Vertuschungsvorwürfe: Kindesmißbrauchsskandal in Australiens jüdischer Gemeinschaft schwappt nach Amerika

Paul Berger über Pädo-Mobilität in Down Under.

kramer

Ein Kindesmißbrauchsskandal in Australiens jüdischer Gemeinschaft schwappt nach Amerika, da, bedingt durch eine Reihe von Vertuschungsvorwürfen, Verhaftungen in Australien und eine schwebende Auslieferung, die Reaktion der Gemeinschaft auf sexuellen Mißbrauch unter die Lupe genommen wird.

Die australische Polizei will die Auslieferung des verurteilten Kinderschänders David Kramer, der — wegen des Verdachts des Mißbrauchs von Kindern in einer Chabad-Schule in Melbourne in den 1990er Jahren — derzeit in Farmington, Missouri, im Gefängnis sitzt.

Kramer, den ein Melbourner Chabadführer Berichten zufolge wegen Mißbrauchsvorwürfen aus Australien verschwinden ließ, hat eine siebenjährige Haftstrafe zur Hälfte abgesessen, die er für die Sodomisierung eines 12-jährigen Knaben in St. Louis erhielt.

Nach Angaben von Mitgliedern der australischen Gemeinschaft gibt es weitere Kinderschänder, die in den Vereinigten Staaten landeten, nachdem sie von den Führern der australischen Gemeinschaft nicht den Behörden gemeldet wurden. Andere Kinderschänder flohen vor kurzem aus dem Land, als sie der Mißbrauchsverdacht traf, so die Mitglieder der Gemeinschaft.

Der FORWARD hat erfahren, daß mindestens zwei mutmaßliche Kinderschänder aus der australischen jüdischen Gemeinschaft in den Vereinigten Staaten leben, während in Australien gegen sie ermittelt wird.

Unterdessen warf Manny Waks, ein ehemaliger Vizepräsident des „Exekutivrates des australischen Judentums“ („Executive Council of Australian Jewry“), einem in New York lebenden Australier vor, ihn mißbraucht zu haben, als er noch ein Knabe war.

Waks, 35, der die Enthüllungen über den Melbourner Mißbrauchsskandal ausgelöst hat, sagte dem FORWARD, daß er von Velvel Serebryanski, dem Sohn eines prominenten Chabad-Rabbiners, in den späten 1980er Jahren in zwei Melbourner Synagogen mißbraucht wurde.

Serebryanski, der in New York dem Namen Zev Sero trägt, stritt die Vorwürfe nicht ab, als ihn ein Reporter des FORWARD dazu in dessem Zuhause in Brooklyn befragte.

Serebryanski, 47, wollte sich während der Aufnahme nicht zu den Vorwürfen äußern. Sein Vater, Rabbi Aaron Serebryanski, ist einer der wichtigsten Chabad-Emissäre für Australien.

Waks behauptet, daß ihn Serebryanski bei mehreren Gelegenheiten mißbrauchte, auch einmal in einer Synagoge im Melbourner Jeschiwa-Zentrum, einer Chabad-Einrichtung, als er sich während einer nächtlichen Lernsitzung während des Schawuot-Festes hinlegte.

Waks sagte, Serebryanski begann, ihn in der Synagoge zu mißbrauchen und sagte dann: „Das ist nichts für eine Gebetsstätte. Gehen wir nach draußen.“

Laut Waks, der zu der Zeit etwa 12 war, führte ihn Serebryanski dann zu einer nahe gelegenen Toilette.

Die Beschuldigungen finden sich in einem Polizeibericht, den Waks im Jahr 1996 einreichte.

Im selben Bericht schildert Waks detailliert, wie er auch von David Cyprys, einem Melbourner Karatelehrer mißbraucht wurde.

Cyprys wird in Australien wegen Dutzenden von Anschuldigungen im Zusammenhang mit sexuellem Mißbrauch von 11 Knaben vor Gericht stehen.

Die australische Zeitung THE AGE schrieb letztes Jahr: „Als Cyprys im vergangenen Monat im Melbourner Amtsgericht erschien, warf Detective Senior Constable Lisa Metcher Mitgliedern der Jeschiwa-Gemeinschaft vor, die Polizei zu belügen und zu versuchen, die Anschuldigungen wegen sexuellem Mißbrauch zu vertuschen. ‚Sie versäumten es, die Kinder in irgendeiner Weise zu beschützen‘, sagte sie vor Gericht.“

Im vergangenen Jahr ging Waks mit seinen Anschuldigungen, daß er wiederholt mißbraucht wurde, als er die Knabenschule des Jeschiwa-Zentrums — das Jeschiwa-College — besuchte, an die Öffentlichkeit.

Sein Aufruf, daß sich weitere Opfer melden sollen, zerstörte Jahrzehnte der Verleugnung. Laut Presseberichten wurde die Polizei von Victoria mit Zeugenaussagen von jungen Männern überschwemmt, die sagten, daß sie mißbraucht wurden.

Laut dem in Los Angeles lebenden Joel Berman, der bezüglich der Fälle in den Vereinigten Staaten mit den Polizisten in Verbindung gewesen ist, untersucht die australische Polizei derzeit mehr als ein Dutzend orthodoxe Personen, die in Australien des Kindesmißbrauchs verdächtigt werden.

Berman sagte, daß zwei Personen, gegen die ermittelt wird, derzeit in den Vereinigten Staaten sind. Die Polizei weigerte sich, mit dem FORWARD zu sprechen.

Viele der Vorwürfe beziehen sich auf die 1980er und 90er Jahre, eine Zeit, als Rabbiner in einer Reihe orthodoxer Gemeinschaften bei Mißbrauchsfällen entweder ein Auge zugedrückt oder die Kinderschänder aus der Gemeinschaft geworfen zu haben scheinen.

Im Mittelpunkt der Kontroverse steht Rabbi Jizchak Dovid Groner, der ehemalige Leiter des Jeschiwa-Zentrums.

Waks und andere Opfer sowie ihre Familien behaupten, daß sie Groner über die Täter oft alarmiert hätten, er unterließ es jedoch, zu handeln.

1991 warf ein Kind Cyprys Mißbrauch vor. Im folgenden Jahr bekannte sich Cyprys wegen einer sexuellen Straftat schuldig und wurde zu einer Geldstrafe verurteilt, die Chabad-Vertreter erlaubten ihm jedoch, an der Schule zu bleiben, wo er bis vor kurzem als Wachmann arbeitete.

Waks sagte, daß er Groner wegen Cyprys im Jahr 1996 und im Jahr 2000 zur Rede stellte, Groner ihm jedoch erlaubte, für das Zentrum zu arbeiten. Groner starb im Jahr 2008.

Sogar ein Verteidiger Groners, Pini Althaus, sagte, daß der Rabbiner drohte, des Mißbrauchs verdächtigte Personen den Behörden zu melden — es sei denn, sie zogen woanders hin.

Althaus, ein Brooklyner Chabad-Mitglied, dessen Vater ein Treuhänder des Jeschiwa-Zentrums ist, erklärte auf der Blogseite VozIzNeias in einem Kommentar: „Im Falle des Fehlverhaltens von zwei Amerikanern gab Rabbi Groner ihnen die Wahl, entweder sofort das Land zu verlassen oder mit einem Strafverfahren zu rechnen. Im Nachhinein wäre Letzteres vielleicht angemessener gewesen; allerdings war es zu jener Zeit nicht die ‚Kultur‘, jemanden den Behörden zu übergeben.“

Yaakov Wolf, ein Australier, der heute in Los Angeles lebt und sagt, daß Cyprys ihn mißbrauchte, sagte über die Mitglieder der Jeschiwa-Gemeinschaft: „Sie nehmen diese Leute und denken, sie hätten ihre Arbeit erledigt, wenn sie sie in eine anderen Gemeinschaft schicken, die von ihnen nichts gehört hat, und das ist das, was sie schon seit Jahren getan haben.

Am Ende schicken sie sie in eine andere Gemeinschaft, so daß sie ihr Problem im Grunde nur jemand anderem zuspielen.“

Die Identitäten der beiden Amerikaner, auf die sich Althaus bezieht, sind unklar. Kramer kam aus einer Chabad-Gemeinschaft in die Vereinigten Staaten, aber ein Sprecher der Justizvollzugsanstalt Farmington wollte seine Staatsbürgerschaft nicht bestätigen.

