Tod einer Verschwörung: Johnny Gosch, Jeff Gannon und Hunter S. Thompson

Tim Schmitt mit dem interessantesten Artikel über den Jungen, der 1982 verschwand — denn nach dem Artikel „verschwand“ das Magazin, das ihn veröffentlichte.

(Anm.: Das Cover der Druckausgabe — Bildquelle: DECLARE PEACE)

April 2005 — Noreen Gosch sitzt im „Village Inn“ in West Des Moines und schafft es, trotz ihrer überlebensgroßen Persönlichkeit in dem fast leeren Restaurant unbemerkt eine Tasse Kaffee zu trinken. Sie legt ihre Gedanken offen dar und ist bereit, ihre Informationen mit anderen zu teilen, doch bleibt sie auf eine Art und Weise vorsichtig und nachdenklich, die fälschlicherweise oft als kalt und abweisend erscheinen kann. Sie überlegt sorgfältig, während sie über ihren Sohn Johnny spricht — und über die Beteiligten einer bizarren Verschwörungstheorie rund um sein Verschwinden im Jahr 1982.

„Nur weil Sie etwas nicht glauben wollen“, sagt Noreen langsam, „heißt das nicht, daß es nicht wahr ist.“

Eine Aussage, die wiederholt werden muß:

„Nur weil Sie etwas nicht glauben wollen, heißt das nicht, daß es nicht wahr ist.“

Wer die Theorien rund um Johnny Goschs Verschwinden am 5. September 1982 gehört hat — und wer in Iowa hat das nicht? — weiß, daß sie nur schwer zu glauben sind. Wenn es in den oberen Ebenen der Regierung und Strafverfolgungsbehörden pädophile Satanisten gibt, die auf dem schwarzen Markt Kinder verkaufen und sie zu Prostitution, Pornographie, Erpressung und weitaus schlimmeren Dingen zwingen, ist es leichter, solche Dinge einfach nicht zu glauben.

Aber sie könnten wahr sein.

Und Noreen weiß dies nur zu gut. Daß ihr Kind entführt, sexuell mißbraucht, gefoltert, einer Gehirnwäsche unterzogen und in die Sklaverei verkauft wurde, wollte Sie zuerst nicht glauben, doch jetzt ist es eine unbestreitbare Wahrheit.

Und auch viele andere akzeptieren die Existenz eines riesigen Netzwerks von Personen aus der Öffentlichkeit — mächtige Politiker, Wirtschaftsführer, Strafverfolgungs- und Regierungsbeamte –, die unter Entarteten in einer Subkultur leben, in der es Entführungen, Kinderpornographie, Snuff-Filme, Drogen, Teufelsanbetung und Gehirnwäsche gibt. Und Noreen glaubt, daß Johnny von denen, die ihn entführten, in dieses Leben gezwungen wurde — und hunderte von anderen Kindern mit ihm.

(Anm.: Vermisstenmeldung aus dem Jahr 1984; Johnny Gosch war eines der ersten Kinder, deren Vermisstenmeldungen auf Milchkartons erschienen — Bildquelle: WANDERVOGELDIARY)

Doch Johnnys Geschichte wurde tausende Male erzählt. Sie wurde ebenso häufig analysiert, abgestritten und belächelt, und wir haben weder die Zeit, noch die Absicht, sie in voller Länge zu wiederholen. Wie tragisch es auch sein mag, es gibt nichts Neues, und die in der Geschichte Beteiligten schweigen oder werden seit Jahren einfach vermißt.

Bis vor kurzem.

In den vergangenen Monaten gab es unter den Menschen, die mit seinem Fall und der Verschwörungstheorie in Verbindung stehen, eine Vielzahl von Aktivitäten. Und einige glauben, daß Johnny Gosch gefunden wurde und sehr lebendig ist.

Die jüngsten Ereignisse begannen mit Jeff Gannon, dem rechten Journalisten, der mit falschem Namen und ohne Zeugnis Zugang zum Pressekorps des Weissen Hauses fand. Kurz darauf folgte der Tod von Hunter S. Thompson. Die Festnahmen von zwei Männern in Nebraska und Virginia, innerhalb weniger Tage nach der Gannon-Geschichte und Thompsons Tod, die scheinbar in keinem Zusammenhang stehen, spielen ebenfalls eine Rolle.

Und einige machen den Vorschlag, daß all diese Ereignisse mit dem 12-jährigen Zeitungsjungen aus West Des Moines zusammenhängen, der vor 23 Jahren entführt wurde.

