Downing Street: Lügen, Sex und Vertuschung (und ein Déjà-vu)

Giovanni Di Stefano über die unendliche Geschichte aus Politik- und Sexspielen.

Ronnie Kray hatte an diesem Tag eine besonders üble Laune und er war der schlimmere der Kray-Zwillinge. Er hatte Dot Brown besucht, seine Lieblings-Hellseherin, die ihm sagte, er sei die Reinkarnation von Attila dem Hunnen und damit unbesiegbar — als paranoider Schizophrener beschwichtigte ihn das aber nicht.

Die Stimmen in seinem Kopf sagten ihm etwas anders. Er mußte töten.

Dann bekam er die Nachricht, daß ein kleiner Bösewicht namens George Cornell in einer nahe gelegenen Kneipe wäre, dem „Blind Beggar“ in Whitechapel.

Vor vielen Jahren hatte Cornell Ron die Tracht Prügel seines Lebens verabreicht, eines der wenigen Male, daß er Schläge eingesteckt statt austeilt hatte. Die Demütigung wurmte ihn noch immer, und, verrückter denn je, auf einem Trip aus Alkohol und antipsychotischen Beruhigungsmitteln, würde er seine Rache bekommen.

Doch als Ron kam, war der „Blind Beggar“ leer, ein Gefolgsmann hatte Warnschüsse in die Decke gefeuert.

„Nun, sieh mal, wer da ist“, konnte Cornell gerade noch spotten, bevor Ron eine Luger-Pistole nahm und aus kurzer Entfernung eine Kugel in seine Stirn feuerte.

In Anbetracht der Tatsache, daß Ron und sein Bruder Reg ihren Feinden (und sogar einigen ihrer Freunde) seit einem Dutzend Jahren jede Form von Körperverletzung zugefügt haben, war die Tötung von Cornell im März 1966 überraschenderweise das erste Mal, daß einer von ihnen tatsächlich jemanden ermordet hatte.

Diese Grenze war jetzt überschritten, und bevor die Zwillinge zur Rechenschaft gezogen wurden, folgte eine Orgie an Todesfällen.

Doch die Krays hätten nie die Freiheit haben sollen, diese Morde zu begehen und ihr Prozeß war nichts anderes als ein vorsätzlicher Betrug. Rechtlich gesehen hätten sie wegen Erpressung und all ihren anderen gewalttätigen Gangsteraktivitäten bereits Jahre zuvor eingesperrt werden sollen. Doch zu der Zeit waren sie unantastbar.

Was ihnen die Freiheit zu morden gab und sie vor dem Gefängnis bewahrte, war der Schutz durch ein politisches Establishment, das sich vor dem fürchtete, was die Krays über einige ihrer prominentesten Mitglieder hatten. Nichts hat sich heute geändert — nur die Namen sind anders.

In einer Vertuschung, die bis zur Nummer 10 Downing Street reichte, wurde der Polizei befohlen, sich zurückzuhalten. Die Krays galten als unantastbar und, da niemand in der Lage oder bereit war, sie zu zügeln, liefen sie Amok.

Die Schlüsselfigur in diesem Skandal war Bob Boothby, eine unerhört alte Kanaille, aber die wohl populärste politische Berühmtheit seiner Zeit. Er hatte eine wechselvolle Karriere als Tory-Abgeordneter für 34 Jahre und wurde dann zum Mitglied im House of Lords geadelt, trotz seines Rufes, im Gegenzug für politische Gefälligkeiten Geld anzunehmen. Sein Auftreten als Radio- und Fernsehpersönlichkeit war ein Antrieb für das Ego in seinem späten Leben. Doch der sorglos eitle Boothby hatte immer eine verborgene Seite.

