Der Alte und die Dreizehnjährige

Kopiert und eingefügt aus dem Buch „Roman Polanski — Sein Leben, seine Filme, seine Affären“

Polanski

Der Dreizehnjährigen wirbelte der Kopf, und sie atmete keuchend, weil sie meinte, in ihrer Kehle stecke ein Fischhaken. Es hatte nichts genützt, daß sie sich auf das Bett legte. Die vereinte Wirkung von Champagner und Methaquaalon hatte ihren Willen, gegen die Übelkeit anzukämpfen, gelähmt, und die Wellen der Benommenheit wuschen über sie weg. Der Gedanke, sie könne sterben, zuckte wie ein Blitz durch ihren Geist, ehe sie das Bewußtsein verlor. Das letzte entsetzliche Bild war dies, daß sie Jack Nicholson, den Filmstar, über sich gebeugt sah, der sie voll strenger Mißbilligung aus einem stark vergrößerten Foto anstarrte; dieses Foto hatte sie schon vorher in einem Zimmer des Hauses gesehen.

Es war der 10. Marz 1977. Sie war gerade aus ihrem Schulzimmer der siebenten Klasse gekommen und mit dem Versprechen, dort den Filmstar Jack Nicholson zu treffen, zum Haus hoch am Muholland Drive gebracht worden. Man hatte ihr gesagt, dies sei das Haus, in dem Nicholson wohnte. Sie hatte sich zum Mitkommen bereit erklart, weil sie bei ihren Freundinnen im Valley angeben wollte, daß sie wisse, wie Jack Nicholson wirklich sei.

Der Mann, der sie zu diesem Haus gebracht hatte, war Roman Polanski. Dreizehnjährige Mädchen neigen dazu, Filmstars für himmlisch zu halten, nicht aber Filmregisseure. Außerdem erschien der vierundvierzigjährige Polanski der Dreizehnjährigen ein bißchen zu … hm … „mickrig“. Er war klein und hatte ein Frettchengesicht, war ein Ausländer mit einem komischen Akzent und einer Sprechweise, die den Ohren eines kalifornischen Mädchens, das man gerade als „halbwüchsig“ bezeichnen konnte, fremd war. Er hatte sich sehr bemüht, sie mit seinem Charme zu überrennen, seine Bemühungen waren ihr allerdings eher komisch erschienen. Doch am Nachmittag, als sie für seine Standkamera posierte, hatte sie sich verwirrt gefühlt von seinen Fragen und Bemerkungen, fast sogar bedroht.

Ob sie noch eine Jungfrau sei, wollte er wissen. Hatte sie je — wie war doch das Wort? — masturbiert? Würde sie ihm vielleicht zeigen, wie sie masturbierte? Fragen dieser Art. Sie hatte nicht gewußt, was und wie sie darauf antworten sollte. Natürlich hatte sie ein paar Anläufe genommen, ihm „wissende“ Antworten hinzuwerfen, aber sie hatte sich doch verraten, weil sie ständig rot wurde. Erst als er sie fragte, ob sie gern mit zu Jack Nicholsons Haus gehen und ein paar Fotos mit ihm machen lassen wolle, begann sie sich für Polanski zu begeistern.

Abgesehen von seinen oft blutrünstigen Filmen war Roman Polanski vorwiegend dadurch bekannt geworden, daß er mit der Schauspielerin Sharon Tate verheiratet war, als sie und einige ihrer Freunde vor acht Jahren in Los Angeles von etlichen Mitgliedem der Manson-Bande brutal ermordet wurde. Damals, 1969, war das jetzt dreizehnjährige Mädchen fünf Jahre alt gewesen. Mehrere Jahre lang hatten sich die Medien immer wieder mit der Affäre Manson-Tate-Polanski beschäftigt, aber dies war an ihrem jugendlichen Bewußtsein glatt vorbeigegangen. Sie wuchs in den siebziger Jahren in den Vororten von Los Angeles auf, und deshalb hatten sich ihre vorpubertären Leidenschaften auf einige aktuelle Film- und Rockmusik-Berühmtheiten konzentriert, darunter Jack Nicholson.

Nicholson war in den frühen Siebzigern ein Star geworden, hatte ein gerissenes Mechanikergesicht und einen nasalen New Jersey-Akzent und war deshalb für viele durch und durch Amerikaner. Seine filmische Anziehungskraft kam daher, daß man ihn weltweit kannte als den ganz gewöhnlichen Jungen, der keine Angst hatte, gegen das Establishment zu intrigieren oder zu kämpfen, um sein Stiick Kuchen zu bekommen. Und das tat er mit einer glühenden Unberechenbarkeit, die alle in Atem hielt. Er war gleichzeitig gefühlvoll und gewalttätig, kalt und explosiv, er engagierte sich auf hitzige Art und war mißtrauisch unbeteiligt an der Filmwelt, in der er lebte. Man spürte eine innere Verletzlichkeit, war aber eines jeden bester Freund und der rauhe Liebhaber eines jeden Mädchens, aber auch der schwierige, jedoch rettenswerte Sohn einer jedenn Mutter. Die Menschen reagierten auf Nicholson, sowohl auf seine Bildschirm-Persönlichkeit als auch auf die Mythen aus seinem wirklichen Leben, die von seinen Presseagenten in den Klatschspalten und Fan-Magazinen verbreitet wurden. Und niemand reagierte mit mehr Begeisterung als das dreizehnjährige blonde Mädchen, das nun nackt und bewußtlos auf einem Bett in seinem Haus lag.

Nackt war sie deshalb, weil sie, als sie mit Polanski bei seinem Haus ankam und von einem Nachbarn erfuhr, daß Nicholson nicht zu Hause sei, sich bereit erklart hatte, doch zu bleiben und für weitere Bilder zu posieren, ehe das Nachmittagslicht verschwand. Angeblich waren die Fotos bestimmt für einen Auftrag, den Polanski von dem franzosischen Magazin Vogue Homme erhalten hatte; er sollte einen Bildbericht über die schönen jungen Mädchen von Amerika bringen. Polanski hatte von diesem Mädchen im Jahr vorher gehört, als er in einer Bar in Hollywood ihre geschiedene Mutter kennengelernt hatte, eine Möchtegern-Schauspielerin, die es nicht leicht hatte. Geistig-seelisch entsprach das Mädchen den damaligen zwölf Jahren, doch körperlich war sie für ihr Alter sehr reif. Nach einer kurzen Affäre mit ihrer Mutter kehrte Polanski in sein Haus in London zurück. Ein Jahr später war er mit seinem Vogue Homme-Auftrag wieder in Hollywood; er besuchte ihre Mutter und überredete sie, ihm zu erlauben, daß er ihre dreizehnjährige Tochter für diesen Bericht fotografiere. Und er überredete sie weiter, das Mädchen mit ihm allein zu lassen mit der traditionellen Begründung der Fotografen, das Mädchen sei vielleicht in Anwesenheit der Mutter bei den Aufnahmen zu gehemmt. Er erklärte der Mutter, ohne ihre Anwesenheit sei das Mädchen ganz bestimmt sehr viel unbefangener.

Erst waren die Aufnahmen ganz harmlos, bis auf die sexuellen Fragen Polanskis. Die erste Sitzung hatte vor ein paar Wochen an den Hängen hinter des Mädchens Heim in Woodland Hills stattgefunden — nur mit Polanski und dem Mädchen, das in verschiedenen von seiner Mutter ausgesuchten Kleidern posierte. Und nun war die zweite Sitzung. Polanski hatte das Mädchen zum gemieteten Haus eines anderen Freundes, Victor Drey, gebracht, um dort Innenaufnahmen zu machen, dann erst fuhren sie weiter zu Nicholsons Haus. Im Lauf des Nachmittags waren seine sexuellen Bemerkungen immer kühner und persönlicher geworden.

Nicholson war zwar nicht da, als sie in seinem Haus mit dem herrlichen Panoramablick über Los Angeles und das Tal von San Fernando ankamen, doch seine Persönlichkeit war überall zu spüren. Sofort war das Mädchen beeindruckt von der Vertrautheit, mit der sich Polanski im Haus bewegte. Das Nachmittagslicht ließ allmählich nach, und Polanski schlug vor, bis zu Nicholsons Ankunft noch ein paar Aufnahmen in Kleidern zu machen. Was er nicht erwähnte, war die Tatsache, daß Nicholson zu einem Skiurlaub in Colorado war und an diesem Tag nicht zuruckkommen würde.

Ehe er seine Kameras aufstellte, öffnete Polanski eine Flasche Champagner aus Nicholsons Kühlschrank und bot dem Mädchen ein Glas an zur Feier der Schlußsitzungen. Er schwärmte von der Köstlichkeit des Dom Perignon und drängte dem Mädchen ein weiteres Glas auf. Sie zögerte und erzählte ihm, als sie zuletzt Champagner getrunken habe, sei ihr schrecklich schlecht geworden. Und sie sagte weiter, sie habe Asthma, und die viele Kohlensäure habe einen Asthmaanfall bei ihr ausgelöst.

Dann muß es wohl schlechter Champagner gewesen sein, meinte Polanski dazu, vielleicht war es eines dieser scheußlichen amerikanischen Imitate. „Komm, Liebling, trink doch noch ein Glas. Das ist reines Zeug, direkt aus Frankreich. Das kann dir nichts tun.“

Sie nahm also noch ein Glas, damit er zufrieden war. Aber als sie daran nippte, spürte sie schon wieder das bekannte Unbehagen. „Du lieber Gott, ich sterbe vor Scham, wenn mir hier schlecht wird“, sagte sie. Ihre Lungen zogen sich schon zusammen. „Wann kommt Jack Nicholson?“

Polanski „überhörte“ ihre Frage, war aber ganz Mitleid. Er bemerkte, am anderen Ende des Hauses sei eine ganz moderne, raffinierte Badeanlage. „Komm“, sagte er und nahm ihre Hand, „du springst in das warme Wasser. Dann fühlst du dich wohler. Und ich kann ein paar Aufnahmen von dir machen.“

„Aber mein Badeanzug“, sagte sie. „Ich brauche ihn.“

„Keiner geht doch hier mit einem Badeanzug in ein warmes Badebecken“, meinte Polanski.

Des Mädchens Kopf begann zu schwimmen. „Wie gehen die denn hinein?“

„Ohne Kleider“, antwortete Polanski und schob sie zum Becken. Das Mädchen wehrte sich. „Nein, ich muß meinen Bikini anziehen.“

„Vor mir brauchst du nicht so prüde zu tun“, sagte Polanski. „Aber meine Mutter …“

Polanski seufzte. „Na, wo ist dann das Ding?“ „In meiner Tasche. In Ihrem Wagen.“

Polanski ging zu seinem Wagen hinaus und kam ein paar Augenblicke später mit der Tasche des Mädchens zurück. Er fand sie auf dem Sofa.

„Ich fühle mich gar nicht wohl“, sagte sie. „Ich wußte doch, daß ich diesen Champagner nicht trinken sollte.“

„Okay, Liebling, dann also keinen Champagner mehr. Zieh deinen Bikini an. Schnell. Und geh in das Becken. Ich verspreche dir, du fühlst dich sofort viel wohler.“

Er führte sie zum anderen Ende des Hauses. Im Gästebad zog sie sich um, und als sie etwa eine Minute später in einem ganz knappen weißen Bikini herauskam, glitzerten Polanskis Augen anerkennend. „Du bist schön“, sagte er.

Und das war sie auch auf eine ganz bestimmte Art. Staubblondes Haar fiel ihr dicht auf die nackten Schultern und rahmte ein Gesicht ein, das von hohen Wangenknochen und einem vollen, wohlgeformten Mund beherrscht wurde. Nur ihre Nase, dick und ein wenig platt, beeinträchtigte die sonst ausgewogene Schönheit ihrer Züge. Sie war groß und schlank, sogar größer als Polanski, hatte aufreizende Beine und einen Busen, der sich fast der Reife näherte.

