Die Wahrheit über Keuschheitskomitees: Als chassidischer Knabe wurde ich in meiner jüdischen Gemeinschaft ein Opfer von sexuellem Mißbrauch

Luzer Twersky beschreibt das Leben in der jüdischen Gemeinschaft in der Hölle und was ein Rabbi ist.

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Das Urteil im Fall Weberman steht fest. Schuldig in 59 Punkten. Doch die „Keuschheitskomitees“ der chassidischen Gemeinschaft machen irgendwelche Fortschritte so gut wie unmöglich.

Ich kann mir nicht vorstellen, was das Opfer im Weberman-Prozeß jetzt empfindet, da die Jury den chassidischen Satmar-Führer in 59 Punkten des sexuellen Mißbrauchs an einer minderjährigen Person für schuldig befand. Und ich weiß, daß ihre Situation völlig anders war als meine, aber hier ist das, was wir gemeinsam haben:

Wir waren beide Opfer von sexuellem Mißbrauch in der chassidischen Gemeinschaft. Wir wurden beide von vertrauenswürdigen Beratern mißbraucht, zu denen wir gebracht wurden, weil wir rebellische Kinder waren. Wir machten beide die Erfahrung von Beschämungen durch die sogenannten „Keuschheitskomitees“, die die Praxis der Masturbation von Menschen regulieren, und wir beide werden nie mehr dieselben sein.

Doch ich habe denjenigen, der mich mißbrauchte, nicht belangt. Das liegt an der komplizierten, vielleicht „Stockholm-Syndrom“-ähnlichen Beziehung, die habe ich zu dem Täter habe, was zum Verrücktwerden ist.

Ich wurde in einer chassidischen Familie in Brooklyn geboren, als viertes von 12 Kindern. Mein Vater ist ein Rebbe. Kein Rabbi, ein Rebbe. Ja, es gibt einen Unterschied zwischen den beiden.

Ein Rabbi ist ein Niemand. Jeder, der die Bibel und den Talmud studiert, kann ein Rabbi sein. In Wirklichkeit kann Sie niemand davon abhalten, sich Rabbi Jane zu nennen, selbst wenn Sie keine Scheiße studiert haben. Aber ein Rebbe ist anders. Er ist ein spiritueller Führer, jemanden mit einem direkten Draht zu Gott, ein heiliger Mann. Der Rabbi ist der Kerl, den Sie fragen, ob die Milch koscher ist. Der Rebbe ist der Kerl, den Sie fragen, wenn er Gott fragen soll, ob Sie eine Herzoperation machen sollen.

Meine Mutter ist eine Rebbetzin. Die Frau, deren göttliche Aufgabe es ist, Essen, saubere Kleidung und Babys zu liefern. Wenn all das getan ist, und mit „das“ meine ich, wenn die Babys geliefert wurden, ist ihre Aufgabe, sie ruhig zu halten und ihm vom Leibe zu halten, so daß der Rebbe seine Zeit allein mit Gott haben kann und über den Sinn des Lebens sprechen kann.

Unser Haus hatte keinen Fernseher oder ein Radio. Wir wußten nicht, wer Madonna war und hörten nie etwas von Wissenschaft. Ich hörte nie was von Santa, Sinatra, „Star Wars“ oder von Cheeseburgern. In meiner Kindheit fehlten unter anderem Englisch, amerikanische Geschichte, Weltgeschichte, Coca-Cola, Speck, Thin Lizzy und Macaulay Culkin. Jetzt haben Sie eine Vorstellung.

Mein Peiniger war mein Berater, den mein Vater angeheuert hatte. Er kam auf besondere Empfehlung. Er war ein Jeschiwa-Lehrer, und sein Vater könnte im Vergleich zur chassidischen Sekte (Anm.: des Rabbi Benzion von) Bobow am besten als das beschrieben werden, was Carl Rove im Vergleich zu Bush ist. Sein Vater besaß im Grunde Zehntausende von Chassiden. Er zog die Fäden, und sie tanzten. (Anm.: Ich weiß nicht, was Rove zu Bush ist, aber ich vermute, daß in etwa das gemeint ist, was ein Journalist im Vergleich zu einem Politiker ist.)

Für ein gebrochenes und ungeliebtes Kind einer Familie mit 12 Kindern schien er wie ein Geschenk des Himmels zu sein. Er erzählte mir, was ich immer geglaubt habe — daß ich etwas Besonderes wäre. „Deine Eltern verstehen dich nicht“, sagte er zu mir. „Sie denken, du bist ein schlechter Junge. Die Wahrheit ist, du bist einfach zu kreativ für sie.“ Er gab mir eine Übung, die ich nie vergessen werde. Er bat mich, ein Stück Papier zu nehmen und über mich zu schreiben, meine Ängste, meine Freude, Dinge, die mich glücklich machten und Dinge, die mich traurig machten. Mir gelang nur ein Satz: „Ich bin ein Kind, das etwas Besonderes sein möchte und ich liebe besondere Dinge.“ Das war alles, was ich schrieb.

