Was würde Che Guevara mit „Occupy Wall Street“ machen?

Humberto Fontova über die Kinder der Revolution.

(Anmerkungen in Klammern)

Guevara würde „Occupy Wall Street“ in Nanosekunden beenden. Seine Kollegen erinnern sich an einen jubelnden Che, als die sowjetischen Panzer in den Straßen von Budapest den Protest der ungarischen Freiheitskämpfer niederwalzten. Die Jugendlichen, auf die sie mit Maschinengewehren schossen, waren alle „Faschisten und CIA-Agenten!“, schwärmte er.

„Ich bin ein Stalinist“, rühmte sich Che Guevara 1957 gegenüber dem kubanischen Kollegen Carlos Franqui. Die wehleidige Verurteilung von Stalins Verbrechen in der Rede von Chruschtschow waren nichts weiter als „imperialistische Lügen“. Doch Chruschtschows mutige Entscheidung, im Anschluß daran Panzer und kampferprobte sibirische Truppen zu entsenden, um die ungarischen Demonstranten niederzumetzeln, trug laut Che dazu bei, die Irrlehren seiner Rede zu mildern.

Am 9. Oktober 1967 bekam Ernesto „Che“ Guevara eine große Dosis von seiner eigenen Medizin. Ohne Gerichtsverfahren wurde er zum Mörder erklärt, vor eine Wand gestellt und erschossen. Wenn der Spruch „Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus“ irgendwo paßt, dann hier.

Vor zwei Jahren interviewte der Guardian Oscar-Preisträger Benicio del Toro über seine Rolle als Che Guevara in Stephen Soderberghs Film „Che“, wofür er in Cannes ausgezeichnet wurde. „Verdammt, dieser Kerl ist cool!“ lautete der Titel des Interviews. „Ich höre von diesem Kerl, und er hat einen coolen Namen, Che Guevara!“, sagt del Toro. „Toller Name, toller Mann, tolle Politik! Ich fand also ein Bild von Che, lächelnd, im Kampfanzug, und ich dachte, ‚Verdammt noch mal, dieser Kerl sieht cool aus!‘“

Da haben wir es. Benicio del Toro zeigt, was Millionen von Che-Fans inspiriert, darunter Hunderte, die derzeit Wall Street „besetzen“ — und wozu sie geistig in der Lage sind.

Als Che-Guevara-verehrender Szenepromi ist del Toro in guter Gesellschaft. Johnny Depp trägt oft ein Che-Kettchen und in einem Interview im Magazin VIBE verkündete er seinen tiefen Respekt für Che Guevara. Wären die Rebellen del Toro und Depp schon früher und in Kuba auf die Welt gekommen, dann wäre ihr tiefer Respekt für Castros Kuba wörtlicher ausgefallen. Sie hätten sich in echten Ketten in einem Knast-Regime wiedergefunden und in tiefem Respekt für ihren Rebell Gräben und Massengräber ausgehoben. Wären sie zu langsam gewesen, dann hätte ihnen ein „cooler“ kommunistischer Schütze vielleicht ihre Zähne mit einem „coolen“ tschechischen Maschinengewehr-Kolben ausgeschlagen oder ihre Pobacken mit einem „coolen“ sowjetischen Bajonett aufgeschlitzt.

Den „Geist der Rebellion“ verurteilte Che Guevara 1961 in einer berühmten Rede als „verwerflich“. Guevara befahl: „Die Jugend hat die undankbare Hinterfragung von staatlichen Aufträgen zu unterlassen. Stattdessen haben sie sich dem Studium, der Arbeit und dem Militärdienst zu widmen, und sollten lernen, als Masse zu denken und zu handeln.“

Der erste, der militanteste, und der verbreitetste Widerstand gegen den Stalinismus, den Ernesto „Che“ Guevara — der oft frech mit „Stalin II“ unterzeichnete — auf Kuba verhängte, kam von den kubanischen Gewerkschaftsorganisationen.

Und wer kann es ihnen verdenken? Die UNESCO (Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur) beginnt einen Bericht über das Kuba von 1957 folgendermaßen: „Ein Merkmal der sozialen Struktur Kubas ist eine breite Mittelschicht.“ Weiter heißt es:

Kubanische Arbeiter sind gewerkschaftlich stärker organisiert als US-Arbeiter. Im Jahr 1957 ist der Durchschnittslohn für einen 8-Stunden-Tag in Kuba höher als für Arbeitnehmer in Belgien, Dänemark, Frankreich und Deutschland. Kubanische Arbeiter verdienen 66,6 Prozent des Bruttonationaleinkommens. In den USA sind es 70 Prozent, in der Schweiz 64 Prozent. 44 Prozent der Kubaner unterliegen der Sozialgesetzgebung, ein höherer Anteil als in den USA.