Johnny lebt

Ende Januar kam heraus, daß ein konservativer Journalist in Washington D.C. Zugang zum Pressekorps des Weissen Hauses fand, trotz der Tatsache, daß er einen falschen Namen verwendete, und trotz der Tatsache, daß er einmal als homosexueller Luxus-Callboy arbeitete.

Jeff Gannon war ein Korrespondent des Weißen Hauses für TALON NEWS, der regelmäßig an Pressesitzungen im Weißen Haus und an mindestens vier Pressekonferenzen mit Präsident George W. Bush teilnahm. Am 26. Januar 2005 stellte Gannon dem Präsidenten eine Frage, die so freundlich und sachlich falsch war, daß sich einige seiner Kollegen seine Vergangenheit ansahen.

TALON NEWS entpuppte sich als Werkzeug der Republikanischen Partei, und Gannons Zeugnisse als Journalist bestanden lediglich aus einem Trainingskurs an der „Leadership Broadcast School of Journalism“. Nach zwei Trainingstagen, die 50 Dollar kosteten, war Gannon offiziell ein Absolvent einer Journalistenschule und auf dem Weg ins Pressekorps im Weißen Haus.

Bald wurde entdeckt, daß Gannon in Wirklichkeit Jeff Guckert heißt und daß er auch den Spitznamen „Bulldog“ hatte, als er sich als homosexueller Callboy und persönlicher Trainer ins Internet stellte und für seine „diskreten“ Dienstleistungen 200 Dollar pro Stunde berechnete.

Gannon wurde am 8. Februar aus dem Weißen Haus entfernt und beendete seine Tätigkeit für TALON NEWS und „Gannongate“ wurde schnell zum Präsidenten-Skandal der Stunde, doch die Geschichte verschwand aus der Öffentlichkeit, als Politiker und Medien ihre Aufmerksamkeit eifrig auf solch wichtige Themen wie Steroide im Baseball und Terri Schiavo lenkten.

Doch es dauerte nicht lange, bis Blogseiten die Geschichte der Regierung von Präsident Bushs Vater aufgriffen, der von einem Skandal getroffen wurde, in dem ein hochrangiger Beamter männlichen Teenagerprostituierten private Nacht-Touren durch das Weiße Haus gab. Die NEW YORK TIMES und die WASHINGTON POST schrieben beide über die Geschichte, die schließlich zum Tod des Washingtoner Lobbyisten Craig Spence führte, der Berichten zufolge die Besuche anordnete. Spence, so wurde vorgeschlagen, wollte öffentlich zugeben, daß er die Jungen im Teenageralter benutzte, um hochrangige Politiker zu erpressen. Er beging Suizid, bevor er die Gelegenheit hatte. (Anm.: Siehe „Die Pädophilokratie“, das aus dem Englischen übersetzte Buch „The Pedophocracy“ von David McGowan auf www.anti-kinderporno.de — Craig Spence wird an dieser Stelle erwähnt.)

Mit einem schwulen Callboy im Weißen Haus der Regierung Bush und vielen der gleichen Beamten aus den 80er Jahren, die wieder an der Macht sind, stellt sich die Frage nach einem Zusammenhang.

Der Privatdetektiv Sherman H. Skolnick schrieb am 19. Februar auf der für Verschwörungstheorien bekannten Internetseite RENSE einen Artikel über das Gannon-Debakel und erklärte, daß Jeff Gannon Johnny Gosch ist.

Andy Stephenson, ein Blogger aus Seattle, der mit den Details im Fall Johnny Gosch und den im Buch „The Franklin Cover-Up“ beschriebenen Kindersexringen in Nebraska vertraut ist, ging der Behauptung mit einer Gruppe anderer Autoren nach. Sie suchten nach markanten Punkten auf Gannons Körper und verglichen sie mit denen, die über Johnny Gosch berichtet wurden. Sie berücksichtigten das Fehlen von persönlichen Informationen über Gannons frühe Jahre. Sie zogen in Betracht, daß Johnny für Erpressungszwecke als schwuler Prostituierter verwendet wurde. Sie zogen in Betracht, daß im Rahmen der Regierungprogramme „MONARCH“ und „MKULTRA“ Kinder, darunter Johnny, entführt und einer Gehirnwäsche unterzogen wurden, um ihre eigenen Pläne voranzutreiben. Und sie kontaktierten Noreen Gosch und diskutierten mit ihr diese Idee — sie hörte diese Theorie zum ersten Mal — und auch sie kamen zu dem Schluß, daß Jeff Gannon kein anderer als Johnny Gosch ist.

Das Internet ist seitdem mit der Theorie voll. Und in gewisser Weise ergibt sie durchaus Sinn. Ein Kind wird im Rahmen eines streng geheimen Programm zur Bewußtseinskontrolle entführt und einer Gehirnwäsche unterzogen — und jetzt, als Erwachsenen, warum sollte man ihn nicht auf Pressekonferenzen im Weißen Haus einsetzen, um den Präsidenten besser aussehen zu lassen? Viele machten den Vorschlag, daß Gannon ein Kind aus dem „Project MONARCH“ sei, das erwachsen wurde.

Laut Ermittlern wie Skolnick ist Gannon in ranghohe Spionageaktivitäten involviert und außerdem ein Experte für Folter. Er soll ein Durchdringungsexperte sein, der Sex benutzt, um negative Daten über US- und ausländische Regierungsbeamte zu sammeln, und soll im Weißen Haus auch für das Leck im Fall Valerie Plame verantwortlich sein, das angeblich dazu führte, daß 70 verdeckte Ermittler des CIA ermordet wurden.

Wieder andere vermuten, daß Gosch die Identität von James Gannon/Jeff Guckert annahm und Zugang zum Weißen Haus suchte, um letztendlich die Menschen aufzudecken, die ihn entführten und ihm und seiner Familie die Hölle bereiteten. Gannon soll einen Vertrag mit einem russischen Verlag haben, von dem einige glauben, daß daraus ein Enthüllungsbuch folgt, das diejenigen aufdeckt, die für seine „Dienstleistungen“ bezahlt haben, und ebenso den Pädophilenring, dem er als Gosch nach seiner Entführung zum Opfer fiel.

„Ich bin 99 Prozent überzeugt, daß er Johnny Gosch ist“, sagt Ted Gunderson, ein pensionierter FBI-Agent, der seit mehr als einem Jahrzehnt am Fall Gosch arbeitet. „Der einzige Weg, wie ich 100 Prozent sicher sein würde, ist, wenn es einen DNA-Test gäbe, oder wenn er es zugeben würde.“

Er stützt sich auf eine vertrauliche Quelle, von der er behauptet, eine Aussage auf Videoband zu haben, auf der Gannon als Gosch identifiziert wird.

„In der Vergangenheit hat mir meine Quelle gesagt, daß er mit Johnny Gosch Kontakt gehalten hat“, sagt Gunderson. „Sagen wir einfach, er ist in einer Position, um es zu wissen. Die Kinder sind alle miteinander in Kontakt. Es ist ein Band, das sie alle teilen.“

Die Kinder, auf die er sich bezieht, sind diejenigen, die in die Sexsklavereiringe und in die staatlich geförderten Programme zur Bewußtseins- und Verhaltenskontrolle gezwungen werden. Ein Mann namens Paul Bonacci ist eines dieser „Kinder“, der behauptet, an der Entführung von Johnny Gosch beteiligt gewesen zu sein, und sagt, daß er gezwungen wurde, die erste Person zu sein, die Johnny mißbrauchen mußte. Bonacci hat lange behauptet, Teil des riesigen Kindernetzes zu sein, die geschult wurden, um für die Regierung zu arbeiten und durch abweichende sexuelle Handlungen die Erpressung von Politikern zu ermöglichen.

Im Jahr 1999 gewann Bonacci eine Klage in Höhe von 1 Million Dollar gegen Lawrence E. King, den ehemaligen Direktor der „Franklin Community Federal Credit Union“ in Nebraska, den er beschuldigt, ihn in den Pädophilenring gezwungen zu haben. Der Bundesrichter entschied, daß Bonacci in seiner Aussage die Wahrheit sagte, darunter seine Behauptung, daß er einer von mehreren jungen männlichen Prostituierten war, die in den 1980er Jahren durch das Weiße Haus tourten.

Gunderson behauptet, daß Bonacci nicht seine Quelle für die Gannon-ist-Gosch-Behauptung sei, fügt aber hinzu, daß Bonacci ihm eine Weile zuvor mitteilte, daß Gosch sein Aussehen verändert hätte. John DeCamp, Autor von „The Franklin Cover-Up“ (Anm.: Plaudernde Politgrößen? Vorsicht!), sagt, daß Bonacci ihm dasselbe erzählte.

„Ich weiß, daß Johnny Gosch sein Aussehen veränderte und daß die Veränderungen, von denen ich gehört habe, damit übereinstimmen, wie Gannon jetzt aussieht“, sagt er. „Paul sagte mir, Sie könnten direkt neben ihm stehen, ohne zu wissen, daß es Johnny ist.“

Und er sagt, daß Gannon diese Frage gestellt wurde, er sich aber weigert, die Frage zu beantworten.