Sie selbst hielt sich jetzt aber gar nicht für schön. Sie beklagte sich über ihre Benommenheit, über ihre Schwierigkeiten beim Atmen. Polanski kam mit einem Röhrchen Pillen. Er sagte ihr, die habe er in Nicholsons Badezimmer gefunden, während sie sich umzog. Jack leide auch an Asthma, sagte er, und das seien die Pillen, die er dagegen nehme. Er gab ihr eine Tablette und sagte ihr, die solle sie nehmen, weil das ein Mittel sei gegen die Wirkungen des Champagners.

Das Mädchen schluckte die Tablette, dann stieg sie in das heiße Becken. Polanski sagte ihr nicht, daß die Tablette kein Mittel gegen Asthma war und auch nicht aus Jack Nicholsons Medizinschränkchen stammte, sondern ein sehr starkes Quaalud aus seiner eigenen Tasche war.

Polanski knipste ununterbrochen, als das Mädchen unsicher am Rand des Beckens posierte. Ihr Gesicht war aschfarben. „Nimm das Oberteil ab“, forderte er sie nach ein paar Aufnahmen auf.

Sie wurde immier benommener und konnte sich kaum mehr orientieren, aber sie öffnete den Verschluß ihres Bikinioberteils. Plötzlich blinzelte sie verwirrt und tat nichts mehr.

„Mach doch weiter“, sagte Polanski. „Nein“, jammerte sie.

„Warum nicht?“

„Meine Mutter.“ Das Atmen tiel ihr jetzt schon schwer. „Meine Mutter … hat gesagt, kein …“

„Schon gut“, flüsterte Polanski. „Ich hab‘ mit ihr gesprochen, und sie hat gesagt, es sei okay.“

„Wann?“

„Glaubst du mir nicht?“

Das Mädchen zuckte matt die Achseln.

Polanski bot ihr an, die Mutter anzurufen, und lief in einen anderen Raum. Als er die Mutter des Mädchens am Telefon hatte, erklärte er ihr, daß es ausgezeichnet wäre für seinen Bildbericht, wenn er ein paar ‚Oben-ohne‘-Aufnahmen des Mädchens dabei habe. Er gab zu, in Amerika sei es wirklich noch anrüchig, ‚oben-ohne‘ fotografiert zu werden, doch in Europa sei das längst Routine.

Die Pille, die Polanski dem Mädchen gegeben hatte, schien nicht zu wirken. Sie sprach zögernd und undeutlich. Ihre Mutter würde sie umbringen, wenn sie wüßte, daß sie Champager getrunken hatte. „Mir geht’s gut“, behauptete sie nicht besonders klar.

„So klingt es aber ganz und gar nicht“, rief ihre Mutter. „Ich war nur vorher ein bißchen zu lange in der Sonne.“ „Was hast du jetzt an?“

„Meinen Badeanzug.“

„Soll ich kommen und dich abholen?“

„Nein. Jack Nicholson wird gleich hier sein. Wirklich, Mutter, mir geht’s gut.“

„Okay“, antwortete die Mutter. „Hol Roman noch einmal her.“ Das Mädchen ging zurück zum heißen Becken, während Polanski noch etwa eine Minute lang mit der Mutter sprach. Endlich erklärte sie sich einverstanden mit ein paar ‚Oben-ohne‘-Aufnahmen, wenn auch zögernd, wie sie später behauptete. Polanski mußte ihr auf jeden Fall zwei Dinge versprechen: daß er ihr die Abzüge zeige und daß sie schließlich entscheiden solle, ob er eine oder mehrere Aufnahmen davon verwenden dürfe.

Polanski legte auf und kehrte zum Becken zurück. Das Mädchen war wieder im Wasser, ihre Augen wirkten glasig. Das Quaalud begann zu wirken.

„Ist schon in Ordnung, Liebling, hat deine Mutter gesagt. Du kannst das Oberteil abnehmen.“ *

* Diese und andere Szenen dieses Buches entstanden nach den Zeugenaussagen vor der Großen Jury, nach Polizeiberichten und Interviews mit verschiedenen Leuten, die persönliche Kenntnisse zu diesen Ereignissen in dem Kriminalfall hatten, der gegen Roman Polanski angestrengt wurde.

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