Im Jahr 1958 hatte Kuba ein höheres Pro-Kopf-Einkommen als Österreich oder Japan. Kubanische Industriearbeiter hatte die achthöchsten Löhne der Welt. In den 1950er Jahren verdienten kubanische Hafenarbeiter pro Stunde mehr als ihre Kollegen in New Orleans und San Francisco.

Tausende von ihnen griffen gegen Che Guevara zu den Waffen. Die „Revolutionäre Volksbewegung“ („Movimiento Revolucionario del Pueblo“, MRP) war eine dieser kubanischen Widerstandsgruppen, die größtenteils aus Arbeitern bestand. FBI und CIA beschrieben sie folgendermaßen:

Starke Gewichtung der Gewerkschaftsmitgliedschaft, mit sozialistischen Neigungen. Beabsichtigt Castros Sturz von innen; befürwortet Verstaatlichung der Wirtschaft, Agrarreformen, utopische Sozialreformen.

Als Che Guevara Kubas „Industrieminister“ war, verkündete er am 26. Juni 1961 in einer Fernsehansprache: „Die kubanischen Arbeiter müssen sich daran gewöhnen, in einem kollektivistischen Regime zu leben, und sie können auf gar keinen Fall streiken!“

Che Guevara prangerte auch diejenigen an, die „ihren eigenen Weg wählen“ — und etwa die Haare lang wachsen lassen und „Yankee-Imperialistischen“ Rock & Roll hören. Sie wurden als wertlose „Rocker“, „Lumpen“ und „Missetäter“ verunglimpft. In seiner berühmten Rede schwor Che Guevara sogar, „den Individualismus aus Kuba verschwinden zu lassen! Es ist kriminell, von Individuen zu denken!“

Zehntausende kubanische Jugendliche machten die Erfahrung, daß Che Guevaras Ermahnungen mehr als ein leerer Wortschwall wurden. Hunderte von „Beratern“ des sowjetischen KGB und der ostdeutschen Stasi, die Kuba in den frühen 1960er Jahren überfluteten, fanden in Guevara einen äußerst eifrigen Gefolgsmann. Für das Verbrechen eines „Rocker“-Lebens — Blue Jeans, lange Haare, Vorliebe für die Beatles und Stones — oder weibischen Verhaltens beförderte die Geheimpolizei Mitte der 60er Jahre Tausende von Jugendlichen von Kubas Straßen und Parks in Gefängnislager, über deren Toren in fetten Buchstaben „Die Arbeit wird Männer aus euch machen“ prangte und auf deren Wachtürmen MG-Schützen postiert waren. Das Kürzel für diese Lager lautete UMAP (Unidades Militares para la Ayuda de Producción, Militäreinheiten zur Unterstützung der Produktion), nicht GULAG, aber die Bedingungen waren ähnlich.

Das weltgrößte Bild des Mannes, dessen Konterfei so viele Szenemenschen auf ihren T-Shirts tragen, ziert heute das Hauptquartier und die Folterkammern der vom KGB ausgebildeten kubanischen Geheimpolizei. Nichts könnte passender sein.

Einen Tag vor seinem Tod in Bolivien sah sich Che Guevara — zum ersten Mal in seinem Leben — endlich mit etwas konfrontiert, das ein richtiger Kampf genannt werden kann. Also befahl er seinen Guerilla-Posten, kein Pardon zu geben, und bis zum letzten Atemzug und bis zur letzten Kugel zu kämpfen. Während seine Männer genau das taten, was er ihnen befohlen hatte, bis zur letzten Kugel zu kämpfen und zu sterben, schlich sich ein leicht verwundeter Che vom Feuergefecht davon und übergab sich mit voll geladenen Waffen seinen Häschern — wobei er winselte: „Nicht schießen! Ich bin Che und ich bin für euch lebend wertvoller als tot!“ (Obwohl dieses Zitat in der offiziellen, im Suhrkamp-Verlag erschienenen Biografie zu finden ist, hat es der basisdemokratische Informationsdachverband Wikipedia nicht entdeckt.) Seine bolivianischen Verfolger sahen die Sache anders. Am folgenden Tag, dem 9 Oktober 1967, wurde der Gerechtigkeit Genüge getan.

Hier finden Sie den Originalartikel, Occupation of Wall Street—What Would Che Guevara Do?

Advertisements

%d Bloggern gefällt das: