Zwölf Sterne

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Warum wir treulich glauben müssen, woran Röttgen gescheitert ist, und wie nah sich die Europäer durch den Euro kommen / Der Wochenrückblick mit Hans Heckel

Ein fester Glaube ist das Allerwichtigste, das spüren wir immer wieder. Hätten die Deutschen ihren Politikern nicht so treulich geglaubt, wären sie ihnen nie in den tollen Euro-Krimi gefolgt. Dann säßen wir immer noch mit unserer langweiligen D-Mark herum und hätten nie erfahren, was Griechenland außer Sonne, Wein und Inseln noch alles zu bieten hat.

Nach den interessanten Erlebnissen der vergangenen Jahre bleiben wir natürlich bei unserer erfolgreichen Praxis. Die Bundesbank glaubt beispielsweise fest und unverrückbar daran, dass die New Yorker Notenbank den deutschen Goldschatz treu für uns aufbewahrt. Die Frankfurter blicken daher völlig verständnislos auf ein paar Leute, die daran zweifeln und mit ihren schlechten Gedanken den Bundesrechnungshof rebellisch machen.

Aufgescheucht von den Zweif lern wollten die obersten Buchprüfer die deutschen Barren mal nachzählen lassen, um zu sehen, ob noch alle da sind. Überflüssig, mauert die Bundesbank: Das entspreche „nicht den Usancen zwischen Notenbanken“.

Aha, „Usancen“, das spricht man französisch aus und es bedeutet so viel wie „gute Gepflogenheiten“. Wir sind gerührt, dass es in der harten Welt des kalten Geldes noch so viel Nettigkeit gibt. Für kleinliches Nachzählen gibt man sich da nicht her. Zumal solche Prüferei womöglich schlechte Laune auslöst, wie wir kürzlich erleben mussten.

Eine ganze Zeit lang glaubten wir ja, Deutschland habe stolze 3400 Tonnen von dem Edelmetall irgendwo gelagert. Dann teilte uns die Bundesbank mit, man verfüge in dieser Menge über „Goldbestände und Goldforderungen“ – zusammen. Goldforderungen? Da besitzt Deutschland also anstelle echten Goldes bloß so einen Wisch, auf dem steht, dass der und der uns dann und wann so und so viel Gold aushändigen muss. Oder sollte. Vielleicht. Na prima: Und wenn der plötzlich griechisch mit uns redet und gar nichts rausrückt? Die Bundesbank verliert leider kein Wort darüber, wie viel von den 3400 Tonnen wirklich Gold ist und wie viel davon nur auf Papierschnipseln steht.

Um darüber nicht schlecht zu schlafen, bedarf es wahrlich einer saftigen Extraportion guten Glaubens. Sonst könnte man glatt der quälenden Idee verfallen, dass wir gnadenlos veräppelt werden.

Veräppelt fühlt sich jedenfalls Norbert Röttgen. Alle hacken sie auf ihm rum. Warum nur? Eigentlich hat er doch alles richtig gemacht! Statt sich dümmlich für „Inhalte“ zu verbrennen, hat er sich mit der Eleganz wirbelloser Bodenbewohner um jede klare Antwort gewunden – es sei denn, er meinte, ein Modethema entdeckt zu haben. Dann konnte Röttgen regelrecht so etwas haben wie eine „Meinung“. Er war fest entschlossen, für seine persönliche Karriere jedem noch so kleinen Risiko konsequent aus dem Wege zu gehen. So brachte er es fertig, monatelang zwischen Berlin und Düsseldorf elastisch hin und her zu hopsen. Und trotz dieser eindrucksvollen Emulsion aus Feigheit und Karriere-Gier brachte es Röttgen fertig, den Satz, dass „es mir vor allem um die Menschen geht und nicht um mich“, ohne Brechreiz aufzusagen.

Mit anderen Worten: Norbert Röttgen ist ein Vollprofi, ähnlich wie sein NRW-Landesverbandskollege Ronald Pofalla. Wo also lag sein Fehler? Das könnte ihm sein Bruder im Geiste verraten: Pofalla hat sich sicherheitshalber tief unter „Muttis“ Rock verkrochen, denn er weiß: Hofschranzen wie er taugen nicht für die aller erste Reihe. Da vorne ist viel zu viel Licht mit der Gefahr, dass die Leute sehen, wie man wirklich ist. Zu spät: In NRW haben die Bürger den Röttgen von allen Seiten beleuchten können. Er braucht fürs Erste nicht wiederzukommen.

Da kann er sich ja wieder seinem eigentlichen Steckenpferd widmen: der Zerrüttung der deutschen Energieversorgung. Gerade hat der Bundesrat verhindert, dass die Förderung der Solarindustrie (durch die deutschen Stromkunden) gekürzt wird. Vor allem im fernen China, von wo die meisten Solarpanele für Deutschlands Dächer stammen, wird man die Botschaft mit großer Genugtuung aufgenommen haben.

Auch die Hersteller von Wachskerzen, Petroleumlampen und Dieselaggregaten dürfen einer goldenen Zukunft entgegensehen: Experten erwarten eine schwunghafte Zunahme von Stromausfällen, wie wir sie seit 1947 nicht mehr hatten. Grund: Sonnen- und Windstrom sind wetterabhängig, weshalb man Gas-, Kohle- oder Ölkraftwerke benötigt für die dunklen, windarmen Stunden.

Da der Ökostrom aber „bevorzugt“ eingespeist wird, lohnt sich der Betrieb der alten Kraftwerke immer weniger, also werden immer mehr davon abgeschaltet. Irgendwann sind die Kabel dann plötzlich leer: bumm, aus, dunkel – wo sind die Kerzen?

Etwas Gutes hat die Sache: Mit dem Strom fallen bekanntlich auch Fernseher, Radios und Internetanschlüsse aus. Mit ein wenig Glück versinken so auch allzu beunruhigende Nachrichten in finst’rer Stille, und die Deutschen werden vom Bankrott ihres Landes gar nichts erfahren.

Was wir da verpassen, können wir vermutlich in den kommenden Wochen live und in Farbe miterleben – nämlich, wie so ein Staatsbankrott in der Wirklichkeit aussieht. In Griechenland treibt die Zeit der hanebüchenen Scharlatane ihrem scheppernden Höhepunkt entgegen. In den Debatten geben schillernde Wunderheiler den Ton an, die den Leuten atemberaubende Versprechen machen: Nehmt einen ordentlichen Schluck von meinem Sozialismus und alle Gebrechen verschwinden von selbst!

Millionen glauben ihnen das, beileibe nicht bloß Griechen. Die deutschen Sozialdemokraten haben das gleiche Mittel gegen den Euro-Flächenbrand entdeckt: mehr Feuer! Das erstaunte Publikum ist im Sinne des Wortes verzaubert. Wer hätte gedacht, dass man viel zu viele Schulden am besten damit wegbekommt, dass man noch mehr Schulden macht? Niemand kann es abstreiten: Da sind wahre Magier am Werk.

Na ja, die machen das ja auch nicht zum ersten Mal. Ihr Rezept lautet: Der Staat muss mehr umverteilen, indem er an der einen Stelle mehr Geld einsackt (Reichensteuer, Transaktionssteuer und was uns sonst noch alles einfällt) und an der anderen Stelle mehr ausgibt (Konjunkturprogramm alias „Wachstumsimpulse“). Das Ganze gut durchgerührt und – simsalabim: Es geht wieder aufwärts. Diese Zauberformel ist in der Geschichte schon Dutzende Male verordnet worden mit bislang immer dem gleichen Ergebnis. Aber das wird nicht verraten, sonst geht ja die Spannung flöten, die ganze Überraschung wäre weg.

Und wir lieben Überraschungen, so wie diese hier: Dass der Euro die Völker näher aneinander bringen würde, das hatten wir ja erwartet. Aber dass sie sich derart nahe kommen würden, das hat uns dann doch erstaunt wie jenen Holländer, dem bei der europäischen Annäherung Nase und Kiefer zu Bruch gingen. Zwei Griechen, 45 und 48 Jahre alt, hatten den 78-Jährigen gefragt, ob er Deutscher sei. Als er sagte, er sei Holländer, antworteten die, Holländer oder Deutscher sei egal (Wollten wir nicht alle nur noch Europäer sein?) und schlugen ihn zusammen.

Als der alte Mann am Boden lag und zwölf Sterne vor seinen blau geschlagenen Augen sah, rief seine völlig entgeisterte griechische Frau den Notarzt. Jetzt liegt der Holländer, der seit zehn Jahren in Hellas lebt, in einem griechischen Krankenhaus. Hoffentlich hat er genug „Fakelaki“ (Briefumschläge mit Schmiergeld) für die Ärzte dabei. Sonst wird es für den übel Zugerichteten jetzt erst richtig gefährlich.

In Italien wird unterdessen erwogen, gegen Marodeure, die Finanzämter angreifen, die Armee einzusetzen. In Spanien werden friedliche Protestversammlungen mit Polizeigewalt aufgelöst. Ja, „der Euro sichert Frieden und Freundschaft“.

Hier finden Sie den Originalartikel, Zwölf Sterne.

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