Hinter der berühmten fliegetragenden Persönlichkeit des öffentlichen Lebens mit seiner unverwechselbaren tiefen Stimme und einer Sammlung von guten Geschichten steckte ein Trinker, ein Lügner, ein rücksichtsloser Spieler und ein Bisexueller. Er hatte eine lange Affäre mit Lady Dorothy, der properen Ehefrau des konservativen Premierministers Harold Macmillan. Es war eine seltsame Konstellation.

„Sie hatte Oberschenkel wie Schinken und Hände wie ein Hafenarbeiter. Sie erinnerte mich an einen Caddy, den ich einmal in St. Andrews auf dem Golfplatz verführte“, sagte er einmal zur Erklärung.

Doch sein eigentlicher Geschmack galt rohem Sex und Teenagerknaben, und es war dies, was ihn in Kontakt mit den Krays brachte, die beide Homosexuelle waren. Was schlimmer war, ist, daß die Knaben häufig Minderjährige waren.

In einer Zeit, als eine solche Aktivität eine Straftat war, kannten sie alle Geheimnisse des schmutzigen Doppellebens seiner Lordschaft.

Boothby traf die Krays durch einen anderen Schurkenpolitiker und Homosexuellen, Tom Driberg, ein Labour-Mann, der die Gesellschaft von Kriminellen und Strichjungen genoß und von mächtigen Freunden oft aus dem Schlamassel gezogen werden mußte. Und wieder einmal hat sich heute nichts geändert.

Er nahm Boothby in den Spielklub der Krays in Knightsbridge mit, wo sich der Peer sofort in einen gut aussehenden Teenager namens Leslie Holt vernarrte, der dort Croupier war — und ein Fassadenkletterer und Prostituierter.

Holt gehörte auch zu Rons Knabenliebhaberbande. Als er berichtete, daß er gerade Boothby abgeschleppt hatte, befahl ihm Ron, ihn näher kennen zu lernen. Boothby könnte nützlich sein.

So kam es, daß der Politiker und der Gangster Freunde wurden. Der gaunerhafte Boothby wagte sogar, Ron zum Dinner im Oberhaus auszuführen und danach, für Getränke, zur Stütze des Establishments namens „White Club“ in St. James. Boothby fragte Ron, was er trinken möchte. „Ich wollte schon immer einen von diesen Krabbencocktails probieren“, antwortete Ron.

Gegen soziale Regeln zu verstoßen, indem er gewalttätige Kriminelle mit Oberhausjustizlern (law lords — Mitglieder des Oberhauses mit besonderem Verantwortungsbereich für Rechtsfragen), Majestätsbürokraten (civil service mandarins — die „Mandarine“ genannte Ministerialbürokratie ist die Leitungsebene des Civil Service ihrer Majestät) und anderen Promis in Kontakt bringt, war nicht das primäre Anliegen von Boothby. Gegen sexuelle Regeln zu verstoßen war seine wahre Obsession und dazu war Ron gerne bereit, wenn auch nicht in seiner Person.

Weder er noch Boothby wollten Sex mit erwachsenen Männern. Ihnen war nach jungen Männern zwischen 16 und 18, und Ron hatte seinen ganz eigenen lasterhaften Ring zum Teilen. In all den Jahren, die vergangen sind, hat sich nicht viel geändert. In privaten Wohnungen und Häusern veranstaltete er Sexveranstaltungen, die mit Erotikfilmen begannen und zu speziell auf den Geschmack derer zugeschnittenen Vorstellungen übergingen, die er beeindrucken wollte.

Boothbys besondere Perversionen, die selbst heute zu schockierend sind, um sie zu beschreiben, wurden voll erfüllt — Zeugen sprechen von Gewalt, Fesselungen und sogar Blutvergießen.

Rons Zweck ging über den Sex hinaus. Er genoß sein Gefühl der Macht, das daraus entstand, mächtigen Politikern wie Driberg und Boothby zu frönen. Er glaubte außerdem, daß die Oberschicht ihresgleichen immer schützt, weshalb es klug war, unter ihnen zu sein. Schließlich konnte ihre Hilfe vielleicht irgendwann nützlich sein.