Er war der erste Mensch, der jemals nett zu mir war. Er mißbrauchte mich auch sexuell.

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Das erste Mal, als David mich berührte, saßen wir im Umkleideraum der Mikwe — ein rituelles Bad, wo Männer hingehen, um sich vor dem Gebet und dem Sabbat zu reinigen, indem sie nackt in ein Tauchbad eintauchen. Ich gab meine „ein Satz“-Hausaufgabe ab. Er setzte mich auf seinen Schoß, streichelte meine Schenkel und sagte leise: „Du bist wirklich etwas Besonderes. Ich glaube, du bist etwas Besonderes.“ Er umarmte mich fest und fing an, mit meinem Penis zu spielen.

Wir sprachen weiter, als wir uns auszogen. Ich erzählte ihm, wie grausam mein Vater war und zeigte ihm all die blauen Flecken auf meinem Körper. Er sagte nichts, als er die Prellungen auf meinem kahlen Arsch streichelte.

Ich hatte eine sehr raue Kindheit. Mein Vater ist ein guter Mensch, aber ein schrecklicher Elternteil. Meine Mutter ist sowohl ein schrecklicher Elternteil als auch ein schrecklicher Mensch. Sie schlugen mich täglich und sagten mir nie, daß sie mich liebten.

Zugegeben, ich klaute von ihnen, benahm mich schlecht, und weil ich meine Tage in der Schule damit verbrachte, an die Decke zu starren, bekamen sie auch nichts für das Geld, daß sie an Studiengebühren für mich bezahlten. Aber dies ist nicht die Geschichte über meine Eltern. Hier geht es um die kranke Ironie, wenn ein Krimineller und ein Sexualstraftäter auch der Mensch ist, der in Ihrem jungen Leben netter zu Ihnen ist als jemand anderes.

Der Mißbrauch durch David dauerte drei Jahre. Drei Jahre mit nur einer Person, die mir irgendwelche Aufmerksamkeit schenkte. Jedes Mal, wenn meine Eltern mich aus dem Haus schmissen, ging und blieb ich bei meinem Peiniger — und ich wünschte mir nur, daß er mich adoptieren und vor meinen lieblosen Eltern retten würde.

Liebe zu empfinden, oder Vergnügen, was bei mir nicht der Fall war, hebt den Mißbrauch nicht irgendwie auf. Es schmälert das Böse des Aktes, jemanden zu mißbrauchen, der jung und unschuldig ist, auf keinste Weise. Es ist ein aufrichtiger Akt, sich zu retten.

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Es war 1999, und ich war 14 Jahre alt, als ich in der Schule einen Anruf von meiner Mutter bekam. „Komm nach Hause. Wir müssen reden“ ist alles, was sie sagte. Ich war wieder in Schwierigkeiten.

Es war einige Zeit vergangen, seit ich mit David sprach. Ich wechselte die Schulen, und wir verloren mehr oder weniger den Kontakt. Mein Vater haßte David, er glaubte, David wäre für den Haß verantwortlich, den ich für ihn empfand, und verbot mir, mit ihm zu reden.

Als ich nach Hause kam und meine Eltern vorfand, saßen sie auf ihren getrennten Betten. Ihre Gesichter sahen sehr ernst und besorgt aus. Ich dachte, jemand wäre gestorben.

„Was für eine Art Beziehung war zwischen dir und David?“ fragte meine Mutter. „Wir fragen, weil er heute Morgen in der Mikwe mit einem Knaben in einer sehr kompromittierenden Position gefunden wurde.“ So sagte es meine Mutter.

Ich fiel fast in Ohnmacht.

Sie sahen, wie mein Gesicht weiß wurde, und sie fingen an, zu schluchzen. „OY GEVALT!“ schrie mein Vater. Meine Mutter schluchzte unkontrolliert.

Sie beschlossen, anrufen und zu verlangen, daß David aus dem Klassenraum entfernt und vom Unterricht ausgeschlossen wird. Die Antwort, die sie erhielten, war „Du bist ein kleiner Rebbe, wir sind eine große Sekte mit ungeheurer Macht. Halt die Klappe, oder wir werden dich töten.“ Fall geschlossen.

Doch dann schlug jemand vor, die Va’ad Hatznius zu sprechen. Sie sind das „Keuschheitskomitee“, das so oft im Weberman-Prozeß erwähnt wurde. Eine selbsternannte Gruppe von Menschen, deren Arbeit es ist, in der Gemeinschaft die Praxis der Masturbation zu überwachen.

Wenn Ihre Tochter in durchsichtigen Strumpfhosen gesehen wird, bekommen Sie einen Drohanruf und Ihnen wird befohlen, sicherzustellen, daß dies nicht noch einmal passiert oder Ihre Kinder werden alle von ihren Schulen verwiesen, und niemand wird sie heiraten, oder sie würden sagen, daß sie ein Gerücht verbreiten, daß Ihre Tochter unehelich schwanger ist, wodurch praktisch garantiert wird, daß sie nie einen anständigen chassidischen Mann heiraten wird.

Der Grund dafür ist, daß Ihre Töchter in Strumpfhosen Männer geil machen, was sie zum Masturbieren veranlassen würde, wodurch sie ihren Samen verschütten würden, was Gott wütend machen würde, der dann wahllos Leute mit Krebs bestrafen würde. Folglich versucht das Keuschheitskomitee bloß, den Krebs zu beseitigen, wirklich.

Mein Vater rief einen Autoverleih an und fragte sie, ob sie ein Auto mit dunkel getönten Fenster hätten. Er wollte nicht, daß ein Mann von seiner Statur vor dem „Va’ad Hatznius“-Büro mit seinem Sohn gesehen wird.

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Das „Va’ad Hatznius“-Büro war in einem Hinterzimmer von dem, was in Williamsburg als „Avreichim Synagoge“ bezeichnet wurde. Wir trafen uns mit zwei Männern in einem engen Arbeitszimmer. Einer war ein hitzköpfiger, schreiender Mann mit einem leichten Schmerbauch, einem langen blonden Bart, der fast gebleicht aussah, einer schrillen heiseren, krächzenden Stimme, die klang, wie bei jemand, der im Begriff war, sie von so viel Schreien jeden Moment zu verlieren. Der andere war ein schüchterner kleiner Mann mit einem Spitzbart. Typisch „Guter Bulle / Böser Bulle“.

„Höre, Luzer! Du hast nichts zu befürchten! Wir werden am Haus vom Bobower-Rabbi die Türen einschlagen! Und wir werden sicherstellen, daß dieser Perverse sein Haus nie verläßt! Hörst du? Du hast keine Ahnung, wozu wir in der Lage sind! Niemand f***t (Anm.: ich mußte jetzt zensieren, die Worte vorher läßt die Internetpolizei ja vielleicht gerade noch durch, aber das womöglich nicht) mit den Va’ad Hatznius! Hörst du? Vertraue mir! Wir werden diesem Kerl eine Lektion erteilen!“, donnerte der böse Bulle und versuchte, mir einen Vorgeschmack darauf zu geben, was Bobow von ihm bekommen wird.

Nach diesem Treffen passierte nichts.

David unterrichtete weiter an dieser Schule und wurde später Schulleiter an einer anderen Schule.

Die Jahre vergingen. Ich zog weg, um an einer Jeschiva in London zu studieren und machte weiter Probleme. Ich stellte weiter unangemessene Fragen über die Existenz von Gott, fing mit dem Rauchen an und widesetzte mich den Älteren.

2005 wurde ich verheiratet. Wie jeder in meiner Gemeinde, hatte ich eine Zwangsheirat (arranged marriage) und wurde mit dem Mädchen nach einem zweistündigen Treffen getraut. 2008 wurde ich geschieden. Ich glaubte nicht mehr an Gott und verließ meine Religion, Gemeinschaft und Familie.

Kinderschänder tun das, was sie tun, indem sie das natürliche Vertrauen von Kindern zu Erwachsenen und ihr Bedürfnis, geliebt zu werden, ausnutzen — die Täter prüfen die Kinder, die sie mißbrauchen, auf dieser Grundlage. Ich denke, ich habe das Stockholm-Syndrom, weil ich David auf eine Weise bis zum heutigen Tag in irgendeiner Form immer noch liebe. Aber ein schwaches Kind in irgendeiner Weise sexuell auszunutzen, ist eindeutig falsch und sollte — wie es bei Weberman sein wird — bestraft werden, mit bis zu 25 Jahren im Gefängnis, wenn nicht mehr.

Nur weil es sich richtig anfühlt, heißt nicht, daß es richtig ist, wie die Religion.

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Hier finden Sie den Originalartikel, Like In the Weberman Trial, I Was a Victim of Sexual Abuse Within My Hasidic Community, and Here’s the Truth of Modesty Commitees.

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