Sir Jimmy, der Pädophile, den jeder sah

Craig Brown über den Promi, der vor seinem Tod als Pädo bekannt war.

Bevor er schließlich nach Rußland überlief, war der verrufene Spion Guy Burgess dafür bekannt, in Pubs in Soho betrunken aus voller Kehle zu verkünden: „Ich bin ein Spion! Ich bin ein Spion!“

Den meisten Menschen diente dies nur als Bestätigung, daß er kein Spion sein kann. Immerhin, so dachten sie, würde er es sicherlich nicht jedem sagen, wenn er wirklich ein Spion wäre.

Dies zeigt, daß die sicherste Form der Verkleidung manchmal die Wahrheit ist.

Auf diese Weise wird jeder denken: „Es muß ein Scherz sein!“

Diese Technik scheint Jimmy Savile sein Leben lang angewandt zu haben.

Für die meisten Menschen würde die Vorstellung von einem Pädophilen wahrscheinlich eine Kombination der folgenden Punkte beinhalten: 1) ein älterer Mann mit gefärbten Haaren, 2) eine grob fahrlässige Verletzung der Kleiderordnung, wie Goldlamé-Shorts, 3) eine Menge Grimassen und 4) eine Menge Gegacker und 5) ein kräftiger Arm um die Taille eines Kindes.

Wie für Pädophile üblich, war Savile kein Mauerblümchen. Er stellte nicht nur alle fünf der oben genannten Merkmale zur Schau, sondern stellte sie — alle — mindestens einmal pro Woche landesweit im Fernsehen zur Schau. Und jedem diente dieser extreme Exhibitionismus als Bestätigung, daß er unmöglich ein Pädophiler sein kann. Wir alle dachten: „Es muß ein Scherz sein!“

Und er hatte noch zwei weitere Eigenschaften eines Pädophilen: Er suchte in Bereichen Beschäftigung, die ihm regelmäßig Zugang zu Kindern verschafften, und er suchte das Mäzenentum der Mächtigen und Einflußreichen.

Er stellte sich in diesen beiden Bereichen als außerordentlich erfolgreich heraus. „Top Of The Pops“ und „Jim’ll Fix It“ gaben ihm die Chance, über blauäugige Kinder zu herrschen, und zur gleichen Zeit wurde er als Entertainer vom Establishment aufgenommen wie kein anderer davor oder danach.

Schon 1971 wurde er in Lord Longfords Untersuchungskommission über Pornografie berufen. Zehn Jahre später wollte Lord Longford Savile in eine andere Komission berufen — dieses Mal psychische Nachsorge. Im Jahr 1988 setzte das Gesundheitsministerium den Vorstand von Broadmoor ab und übertrug ihm die Verantwortung. (Anm.: Broadmoor heißt Sicherheitsverwahrung im Hochsicherheitstrakt.)

Darauf folgende Ministerpräsidenten übernahmen ihn. Die damalige Oppositionsführerin Margaret Thatcher erschien 1977 in „Jim’ll Fix It“ und begrüßte ein kleines Mädchen, das Premierministerin werden wollte. „Als ich klein war dachte ich nicht, daß es jemals eine Frau Premierministerin geben wird, aber wir hoffen, daß du es richten wirst, Jimmy (we hope you’re going to fix it, Jimmy)“, gurrte sie.

„Ich habe es bereits gerichtet, privat, aber ich wollte nicht, daß es jeder weiß“, antwortete Jimmy. Nachdem Thatcher die Nummer 10 erreicht hatte, lud sie ihn zu Weihnachten regelmäßig auf den Landsitz Chequers.

Die königliche Familie nahm ihn sich auch zu Herzen. Eine der Enthüllungen auf Prinzessin Dianas berühmten Bändern im Squidgygate-Skandal (Anm.: der unsere freie Presse wegen Lieferengpässen auf dem Medienmarkt nie erreichte) war, daß Prinz Charles Savile gebeten hatte, die Herzogin von York zu beraten, wie ihr Image zu verbessern wäre. (Anm.: squidgy — adjective [squidgier, squidgiest] informal, chiefly Brit. soft and moist.)

Später erzählte Prinzessin Diana ihrem Biographen, Andrew Morton, von der helfenden Hand Saviles, die er dem königlichen Paar 1985 geliehen hatte, als erstmals Gerüchte über ihre Eheprobleme aufgetaucht waren, und ihnen riet, Dyfed in Wales zu besuchen, das vor kurzem durch Überschwemmungen verwüstet worden war.

Um unbemerkt zu agieren, muß ein gut vernetzter Pädophiler zwangsläufig außerdem ein PR-Experte sein. Als sie 1990 seine Londoner Wohnung besuchte, kurz nachdem er (Anm.: im April) seinen Ritterschlag erhalten hatte, sah sich die Glitzerjournalistin Lynn Barber die Glückwunschtelegramme von dem Prinzen und der Prinzessin von Wales und dem Herzog von Edinburgh an, „und eine sehr süße selbstgebastelte Karte mit einem Schnappschuß von Prinzessin Bea, der Herzogin von York“. (Anm.: Prinzessin Bea wurde am 8.8.88 geboren.)

Barber sagte, sie fand den Besuch des „Stoke Mandeville Hospitals“ mit Savile „eine beunruhigende Erfahrung: als er über einer jungen querschnittsgelähmten Frau gurrte:

‚Aha, jetzt habe ich dich, meine Liebe!‘ (‚Aha, now I can have my way with you, my dear!‘) Man kann nur beten, daß sie den Witz zu schätzen weiß.“

Im Nachhinein kann man sehen, daß er wieder einmal die Burgess-Technik, die Wahrheit als Nebelwand zu nutzen, einsetzte, und sich dann dahinter versteckte. Ein paar Jahre später ging meine Frau, Frances Welch, zu der gleichen Wohnung, um ihn zu interviewen.

„So wie manche Leute von Golf-Clubs angezogen werden, werde ich von Krankenhäusern angezogen“, sagte er ihr. „Sie sind besser als Discos. Sie sind 24 Stunden geöffnet.“ Zu der Zeit schien es wie ein Witz.

Im Interview ging es über seine religiösen Überzeugungen. Frances fragte Savile, ob er denkt, in den Himmel oder in die Hölle zu kommen. „Wenn es an den goldenen Toren irgendeine Diskussion gäbe, würde ich anbieten, Sankt Petrus die Daumen zu brechen und zu sehen, wie er das liebt“, antwortete er.

Obwohl er religiös war und jede Woche die Messe besuchte und alle sechs Monate die Beichte, sagte Savile, er sei nicht evangelisch.

„Er zieht den Reißverschluß seiner ausgebeulten Trainingsjacke hoch“, beendete meine Frau die Beschreibung ihrer Begegnung. „‚Ich sage dir nicht, daß du einen Trainingsanzug tragen sollst‘, sagt er mit einem lasziven Blick. ‚Und du sagst mir nicht, daß ich Schlüpfer tragen soll.‘“

Hier finden Sie den Originalartikel, Sir Jimmy, the man who hid in plain sight.

Advertisements

%d Bloggern gefällt das: