Nick Cassavetes über Inzest: „Wer schert sich darum? Liebe, wen du willst“

Sharon Waxman über das Frauenbild der Zukunft.

(Anmerkungen in Klammern)

Drehbuchautor und Regisseur Nick Cassavetes stellte auf dem Filmfestival in Toronto an diesem Wochenende seinen neuen Film „Yellow“ vor und verteidigte die inzestuöse Affäre der Hauptfigur mit deren eigenem Bruder.

In „Yellow“ spielt Cassavetes‘ Ex-Frau Heather Wahlquist eine schöne Frau namens Maria, die schmerztablettenabhängig ist. Nachdem sie ihre Arbeit als Lehrerin in L.A. verlor, weil sie am Elternabend Sex in der Besenkammer hatte, kehrt sie auf der Suche nach einem Ort, der ihr Halt gibt, kehrt sie zurück nach Hause in Oklahoma. Wahlquist, die auch Co-Autorin des Films ist, stammt aus Oklahoma. Melanie Griffith spielt ihre Mutter und Sienna Miller ist ihre hysterische Schwester.

Auf dem Weg besucht Maria ihren Bruder im Gefängnis, mit dem sie eine Liebesbeziehung hatte. Die Szene zwischen ihnen ist zart und rührend und signalisieren kein Urteil über die Beziehung. (Diese Botschaft ist bei „zart und rührend“ wohl anzunehmen.)

Cassavetes — ein einzelgängerischer Filmemacher, dessen legendäre Eltern die Schauspielerin Gena Rowlands und der Schauspieler und Regisseur John Cassavetes sind — gestand ein, daß er dies nicht verurteilen könne.

„Ich habe keine Erfahrung mit Inzest“, sagte er THE WRAP am Sonntag in einem Interview. „Wir dachten darüber nach. Wir hatten ein paar Geschichten, in denen Brüder und Schwestern völlig, absolut ineinander verliebt waren. Wissen Sie was? Dieser ganze Film dreht sich um das Urteilen, und um dessen Fehlen, und das zu tun, was Sie wollen.“

Er fuhr fort: „Wer schert sich darum, wenn die Leute über Sie urteilen? Ich sage nicht, daß dies generell gilt, sondern, wenn Sie keine Kinder haben — wer schert sich darum? Liebe, wen du willst. Ist es nicht das? Schwulenehe — Liebe, wen du willst? (Warum sieht man eigentlich nie Aufklärungsfilme, die das Liebesleben von Homosexuellen zeigen, die es doch so lieben, mit ihrem Leben an die Öffentlichkeit zu gehen?) Bei Bruder oder Schwester ist es super-seltsam, aber wenn man es genau betrachtet, wird niemand außer den Personen verletzt, die ausflippen, weil man ineinander verliebt ist.“

Diese Ansicht mag umstritten sein, aber Cassavetes gilt als ein Unabhängiger, der im cineastischen Adel aufgewachsen ist, obwohl er oft außerhalb des Hollywood-Systems arbeitet. Zu seinen früheren Filmen zählen „John Q. — Verzweifelte Wut“, „Wie ein einziger Tag“ und „Alpha Dog — Tödliche Freundschaften“.

„Yellow“, für den es noch keinen US-Verleih gibt, entstand in den letzten drei Jahren, da dem Regisseur das Geld ausging. Cassavetes legte den Film still, nachdem ein Finanzier nach nur fünf Tagen absprang und mußte ihn danach wieder stillegen, als das Geld knapp wurde, bevor er ihn ein Jahr später beendete.

Als halbprofessioneller Spieler verdiente er den Rest des Produktionsbudgets in einem Casino. (Wie wirtschaftlich erfolgreich der liberale linke Adel doch ist.)

Mit „Yellow“ wollte Cassavetes den Archetyp einer bestimmten Art von moderner Frau darstellen, die in seinen Worten sowohl „ein Rockstar“ und „eine Versagerin“ ist („a rock star“ and „a mess“).

„Wir wollten eine übertriebene Version von einem Mädchen, das von einem Ort stammt, wo verschiedene Dinge akzeptabel sind“, sagte er. „Wir wollten ihr einen Grund geben, warum sie nichts fühlt. Sie ist eine wandelnde Leiche.“ (Warum konnte die Hauptrolle nicht Hillary Clinton bekommen?)

Er fügte hinzu: „In gewisser Hinsicht fühle ich mich wie diese Eidechse (lizard — laut satanistischem Illuminatensprech bedeutet die Eidechse im Tarot Aufklärung, Erneuerung und Wiedergeburt), die aller Gefühle beraubt wurde … Etwas Traumatisches und Schönes muß diesem Charakter zugestoßen sein, was sie zu einem Paria machte.

Sie machte auf dieser Welt eine einsame Reise.

Sie ist eine kaputte Versagerin (a wipeout of a mess). Ich hoffe aber, daß die Leute diesen Charakter anfeuern werden, ob kaputt oder nicht.“

Hier finden Sie den Originalartikel, At Toronto Film Fest, Nick Cassavetes on Incest: ‘Who Gives a Damn? Love Who You Want’

Hallo Hollywood, wie wäre es mit einem Prequel, in dem das Traumatische und Schöne gezeigt wird, das diesem Charakter zugestoßen sein muß? Wie wäre es mit einer Rolle für Roman Polanski als Marias Vater?

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