Althaus lehnte es ab, offiziell mit dem FORWARD zu sprechen.

Unterdessen sagte ein ehemaliger Lehrer des Jeschiwa-Colleges dem FORWARD, daß es die Schule auch bei einer anderen Gelegenheit unterließ, zu handeln. In diesem Fall war der mutmaßliche Täter, der danach auch in die Vereinigten Staaten zog, ein Schüler.

In den frühen 1980er Jahren mißbrauchte der damals 16 oder 17 Jahre alte Schüler einen Knaben, der einige Jahre jünger war, sagte das ehemalige Mitglied des Lehrkörpers dem FORWARD. Er sagte, die Schule weigerte sich, den Schüler, der den Mißbrauch beging, auszuweisen.

„Die Eltern des mißbrauchten Knaben waren so entsetzt, daß die Schule ihn nicht auswies“, sagte der ehemalige Lehrer des Jeschiwa-Colleges, „daß sie ihren Sohn sowie ihre beiden anderen jüngeren Knaben, die auf der Grundschule waren, am Ende von der Jeschiwa-Schule zu einer anderen Schule brachten, die weniger frum [fromm] ist“.

Dieser mutmaßliche Täter war Mordechai Yomtov, der fast 20 Jahre später in Los Angeles wegen dem Vorwurf des sexuellen Mißbrauchs von drei Knaben an der Chabad-Schule Cheder Menachem festgenommen wurde.

Im Jahr 2001 bekannte sich Yomtov schuldig, die Knaben im Alter zwischen 8 und 10 Jahren mißbraucht zu haben. Er verbüßte eine einjährige Haftstrafe und mußte sich als Sexualstraftäter registrieren.

Laut der Internetseite des Büros der Generalstaatsanwaltschaft Kalifornien verstößt Yomtov seit März 2003 gegen die Meldeauflagen für Sexualstraftäter. Ein Sprecher für Generalstaatsanwältin Kamala Harris reagierte nicht auf Anfragen zur Klärung von Yomtovs Aufenthaltsort.

Der ehemalige Lehrer des Jeschiwa-Colleges, der nicht genannt werden wollte, sagte, er äußerte in der Schule auch Bedenken über Kramer, aber niemand wollte zuhören.

Rabbi Avraham Glick vom Jeschiwa-College, ein ehemaliger Schulleiter, der noch immer an der Schule unterrichtet, meldete sich nicht auf telefonische Anfragen für einen Kommentar. Rabbi Jehoschua Smukler, der aktuelle Schulleiter des Jeschiwa-College, reagierte nicht auf Anrufe und E-Mails für eine Stellungnahme. Rabbi Chaim Tzvi Groner, Leiter des Jeschiwa-Zentrums, reagierte nicht auf Fragen, die ihm per E-Mail zugeschickt wurden.

Rabbi Zvi Telsner, Leiter der Synagoge des Jeschiwa-Zentrums und Schwiegersohn von Yitzchok Dovid Groner, sagte, er könne keine Fragen über vergangene Ereignisse beantworten, weil sie vor seiner Zeit stattfanden. „Ich war nicht hier“, sagte Telsner. „Ich habe keine Ahnung, was geschah.“

Eltern aus Melbourne sagen, daß sie wissen, was geschah.

Eine Mutter sagte der Zeitung THE AUSTRALIAN, daß sie auf einen Lebenshilfe-Beratungsdienst (counseling) verwiesen wurde, als sie die Schule informierte, daß Kramer, ein Lehrer am Jeschiwa-College für den Fachbereich Jüdische Forschung (Jewish studies), ihr Kind mißbrauchte.

THE AUSTRALIAN berichtete, daß Kramer „auf Kosten der Schule nach Israel geflogen wurde“, nachdem die Vorwürfe auftauchten. Harry Cooper, ein ehemaliger Angestellter des Jeschiwa-College, sagte der Zeitung: „Wir verschifften ihn auf Antrag der Eltern. Ich erinnere mich noch lebhaft.“

Kramer zog schließlich wieder zurück in die USA und ließ sich in St. Louis nieder.

Er wurde ein freiwilliger Jugendleiter in der orthodoxen Synagoge Nusach Hari B’nai Zion.

Die Kongregation der Rabbiner, Ze’ev Smason, sagte, daß Kramer ein „sehr attraktiver, dynamischer Kollege“ war, der die Eltern und ihre Kinder gewann. Eines Tages kamen dann Eltern mit Mißbrauchsvorwürfen zu Smason.

„Als es um die Frage der Sicherheit von Kindern ging, die mit ihm in Kontakt kommen könnten, wurde er sofort gemeldet“, sagte Smason.

Im Juli 2008 wurde Kramer zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Er wird im April auf Bewährung entlassen. Sobald er frei ist, will ihn die Polizei nach Australien ausliefern, damit er vor Gericht kommt, so die australischen Medien.

Der FORWARD hat erfahren, daß Polizisten im vergangenen Jahr in die Vereinigten Staaten reisten, um für diese und andere Ermittlungen Beweise zu sammeln.

Smason sagte, er sei froh, daß er mindestens ein Opfer dazu bewegen konnte, Kramers Mißbrauch in St. Louis zu melden. Er fügte hinzu, daß in der orthodoxen jüdischen Gemeinschaft jedoch weiterhin Zurückhaltung herrscht, mit den Strafverfolgungsbehörden zu sprechen.

Smason sagte, daß er von einem anderen Kinderschänder in der Stadt weiß, er aber die Opfer nicht überzeugen kann, sich an die Polizei zu wenden.

Sexuellen Mißbrauch zu melden, ist für viele Opfer schwer genug, aber orthodoxe jüdische Betroffene und ihre Familien finden es wegen ihren eng verflochtenen Gemeinschaften und aufgrund von Bedenken, daß sie religiöse Gesetze wie Mesirah — das Verbot einen anderen Juden den weltlichen Behörden zu melden — verletzen, sehr viel schwieriger. Viele sind auch besorgt, ein chilul Hashem zu begehen, ein Unheil in Gottes Namen.

Einige ultra-orthodoxe Haredi-Organisationen wie „Agudath Israel of America“ erteilen immer noch die Anweisung, daß, bevor Verdachtsfälle den Behörden gemeldet werden, erst ein Rabbiner aufgesucht werden muß, es sei denn, die Person hat direkte Kenntnis über den Mißbrauch, weil sie selbst ein Opfer oder ein Zeuge eines solchen Vorfalls ist.

Chabad-Institutionen verfolgen einen liberaleren Ansatz. Ein „Beit Din“-Religionsgericht in Crown Heights in Brooklyn teilte den Anhängern zu der Zeit, als der Melbourne-Skandal ausbrach, die Entscheidung mit, daß sie, falls sie einen Mißbrauchsverdacht haben, keine religiösen Gesetze verletzen, wenn sie ihre Verdachtsmomente der Polizei melden.

Dennoch fürchten viele Betroffene und ihre Familien, durch den Makel einer Mißbrauchsanschuldigung aus Synagogen und Schulen geworfen zu werden oder Heirats-Chancen zu ruinieren.

Smason sagte, daß die Leute Meldungen oft scheuen, weil sie den Namen des Judentums nicht beschmutzen wollen, „nicht ahnend, daß das ultimative chilul Hashem darin besteht, diese Dinge ruhen zu lassen — und in der Folge hüpfen die Personen von Gemeinschaft zu Gemeinschaft“.

Rabbi Meir Shlomo Kluwgant, der letzte President des Rabbinerrates von Victoria, sagte, daß sich der Ansatz der Rabbiner hinsichtlich der Offenlegung von sexuellem Mißbrauch „in den letzten Jahren definitiv zum Besseren verändert“ hat. Kluwgant fügte hinzu, daß es in Australien keinen Versuch gegeben hat, Mißbrauch zu vertuschen und daß das Rabbinat bemüht ist, das Problem anzugehen.

„Viele [der Mißbrauchsvorwürfe] basieren auf Gerüchten und Unterstellungen, es sei denn, sie werden in einem Gericht bewiesen“, fügte Kluwgant hinzu. „Ich könnte Ihnen eine Menge Laschon hara [böse Worte] erzählen.“

Hören Sie auch Paul Bergers Interview mit Manny Waks über dessen persönliche Mißbrauchserfahrungen.

Hier finden Sie den Originalartikel, Child Sex-Abuse Scandal in Australia’s Jewish Community Spills Into U.S.

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