Warum sind Juden liberale Linke?

Dennis Prager über die progressive Seite der Neokonservativen.

(Während man bei einer Internetsuche nach „Why are Jews liberals“ oder „Why are Jews leftists“ fündig wird, sieht es bei einer Suche nach „Warum sind Juden Liberale“ oder „Warum sind Juden Linke“ oder „Warum sind Juden liberal“ oder „Warum sind Juden links“ eher schlecht aus — nein, es liegt nicht am Browser.)

(weitere Anmerkungen in Klammern)

Die Frage, die mir Nicht-Juden über Juden am häufigsten stellen, lautet, warum sind Juden liberale Linke?

Die Frage ist völlig berechtigt, da Juden außerhalb Israels tatsächlich überwiegend liberal und links sind. (Wenn Juden in Israel demzufolge konservativ und rechts sind, warum heißt es dann „Israelischer Marxismus“?) Anders als beispielsweise die Schwarzen stimmt keine amerikanische Gruppe so deutlich für die Demokratische Partei. Und da traditionelle jüdische Werte nicht links sind, wird die Frage noch verschärft. Das ist der Grund, weshalb der Jude umso weniger auf der linken Seite steht, je aktiver sein religiöses Leben ist. Das alte Sprichwort — „Es gibt zwei Arten von Juden: jene, die glauben, daß Judentum soziale Gerechtigkeit bedeutet und jene, die Hebräisch können“ — enthält mehr als nur ein Körnchen Wahrheit.

Hier sind sechs verschiedene, nicht nach Wichtigkeit sortierte Gründe:

1. Das Judentum beschäftigt sich tatsächlich mit sozialer Gerechtigkeit — sowie mit Heiligkeit und persönlicher Moral — und viele Juden glauben, daß linke Politik der einzige Weg ist, um eine gerechte Gesellschaft zu erreichen.

2. Das Judentum hat sich mehr als jede andere große Religion schon immer mit dieser Welt beschäftigt. Die säkulare Encyclopedia Judaica beginnt den Eintrag für „Leben nach dem Tod“ mit der Feststellung, „das Judentum hat den Glauben an ein Leben nach dem Tode schon immer bestätigt“. Doch die Abwesenheit des Judentums macht aus dieser Welt einen besseren Ort. (preoccupation of Judaism — übersetzt entsprechend dem Wörterbucheintrag Gedankenabwesenheit / preoccupation of the mind). Deshalb schweigt die Thora — die fünf Bücher Moses (oder der erste Teil des Alten Testaments) — weitgehend über das Leben nach dem Tod, und beschäftigt sich mit der Ablehnung der alten ägyptischen Werte. Dieses Wertesystem konzentrierte sich auf das Leben nach dem Tod und das Buch der Toten war seine Bibel — und die Pyramiden, dessen größte Wahrzeichen, waren Gräber.

3. Die meisten Juden fürchten sich vor allem, was rechts (right-wing) impliziert, wie die Worte „rechts“ („right-wing“) und „konservativ“. Besonders seit dem Holocaust denken sie, daß ihre Sicherheit nur von den Rechten bedroht wird. Es ist sinnlos, zu erklären, daß der Nazismus für den Nationalen Sozialismus stand und damit in Wirklichkeit eine linke Ideologie war. Es spielt keine Rolle, ob dies theoretisch richtig ist. Fast jeder ordnet die Nazis als ganz rechts ein und daher fürchten Juden die Rechten. Die Tatsache, daß heute die Konservativen die besten Freunde der Juden sind und die Tatsache, daß die Linke außerhalb der muslimischen Welt die meisten Feinde der Juden beheimatet, hat auf die Psyche der Juden wenig Einfluß.

4. Vor Religion haben liberale linke Juden am meisten Angst. Sie identifizieren Religion — vor allem fundamentalistische Religion und besonders das Christentum — mit Antisemitismus. Juden wird von Geburt an der Schrecken des Holocaust gelehrt und ein fast 2.000 Jahre dauernder europäischer — das heißt christlicher — Antisemitismus. Sie neigen daher dazu, das Christentum zu fürchten und glauben, daß Säkularismus ihre physische Sicherheit garantiert. Das ist, was die (sozialistische) „Amerikanische Bürgerrechtsunion“ („American Civil Liberties Union“, ACLU) und deren überproportional jüdische Mitgliederschaft antreibt, um in Amerika unter dem Deckmantel der Sorge um die Verfassung und die „Trennung von Kirche und Staat“ — Worte, die in der Verfassung nicht vorkommen — alle öffentlichen Äußerungen des Christentums zu bekämpfen.

