DIE CIA-KRONJUWELEN

Drei unterschiedliche Meldungen aus dem Jahr 2007 über freigegebene CIA-Dokumente.

Finden Sie die Unterschiede in der Berichterstattung von THE AUSTRALIAN, DER SPIEGEL und BILD.


(Foto: Consolidated News Pictures/Getty Images)

Robert Lusetich in THE AUSTRALIAN vom 28. Juni 2007:

Dr. Strangelove: Die CIA veränderte das Bewußtsein einer Vierjährigen

Leicht zu übersehen, auf Seite 425, in der Masse der berühmt-berüchtigten CIA-„Kronjuwelen“-Dokumente („Family Jewels“ files), findet sich ein kurzer Absatz zu den „potenziell peinlichen Aktivitäten der Agentur“.

„Versuche zur Beeinflussung des menschlichen Verhaltens durch die Verabreichung von bewußtseins- oder persönlichkeitsverändernden Drogen an ahnungslose Testpersonen.“

Von all den abscheulichen Taten, die die CIA im Namen der nationalen Sicherheit beging, sind diese Experimente, die prominente Psychiater im Namen der Agentur an unschuldigen Opfern machten — einschließlich erst vierjähriger Kinder — womöglich die dunkelsten.

„Wir haben keine Antwort auf die Frage der Moral“, sagte der ehemalige Direktor Richard Helms, als er über die Art der Projekte befragt wurde.

Die Veröffentlichung der Kronjuwelen enthüllte, daß die CIA diese Dr. Strangeloves finanzierte und Pharmaunternehmen engagierte, die bei den Experimenten helfen sollten.

Die Agentur appellierte an die Pharmariesen, alle Drogen weiterzureichen, die nicht vermarktet werden können, weil die „ungünstigen Nebenwirkungen“ an Mäusen und Affen getestet werden müssen. Alle zur Musterung übergebenen Medikamente würden laut einem internen Memorandum dann an freiwilligen US-Soldaten verwendet werden.

Zu den zahlreichen Bewußtseinskontroll-Programmen, wie MKULTRA, die von der Agentur heimlich gestützt wurden, fanden sich in den „Kronjuwel“-Akten keine weiteren Angaben. 6 Prozent des gesamten CIA-Budgets gingen im Jahr 1953 ohne Aufsicht an MKULTRA.

Nur die Spitze des Eisbergs war zuvor von der CIA unter dem „Gesetz zur Informationsfreiheit“ („Freedom of Information Act“, FOIA) veröffentlicht worden.

Die gestrigen Bestätigungen werden diejenigen trösten, die lange für die Wahrheit gekämpft haben.

Die Art der Experimente, gewonnen aus Regierungsdokumenten und Zeugenaussagen in zahlreichen Klagen gegen die CIA, ist schockierend — sie reicht vom Testen von LSD an Kindern über das Implantieren von Elektroden in die Gehirne der Opfer bis hin zur absichtlichen Vergiftung von Menschen mit Uran.

„Die CIA kaufte meine Dienste 1952 von meinem Großvater, als ich im zarten Alter von vier Jahren war“, schrieb Carol Rutz über ihre Erlebnisse.

„Im Laufe der nächsten 12 Jahre wurde ich auf verschiedene Arten getestet und trainiert. Die Programmierung, die mir von der CIA angetan wurde, sollte meine Persönlichkeit spalten und mich gefügig machen. Sie war traumabasiert, mit Dingen wie Elektroschocks, Drogen und sensorischer Deprivation (um mehrere Persönlichkeiten für besondere Aufgaben zu schaffen). Jede ‚Andere‘ (alter) oder Persönlichkeit wurde geschaffen, um auf einen post-hypnotischen Auslöser zu reagieren, dann eine Handlung zu begehen, und später keine Erinnerung daran zu haben.

Dieses Programm für einen Manchurian-Kandidaten war nur eine der operativen Anwendungen des Bewußtseinskontroll-Szenarios der CIA.

Ihre hart verdienten Steuergelder unterstützten dies.“

Die USA begannen die Experimente nach dem Zweiten Weltkrieg, als sie sich — aus Angst, sie würden den Sowjets in die Hände fallen — Hunderte von Nazi-Ärzten und -Wissenschaftlern schnappten, die die Bewußtseinskontrolle in den Konzentrationslagern erforscht hatten.

