Operation Mitternachtsorgasmus: CIA-LSD in San Francisco

Troy Hooper über die  Communist Intelligence Agency  CIA.

Termini technici
Operation Midnight Climax: Operation Mitternachtsorgasmus

(Anm.: Das Bild mit den CIA-Prostituierten stammt aus dem Auszug von „The Search for the Manchurian Candidate“ in DER SPIEGEL 15/1979 — wahrscheinlich hatte DER SPIEGEL Tomaten auf den Augen, weshalb er nicht fragte, wie alt diese Prostituierten waren.)

Es ist über 50 Jahre her, doch Wayne Ritchie sagt, er kann sich immer noch erinnern, wie es ist, LSD verabreicht zu bekommen.

Es war eine Feiertagssparty im Jahr 1957 im historischen Post- und Gerichtsgebäude Siebente Ecke Mission — er trank mit anderen Bundesbeamten Bourbon-Soda. Sie machten Witze und erzählten Geschichten, als sich der Raum plötzlich zu drehen begann. Die roten und grünen Lichter am Weihnachtsbaum in der Ecke drehten sich wie wild. Ritchies Körpertemperatur stieg. Sein Blick fixierte die schwindelerregenden Farben um ihn herum.

Der stellvertretende US-Marshal entschuldigte sich und ging die Treppe hinauf in sein Büro, wo er sich hinsetzte und ein Glas Wasser trank. Er mußte sich fassen. Doch stattdessen flippte er aus. Wayne Ritchie fürchtete, die anderen Marshals wollten ihn nicht länger sehen. Dann war er von dem Gedanken besessen, die Bewährungshelfer auf der anderen Seite des Flurs würden ihn nicht mögen. Jeder würde ihn verfolgen. Ritchie mußte fliehen.

Er flüchtete in seine Wohnung und suchte Trost bei seiner Freundin, mit der er zusammenlebte. Es lief nicht so wie geplant. Seine Freundin war da, doch es kam zu einem Streit. Sie erzählte ihm, sie habe von San Francisco genug und wolle zurück nach New York City. Ritchie wurde mit der Situation nicht fertig. Er war außer sich, lief wieder weg, dieses Mal in die „Vagabond Bar“, wo er weitere Bourbon-Soda trank. Es folgten noch einige Bars, und sein Kick wurde stärker. Auf seinem Zurück Richtung Siebente Ecke Mission heckte Ritchie einen Plan aus, der sein Leben verändern würde.

Jetzt, in seinen Mittachtzigern, in San Jose, ist Ritchie womöglich eines der letzten lebenden Opfer von MKULTRA — eine verdeckte Operation der CIA, die an ahnungslosen Amerikanern in San Francisco und New York City von 1953 bis 1964 Lysergsäurediethylamid (LSD) testete.

„Ich erinnere mich an diesen Abend sehr deutlich“, sagte er kürzlich in einem Interview. „Ich war paranoid. Ich war so weit unten, daß ich dachte, jeder — die ganze Welt — wäre gegen mich.“

Als es am 20. Dezember 1957 Nacht wurde, kehrte Ritchie zurück in sein Büro und nahm zwei Dienstwaffen aus seinem Spind.

„Ich dachte, wenn sie mich loswerden wollen, dann werde ich ihnen helfen. Ich nehme aus meinem Büro einfach meine Waffen und suche mir eine Bar“, erinnert sich Ritchie. „Ich dachte: ‚Ich kann genug Geld bekommen, um meiner Freundin einen Flug zurück nach New York zu besorgen und ich werde mich stellen.‘ Aber ich hatte keinen Erfolg.“

In seinem Schädel war jetzt eine Mischung aus Halluzinogen und Alkohol, und Ritchie ging ins „Shady Grove“ in Fillmore — er bestellte einen letzten Bourbon-Soda. Danach richtete er seinen Revolver auf den Barkeeper und forderte Geld. Bevor er Marshal wurde, diente Ritchie fünf Jahre bei den Marines und ein Jahr als Gefängniswärter auf Alcatraz. Doch aus dem Polizist wurde plötzlich ein Räuber.