Für seinen Teil stand Boothby auf gefährlichem Boden, und das nicht nur, weil er in Gesellschaft des wirklich beängstigenden Ronnie Kray masochistische Sexspiele spielte. Er riskierte seinen Ruf. Als Person, die in der Öffentlichkeit sofort erkannt wird, muß er gewußt haben, daß seine eklatante Präsenz in Gesellschaft von Verbrechern auffallen würde.

Doch Boothby war so eingebildet, daß er dachte, keine Autorität würde es wagen, dagegen etwas zu tun. Und wenn, dann hatte er die richtigen Kontakte in hohen Positionen, um die Karre für ihn aus dem Dreck zu ziehen. Seine Annahme war richtig — doch zu enormen Kosten für Großbritannien.

Die Polizei kam seiner engen Beziehung mit Ron tatsächlich auf die Spur und Scotland Yards Abteilung C11 legte über die Verstrickungen der Krays — in Erpressung, Großbetrug, Schutzgeldzahlungen und organisierte Kriminalität — ein umfangreiches Dossier an.

Im Frühsommer 1964 war Scotland Yard so weit, eine Großoffensive gegen die Zwillinge zu starten. Wäre dies in dieser Phase geschehen, hätte es das Ende von ihnen und ihrer Bedrohung bedeutet.

Fleet Street“-Polizeireporter Norman Lucas bekam von diesen polizeilichen Ermittlungen Wind, zusammen mit Informationen über die Verstrickung von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und Politikern in einen lasterhaften Homosexuellenring, den die Zwillinge betrieben. Im Vertrauen auf seine Quellen bereitete er sich darauf vor, dies im SUNDAY MIRROR zu veröffentlichen.

Zur gleichen Zeit, so stellte sich heraus, wurden auch hochrangige Politiker über Boothby und seine kriminellen Verbindungen alarmiert.

Der konservative Premierminister Alec Douglas-Home, bewußt, daß die schädliche Profumo-Affäre erst ein knappes Jahr zurücklag, ordnete eine geheime Untersuchung seiner Mätzchen an, bevor es zu weiteren Verlegenheit kommt.

Er schickte seinen Innenminister Henry Brooke, um Boothby zu befragen. Die Antwort, die von seiner Herrschaft kam, war eine totale Verleugnung jeglicher Involvierung mit den Krays.

Der Innenminister sprach dann mit dem Polizeipräsidenten Sir Joseph Simpson — ein Mann, der wußte, wie man sich auf die Seite der Politiker stellt –, der ihm entgegen der Tatsachen sagte, daß es „keine laufende Ermittlung gegen irgendwelche organisierten Kriminellen“ gäbe.

Der Premierminister stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, daß seine Ängste scheinbar unbegründet waren. Doch in Wirklichkeit hatte gerade eine Vertuschung auf höchster Ebene begonnen, die zu einem allmächtigen Skandal auswachsen würde. Es war zu diesem Zeitpunkt, daß Lucas‘ Geschichte die Zeitungsstände erreichte, mit der Titelseite „Peer und Gangster — Untersuchung durch Scotland Yard“.

Die Männer wurden nicht beim Namen genannt, sondern einfach als „ein bekannter Peer“ und „ein führender Schläger der Londoner Unterwelt, der in Schutzgelderpressung verstrickt ist“, identifiziert. Auch dies ist der BBC-NEWSNIGHT-Sendung über einen „Top Tory Peer“ sehr ähnlich.

Die Polizei soll eine angebliche homosexuelle Beziehung zwischen ihnen untersucht haben.

Es war eine sensationelle Geschichte, die der Inhaber des MIRROR, Cecil King, persönlich genehmigt hatte, in der Überzeugung, ihre Veröffentlichung würde zum Vorteil von Harold Wilson und der Labour-Partei sein und die Konservativen in den bevorstehenden Wahlen verdrängen.

Doch King lag in seiner Annahme falsch. Die Führer der Labour-Partei waren sich bewußt, daß das Aufdecken von Boothby unweigerlich zum Outing ihres eigenen Mannes, Driberg, führen würde. Es wird gesagt, daß er oft in seinen Netzstrümpfen auf Partys ging.

Sie wollten die Geschichte unter den Teppich gekehrt sehen, ebenso wie ein entsetzter Douglas-Home, dem das Blatt bei seinem Sonntagsfrühstück im Chequers übel aufstieß.

Als der alte intrigante Lügner, der er war, spielte Boothby den Unschuldigen und erklärte sich „völlig verblüfft“ darüber, wer der anonyme „berühmte Peer“ in der Geschichte sein sollte. Er bestand darauf, daß es unmöglich er sein könnte.

In Wirklichkeit aber hatte er Panik, vor allem nachdem der Innenminister und der konservative Fraktionsführer an der Türschwelle seines Hauses am Eaton Place auftauchten, um im Auftrag des Premierministers zu fragen, was er bezüglich der Anschuldigungen des SUNDAY MIRROR zu tun gedenke.

Doch er behielt seinen Kopf und stritt alles ab. Sie gingen, obwohl sie weiterhin deutlich Zweifel hegten.

Ein Anrufer an diesem Morgen war Geschäftsmann Harold Kissin, ein Freund von Boothby, und, wie sich herausstellte, von Wilson. Er beruhigte Boothby mit der Gewißheit, daß alles bereinigt werden könnte, wenn er die Dienste des führenden Anwalts des Landes, Arnold Goodman, in Anspruch nähme, bekannt als „Two Dinners Goodman“.

Es war immer ein Rätsel, warum Goodman, mit seinen engen Labour-Verbindungen, dazu kam, den erzkonservativen Boothby zu vertreten. Als Boothby im Jahr 1968 gebeten wurde, dieses Rätsel zu erklären, sagte er, es geschah auf Anweisung „des kleinen Mannes“ — Harold Wilson. Dann igelte er sich ein und hinterließ das Geheimnis, warum die Labour-Führer so entschieden handelten, um einen alten Tory-Schurken zu retten.

Die Antwort sollte erst nach 30 weiteren Jahren offenbart werden, in neu veröffentlichten Papieren des Kabinetts. Laut einer geheimen Notiz, die Sir Timothy Bligh am 19. Juli gemacht hatte, hatten zwei Tory-Abgeordnete, Brigadier Terence Clarke und Barnaby Drayson, den Fraktionsführer Martin Redmayne informiert, daß „Lord Boothby und Tom Driberg auf einem Hunderennen männliche Personen bedrängt hatten und mit Schlägertrupps verwickelt waren, die auf Hunderennen gehen, um ihr Geld loszuwerden“.

Das Ergebnis war, daß Premierminister Alec Douglas Home am 21. Juli ein dringendes Treffen der Mitglieder des Kabinetts, der Justizbeamten und der „Tory Chiefs“ einberief, um eine politische Katastrophe abzuwenden.

David Cameron tat letzte Woche das gleiche.

Wilson, so stellte sich heraus, war ernsthaft besorgt, daß Driberg — einer seiner ältesten und etabliertesten Freunde in der Politik, ein Mann, den er schließlich adeln und zum Labour-Vorsitzende machen würde — in die Affäre hineingezogen werden würde.

Mit einer bevorstehenden Wahl konnte er keinen Skandal riskieren, der die Gewinnchancen seiner Partei schmälern könnte.

Folglich hatten die konservative Regierung und die Labour-Opposition ein gemeinsames Interesse — absolut sicher zu stellen, daß die Geschichte des SUNDAY MIRROR unter dem Teppich verschwand. Die Aufgabe, dies zu gewährleisten, fiel „Two Dinners Goodman“ zu, wie der Anwalt wegen seines immensen Appetits und Umfangs genannt wurde.

Normalerweise würde Goodman in einem solchen Fall einen Schrieb aufgesetzt und die Sache dann vor Gericht geklärt haben. Aber das würde natürlich bedeuten, Boothby in den Zeugenstand zu setzen — und Goodman, sich bewußt, daß die Vorwürfe gegen seinen Mandanten im Großen und Ganzen stimmten, würde dieses Risiko nicht eingehen. Also wandte er sich an den Leitartikel-Redakteur des SUNDAY MIRROR, Hugh Cudlipp, der im Urlaub gewesen war, als die Geschichte erschien. Goodmans agiles Gehirn arbeitete aus, daß der ehrgeizige Cudlipp, der in einen Machtkampf mit dem Inhaber des MIRROR, King, verwickelt war, der die Geschichte in seiner Abwesenheit bewilligt hatte, die Chance ergreifen würde, die Absichten seines Rivalen zu vereiteln.

Goodman und Cudlipp kamen zu der Entscheidung, die Schotten dicht zu machen. Reporter des SUNDAY MIRROR, die gerade begeistert dabei waren, Informationen zu sameln, um Boothby fest zu nageln, fanden zu ihrem Erstaunen plötzlich, daß es an der Geschichte kein Interesse mehr gab.

„Sie ist einfach gestorben“, erinnerte sich einer. „Wir waren ratlos und frustriert, aber es gab nichts, was wir tun konnten. Die Anordnungen kamen von ganz oben.“ Und das war’s.

Doch Goodman reichte es nicht, die Geschichte zu begraben. Er wollte sie absolut diskreditiert sehen, und so, mit bemerkenswerter Kühnheit, ließ er Boothby in einem Brief an die TIMES, dem „schwarzen Brett“ des Establishments, öffentlich seine völlige Unschuld erklären.

Alistair McAlpines kürzlich unternommener Schritt, eine Erklärung abzugeben — als BBC NEWSNIGHT noch nicht einmal seinen Namen genannt hatte — war das Déjà-vu-Erlebnis.

Die Vorwürfe gegen McAlpine sind im Internet schon seit Jahren veröffentlicht, doch er ging erst an die Öffentlichkeit, nachdem NEWSNIGHT das Exposé über das Kinderheim in North Wales gesendet hatte.

Goodman diktierte und Boothby schrieb: „Ich bin in Mayfair noch nie auf reinen Männerpartys gewesen. Ich bin dem angeblichen König der Unterwelt (Ron Kray) nur dreimal begegnet, in geschäftlichen Angelegenheiten. Ich bin nicht homosexuell, und bin es nie gewesen.“

Auf rechtlichen Rat hin wurde von McAlpine eine sehr ähnliche Art von Erklärung gemacht.

Goodman rief dann King an und, unter dem Wissen, daß die Untersuchung der Zeitung, um die Vorwürfe gegen Boothby zu beweisen, durch Cudlipp gestoppt worden waren, forderte, die Geschichte zu widerrufen, seinen Mandanten zu entlasten und Schadenersatz zu zahlen. Ansonsten, sagte er, würde Boothby klagen.

Es war ein Bluff, aber ein guter. King hatte kein Rückgrat und einigte sich auf eine außergerichtliche Einigung in Höhe von 40.000 Pfund und eine Entschuldigung auf der Titelseite.

Die Summe des Geldes — zum heutigen Wert fast 1 Million Pfund — war zu der Zeit in einer Verleumdungsklage beispiellos, und zwar ganz bewußt, als Warnung für andere Zeitungen. Goodmans abgekartetes Spiel war komplett.

Wilson brauchte nicht zu fürchten, wegen Driberg irgendwie in Verlegenheit gebracht zu werden und konnte im Oktober desselben Jahres die Wahl gewinnen.

