Ein politisches Wörterbuch, Teil 3

Thomas Sowell über „soziale Gerechtigkeit“.

Gäbe es eine Hitparade für politische Rhetorik, würde der Begriff „soziale Gerechtigkeit“ einen herausragenden Platz einnehmen. Es hat die Haupteigenschaft politischer Schlagworte: viele unterschiedliche Menschen verstehen darunter viele unterschiedliche Dinge.

Mit anderen Worten, wenn Sie Politiker sind, können Sie viele Menschen mit unterschiedlichen konkreten Ideen dazu bekommen, Ihnen zuzustimmen, wenn Sie sich voller Zuversicht für den vagen Allgemeinplatz der „sozialen Gerechtigkeit“ aussprechen.

Richter Oliver Wendell Holmes sagte: „Ein guter Slogan kann jegliches Denken 50 Jahre lang aufhalten.“ Der Begriff „soziale Gerechtigkeit“ hat viele Menschen vom Denken abgehalten, seit mindestens einem Jahrhundert — Tendenz steigend.

Wenn Ihnen jemand sagt, Land A hat mehr „soziale Gerechtigkeit“ als Land B, und Sie haben alle Statistiken der Welt, wie würden Sie vorgehen, um festzustellen, ob Land A oder Land B mehr „soziale Gerechtigkeit“ hat? Kurz gesagt, wenn die Phrase eine konkrete Bedeutung hat, was bedeutet sie in der Praxis?

In politischen und ideologischen Diskussionen lautet die Frage in der Regel, ob es irgendeine soziale Ungerechtigkeit gibt. Selbst wenn wir zustimmen, daß es irgendeine Ungerechtigkeit gibt, was macht sie zu einer sozialen Ungerechtigkeit?

Der Gedanke, daß einige Menschen in bitterer Armut geboren werden, während andere in extravagantem Luxus geboren werden, ohne ihre eigene Schuld und ohne ihr eigenes Zutun, stößt die meisten von uns sicherlich ab. Wenn dies eine Ungerechtigkeit ist, ist sie dadurch eine soziale Ungerechtigkeit?

Das Baby, das in bitterer Armut geboren wurde, könnte einer Familie in Bangladesch gehören, und das andere, das in extravaganten Luxus geboren wurde, könnte einer Familie in Amerika gehören. Wessen Schuld ist diese Ungleichheit oder Ungerechtigkeit? Welche bestimmte Gesellschaft verursachte diese Ungleichheit oder Ungerechtigkeit? Oder ist dies nur eines von diesen Dingen auf der Welt, bei denen wir uns wünschen, daß sie anders sein sollten?

Wenn es eine Ungerechtigkeit ist, dann eine, die von einer kosmischen Perspektive aus ungerecht ist, ein ungerechtes Schicksal, keine ungerechte Politik, Institution oder Gesellschaft.

Zwischen kosmischer Gerechtigkeit und sozialer Gerechtigkeit zu unterscheiden, ist mehr als nur eine semantische Überspitzung. Sobald wir erkennen, daß es für unzählige Ungleichheiten unzählige Ursachen gibt, können wir nicht länger unbekümmert davon ausgehen, daß in der Regierung einer bestimmten Gesellschaft die Ursache oder die Heilung zu finden sind.

Jeder, der die Geographie verschiedener Völker und Nationen studiert, kann sehen, daß manche nicht den gleichen Kontakt zum Fortschritt hatten, wie der Rest der menschlichen Rasse.

Menschen, die in isolierten Bergtälern leben, liegen seit Jahrhunderten hinter dem Fortschritt der Menschen zurück, die in stark frequentierten Häfen leben, wo ständig neue Produkte und neue Ideen aus der ganzen Welt eintreffen.

Wenn Sie zusätzlich zur Geographie die Geschichte studieren, sind Sie fast gezwungen, anzuerkennen, daß es nie eine realistische Chance gab, daß alle Menschen die gleichen Errungenschaften haben — selbst wenn sie alle mit dem gleichen Potenzial geboren wurden, und selbst wenn es keine sozialen Ungerechtigkeiten gäbe.

Einmal fragte ich einen Kurs schwarzer Studenten, was ihrer Meinung nach passieren würde, wenn mitten in einem Ghetto ein schwarzes Baby geboren wird und mit den gleichen Gehirnzellen auf die Welt kommt, mit denen Albert Einstein geboren wurde.

Es gab viele verschiedene Meinungen — aber niemand in diesem Raum dachte, daß ein solches Baby an einem solchen Ort zu einem weiteren Einstein wird. Einige machten die Diskriminierung verantwortlich, anderen war das überwindbare soziale Umfeld zu viel.

Wenn Diskriminierung der Hauptgrund dafür ist, daß ein solches Baby wenig oder gar keine Chance auf große geistige Errungenschaften hat, dann ist das etwas von der Gesellschaft verursachtes — eine soziale Ungerechtigkeit. Wenn aber der Hauptgrund darin besteht, daß das umliegende kulturelle Umfeld wenig Anreiz und viel Ablenkung bietet, um das Ziel der Entwicklung eines großen intellektuellen Potenzials zu erreichen, ist das eine kosmische Ungerechtigkeit.

Vor vielen Jahren ergab eine Studie über schwarze Erwachsene mit hohem IQ, daß sie ihre Kindheit häufiger als andere schwarze Erwachsene als „äußerst unglücklich“ beschrieben. Es gibt wenig, was Politiker dagegen tun können — außer aufzuhören, zu heucheln, daß alle Probleme in schwarzen Vierteln aus anderen Vierteln stammen.

Ähnliches gilt weltweit. Jede Gruppe steht auf ihrem kulturellen Erbe, und kein Politiker und keine Gesellschaft kann die Vergangenheit ändern. Aber sie können aufhören, die Menschen in die Sackgasse der Feindseligkeit gegen andere Menschen zu führen. Für eine bessere Zukunft sind oft interne Änderungen in der eigenen Gruppe nötig, die sich besser auszahlen als eine Mystik der „sozialen Gerechtigkeit“.

Hier finden Sie den Originalartikel, A Political Glossary: Part III

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