Es war blitzschnell vorbei. Eine Kellnerin tauchte hinter ihm auf und fragte Ritchie, was er tat. Als sich Ritchie umdrehte, schlug ihn ein Gast bewußtlos. Als er erwachte, standen über ihm zwei Polizisten.

Ritchie sagt, er hatte erwartet, gefangen oder getötet zu werden.

Der Richter verschonte ihn und Ritchie mußte nicht ins Gefängnis. Er beendete seinen Dienst als Marshal, bekannte sich schuldig wegen versuchten Raubüberfalls, zahlte eine Geldstrafe von 500 Dollar und wurde zu fünf Jahren auf Bewährung verurteilt.

Wayne Ritchies Geschichte ist zwar eigenartig, aber nicht einzigartig. Andere Menschen aus San Francisco waren ebenfalls ahnungslose Teilnehmer an einem seltsamen Forschungsprogramm, in dem die Regierung de facto das Gesetz brach, um im Kalten Krieg zu kämpfen.

Seymour Hersh enthüllte MKULTRA im Jahr 1974 in einem Artikel der NEW YORK TIMES, der die gesetzeswidrigen Handlungen der CIA dokumentierte, einschließlich der Verwendung der eigenen Bürger als Versuchskaninchen in Kriegs- und Spionagespielen. In seinem Buch „Die Suche nach dem Manchurian-Kandidaten“ („The Search for the Manchurian Candidate“) dokumentierte John Marks 1979 fachmännisch mehr von der Operation. Es gab auch andere Berichte über das Doping von Zivilisten durch die CIA, aber sie haben sich meistens mit Aktivitäten in New York City befaßt. Berichte über das, was in San Francisco geschah, waren spärlich und sporadisch. Doch neu freigegebene CIA-Unterlagen, aktuelle Interviews und ein persönliches Tagebuch eines Mitarbeiters (operative) der „Stanford Sammlungen und Universitätsarchive“ („Stanford Special Collections“) wirft mehr Licht auf die Operation in San Francisco.

In der sogenannten Bay Area um San Francisco gab es mindestens drei geheime Standorte (safe houses) der CIA, wo experimentiert wurde. Der wichtigste Standort — 225 Chestnut in Telegraph Hill — wurde von 1955 bis 1965 betrieben. Von den Bars in North Beach war es nur eine kurze Fahrt den Hügel rauf zu dem L-förmigen Gebäude mit seiner weitläufigen Aussicht auf das Wasser. Dort servierten von der Regierung bezahlte Prostituierte den ahnungslosen Freiern LSD-Cocktails, während sie martinisaufende Geheimagenten hinter einem halbdurchlässigen Spiegel beobachteten. Einige der Aufnahmegeräte waren als Steckdosen getarnt.

Um die Kunden in Stimmung zu bringen, schmückten die Wände Fotos von gefolterten Frauen in Bondage und provokative Poster vom französischen Künstler Henri de Toulouse-Lautrec. Die Agenten waren fasziniert von den versauten Sexspielen zwischen den Freiern und den Nutten. Der halbdurchlässige Spiegel bot den Agenten eine Nahansicht des Geschehens im „Schlafzimmer“.

Der wichtigste Mann hinter dem Spiegel war der stämmige, glatzköpfige George H. White, ein Drogenbeamter des „Bureau of Narcotics“ (Anm.: Die Evolution der US-Drogenbehörde lautet: Fusion mit dem „Bureau of Drug Abuse Control“ zum „Bureau of Narcotics and Dangerous Drugs“ / BNDD im Jahr 1968, woraus später die heutige „Drug Enforcement Administration“ / DEA wurde), der für die Zerschlagung von Opium- und Heroinringen in Europa, dem Nahen Osten, Lateinamerika und den USA Schlagzeilen machte. Wenige wußten, daß Onkel Sams CIA sein zweites Standbein war. Er überwachte die Operation in San Francisco und gab dem Programm den lustigen Namen „Operation Mitternachtsorgasmus“.

„[White] war ein wirklich eigensinniger Typ“, sagte Ritchie, der in den Gerichtssälen und Büros der Strafverfolgungsbehörden in der Innenstadt von San Francisco regelmäßig mit ihm zusammenstieß. „Alle seine Agenten hatten Angst, etwas ohne seine volle Zustimmung zu tun. White konnte handgreiflich werden. Er war ein sehr harter Kerl.“

Der amerikanische Chemiker Sidney Gottlieb war das Hirn hinter Whites Muskeln. Es war der Höhepunkt der McCarthy-Ära in den frühen 1950er Jahren und die Geheimdienstleiter der Regierung argumentierten mit der Furcht vor kommunistischen Regimes, um für Geständnisse von Kriegsgefangenen in Korea Halluzinogene zu benutzen und Spione durch Gehirnwäsche die Seiten wechseln zu lassen. Gibt es einen besseren Weg, um die Auswirkungen von LSD zu untersuchen, als ahnungslose Bürger in New York City und San Francisco?

In Whites ledergebundenen Protokollbüchern wurde das unglaubliche Labor auf Telegraph Hill „die Bude“ genannt. Whites Witwe stiftete dem „Foothill College“ in Los Altos Hills 10 Kisten seiner persönlichen Gegenstände, nachdem er im Jahr 1975 an Leberzirrhose starb. Die jetzt in Stanford eingelagerten Protokollbücher, Briefe und Fotografien bieten Einblick in das seltsame Leben eines Geheimagenten während des Kalten Krieges.

Bevor White Drogenbeamter wurde, arbeitete er im „Office of Strategic Services“ (OSS), dem CIA-Vorläufer aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges. In den 1940er Jahren, auf der Suche nach Wahrheitsdrogen, mischten White und andere OSS-Agenten konzentriertes Tetrahydrocannabinol-Acetat (THCA) in die Lebensmittel und Zigaretten von mutmaßlichen Kommunisten, Kriegsdienstverweigerern und Gangstern. Für die Arbeit an MKULTRA war diese Erfahrung hilfreich.

Dr. James Hamilton, ein Psychiater der „Stanford Medical School“, kannte White aus seiner OSS-Zeit. Er gehörte zu der kleinen Gruppe von Forschern, deren Zugang zur Bude genehmigt war. Gottlieb ebenfalls, doch die Operation Mitternachtsorgasmus kannte keine regelmäßigen ärztlichen Kontrollen.

Und das wurde problematisch. Schon das erste CIA-Bordell von White und Gottlieb in New York City ging schief. Im Jahr 1953 stürzte Frank Olson aus einem Hotelfenster im 10. Stock, neun Tage nachdem die CIA dem US-Spezialisten für biologische Kriegsführung LSD gegeben hatte. Bei einem CIA-Chemiker, der das Hotelzimmer mit Olson teilte, fand die Polizei auf einem Stück Papier in dessen Tasche Whites Initialen und die Adresse eines geheimen Standortes in Greenwich Village. Als die Polizei Olsons Tod untersuchte, wurde die Operation in New York City vorübergehend ausgesetzt.

White, ein gebürtiger Kalifornier und ehemaliger Zeitungsreporter in San Francisco, sehnte sich zurück nach Hause. Im Jahre 1955 ließ Gottlieb ihn gehen.

White war jetzt ein „CIA-Berater“ und hatte, abgesehen von Gottliebs sporadischen Besuchen, uneingeschränkte Freiheit über die geheimen Standorte in San Francisco. Ritchie sagt, daß Whites rechte Hand, Ike Feldman, wie ein „schäbiger Drogendealer“ gekleidet herumlief. Und: „Er wollte wie Al Capone sein.“ Die Bude wurde schnell zu einem Verbindungshaus für Spione. Es gab regelmäßig „Acht-Martini-Mittagessen“, notierte White in seinem Protokollbuch. Und in einigen Fällen beobachtete er die zweifelhafte Forschung auf einer von einem Freund gesendeten tragbaren Toilette. Sie war sein „Beobachtungsposten“.

Was in der Bude vor sich ging, blieb offenbar in der Bude.

Dr. John Erskine hat seit 1954 neben dem Standort gelebt. Er steht vor dem LSD-Haus, sagt: „Ich hatte das Gefühl, daß dort Dinge vor sich gehen, die mich nichts angehen. Es war nicht offen. Es gab keine Leute, die aus den Fenstern riefen.“

Das Gebäude wird renoviert. Mikrofone, Kabel und Aufzeichnungsgeräte wurden erst vor ein paar Monaten durch einen Bautrupp aus den Wänden entfernt.

Ruth Kelley war eine Sängerin in einem Club in San Francisco namens „The Black Sheep“. Ihre unerwartete Reise in eine andere Dimension passierte auf der Bühne.

Die junge, attraktive Kelley fiel White ins Auge, obwohl sie seine Annäherungsversuche zurückwies. Laut einer eidesstattlichen Aussage von Frank Laubinger, ein CIA-Beamter, der in den 1980er Jahren ein Programm leitete, das mit Opfern von MKULTRA Kontakt aufnahm, gab ihr White oder einer seiner Männer LSD, kurz bevor sie auf die Bühne ging. „Das LSD zeigte während ihres Auftritts definitiv eine Wirkung.“ Laut Berichten ging Kelley ins Krankenhaus, war aber in Ordnung … sobald die Wirkung der Droge, die sie nicht kannte, nachließ.

Die Probanden wurden von den Agenten unterschiedlich ausgewählt. Im Falle des geheimen Standortes von Telegraph Hill schleppten die Mädchen die Freier in Bars und Restaurants in North Beach ab und brachten sie dann zum Experimentieren und Beobachten zurück. Andere Male gaben White und seine Frau Dinner-Partys, wo die Gäste ohne ihr Wissen einen halluzinogenen Cocktail bekommen konnten. Und scheinbar zufällige Opfer wie Kelley wurden aus keinem anderen Grund gewählt, weil sich ihre Wege mit White und seinen Männern zur falschen Zeit kreuzten. White schrieb in seinem Protokollbuch, wie er ahnungslosen Zivilisten auf örtlichen Stränden und in Bars und Restaurants in der Stadt LSD gab.

Es gab in der Gegend um San Francisco zwei andere geheime Standorte, wo die CIA LSD und andere Chemikalien untersuchte: Zimmer 49 im „Plantation Inn“, Lombard Ecke Webster St. und die Adresse 261 Green St. in Mill Valley.

Potentielle Ziele waren Menschen aus allen Bereichen des Lebens. In einem internen CIA-Memorandum heißt es: „Die Wirksamkeit der Substanzen auf Einzelpersonen aller gesellschaftlichen Ebenen, hoch und niedrig, Indianer und Fremde, ist von großer Bedeutung, und es sind an einer Vielzahl von Einzelpersonen innerhalb dieser Kategorien Tests durchgeführt worden“, schrieb CIA-Inspektor General Lyman Kirkpatrick im Jahr 1963.

Doch ein „Senatsausschuß über Geheimdienstaktivitäten“ („Senate Select Committee on Intelligence Activities“) wies 1976 darauf hin, daß es keine medizinische Vorauswahl gab. „Paradoxerweise schien die Sicherheit von ausländischen Nationen, gegen die LSD eingesetzt wurde, wichtiger zu sein. In mehreren Fällen [in Übersee] wurden vor der Verwendung von LSD ärztliche Untersuchungen durchgeführt“, berichtete der Ausschuß. „Das Programm [im Inland] … demonstriert ein Versagen der CIA-Führung darin, den Rechten von Einzelpersonen ausreichend Rechnung zu tragen und die CIA-Mitarbeiter effektiv zu führen. Obwohl bekannt war, daß das Testen gefährlich war, wurden die Leben der Probanden gefährdet und ihre Rechte während der 10 Jahre des Testens, die Dr. Olsons Tod folgten, ignoriert.“ Obwohl klar war, daß gegen die Gesetze der Vereinigten Staaten verstoßen wurde, ging das Testen weiter.

CIA-Agenten gaben auch zu, selbst mit LSD experimentiert zu haben. In einem Brief an Harvey Powelson, Psychiatrie-Professor der UC Berkeley, schrieb White 1970, daß er „von Zeit zu Zeit als Versuchskaninchen diente. Meine persönliche Beobachtung war, daß die Wirkung aller dieser Drogen im Wesentlichen die gleiche war, abgesehen vom Grad oder Ausmaß der Wirkung. THCA war stärker als Marihuana und LSD stärker als THCA. Soweit es mich betraf, gab es unter dem Einfluß von jeder dieser Drogen kein ‚klares Denken‘. Ich hatte manchmal das Gefühl einer ‚bewußtseinserweiternden Erfahrung‘, doch dies verschwand unmittelbar nach der Sitzung wie ein Traum.“

Nach allen Berichten genoß White seine verdeckte Arbeit. Vielleicht zu sehr. 1971 schrieb er Gottlieb in einem Brief: „Ich war ein höchst unbedeutender Missionar, ein Ketzer praktisch. Aber ich habe aus ganzem Herzen in den Weinbergen geackert, denn es machte einfach Spaß, Spaß, Spaß. Wo sonst hätte ein echter amerikanischer Bursche mit dem Segen des Allerhöchsten lügen, töten, betrügen, stehlen, vergewaltigen und plündern können? Wirklich guter Stoff, Bruder!“

Sogar innerhalb der CIA wußten nur wenige von MKULTRA und den Teilprojekten. Die Experimente im Inland entzogen sich ein Jahrzehnt der Kontrolle, bis Präsident John F. Kennedy, um seine Schmerzen aus der verpfuschten Schweinebucht-Invasion zu lindern, CIA-Direktor Allen Dulles, der MKULTRA zuerst abzeichnete, zum Rücktritt zwang. Die Aktivitäten in San Francisco waren so geheim, daß sie im Jahr 1963 nicht einmal dem neuen CIA-Direktor, John McCone, mitgeteilt wurden. Der neue CIA-Generalinspekteur John Earman beschönigte allerdings nicht, was er erfuhr. „Die Konzepte zur Manipulation des menschlichen Verhaltens werden von vielen Menschen innerhalb und außerhalb der Agentur als abscheulich und unmoralisch befunden“, schrieb er und stellte in Frage, ob die heimlichen Aktivitäten überhaupt legal wären. „Die Offenlegung einiger Aspekte der MKULTRA-Aktivität könnte in der amerikanischen Öffentlichkeit schwerwiegende unerwünschte Reaktionen induzieren sowie offensive und defensive Maßnahmen seitens ausländischer Geheimdienste fördern.“

Earman wies darauf hin, daß zahlreiche Zivilisten von den Auswirkungen der Psychopharmaka krank wurden, die ihnen heimlich gegeben wurden, und es wäre peinlich, wenn Ärzte entdecken würden, was die Regierung getan hatte. Er empfahl, die geheimen Standorte zu schließen. Hochrangige Geheimdienstler forderten jedoch, Operation Mitternachtsorgasmus fortzuführen. „Ich teile zwar Ihr Unbehagen und Ihre Abscheu für jedwedes Programm, das dazu tendiert, in individuelle private und juristische Befugnisse einzudringen, glaube aber, daß es notwendig ist, daß die Agentur eine zentrale Rolle in dieser Tätigkeit beibehält“, schrieb Richard Helms, der damalige stellvertretende Planungsdirektor der CIA.

Das Testen ahnungsloser Personen wurde im Jahr 1964 ausgesetzt, zumindest offiziell. Dennoch setzte die CIA den Betrieb der geheimen Standorte in San Francisco und New York City länger als eineinhalb Jahre fort. Das CIA-Hauptquartier in Virginia kontrollierte das Programm stärker und 1965 wurden die geheimen Standorte der Bay Area geschlossen. Die Operation in New York City wurde im Jahr 1966 gestoppt. Geheimdienstler räumten ein, daß das Testen von Drogen die Agentur einem ernsthaften „moralischen Problem“ aussetze.

Der Spaß war vorbei. Im Jahr 1965 schied White aus dem Gesetzesvollzug aus und wurde Brandinspektor in Stinson Beach. Er schrieb eine verwegene Autobiographie mit dem Titel „Eine Diät der Gefahr“ („A Diet of Danger“), das seine Abenteuer als Drogenbeamter ausposaunte. Die Operation Mitternachtsorgasmus fehlte auffälligerweise. Verlage lehnten das Buch im Jahr 1971 ab.

Die Gesetzgeber waren skeptisch, als sie von den CIA-Geheimnissen erfuhren. Einzelheiten waren zu der Zeit jedoch dünn gesät.

Helms, einer der ursprünglichen Architekten von MKULTRA, folgte McCone als CIA-Direktor im Jahr 1966. Bevor Helms und Gottlieb in den frühen 1970er Jahren ausschieden, befahlen sie, alle Papiere über das Projekt zu vernichten. Im Jahr 1973, als Washington mitten in den Wirren des Watergate-Skandals stand, kam es zu einer gewaltigen Säuberung. Im selben Jahr wies der neue CIA-Direktor James Schlesinger die Mitarbeiter der Agentur an, ihn über illegale staatliche Aktivitäten zu informieren. So erfuhr er von Olsons tödlichem Sturz in New York City und den LSD-Tests.

Es dauerte nicht lange, bis Details zu Hersh durchsickerten. Der bahnbrechende Artikel des investigativen Journalisten in der NEW YORK TIMES deckte die großen illegalen inländischen CIA-Überwachungsprogramme auf. Der Staat hatte US-Postsendungen durchsucht, Telefone von Journalisten abgehört und Morde geplant. Und er hatte Hunderten von Zivilisten und vielen militärischen Personen im Namen der Verteidigung LSD verabreicht. Die Amerikaner verlangten Antworten.

Donald Rumsfeld, damals Stabschef von Präsident Gerald Ford, und Dick Cheney, Rumsfelds Stellvertreter, wollten, daß Hersh für den Verrat von Regierungsgeheimnissen angeklagt wird. Doch Ford folgte ihrem Rat nicht. Er ernannte ein Komitee unter dem Vorsitz von Vizepräsident Nelson Rockefeller, um das Fehlverhalten zu untersuchen. Im Jahr 1974 leitete US-Senator Frank Church ebenfalls eine Kongreß-Untersuchung von CIA-Gesetzesübertretungen, und Senator Edward Kennedy hielt im Unterausschuß für Gesundheit und wissenschaftliche Forschung Anhörungen zu MKULTRA.

Während die meisten CIA-Aufzeichnungen über die Geheimprogramme vernichtet wurden, rettete die bürokratische Stümperei 20.000 Dokumente vor dem Schredder. Durch eine Anfrage im Rahmen des „Gesetzes zur Informationsfreiheit“ („Freedom of Information Act“, FOIA) gelangte Marks, der Autor von „Die Suche nach dem Manchurian-Kandidaten“, im Jahr 1977 an viele geschwärzte Kopien von nicht vernichteten MKULTRA-Aufzeichnungen.

Im Austausch für Immunität vor Strafverfolgung beantwortete Gottlieb dann Fragen vor dem Senat. Um „Wissen aus erster Hand“ zu gewinnen, so Gottlieb, experimentierten die Agenten mit dem LSD erst „extensiv“ an sich selbst, bevor sie es der Öffentlichkeit gaben.

Kennedy versuchte zu relativieren. „Eine Seite wiegt leicht, es gibt aber auch eine sehr ernste Seite“, sagte er. „An der Ostküste oder Westküste gibt es vielleicht irgendeine Anzahl von Amerikanern, denen Drogen verabreicht wurden, mit allen Arten von körperlichen und psychischen Schäden, die dadurch verursacht werden können.“

CIA-Direktor Admiral Stansfield Turner sagte, daß für die MKULTRA-Forschung, die LSD, Schmerzmittel und andere Medikamente beinhaltete, landesweit 44 Hochschulen und Universitäten, 15 Forschungseinrichtungen und pharmazeutische Unternehmen, 12 Krankenhäuser und Kliniken, und drei Strafanstalten genutzt wurden.

Mittels einer Tarnorganisation verteilte Gottlieb an Stanford, UC Berkeley, und andere Institutionen Millionen von Dollar in Stipendien zur Erforschung von Drogen — die Quelle für das Geld kam erst später heraus. Stanford bestätigte, daß deren Fakultät von dem geheimen Programm der CIA in mehr als acht Jahren an die 40.000 Dollar erhielt. Sie hatte mehrere Studien über die Auswirkungen von Drogen auf Verhöre durchgeführt und entwickelte auch Miniatur-Lügendetektoren und anderes Spionagegerät. (Anm.: Wäre es nicht lustig, wenn die CIA die Bevölkerung nicht nur nutzen würde, um Drogen zu testen, sondern auch Geräte, am besten auf freiwilliger Basis? Die Antwort auf diese rhetorische Frage lautet: Warum sollte das „Monroe Institute“ die CIA beraten? Ach ja, noch etwas: Robert Monroes Vater, James Monroe, arbeitete für die „Human Ecology Society“, eine CIA-Tarnfirma.)

Die Gesetzgeber verurteilten die verdeckten inländischen Aktivitäten der CIA, doch letztlich folgten keine disziplinarischen Maßnahmen. Gottlieb und die anderen Personen hinter den LSD-Experimenten wurden nicht angeklagt oder bestraft.

Der Unterausschuß des Senats verlangte jedoch, die unschuldigen Opfer dieser Programme zu benachrichtigen. Die Opfer aufzuspüren erwies sich als schwierig, da es nach dem Schreddern der Papiere durch die CIA nur wenig entsprechende Daten gab.

Für die Opfer wurde zwar eine Arbeitsgruppe gegründet, doch die Aufzeichnungen zeigen, daß trotz geschätzter Hunderter, vielleicht Tausender von Menschen, die dem CIA-Programm zur Bewußtseinskontrolle ausgesetzt waren, nur 14 von ihnen benachrichtigt wurden.

Dr. Olsons Familie verklagte die Regierung und behauptete, der Tod des Wissenschaftlers hätte in Wirklichkeit nichts mit dem LSD zu tun, das er nahm. Sie behaupteten, ein Regierungsagent hätte ihn aus dem Fenster geworfen, damit er keine Informationen über ein geheimes CIA-Verhör-Programm über die Verwendung von biologischen Waffen im Koreakrieg ausplaudert. Olsons Familie akzeptierte von der US-Regierung für 750.000 Dollar letztendlich einen außergerichtlichen Vergleich. Es gab auch andere Klagen, einschließlich einer Sammelklage von mutmaßlichen Opfern des CIA-Programms in Kanada, und andere Reparationszahlungen.

Im Jahr 2009 reichten die „Vietnam Veterans of America“ im Bundesgericht von San Francisco Klage ein — sie behaupteten, daß mindestens 7.800 Soldaten ohne deren Wissen von der Armee und der CIA bis zu 400 Arten von Drogen und Chemikalien gegeben wurden, darunter Sarin, Amphetamine, Barbiturate, Senfgas und LSD. Erst im vergangenen Monat reichte die Gruppe in San Francisco eine Petition für eine Sammelklage ein. Die Klage fordert kein Geld, sondern will die Aufhebung einer Entscheidung des Obersten Gerichtshofs von 1950, die die Regierung aus der Haftung für Schadensersatz unter dem „Federal Torts Claims Act“ befreit. Die Veteranen wollen auch die Stoffe und Dosen erfahren, die sie erhielten, und für daraus resultierende Gesundheitsschäden versorgt werden.

