Wo der Müll tanzt

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Was Schäuble von Soldaten hält, wie man gute von schlechten Grenzen unterscheidet, und wie wir dem Volk das Maul stopfen / Der Wochenrückblick mit Hans Heckel

Da finde noch einer durch. Nichts passt mehr zusammen! Ob es um die Stellung unserer Soldaten geht, die Grenzkontrollen in Europa, die Zukunft der Eisbären im Katastrophenklima, das Schicksal der so oft besungenen „kommenden Generationen“, den Frieden in Europa oder – wie immer – den Euro.

Der Reihe nach: Verteidigungsminister Thomas de Maizière will einen Veteranentag einführen. Des Ministers Begründung lautet, dass Soldat sein eben kein „Job wie jeder andere“ sei und daher besonders gewürdigt werden müsse. Wer wollte da widersprechen!

Wer? Der hier: Ausgerechnet de Maizières Kabinettskollege Wolfgang Schäuble machte sich zeitgleich zum Verteidigungsminister Gedanken über die Soldaten und gebar die Idee, dass Wehrdienstleistende ihren schmalen Sold künftig versteuern sollten. Der Finanzminister benötigt Geld für Wahlgeschenke und die europäische Solidarität. Da müssen alle Deutschen ran. Aber das bringt er natürlich nicht öffentlich als Begründung. Dafür hat er sich etwas Feineres zurechtgelegt: Seit die Wehrpflicht abgeschafft und der Dienst an der Waffe freiwillig geworden sei, sei der Wehrdienst schließlich nur noch „ein Job wie jeder andere“, der fiskalisch auch so behandelt werden müsse.

Reden diese Herren eigentlich miteinander? Wenn, dann offenbar nur noch in dem stacheligen Tonfall, der in Europa mittlerweile eingerissen ist. Erinnern Sie sich an das Theater, das in den EU-Hauptstädten, auch in Berlin, losbrach, als Dänemark bekanntgab, seine Grenzen wieder etwas mehr als gar nicht überwachen zu wollen – damit nicht so viele Kriminelle ungehindert ein- und ausreisen können? Die Dänen wollten das „Rad der Geschichte zurückdrehen“ und das „Feuer des Nationalismus entfachen“, donnerte es aus Berlin. Kopenhagen leugne „die wichtigsten Errungenschaften für Europa“, nämlich „Freiheit und Wohlstand“, die nach Meinung der Bundesregierung tödlich bedroht wären, sobald sich auch nur ein einziger dänischer Grenzpolizist nördlich von Flensburg blicken ließe.

Das ist kaum ein Jahr her, da schlägt unser eigener Innenminister Hans-Peter Friedrich vor, Grenzkontrollen als letztes Mittel über einen „begrenzten Zeitraum“ innerhalb des Schengen-Raumes wieder zuzulassen. Hat sich Berlin schon in Kopenhagen entschuldigt? Nein? Dann aber dalli!

In Spanien wird derweil ein völlig neues Konzept von Grenzregime entwickelt, dem man eine große Zukunft vorhersagen darf: Da am 3. Mai der Vorstand der Europäischen Zentralbank (EZB) tagt, will Madrid Grenzkontrollen einführen, weil es sich vor Anti-EZB-Demonstranten aus Rest-Europa fürchtet.

Das geht natürlich in Ordnung, denn: Wer wie Dänemark seine normalen Bürger vor kriminellem Unbill schützen will, ist ein gefährlicher Nationalist. Will ein Land dagegen die EU-Notenbanker vorm Bürgerzorn schützen, dann ist das ganz etwas anderes. Grenzen sind nicht mehr dazu da, die Völker vor ungebetenen Gästen zu schützen, sondern die Herrscher-Elite vor ihren ungebetenen Völkern.

Aber die sind ja selber schuld. Sind es nicht die Menschen, die durch ihr Verhalten das Klima vernichten? Denken Sie nur an den armen Eisbären, der uns im Fernsehen traurig von der letzten Eisscholle anschaut. Der stirbt nämlich aus wegen unseres CO2.

Allerdings haben wir uns schon vor einiger Zeit darüber gewundert, wie es zum „Aussterben der letzten Eisbären“ passt, dass sich deren Zahl seit Mitte des 20. Jahrhunderts von 5000 auf bis zu 25000 verfünffacht hat, wie die Weltnaturschutzorganisation IUCN jetzt erneut bestätigt. Auch von den Kaiserpinguinen am Südpol, deren Bestand nach Angaben „namhafter Forscher“ um 95 Prozent abnehmen sollte, gibt es fast doppelt so viele wie bislang gedacht. Und warum dann diese falschen Alarmmeldungen, die unbeeindruckt von den Fakten unverdrossen vom „Aussterben“ fabulieren? Will uns da etwa jemand einen (Eis)Bären aufbinden, um uns noch mehr Geld für die „Energiewende“ aus den Rippen zu leiern?