„Ein Kollege in New York City ging an seine Tür und fragte ihn nach seiner Mutter in Iowa, und er schlug ihm die Tür zu“, sagt er. „Darüber würde er überhaupt nicht reden.“

Der Instinkt einer Mutter

Noreen Gosch hat sich das Videoband, das Gunderson mit seinem Informanten gemacht hat, angesehen, und glaubt, daß der Mann glaubwürdig ist.

„Ted schickte mir ein Video von seinem Interview mit seiner Quelle, und er sagte, Gannon sei Gosch — und er sagte es, ohne zu zögern“, erinnert sich Noreen. „Und er sagte, er wisse es seit Monaten.“

Als die Theorie zum ersten Mal aufkam, wurde Noreen alle 15 Minuten von Bloggern, Ermittlern, Radio- und Fernsehsendern angerufen, und alle fragten, ob sie Gannon als ihren Sohn identifizieren würde. Sie hat es nicht getan. Sie verglich die zahlreichen Fotos aus dem Internet mit denen von Johnny, sich selbst und John Gosch Sr. und suchte nach ähnlichen Merkmalen.

(Anm.: Geklont? Johnny Gosch und Jeff Gannon — Bildquelle Gosch/Bildquelle Gannon)

„Ich konnte einige der Ähnlichkeiten sehen, über die die Blogger redeten“, sagt sie. „Ich konnte bei (Gannon) die Merkmale sehen, die Johnny hatte. Und als ich Paul Bonacci das letzte Mal sah, erzählte er mir, daß Johnny sein gesamtes Erscheinungsbild wieder geändert hätte. Daß er sich jetzt seinen Kopf rasiert.“

Sie sagt, das Muttermal auf Johnnys Brust ist zumindest auf einem Foto dem Mal sehr ähnlich, das auf Gannons Brust zu sehen ist. Und sie weist darauf hin, daß Gannon auf der gleichen Stelle wie Johnny einen Fleck auf seiner rechten Wange hat. Manchmal ist sie fast überzeugt. Aber es reicht nicht aus, und sie kann einfach nicht mit Sicherheit sagen, ob Gannon ihr Sohn ist.

„Die Leute haben mich gefragt, warum ich ihn nicht erkennen kann, wenn ich ihn 1997 sah, und ich sage ihnen, daß ein Bild aus dem Internet anders ist als jemand, der in Ihrer Küche sitzt“, sagt sie.

Noreen behauptet, daß Johnny sie 1997 in ihrer Wohnung in West Des Moines besuchte, ihr aber sagte, er könne nicht aus seinem Versteck, weil sein und ihr Leben in große Gefahr käme.

Aber was ist mit ihrem Bauchgefühl, ihrem mütterlichen Instinkt?

„Ehrlich gesagt, es ändert sich“, sagt sie. „Manchmal denke ich, ‚Oh, ja, das sieht ihm ähnlich‘, und ein anderes ist es zu viel, daran zu denken. Es ist schwer zu glauben. Ich habe deswegen viele schlaflose Nächte gehabt. Ich wünschte wirklich, ich könnte es mit Sicherheit sagen.“

Aber Noreen ist nicht dumm. Sie weiß wie riskant es ist, auf die eine oder andere Art und Weise zu sagen, daß dies ihr Sohn sei. Wenn er es ist, und er sich entschieden hat, nichts zu sagen, versteht sie, daß er für seine Geheimhaltung seine Gründe hat, die wahrscheinlich lebensbedrohlich sind, und sie ihn sehr wohl in Gefahr bringen könnte. Sollte sich ihre Behauptung, daß Gannon Johnny ist, später als falsch herausstellen, dann würde sie jede Glaubwürdigkeit verlieren. „Selbst wenn er (Gannon) es zugeben sollte, würde ich immer noch einen DNA-Test wollen“, sagt sie. „Es ist so surreal. Es sind fast 23 Jahre vergangen und wir wissen, daß er am Leben ist, aber es ist einfach nicht möglich, Ihr Kind, das Sie lieben, zu finden. Wenn sich herausstellen würde, daß dies Johnny ist, wäre es für alle, die wissen, was passiert ist, ein Segen, und alles wäre in Ordnung.“

Versteckte Hinweise

Das wird in absehbarer Zeit wohl nicht geschehen. Obwohl das Internet dem Thema Millionen von Wörtern widmete und von Hunderten von Internet-Detektiven Untersuchungen durchgeführt wurden, hat Gannon die Spekulationen nicht zugegeben.

Trotzdem, so sagen einige, gibt Gannon auf seiner Internetseite www.jeffgannon.com, die immer noch (Anm.: bis 2010) aktiv ist, Hinweise auf seine wahre Identität.