Im Frühjahr 1999 schlug Ritchie eine Ausgabe der SAN JOSE MERCURY NEWS auf und las Gottliebs Nachruf. Dann hatte er sein Aha-Erlebnis.

„Ich kannte diesen Namen überhaupt nicht. Ich hatte noch nie von ihm gehört“, sagte Ritchie. „Was mir aber ins Auge sprang waren LSD und George White. Im Jahr 1957 war George White in San Francisco ein leitender Drogenfahnder, und ich kannte ihn. Als ich den Artikel las, hieß es darin, er hätte mit der CIA gearbeitet und mit der Hilfe von drogenabhängigen Prostituierten Bewußtseinskontroll-Drogen getestet. Ich setzte es zusammen. Er verabreichte Personen ohne deren Wissen Drogen. Ich dachte: ‚Mein Gott, wie konnte er mir das antun?‘“

Ritchie begann seine eigenen Recherchen über die Drogen-Aktivitäten der CIA und kam zu der Überzeugung, daß ihm die CIA Drogen verabreichte. Ritchie klagte gegen die Vereinigten Staaten und ihre Agenten, und behauptete, sein versuchter bewaffneter Raubüberfälle in der Bar wäre ausgelöst worden, als ihm Agenten auf der Weihnachtsfeier LSD in sein Getränk gaben.

Laut Whites Protokollbuch war er an dem Tag, als es zu der Verabreichung der Droge und zu dem Raub kam, am gleichen Ort wie Ritchie. Ein Eintrag in Whites ledergebundenes Buch für den 20. Dezember 1957 lautet „Weihnachtsfeier Behördengebäude Presseraum“.

Ritchies Anzeige stützte sich auf die eidesstattliche Aussage von Feldman, dem ehemaligen Agenten unter White. Feldmans Aussage war stellenweise belastend, stellenweise widersprüchlich. „Ich habe es nicht weiter verfolgt, Punkt, denn es wäre nicht besonders gut, zu fragen: ‚Wie fühlen Sie sich heute?‘ Sie geben keine Hinweise. Sie ziehen sich einfach zurück, wie bei diesem Nichtswisser, Ritchie“, sagte Feldman in einer eidesstattliche Aussage.

Im Jahr 2005 entschied ein Bezirksgericht, daß Ritchie nicht beweisen konnte, daß sein gescheiterter Raubüberfall durch eine LSD-induzierte psychotische Störung ausgelöst wurde. Der Richter nannte es „einen beunruhigenden Fall und, daß, wenn er tatsächlich wahr ist, [Ritchie] im Namen der nationalen Sicherheit einen schrecklichen Preis bezahlt hat“. Der Richter erklärte, daß die Agenten in San Francisco „verwerfliche Dinge“ taten und schloß, daß „das Übergewicht der dem Gericht zur Verfügung stehenden Beweise nicht deutlich hervorgeht, daß Mr. Ritchie LSD verabreicht wurde. Es kann sein, daß es geschah. Doch wir arbeiten nicht auf Verdacht.“ Ritchie sagt, er sei bis zum heutigen Tag „absolut schockiert“, den Fall verloren zu haben.

Jetzt ans Haus gebunden und unter einem Emphysem und an anderen Beschwerden leidend, was er alles dem hohen Alter zuschreibt, ist Ritchie über seine lange, seltsame Reise nicht verbittert. Er begründet es einfach mit einer Regierung, die in schwierigen Zeiten das Beste tut, was sie kann.

„Sie dachten, sie würden dem Land helfen“, Ritchie sagte.

Hier finden Sie den Originalartikel, Operation Midnight Climax: How the CIA Dosed S.F. Citizens with LSD.

Hier finden Sie Artikelsammlungen:

www.stopritualabuse.webs.com
www.letsrollforums.com
www.mcawareness.livejournal.com

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