5. Trotz ihres Säkularismus sind Juden wohl die religiöseste ethnische Gruppe der Welt. Das Problem ist, daß ihre Religion allerdings kaum das Judentum ist; es ist vielmehr jeder „-ismus“ der liberalen Linken. Dazu zählen Liberalismus, Sozialismus, Feminismus, Marxismus und Ökologismus. Juden, die in diesen Bewegungen aktiv sind, glauben daran mit dem gleichen ideologischen Eifer und derselben Einstellung an kritischer Vernunft, mit der viele religiöse Menschen an ihre Religion glauben. Es ist daher in der Regel genauso schwierig, den Glauben eines liberalen linken Juden an die Demokratische Partei zu erschüttern, wie den eines evangelikalen Christen an das Christentum. Der große Unterschied ist jedoch, daß der Christ zugibt, daß sein Christentum ein Glaube ist, während der Liberalist seinen Glauben als das reine Produkt einer rationalen Untersuchung betrachtet.

Der religiöse Eifer der Juden geht aus den Ursprüngen des jüdischen Volkes als einem religiösen Volk hervor, das von Gott gewählt wurde, um die Menschheit in eine bessere Zukunft zu führen. Die ursprüngliche Absicht war natürlich, die Menschheit zum ethischen Monotheismus, zu universellen, auf Gott basierenden moralischen Standards zu bringen, und nicht zum säkularen Liberalismus oder zum Feminismus oder zum Sozialismus. Liberale linke Juden haben ihre religiöse Berufung einfach säkularisiert.

6. Liberale linke Juden fürchten Nationalismus. Die Geburt des Nationalismus in Europa pflanzte die säkularen Samen des Holocaust — die religiösen Samen wurden von einigen frühen und mittelalterlichen Kirchenlehren gepflanzt und durch Martin Luther verstärkt. (2000 Jahre Holocaust?) Europäische Nationalisten begrüßten alle nationalen Identitäten außer die der Juden. (Begrüßte die Französische Revolution nicht ein Gleichheitsbestreben, ein Einheitseuropa zu schaffen, das sich so etwa bis Moskau erstreckt?) Das ist ein Hauptgrund, warum sich so viele Juden in erster Linie als „Weltbürger“ identifizieren — sie verachten den Nationalismus und glauben, daß sie eine starke nationale Identität ausschließen wird, selbst in Amerika.

Trotz der Tatsache, daß zeitgenössische Christen die besten Freunde der Juden sind, fürchten liberale linke Juden ein Wiedererstarken des Christentums, so wie sie den amerikanischen Nationalismus fürchten, trotz der Tatsache, daß Amerikaner, die an den amerikanischen Sonderweg glauben, weitaus pro-jüdischer und pro-israelischer sind als liberale linke Amerikaner. Die meisten liberalen linken Juden verabscheuen den Nationalismus so sehr, daß sie nicht einmal wie den jüdischen Nationalismus, den Zionismus, mögen.

Wenn Sie glauben, daß liberale linke Ideen und Strategien für Amerika und die Welt gut sind, dann werden Sie besonders erfreut sein, zu erfahren, wie tief Juden moralisch, intellektuell und finanziell mit der Linken verstrickt sind. Wenn Sie auf der anderen Seite glauben, daß liberale Linke moralisch verwirrt sind und Amerika und die Welt zerstören, dann ist die liberale linke Schlagseite der Juden nichts weniger als eine Tragödie — für die Welt und vor allem für die Juden.

Dennis Prager ist ein US-amerikanischer Radiotalkmaster und Autor von vier Büchern, darunter „Happiness is a Serious Problem“. Seine Internetseite ist www.dennisprager.com. Mehr auf www.creators.com

Hier finden Sie den Originalartikel, Explaining Jews, Part V: Why Are Jews Liberal?


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