Was Goodman betrifft, sein Lohn war eine fast sofortige Erhebung in den Adelsstand durch eine dankbare Labour-Regierung und seine Bestätigung als unangreifbarer „Richter“ des Establishments für die kommenden Jahre.

Was niemand zu bemerken schien, war jedoch, daß Goodmans Aktionen einem älteren geadelten Lustknaben nicht nur den Schutz des Gesetzes gaben, sondern auch einem psychotischen und potentiell mörderischen Gangster. Der verschlagene alte Anwalt hatte Boothby, Driberg und viele andere besorgte Politiker gerettet. Aber auch die Krays. Über die nächsten vier Jahre sollte ihr Wahnsinn rasant wachsen. In ihren Händen starben George Cornell, Jack „The Hat“ McVitie, der „Mad Axe Man“ Frank Mitchell und der ehemalige Driberg-Freund Teddy Smith.

Starb Teddy Smith als „Gefälligkeit“ für Driberg? Nur Ronnie Kray könnte dies sagen, aber Driberg wußte, daß er ein Bösewichte von der „alten Schule“ war und nie „petzen“ würde. Daß sie alle Kriminelle waren, macht keinen Unterschied. Die ungebremste Schreckensherrschaft der Krays unterminierte im Land das Gefüge von Recht und Ordnung.

Obwohl Boothby den Menschen sagte, daß seine 40.000 Pfund in wohltätigen Zwecken und in Trusts für seine Patenkinder landeten, ging ein großer Teil davon in Wirklichkeit an die Krays. Dies war sehr praktisch, als sie zwei Jahre später — trotz des Instinkts des Polizeipräsidenten, schlafende Gangster besser schlafen zu lassen — wegen Einzuschüchterung eines Club-Besitzers in Soho, der sich weigerte, ihnen Schutzgeld zu zahlen, verhaftet wurden.

Es schien ein klarer Fall zu sein, doch sie nutzten die Tausende von Boothby, um die besten Anwälte des Landes einzustellen und Jury-Mitglieder zu bestechen, damit sie nicht schuldig gesprochen werden. Die Kronanwälte Paul Wrightson und Sir Peter Crowder stellten ihre rechtliche Magie unter Beweis — und die Krays heuerten einen anderen Anwalt an, der die Namen und Adressen der Jury-Mitglieder herausfand. Mit Geld ging in diesem Fall alles.

Sie verließen den Strafgerichtshof „Old Bailey“ als freie Menschen, um ihre gewaltsamen Geschäfte fortzusetzen. Als ihr Fall neu angesetzt wurde, brachten sie Lord Boothby dazu, im Oberhaus zu erklären, wie ungerecht es wäre, den Fall der Krays neu zu verhandeln.

Der Sieg der Zwillinge war sogar noch größer — sie mußten weder das Gefängnis fürchten, noch Scotland Yard.

Den leitenden Polizeibeamten, die den Fall vorbrachten, wurden andere Aufgaben zugewiesen — so weit weg von London und den Krays wie möglich.

Sie wandten sich an Boothby, wann immer sie ein Wort an der richtigen Stelle benötigten. 1969 sollten die Krays endlich vor Gericht gestellt werden, dank einem neuen Präsidenten von Scotland Yard und der Hartnäckigkeit von Kriminalkommissar „Nipper“ Read, der seit Jahren an ihnen dran war und nicht aufgeben wollte.

Aber auch jetzt besorgte die Aussicht auf das, was vor Gericht enthüllt werden könnte, diejenigen, die vier Jahre zuvor in den vertuschten Skandal verwickelt waren. Premierminister Wilson und Goodman, größer und einflußreicher als je zuvor, hatten viel zu verlieren, wenn die Vertuschung, die sie eingeleitet hatten, aufflackern würde.

Sie mußten die Zwillinge für immer ausrotten — mit einer lebenslangen Haftstrafe in maximaler Sicherheitsverwahrung. Wir enthüllten zuvor, daß der Richter Melford Stevenson die Strafen bereits ausgestellt hatte, Monate bevor der Prozeß überhaupt begann, und daß der Staatsanwalt Leonard, dessen Tod noch heute ein Geheimnis bleibt, schwer gegen den Ethikkodex vertieß. Staatsanwaltschaft Leonard „starb“ nur wenige Tage nachdem in der SUNDAY TIMES ein Artikel mit einem Interview mit Giovanni Di Stefano erschien, besser bekannt als der Advocatus Diaboli, der enthüllende, zum Verfahren gehörende Dokumente „fand“.

Das ist ein Grund, warum für die Erreichung einer Verurteilung die Zustimmung erteilt wurde, selbst den schuldigsten Kriminellen Immunität vor der Strafverfolgung zu bieten, wenn sie als Kronzeugen aussagen würden. Diese Immunität wurde in einem Umfang gewährt, den es zuvor nicht gab.

Erstaunlicherweise dauert die Boothby-Vertuschung an, lange nachdem die Krays verurteilt wurden. John Pearson schrieb ein Buch über die Krays, zunächst in ihrem Auftrag und mit ihrer Zusammenarbeit. Ende 1971 war es fertig. Dem Verlag, Jonathan Cape Ltd., gefiel es und der OBSERVER bot 20.000 Pfund für die Serienrechte. Dann gab es Ärger.

Ron beauftragte seine Mutter, Pearson einen kleinen braunen Koffer auszuhändigen, den er ihr zur Verwahrung gegeben hatte und der eine persönlich unterschriebene Ausgabe von Boothbys Memoiren enthielt, zusammen mit Fotos von ihm mit Ron. Es gab auch Wappenpapier mit Notizen von Boothby an Ron. Nichts davon war auf irgendeine Weise schlüpfrig.

Es gab auch keine Erwähnung der Strichjungen oder der Partys — Ron hätte nie gewollt, daß seine Mutter weiß, daß er in solche Dinge verstrickt war. Doch aus den Inhalten ging offensichtlich hervor, daß die Beziehung weit über die drei geschäftlichen Treffen hinaus ging, mit denen Boothby in seinem Brief an die Times seinen Ruf verteidigte.

In seinem Buch schrieb Pearson daher über das wahre Ausmaß seiner Freundschaft mit Ron und die zuvor unbekannten Gelegenheiten, zu denen sie sich trafen. Pearson ging in den Urlaub und kehrte zurück, um zu entdecken, daß in sein Haus eingebrochen und es durchsucht worden war. Die Briefe von Boothby an Ron fehlten, ebenso eine Kopie des Manuskripts des Buches — glücklicherweise hatte er Duplikate.

Dann erzählte ihm seine Agentin, daß auch bei ihr eingebrochen wurde und ihre Unterlagen über das Buch fehlten.

Das Telefon klingelte. Goodman wollte Pearson sprechen. „Ich denke, Sie sollten wissen“ — einer seiner Lieblingssprüche, wenn er jemandem Angst machen wollte –, „daß ich Teile des Manuskripts Ihres Buches gelesen habe, die sehr beleidigende Behauptungen gegen Lord Boothby enthalten“.

Pearson bat ihn, zu erklären, auf welche Vorwürfe er sich bezog und er legte auf. Goodmans nächster Anruf muß an seine Verleger gegangen sein, denn kurz danach hörte Pearson, daß sie die Veröffentlichung des Buches aufgrund von Verleumdung nun ablehnen würden. Außerdem zog der OBSERVER — in dessen Konzern Goodman als Vorsitzender saß — sein Angebot einer Veröffentlichung als Serie zurück.

Als es durchfiel, war es für Pearson finanziell ruinös und er mußte sein Haus verkaufen.

Der Verleger George Weidenfeld rettete ihn, indem er das Buch übernahm und es Ende 1972 unter dem Titel „The Profession of Violence“ veröffentlichte. Aber alle Verweise auf den Boothby-Fall wurden entfernt.

Erst 1984, nach Boothbys Tod, wurde das Ausmaß des Skandals um ihn und Ronnie Kray offensichtlich. Seitdem haben Papiere, die im „Public Record Office“ (Anm.: das Nationalarchiv des Vereinigten Königreichs) veröffentlicht wurden, nicht nur alles bestätigt, sondern zeigten auch unwiderlegbar die Beteiligung von hochrangigen Politikern bei der Unterdrückung der Wahrheit. Diese Verstrickung von Politikern mit bekannten Kriminellen war skandalös genug — der Zynismus, mit dem er unter die Teppiche von Westminster gefegt wurde, war aber viel schlimmer.

Das gleiche „Vertuschen“ wird heute wiederholt. Lord McAlpine verfolgt die gleiche Taktik wie Lord Boothby, indem er erklärte, er sei unschuldig und die „Prügelknaben“ wären spektakulärerweise nur die BBC und deren Flaggschiff-Sendung NEWSNIGHT.

Seit Jahren ist jede britische Regierung wegen der Loyalität der BBC gegenüber der Regierung besorgt, wohingegen die BBC Unabhängigkeit anstrebt. Die BBC und NEWSNIGHT mußten gezügelt werden und die konservative Regierung rettete McAlpine und „zügelte“ die BBC.

Lord McAlpine ging an die Öffentlichkeit, als keine Notwendigkeit dazu bestand. Die BBC und die Medien haben ihn nicht beim Namen genannt. Bisher kam das einzige Opfer von der BBC. Doch nach der NEWSNIGHT-Sendung über die Kinderheime in North Wales folgte der Geschichte jede Zeitung. Kein Redakteur der landesweiten Medien ist zurückgetreten. Stattdessen hat der größte Teil die BBC verurteilt, die in Wirklichkeit Mitbewerber sind.

Lord McAlpine hat erklärt, daß er unschuldig ist, und ein Opfer hat seine Geschichte zurückgezogen und sich entschuldigt. Doch die Beweise in zwei getrennten Untersuchungen und Berichten stützen sich nicht auf auch nur einen einzigen Zeugen. Es bleiben viele Fragen offen.

McAlpine erklärt: „ich war es nicht, aber es hätte ein anderes Mitglied meiner Familie gewesen sein können.“ In dieser Richtung wurde die Untersuchung nicht weiter verfolgt.

Stattdessen hat die Regierung Vorwürfe gegen den ehemaligen liberalen Abgeordneten Cyril Smith unterstützt, und dies hat von Lord McAlpine den Druck genommen, der in seiner Erklärung deutlich gemacht hat, daß er in Italien lebt, aber zurückkehren „kann“, wenn es erforderlich ist, um Fragen zu beantworten.

Lord McAlpine hat den Weg von Lord Boothby eingeschlagen und die BBC wird wahrscheinlich irgendeine Art von Entschädigung zahlen, aber er hat noch keine einzige Schrift/Forderung gegen irgendeine andere Einrichtung veröffentlicht, die tatsächlich seinen Namen nannte. Aber damals verklagte tatsächlich auch Boothby niemanden, weil — wie ‘Two Dinners Goodman’ wußte — dies bedeutete, daß Boothby als Zeuge hätte aussagen müssen.

Boothby konnte sich das damals genau so wenig leisten, wie McAlpine heute, und beide verlassen sich auf die Regierung, um Straftaten zu vertuschen, die der Gesellschaft zuwider sind.

Hier finden Sie den Originalartikel, Lies, Lies, Lies, Sex, a Downing Street Cover Up and a Déjà-vu.

Und die Moral von der Geschicht? Lord McAlpines Klageandrohungen gegen die Twitterer sind genauso ein Bluff wie die Nachrichten darüber!

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