Die Führer des US-Militärgeheimdienstes waren paranoid, im Rennen um die Gehirnwäsche hinter den kommunistischen Ostblock zu fallen.

Die Programme wurden sorgfältig verborgen und bis in die 1970er Jahre fortgesetzt — als Helms befahl, den Großteil der Unterlagen zu vernichten.

Einige Verschwörungstheoretiker glauben, daß die CIA ihr in den frühen 1950er Jahren umrissenes Ziel, eine Persönlichkeit zu verändern, erreichte, und daß jemand „eine Handlung begehen kann, die den persönlichen moralischen Grundsätzen zuwiderläuft“.

Der Anwalt von Sirhan Sirhan, Lawrence Teeter, hat gesagt, sein Mandant wurde programmiert, um Robert Kennedy im Jahr 1968 zu ermorden.

Theodore Kaczynski, der Unabomber, nahm freiwillig an Bewußtseinskontroll-Experimenten der CIA teil, als er in den späten 1950er Jahren in Harvard studierte.

Hier finden Sie den Originalartikel, Agency’s Strangeloves altered mind of a girl aged 4.

Axel Frohns Überschrift im SPIEGEL vom 27. Juni 2007 klingt vielversprechend:

Als die Leichen aus dem Keller kletterten

Sie testeten Drogen an nichts ahnenden US-Bürgern, beschatteten Friedensaktivisten und versuchten, ausländische Politiker zu töten: Die Agenten des US-Geheimdienstes CIA scherten sich im Kalten Krieg wenig um Gesetze, wie jetzt veröffentlichte Dokumente belegen.

Washington – Der Gesetzestext ist eindeutig. Die nachrichtendienstliche Tätigkeit der CIA beschränkt sich auf das Ausland. Sie „hat keine Polizeigewalt“ und ist „nicht für die innere Sicherheit“ der USA zuständig. In einer Rede im September 1971 bestätigte CIA-Direktor Richard Helms diesen Kern des CIA-Gründungsdokuments. „Wir spionieren keine Bürger in den USA aus, und wir zapfen keine Telefonleitungen an.“ Beides war gelogen.

Seit seiner Schaffung 1947 hatte sich der Dienst gesetzeswidrig auch im Inland betätigt. Einbrüche, Abhör- und Beschattungsaktionen sowie die Verletzung des Briefgeheimnisses waren nur die Spitze des Eisbergs. Die Erprobung „verhaltensändernder Drogen“ an nichts ahnenden US-Bürgern und Mordkomplotte zur Beseitigung ausländischer Staats- und Regierungschefs gehörten ebenfalls zum Repertoire.

Ungemütlich wurde es für den Dienst erst nach dem Watergate-Einbruch im Juni 1972. Denn vier der fünf verhafteten und später verurteilten „Klempner“, die für das Komitee zur Wiederwahl Präsident Richard Nixons arbeiteten, hatten Verbindungen zur CIA.

Deren neuer Chef James Schlesinger war entschlossen, „die CIA auf solche Aktivitäten zu beschränken, die strikt in ihren gesetzlichen Aufgabenbereich fallen“. Außerdem ordnete er an, ihn über alle Leichen im Keller des Geheimdienstes zu unterrichten. Das Ergebnis war ein umfangreiches Konvolut von Dokumenten, das die früheren Gesetzesübertritte seiner Untergebenen mehr oder weniger genau dokumentierte. Manche Aktionen waren aktenkundig, andere mussten aus dem Gedächtnis der Beteiligten rekonstruiert werden, weil die Unterlagen vernichtet worden waren. Die Loseblattsammlung, im machistischen CIA-Jargon nach dem Slang-Ausdruck für die Hoden „Family Jewels“ genannt, verschwand im Safe des Direktors.

Geheimhaltung aufgehoben

Das National Security Archive in Washington ist ein unabhängiges Forschungsinstitut, das sich unter dem „Informationsfreiheitsgesetz“ (FOIA) für die Freigabe von Regierungsakten einsetzt. Vor 15 Jahren beantragte es, die Geheimhaltung der „Family Jewels“ aufzuheben und sie im Sinne demokratischer Offenheit der Öffentlichkeit nun vollständig zugänglich zu machen. Denn schon seit Jahrzehnten sickerten immer wieder Informationen über die gesetzwidrigen Geheimaktionen der CIA an die Presse.