Kurz nachdem die Theorie bekannt wurde, schrieb Gannon den Artikel „So versteckt, daß es jeder sieht“ („Hiding in Plain Sight“) und die Kolumne „Angst und Schrecken im Presseraum“ („Fear and Loathing in the Press Room“), den manche für einen Verweis auf den kürzlich verstorbenen Hunter S. Thompson halten, dem in den 1980er Jahren ebenfalls Aktivitäten in Kindersklaverei- und Pädophilenringe vorgeworfen wurden — siehe weiter unten.

Andere halten schon seinen Namen für einen Hinweis auf seine wahre Identität. Jeff Gannon und James Guckert haben beide die gleichen Initialen wie Johnny Gosch. Darüber hinaus richtete Noreen kurz nach Johnnys Verschwinden einen persönlichen Appell an die Herausgeber von „THE DES MOINES REGISTER“, Johnnys Arbeitgeber. Die Zeitung druckte ihren Brief und verspottete ihn, indem sie der Polizei erlaubte, ihn zu zerpflücken. Den Namen des Herausgebers war James Gannon.

„Ich würde sagen, daß dies versteckte Botschaften sind“, sagt Gunderson, der dies für einen Versuch von Gannon hält, seine Identität durchschlüpfen zu lassen.

Jim Rothstein, ein pensionierter New Yorker Kriminalbeamter, der mehr als 35 Jahre diente und während eines großen Teils davon gegen Kindersklaverei und Pädophilenringe ermittelte, stimmt zu, daß die Beweise stark darauf hindeuten, daß Gannon in Wirklichkeit Johnny Gosch ist.

„Für mich sieht Gannon wie Johnny aus“, sagt Rothstein. „Es paßt einfach alles — das Profil, die Vorgehensweise, einfach alles.“

Rothstein beschäftigt sich seit den letzten Jahren als Privatdetektiv mit dem Fall Gosch und sagt, daß er daran arbeitet, den endgültigen Beweis für Gannons wahre Identität zu bekommen.

„Wir versuchen, eine DNA-Probe von ihm zu bekommen“, sagt er. „Ich verstehe immer noch nicht, warum niemand weiß, wo er (Gannon) 10 Jahre lang war.“

Im Internet gibt es einige Artikel über Gannons Leben, doch laut Rothstein beruhen sie auf fadenscheinigen Informationen.

„Belege lassen sich leicht herstellen“, sagt er. „Vielleicht starb ein Kind namens Guckert und jemand übernahm dessen Identität. Wenn es nicht Johnny Gosch ist, dann ist es eines der anderen Kinder wie Johnny Gosch.“

Noreen sagt: „Wenn all das wahr ist, glaube ich nicht, daß er bereit war, jetzt aufgedeckt zu werden.“

Hunter S. Thompson und Snuff-Filme

Die Gannon/Gosch-Verbindung wurde erstmals am frühen Morgen des 20. Februar publik. Später am selben Tag wurde Hunter S. Thompson als Opfer einer scheinbar selbstverschuldeten Schußverletzung tot in seiner Wohnung aufgefunden. (Anm.: Hier, in der letzten Zeile, finden Sie eine Verbindung zwischen Hunter S. Thompson und einem bekannten US-Politiker.)

Nur wenige Menschen haben Thompson und Gosch jemals in Verbindung gebracht, doch diejenigen, die mit den in „The Franklin Cover-Up“ dokumentierten Geschichten über Kindesmißbrauch und Pädophilie vertraut sind, ein Buch, das der ehemalige Senator von Nebraska, John DeCamp, im Jahr 1994 veröffentlichte, begreifen die Verbindung.

In seinem Buch bezieht sich DeCamp auf viele Interviews und Diskussionen mit Paul Bonacci, dem jungen Mann, der behauptet, an der Entführung von Johnny Gosch beteiligt gewesen zu sein. Bonacci erzählte schreckliche Geschichten, zu Sex mit Erwachsenen und anderen Kindern gezwungen worden zu sein. In einem Fall erinnert er sich, daß er mit einem anderen Jungen, den er nicht kannte, nach Nevada geflogen wurde. Sie nahmen dort einen anderen Passagier auf und steuerten einen abgelegenen Ort an, wo Bonacci, so sagt er, gezwungen wurde, mit dem jüngeren Jungen Sex zu haben. Bonacci behauptet in diesem Buch, daß der Junge auch gezwungen wurde, mit erwachsenen Männern Sex zu haben, die den Jungen dann mit einem Schuß in den Kopf töteten. Bonacci sagt, er wurde dann zu Sex mit der Leiche gezwungen.

Der Passagier, den sie in Nevada aufnahmen, filmte die ganze Sache, und Bonacci erinnerte sich daran, daß sein Name Hunter Thompson war.

„Ich denke, es ist irgendwie seltsam, daß Hunter Thompson zu diesem Zeitpunkt Suizid begehen sollte“, sagt Gunderson. „Mehrere Kinder sagten uns, daß er bei Snuff-Filmen Regie führte. Ich denke, es ist sehr gut möglich, daß er ermordet wurde, und ich vermute, daß alles zusammenhängt.“

Im Internet wird spekuliert, daß Thompson entweder umgebracht wurde, um zu verhindern, daß er etwas sagt, oder daß er sich umgebracht hat, weil er befürchtete, daß sich seine Rolle als Regisseur von Kinder-Snuff-Filmen bewahrheiten würde.

DeCamp äußerte auch eine gewisse Überraschung über den Zeitpunkt von Thompsons Tod und sagt, daß er Bonaccis Behauptung für wahr hält. Stephenson, der Blogger aus Seattle, der den Fall Gosch untersucht hat, ist ebenfalls mißtrauisch.

„Ich frage mich, ob er etwas wußte. Angesichts der Aussage von Paul (Bonnaci) über den Snuff-Film, denke ich, daß er ziemlich viel wußte“, sagt er. „Der Zeitpunkt für seinen Tod war interessant.“

Der Snuff-Film, den Thompson mit Paul Bonacci angeblich machte, soll, ausgehend von Bonaccis Beschreibung der Umgebung, in Bohemian Grove gefilmt worden sein, eine Art Sommerlager für die Reichen und Mächtigen. Bohemian Grove ist ein abgelegenes Gebiet außerhalb von Sacramento, Kalifornien, wo sich führende Politiker und Würdenträger jährlich zu einer Ruhepause mit neo-heidnischen Aktivitäten treffen, einschließlich der gespielten Opferung von Menschen vor einer großen, „Moloch“ genannten Eulen-Statue. Die Teilnehmer dieses Rituals, das sie „Die Einäscherung der Sorge“ („The Cremation of Care“) nennen, kleiden sich wie Druiden und singen vor „Moloch“.

Informationen über diese Zusammenkünfte sind schon länger bekannt, doch Videomaterial ist erst vor kurzem aus dem Ort durchgesickert. Das Gelände ist ziemlich abgesichert und weltweit nur wenigen Menschen zugänglich. Als Kind konnte Bonacci keinen Zugang gehabt haben, doch er beschrieb den Ort genau, einschließlich der großen Eulen-Statue.

Noreen Gosch sagt, daß ihre Internetseite www.johnnygosch.com an einen Abend mehr als 50 Besucher hatte, die aus einem 16-km-Radius um Bohemian Grove kamen.

Der pädophile CIA-Mann

In ihrem Buch „Warum Johnny nicht nach Hause kann“ („Why Johnny Can’t Come Home“) schreibt Noreen Gosch über einen Mann, der sie nur sechs Monate nach Johnnys Verschwinden kontaktierte und behauptete, daß er für eine Regierungsbehörde arbeiten würde, die pädophile Organisationen untersucht.

George Paul Bishop — oft nur als Paul Bishop bekannt — gab sich als CIA-Mann aus und behauptete, im Juli 1984 in Des Moines eingetroffen zu sein, um den Goschs seine Unterstützung anzubieten. Bevor er ging, stellte er eine detaillierte Karte des Tatorts der Entführung zur Verfügung. Laut Noreens Buch rief Bishop oft aus dem Washingtoner Büro von Senator Charles Grassley an, mit dem Noreen an Johnnys Fall gearbeitet hatte.

„Paul Bishop rief mich viele Male aus Senator Grassleys Büro an, und wenn er mit dem Gespräch fertig war, reichte er das Telefon einem von Grassleys Mitarbeitern, mit denen ich vertraut war“, schrieb Noreen in ihrem im Jahr 2000 veröffentlichten Buch. „Das hat mich überzeugt, daß Paul in Washington bekannt wäre.“

Deshalb glaubte Noreen, daß Bishop für die Absicherung ihrer Einladung verantwortlich wäre, um im US-Capitol vor Senator Arlen Specters „Anhörung über die organisierte Kriminalität und deren Verbindung zu Entführungen“ („Hearing on Organized Crime and its Relationship to Kidnapping“) auszusagen. Bishop holte Noreen tatsächlich von ihrem Washingtoner Hotel ab und begleitete sie zu den Anhörungen.

Bishops Kontakt wurde intensiver, und er bezeichnete Noreen sogar als „Mama“ („Mom“), doch plötzlich, 1985, verschwand er von der Bildfläche. Die Telefonnummer, die er hinterlassen hatte, war nicht mehr gültig, und niemand wußte, wie man ihn erreicht. Seit fast 20 Jahren hatte niemand von ihm etwas gehört oder gesehen, bis er am 4. Februar dieses Jahres (Anm.: 2005) plötzlich in Virginia festgenommen wurde, nachdem die Polizei in seinem Haus ein explizites Video von einem 16-jährigen Jungen fand.

Nachdem eine Beschwerde einging, daß Bishop Teenagern bei sich Zuhause erlauben würde, zu trinken und Drogen zu nehmen, durchsuchten Kriminalbeamte die Räumlichkeiten und fanden das Band.

Noreen fragt sich jetzt, ob Bishop in Johnnys Fall auf der falschen Seite stand. War er in die Entführung verwickelt und zu der Zeit lediglich bemüht, die Aufdeckung zu verhindern? Sollte durch seine Verhaftung eine größere Geschichte verheimlicht werden?

Oder war er von Anfang an ehrlich und seine jüngste Verhaftung lediglich ein Versuch, ihn zu diskreditieren, bevor er jemand Mächtigen bedroht und aufdeckt?

So oder so, Bishop schien über Johnnys Verschwinden im Jahr 1982 eine Menge zu wissen, und sein plötzliches Auftauchen, das zeitgleich mit der Geschichte von Jeff Gannon zusammenfällt, und dem Tod von Thompson, und der Verhaftung eines anderen Mannes, der in den Fall verwickelt ist (siehe unten) — das sind für einige Leute zu viele Zufälle.

„Es ist üblich, jemanden hereinzulegen und zu verhaften, um ihn zu diskreditieren“, sagt Rothstein.

Der Fotograf

Rusty Nelson behauptete, daß er einmal ein Angebot von 50.000 Dollar von Hunter S. Thompson ablehnte, bei der Produktion von einem Snuff-Film zu helfen. Das Angebot kam angeblich, weil Nelson mit Lawrence E. King arbeitete, der wichtigen Figur in der „Franklin-Vertuschung“ („Franklin Cover-Up“), der vorgeworfen wurde, in einen Kindersklaverei- und Pädophilenring verwickelt zu sein. Nelson begleitete King oft zu besonderen Partys, wo er als Fotograf arbeitete und kompromittierende Fotos von hochkarätigen Personen mit Jungen und Mädchen machte.

Nelson sagte vor Gericht aus, daß er als Fotograf teilnahm, behauptet aber, daß er, obwohl er kompromittierende Fotos machte, nie pornographische Hardcorebilder machte und daß er jedwede Beteiligung an Kinderpornographie absolut ablehnte. Und er behauptet, daß King für diesen Zweck einen Nelson-Doppelgänger anstellte, um mit den Fotos sowohl die mächtigsten Leute als auch Nelson selbst zu kompromittieren. Nelson hat zugegeben, Zehntausende von Fotos gemacht zu haben, von denen viele beschlagnahmt und entweder vernichtet wurden oder dauerhaft unter Verschluß kamen, um die abgebildeten Personen zu schützen.

Trotz seiner Dementis saß Nelson für seine Fotos einige Zeit im Gefängnis, nachdem er vor Jahren in Oregon mit einem Lieferwagen voller Fotos festgenommen wurde, von denen mindestens eines der Bilder eine minderjährige Person bei einer nicht ganz legalen Aktivität gezeigt haben soll. Er lebt seit einiger Zeit in Nebraska und bietet privaten Ermittlern alle Informationen an, die er kann, um zu versuchen, sein Leben wieder zu kitten. Zuletzt arbeitete er mit einem Freund, um ein auf Hochzeitsfotografien spezialisiertes Studio zu eröffnen.

Doch zwei Tage nach Thompsons Tod wurde Nelson von der Polizei verhaftet, angeblich weil er sich nicht als Sexualstraftäter registrierte — in einer Grafschaft, in der er nicht mehr wohnt.

John DeCamp holte Nelson aus dem Gefängnis und sagt, daß er denkt, daß die Verhaftung eine Warnung an ihn und andere sein sollte, am besten den Mund zu halten. Andere stimmen dem zu.

„Das Timing ist interessant“, sagt Stephenson. „Besonders in Verbindung mit Thompsons Tod und Paul Bishops Verhaftung. Ich würde die Männer wegen Suizidgefahr unter Beobachtung stellen lassen.

“Ich glaube, bald wird eine Menge Mist am Dampfen sein„, fügt er hinzu. “Ich wundere mich wirklich über das Timing. Ich habe mich oft gefragt, warum all diese Leute plötzlich aus der Versenkung auftauchen. Ich frage mich, ob eine ‚Säuberungsaktion‘ läuft. Ich glaube nicht, daß Ungerechtigkeit das öffentliche Bewußtsein jemals verläßt. Ich denke, hier passiert weit mehr, als wir wissen.“

Warum also jetzt? Nach all dieser Zeit? Warum das erneute Interesse am Fall Johnny Gosch und den Geschichten über Kindesentführungen, Sklaverei und Prostitution? Klingt die Theorie zu wahr, daß Gannon in Wirklichkeit Johnny Gosch ist?

Eine Vermutung ist, daß die Akteure in dem Jahrzehnte alten Skandal durch die erhöhe Aufmerksamkeit der Medien nervös werden und versuchen, sich zu schützen.

Nick Bryant, der Mann, der Gannon in seinem Haus konfrontierte und nach Johnny Gosch fragte, hat an dieser Geschichte offenbar bereits seit mehreren Jahren gearbeitet und sucht nun einen Verleger. (Anm.: 2009 erschien sein Buch „The Franklin Scandal: A Story of Powerbrokers, Child Abuse and Betrayal“)

Rothstein sagt, daß er seit mindestens drei Jahren mit Bryant arbeitet, und daß Bryants Geschichte ursprünglich in ROOLING STONE erscheinen sollte, dann aber verworfen wurde. Die NEW YORK TIMES und einige andere Medien haben Berichten zufolge an der Geschichte vor kurzem ebenfalls Interesse gezeigt.

Bryant wollte sich dazu nicht äußern. Rothstein sagt aber, daß, seit Bryant anfing, seinen Artikel herumzuzeigen, die Akteure wieder aktiv geworden sind.

„Etwas ist jetzt am Kochen“, sagt er. „Sie werden den Wölfen jemanden zum Fraß vorwerfen, es ist aber nicht abzusehen, auf welcher Ebene.“

Wer an der Geschichte beteiligt ist, gibt zu, daß sie wie eine verrückte Verschwörungstheorie klingt, doch der Beweis für die Verschwörung ist einfach zu groß.

„Ich glaube an eine Verschwörung, weil es eine Verschwörung gibt“, so Gunderson, der sagt, daß er erst vor zwei Wochen von einem Unbekannten mit einer Schußwaffe durch seine Nachbarschaft gejagt wurde.

Und Rothstein fügt hinzu: „Wenn an der Entführung dieses Kindes zwei Menschen beteiligt waren, dann ist es eine Verschwörung. Da diese Leute nicht allein arbeiten, ist es ebenfalls eine Verschwörung. Sie versuchen, Sie zu diskreditieren, indem sie Sie einen Verschwörungstheoretiker nennen. Dann bin ich ein Verschwörungstheoretiker — weil es genau das ist.“

Letzten Endes ist es eine Geschichte über einen Jungen, der seiner Familie gestohlen wurde. Diese Tragödie geht in den komplizierten Theorien und Vermutungen häufig verloren, trotzdem bleibt es die einzige, unbestreitbare Wahrheit in der Geschichte.

„Ich hoffe, daß wir in Kontakt kommen“, sagt Noreen über ihren Sohn. „Wir wissen, daß er lebt, und bis vor ein paar Jahren wußten wir, was er machte. Vielleicht könnte er mit seiner Mutter in Kontakt kommen, aber zurück nach Des Moines ziehen, um hier zu leben? Diese Möglichkeit ist verschlossen. Ich höre die schrecklichen Dinge, die die Menschen über mich sagen. Angesichts der Dinge, die er durchgemacht hat, kann ich mir vorstellen, was sie über ihn sagen.

„Johnny weiß, daß ich alles versucht habe, und wer kann schon sagen, daß es vorbei ist. Wir wissen es nicht.“

Pointblank Des Moines
521 Fleur, Suite A-2
Des Moines, Iowa 50321
515-953-4822
515.953.1394 (fax)

Hier finden Sie den Originalartikel, Death of a Conspiracy — Johnny Gosch, Jeff Gannon, Hunter Thompson and the unraveling of a troubling tale.

Nachdem der Artikel erschien, wurde das Magazin, POINTBLANK, sofort verkauft und fusioniert, und 10 Mitarbeiter wurden gekündigt, darunter der Autor des Artikels. Das Magazin heißt seitdem CITYVIEW.

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