Aber das Geld geben wir doch nicht für uns oder die Bären, nein, das geben wir „für das Schicksal kommender Generationen“, die schließlich auch das Recht haben sollen, süßen Polartieren beim Aussterben im Fernsehen zuzuschauen.

Deshalb planen wir schon heute für die Zukunft. Die Initiative „Deutschland, Land der Ideen“ zeichnet seit 2005 Projekte aus, die „Innovation, Erfindergeist und Einfallsreichtum leben“, kurz: die uns voranbringen. Nun wurde auch das „Botanische Langzeittheater“ in Berlin ausgezeichnet, das von einer Zeit schwärmt, in der die Menschen alle tot sind. Das Problem: Unser Müll wird uns lange überleben, aber die Natur wehrt sich! Die Zeit 300 Jahre nach dem letzten Menschen bringen die innovativen Theatermacher nach eigenen Worten so auf die Bühne: „Die Berliner Puppentheater-Anarchisten ,Das Helmi‘ schicken eine ganze Armee widerständiger Reststoffe in ihre letzte Schlacht. Denn kampflos überlassen die Bäume ihre Erde nicht dem Müll. Der Müll tanzt Karate-Choreografien, die Bäume singen Revolutionslieder und die Erde sendet weise Worte – nie war der Mensch entbehrlicher.“

Wie schön. Die Zukunft der Welt als menschenleere Müllkippe mit Bäumen auf Barrikaden. So was ist doch eine Auszeichnung wert – Deutschland, Land der Ideen! Was soll eigentlich dieses ständige Geplärre über die „Krise der deutschen Theater“ wegen des grassierenden „Besucherstreiks“? Bei solchen Stücken müssten die Zuschauer doch in Scharen strömen.

Außerdem wird diese Botschaft den „kommenden Generationen“ sicher gefallen: Euch wird es gar nicht geben. Was auf die europäische Schuldenpolitik ein völlig neues Licht wirft – wozu sparen, wenn morgen ohnehin alles vorbei ist? Na ja, vielleicht geht es ja doch irgendwie weiter, weshalb sich die ganz Schlauen schon mal in Sicherheit bringen.

Während die Mächtigen in der EU, die großen Staats- und Notenbanker zumal, täglich beteuern, dass der Euro überleben und niemand rausgeworfen wird, wurde nun bekannt: Die staatliche EU-Förderbank EIB vergibt neuerdings an griechische Unternehmen nur noch Kredite, die gegen die Wiedereinführung der Drachme abgesichert sind. Aha? Wir fühlen uns spontan an den legendären italienischen Kapitän erinnert, der schon im Rettungsboot saß, als seinen Passagieren auf dem sinkenden Kahn noch gepredigt wurde, „Ruhe zu bewahren“.

Gut, das ist wohl der Preis, den wir zahlen müssen für all den Frieden und die Stabilität, die wir erst seit der Einführung des Euro kennen. Indes: Frieden? Nur die Alten, die noch die Reichsmark im Portemonnaie hatten, können sich daran erinnern, dass sich die europäischen Völker jemals so angegiftet haben wie heute. Irgendwann wird uns jemand erklären müssen, was das mit der „Förderung von Frieden und Verständigung“ zu tun haben soll.

Und Stabilität? Seit Februar 2011 sind die Regierungen von Irland, Portugal, Italien, Griechenland, Spanien, der Slowakei und Slowenien von der Euro-Krise dahingerafft worden. Die holländische hat gerade ihre Mehrheit verloren, für die tschechische schlägt die Stunde der Wahrheit, und Nicolas Sarkozy gurgelt das Wasser in den Ohren.

Nur Deutschland bleibt ruhig, denn hier wird jede Aufmüpfigkeit im Keim erstickt: Nachdem der Versuch, widerspenstigen Abgeordneten das Rederecht zu kappen, erst einmal aufgeschoben werden musste, arbeitet man laut dem Verfassungsrechtler Karl Albrecht Schachtschneider in Berlin daran, den Bürgern das Klagerecht beim Bundesverfassungsgericht massiv zu beschneiden. Sie sollen der Politik bei der Euro-Rettung nicht mehr in die Quere kommen können, die Bürger. Um nicht das Schicksal ihrer europäischen Kollegen zu erleiden, mauert sich die Berliner Politik ein, bevor das Volk Wind davon bekommt, was gespielt wird.

Hier finden Sie den Originalartikel, Wo der Müll tanzt.

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