Nach offenbar reiflicher Überlegung gab der Geheimdienst gestern dem Antrag statt. Gegen 11.30 Uhr lieferte ein CIA-Mitarbeiter die 702 Blatt Dokumente im Archiv ab, und seither sind sie auf dessen Webseite einzusehen.

Das „Skandal-Potential“ der darin enthaltenen Enthüllungen ist leicht ersichtlich. Doch was in den siebziger und achtziger Jahren politisch gewiss hochexplosiv war, kann seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001, das heißt zu Zeiten staatlich sanktionierter Folter und Entführungen, gigantischer Abhöraktionen und E-Mail-Kontrollen sowie geheimer Verfahren gegen US-Bürger vor geheimen Gerichten nur noch mäßig erschüttern. Doch ersichtlich werden alte Traditionen.

Schon 1967 und 1968 erstellte die CIA auf Wunsch des Weißen Hauses illegal Berichte über die Anti-Vietnamkriegsbewegung in den USA und die weltweiten Studentenproteste. „Konfrontiert mit den Tumulten an Universitäten wie Columbia“ in New York und aufgeschreckt durch „die Gewaltausbrüche an der Freien Universität Berlin und anderswo“ wollten die Präsidentenberater wissen, ob diese Proteste „miteinander in Verbindung“ standen. Interessanter war allerdings noch die Frage, ob dahinter nicht „feindliche Kräfte oder Einflüsse“ steckten und ob die „Dissidenten“ nicht möglicherweise aus dem Ausland „finanziert und folglich manipuliert“ wurden. Das Ergebnis der CIA-Studie dürfte allerdings nicht nach dem Geschmack der Auftraggeber gewesen sein, denn es ließen sich nur „Kontakte zwischen Kriegsgegnern zu Hause und im Ausland“ feststellen, aber keine „direkte oder formale Koordination“.

Ähnliches galt für die „Black Power-Streiter in den USA. Auch für sie ließ sich keine bedeutsame Verbindung zum „karibischen schwarzen Radikalismus“ und zum „schwarzen Nationalismus“ auf den Karibikinseln nachweisen. Noch weniger wurden die „Schwarzen Panther“ von „terroristischen Organisationen“ unterstützt, wie FBI-Chef J. Edgar Hoover behauptete.

Ergänzt wurden diese CIA-Ermittlungen durch die Operation MH/CHAOS, ein „weltweites Programm für die verdeckte Sammlung von Informationen über die Unterstützung, Anstiftung, Ausnutzung und Manipulation des US-Extremismus, besonders durch Kuba, das kommunistische China, Nordvietnam, die Sowjetunion, Nordkorea und die arabischen Fedajin.“

Herangezogen wurden dazu mit Vorliebe umgedrehte „Amerikaner mit extremistischen Referenzen“. Daneben legte die CIA-Spionageabwehr fast zehntausend Dateien über „vermutlich militante, subversive oder terroristische US-Bürger“ an.

Im Zeichen des Anti-Kommunismus führte der Geheimdienst Listen über „Reisen von US-Bürgern in kommunistische Länder“, und auf dem John-F.-Kennedy-Flughafen in New York kontrollierten seine Mitarbeiter die gesamte Post in die Sowjetunion. „Die Briefe wurden von den Postangestellten in Säcke gesteckt und aufgestapelt. Wenn sie dann abends nach Hause gingen, öffneten CIA-Agenten die Post und fotografierten sie. Sowohl ein- wie abgehende Briefe, einschließlich Postkarten, wurden abgelichtet.“ Dasselbe geschah in San Francisco mit der für China bestimmten Post.

Ebenso unrechtmäßig wurden Telefongespräche nach Südamerika, China und in die Sowjetunion zeitweilig überwacht oder abgehört.

Der Russe Juri Noseko, „der wertvollste Überläufer, den die Agency je hatte“, erregte das Misstrauen des CIA-Abwehrchefs James Jesus Angleton und musste mehr als zwei Jahre Isolationshaft und „feindselige Verhöre“ in einem eigens für ihn eingerichteten Geheimgefängnis in Virginia erdulden.

