemeinschaft, von der ich sprach, und erzählte ihr von dem geheimnisvollen Wasser des Lebens. Wie die Nachkommen alter englischer Adliger in der Geschichte ihrer Häuser noch immer sich der Kunde rühmen, daß vor dreihundert Jahren dieser oder jener König bei irgendwelchen begünstigten Vorfahren einen Tag lang verweilte, so beziehen sich die Nachkommen dieser Frau aus Samaria, die dort in Sichern wohnen, zweifellos noch immer mit verzeihlicher Eitelkeit auf die Unterhaltung ihrer Vorfahrin, die diese vor kurzer Zeit mit dem Messias der Christen führte. Es ist nicht wahrscheinlich, daß sie eine solche Auszeichnung unterbewerten. Samaritische Natur ist menschliche Natur, und die menschliche Natur erinnert sich immer einer Begegnung mit einer Berühmtheit.

Wegen einer Beleidigung, die der Familienehre zugefügt worden war, tilgten die Söhne Jakobs einst ganz Sichern aus.

Wir verließen den Jakobsbrunnen und zogen bis acht Uhr abends weiter, aber ziemlich langsam, denn wir saßen seit neunzehn Stunden im Sattel, und die Pferde waren grausam müde. Den Zelten waren wir so weit voraus, daß wir in einem arabischen Dorf lagern und auf dem Erdboden schlafen mußten. Wir hätten im größten Haus dort schlafen können; aber da gab es verschiedene kleine Nachteile — es wimmelte von Ungeziefer, es hatte einen schmutzigen Fußboden, es war in keiner Hinsicht sauber, und in dem einzigen Schlafzimmer hielt sich eine Ziegenfamilie auf, und im Wohnzimmer hausten zwei Esel. Draußen gab es keine Unbequemlichkeiten außer der, daß die dunkelhäutigen, zerlumpten, ernst blickenden Dorfbewohner beiderlei Geschlechts und aller Altersklassen sich im Kreis um uns hinhockten und uns bis Mitternacht mit lauter Stimme besprachen und kritisierten. Der Lärm machte uns nichts aus, da wir müde waren, aber zweifellos weiß der Leser, daß es beinahe ein Ding der Unmöglichkeit ist, einzuschlafen, wenn man weiß, daß einem Leute zugucken. Wir gingen um zehn Uhr schlafen, standen um zwei wieder auf und machten uns erneut auf den Weg. So werden Menschen von Dragomanen gehetzt, deren einziger Ehrgeiz im Leben es ist, einander zu überholen.

Gegen Tagesanbruch kamen wir an Silo vorbei, wo die Bundeslade dreihundert Jahre lang geruht hatte und an dessen Toren der gute alte Eli hinfiel und »seinen Hals entzweibrach«, als der Bote, in scharfem Ritt aus der Schlacht herbeigejagt, ihm von der Niederlage seines Volkes berichtete, vom Tode seiner Söhne und vor allem davon, daß Israels Stolz, seine Hoffnung, seine Zuflucht, die alte Lade, die seine Vorväter aus Ägypten mitgebracht hatten, erbeutet worden war. Es ist kein Wunder, daß er unter diesen Umständen niederfiel und sich den Hals brach. Aber Silo hatte für uns keine Reize. Uns war so kalt, daß wir nur in Bewegung eine Erleichterung empfanden, und wir waren so schläfrig, daß wir uns kaum auf den Pferden halten konnten.

Nach einer Weile gelangten wir an eine gestaltlose Anhäufung von Ruinen, die noch immer den Namen Bethel trägt.

Hier war es, wo Jakob sich niederlegte und jenes großartige Traumgesicht von Engeln hatte, die auf einer von den Wolken bis zur Erde reichenden Leiter auf und nieder schwebten, und durch die offenen Himmelstore flüchtige Blicke in ihr gesegnetes Heim warf.

Die Pilger nahmen mit, was von der ehrwürdigen Ruine noch übrig war, und wir drängten weiter auf das Ziel unseres Kreuzzuges zu, das berühmte Jerusalem.

Je weiter wir kamen, desto heißer wurde die Sonne und desto felsiger und kahler, abstoßender und öder die Landschaft. Es hätten nicht mehr Steins tücke über diesen Teil der Welt verstreut herumliegen können, wenn seit einer Ewigkeit alle zehn Quadratfuß des Landes von einem anderen Steinmetzunternehmen besetzt gewesen wären. Es stand kaum irgendwo ein Baum oder Strauch. Sogar der Ölbaum und der Kaktus, diese treuen Freunde nutzlosen Bodens, hatten das Land beinahe verlassen. Es gibt keine ermüdendere Landschaft für das Auge als die, welche die Zufahrtswege nach Jerusalem begleitet. Der einzige Unterschied zwischen den Straßen und dem umgebenden Land ist vielleicht der, daß auf den Straßen etwas mehr Steine liegen als in dem umgebenden Land.

Wir kamen an Rama und Beeroth vorbei und sahen zu unserer Rechten erhaben auf einer beherrschenden Höhe das Grab des Propheten Samuel. Noch immer kam kein Jerusalern in Sicht. Wir rasten ungeduldig weiter. Einen Augenblick hielten wir an der alten Quelle EI Bire, aber für ihre Steine, tief ausgehöhlt von den Kinnen durstiger Tiere, die seit Jahrhunderten tot und dahin sind, hatten wir kein Interesse — wir sehnten uns danach, Jerusalem zu sehen. Wir sprengten Hügel auf Hügel hinauf und begannen gewöhnlich Minuten, bevor wir die Kuppe erreichten, den Hals zu strecken — aber immer folgte die Enttäuschung: jenseits noch mehr stumpfsinnige Hügel- weiter das reizlose Landschaftsbild — keine Heilige Stadt. Endlich, weit in der Tagesmitte, begannen alte Mauerreste und zerbröckelnde Bögen den Weg zu säumen — wir quälten uns noch einen Hügel hinauf, und jeder Pilger und jeder Sünder schwang den Hut hoch in die Luft! Jerusalem!

Auf seinen ewigen Hügeln thronend, weiß und kuppelgekrönt und greifbar, dicht gedrängt und mit hohen grauen Mauern eingefaßt, schimmerte die ehrwürdige Stadt in der Sonne. So klein! Sie war ja nicht größer als ein amerikanisches Städtchen von viertausend Einwohnern und nicht größer als eine gewöhnliche syrische Stadt von dreißigtausend. Jerusalem zählt nur vierzehntausend Einwohner.

Wir stiegen ab und blickten, ohne auch nur zwölf Sätze zu sprechen, über das breite, dazwischenliegende Tal, etwa eine Stunde lang oder mehr; und wir erkannten jene hervorstechenden Merkmale der Stadt, die von Abbildungen her allen Menschen von der Schulzeit bis zum Tode wohlvertraut sind. Wir konnten den Turm Hippicus, die Omarmoschee, das Damaskustor, den Ölberg, das Tal Josaphat, die Davidsburg und den Garten Gethsemane ausmachen — und von diesen Wahrzeichen ausgehend, konnten wir ziemlich genau die Lage vieler anderer angeben, die wir nicht unterscheiden konnten.

Ich berichte es hier als bemerkenswerte, aber durchaus nicht schimpfliche Tatsache, daß nicht einmal unsere Pilger weinten. Ich glaube, es gab keinen einzigen in unserer Gruppe, in dessen Geist sich nicht Gedanken und Bilder und Erinnerungen gedrängt hätten, die von der großartigen Geschichte der vor uns liegenden Stadt heraufbeschworen wurden, aber doch ertönte unter ihnen allen nicht die »Stimme derer, die weinten«.

Es gab keinen Anlaß zu Tränen. Tränen wären fehl am Platze gewesen. Die Gedanken, die Jerusalem eingibt, sind voller Poesie, Erhabenheit und vor allem Würde. Solche Gedanken finden ihren geeigneten Ausdruck nicht in Gefühlsregungen aus der Kinderstube.

Knapp nach Mittag betraten wir durch das alte und berühmte Damaskustor diese engen, gewundenen Straßen, und nun versuche ich seit mehreren Stunden zu begreifen, daß ich mich tatsächlich in der berühmten alten Stadt befinde, wo Salomo wohnte, wo Abraham Umgang mit der Gottheit pflog und wo noch Mauern stehen, die Zeugen des Schauspiels der Kreuzigung waren.

Wer so zitiert, kann wahrscheinlich auch aus einem Telefonbuch eine Geschichte zaubern — oder eine physikalische Theorie aus dem Nichts.


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