Lügendetektortests und Drogenexperimente

Journalisten, die für ihre Berichte zugespielte Geheimdokumente benutzten, mussten mit illegaler Beschattung und Telefonüberwachung rechnen, selbst wenn es sich bei ihren Gesprächspartnern um US-Senatoren handelte. Für einen Fernsehreporter wurde sogar ein Fotointerpret bemüht, der mit den hochspezialisierten technischen Mitteln seiner Zunft nachweisen sollte, dass es sich bei den Papieren in der Hand des Journalisten auf dem Bildschirm um Geheimdokumente handelte.

Die Liste der illegalen CIA-Aktivitäten lässt sich beliebig fortsetzen: Lügendetektortests an US-Bürgern, Einsatz von elektronischen Geräten im Inland, Experimente mit Drogen, die sich durch besonders schädliche Nebenwirkungen auszeichneten, Missbrauch von CIA-Mitteln zur Finanzierung anderer unauthorisierter Regierungsausgaben und Mordanschläge.

Allerdings war die Vermutung einer CIA-Beteiligung am Attentat auf den südvietnamesischen Präsidenten Diem „unbegründet“. Die Überlegungen „unterer Chargen“ im Weißen Haus zur Ermordung des panamaischen Machthabers Omar Torrijos gelangten „nicht zur Kenntnis“ der entsprechenden CIA-Abteilung. Eingestehen jedoch musste man, dass es beim Attentat auf den dominikanischen Diktator Trujillo „extensive Verbindungen der Agency zu den Verschwörern“ gegeben hatte, und dass die Anschuldigungen über CIA-Mordversuche an Fidel Castro „im Wesentlichen zutreffend“ waren.

Die Historiker des National Security Archive sind von den neuen Erkenntnissen, die sich aus den „Family Jewels“-Dokumenten gewinnen lassen, nicht besonders überwältigt. Doch „der neue CIA-Direktor Michael V. Hayden signalisiert damit, dass er die Freigabe von Dokumenten für wertvoll hält“, meint Spionagespezialist John Prados. „Es ist eine atmosphärische Veränderung festzustellen. Hayden zeigt, dass er auf unserer Seite ist, auf Seiten der Geschichtsforschung.“

BILD gelang es am 27. Juni 2007, dieses Geschwafel in 12 knappe Absätze zu meißeln:

Im Auftrag der CIA: Mafia-Killer sollten Castro umbringen

Die CIA öffnet ihr Archiv. Und erlaubt einen Blick in ihre düstere Vergangenheit.

Am Dienstag gab der US-Geheimdienst Dokumente frei, die Aufschluss über Attentats-, Entführungs- und Spionageversuche des Dienstes über einen Zeitraum von 25 Jahren hinweg geben.

CIA-Direktor Michael Hayden: „Das meiste davon ist nicht sehr schmeichelhaft, aber das ist nun einmal die Geschichte der CIA.“
Einige der Akten beweisen: 1960 heuerte die CIA zwei Mafia-Killer an. Sie sollten den kubanischen Revolutionsführer Fidel Castro umbringen!

Es klingt wie ein Spionage-Krimi. Vor fast 50 Jahren nahm FBI-Agent Robert Maheu im Auftrag der CIA Kontakt zu Gangster Johnny Roselli auf.

Maheu gab sich als Vertreter internationaler Unternehmen aus, die sich angeblich an Castro rächen wollten, weil er das Glücksspiel verboten hatte.

Roselli heuerte daraufhin zwei der meistgesuchten Kriminellen der Welt an: Momo Giancana, genannt „Sam Gold“, und Santos Trafficante alias „Joe“.

Die beiden Mafiosi erhielten insgesamt sechs Giftpillen von der CIA. Mehrere Monate lang hätten „Sam Gold“ und „Joe“ dann versucht, diese Castro ins Essen mischen zu lassen.

Die Anschlagsversuche schlugen immer wieder fehl. Wie Hunderte andere auch. Die kubanische Regierung schätzt, dass in den vergangenen Jahrzehnten mehr als 600 Versuche unternommen wurden, Castro zu töten.

Die Freigabe der CIA-Dokumente bestätigt, was lange vermutet worden war.

Erst vor wenigen Tagen hatte der mittlerweile 80-jährige Staatschef US-Präsident George W. Bush vorgeworfen, seine Ermordung angeordnet zu haben.

Die brisanten CIA-Akten – sie werden auch „family jewels“ genannt: Familienjuwelen. Weil sie gehütet wurden wie ein Schatz. Oder wie ein dunkles Geheimnis.

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