Die X-Men-Filme: „mutiert“ als Codewort für „schwul“

Michael Brown über Sex-Men.

Termini technici
gay: schwul
openly gay: offen schwul
gay and lesbian community: schwul-lesbische Gemeinde
homosexual identity: homosexuelle Identität

(Anmerkungen in Klammern.)

Die X-Men-Filme, nach den gleichnamigen Comics, sind bekannt für ihre ungewöhnliche Besetzung mit begabten Mutanten und für ihre außergewöhnlichen Spezialeffekte. Was nicht so bekannt ist, ist die Tatsache, daß die X-Men-Filme, zusammen mit den Comics, viele Parallelen zwischen den Mutanten und der schwul-lesbischen Gemeinde ziehen. Es ist ein offenes Geheimnis, daß der jüngste Film dieser Reihe, „X-Men: Erste Entscheidung“ („X-Men: First Class“), der als Prequel für die anderen Filme dient, diese Parallelen besonders offen präsentiert.

Zach Stenz, einer der Drehbuchautoren von „X-Men: Erste Entscheidung“, erklärte im Juni (2011) auf Facebook: „Ich half, den Film zu schreiben, und kann Ihnen sagen, daß das Zeug mit der Allegorie der Rechte der Schwulen/der jüdischen Post-Holocaust-Identität/der Bürgerrechte dort absichtlich angelegt wurde. Joss Wheldon entwarf die Geschichte um das ‘Mutanten-Heilmittel‘ in den Comics speziell als Schwulen-Allegorie, und Bryan Singer brachte seine eigenen Gefühle des schwulen Außenseiters mit in die Filmreihe ein. Die ganze Szene des ‘Hast du je versucht, kein Mutant zu sein?‘ über das öffentliche Bekenntnis zur Homosexualität in X-Men 2 [aus dem Jahr 2003] ist sogar besonders subtil, und zugleich effektiv.“

Wer genau ist Bryan Singer? Er ist der offen schwule Produzent, Regisseur und Autor von X-Men, X-Men 2 und X-Men First Class. Auf der Internetseite Fridae — Motto: „Empowering Gay Asia“ (in deutschem Marketingsprech also etwa „Emanzipation für ein schwules Asien“) — schrieb ein Rezensent, daß Singer in einem Interview auf BBC (2003) erklärte, „daß ‘mutiert‘ ein Vertreter für ‘schwul‘ wäre“. Das sind die Worte von Singer, nicht meine eigenen.

(Die entsprechende Passage aus dem Interview im englischen O-Ton, festgehalten für den Atombunker:

It seems that „X-Men“ and „X-Men 2“ represent your identities as a Jew living in America and as a gay man respectively, because in this one there is a homosexuality/homophobia subtext…

Well, yeah. That is also a very relevant analogy because where certain races, even a Jewish boy or a Jewish girl, will be born into a Jewish family, or a Jewish community sometimes, or an African American or whatever minority in any given area, a gay kid doesn‘t discover he or she is gay until around puberty. And their parents aren‘t gay necessarily, and their classmates aren‘t, and they feel truly alone in the world and have to find, sometimes never find, a way to live.)

Der Rezensent mit dem Namen Helmi erklärte: „X-Men soll die Superhelden-Serie sein, die heimlich schwule Themen massiv unter die Masse bringt. Da der Comic in den 60er Jahren erschien, sahen Kritiker aus der Pop-Kultur Parallelen zwischen dem Kampf der Mutanten, eine größere Akzeptanz für die genetische Andersartigkeit zu entwickeln, und dem Kampf der schwulen Gemeinde um Akzeptanz und Anerkennung.“

Singer besetzte einige wichtige Rollen mit berühmten schwulen Schauspielern, am bekanntesten ist Sir Ian McKellen, der bei den Filmfestspielen in Cannes kurz vor der Veröffentlichung von X-Men 3 sagte: „Als Schwuler, denken einige Leute, daß es geheilt und wieder normal genacht werden sollte, und ich halte es für so anstößig, wie wenn jemand sagt, daß sie ein Heilmittel für ihre Hautfarbe haben. Diese Geschichte lag mir sehr am Herzen; sie hat eine Botschaft für junge Menschen, die vielleicht aus dem einen oder anderen Grund mit der Gesellschaft unzufrieden sind, weil die Gesellschaft auf ihre Unterschiede zeigt und sagt, daß sie gegenüber dem Rest von uns schlechter sind.“

2006 schrieb der ehemals schwule Autor Chad Thompson über „X-Men – Der letzte Widerstand“ („X-Men: The Last Stand“) auf RelevantMagazine.com: „Ich sah den Film und entdeckte, daß fast jede Szene darin genau dem Kampf entspricht, in der Gesellschaft schwule und lesbische Menschen einzubinden.“

Er hat wohl nicht übertrieben, als er „fast jede Szene“ sagte. Ein anderer Zuschauer, der sich X-Men 3 (Der letzte Widerstand) ansah, schrieb mir: „Ich sah den Film und die Verbindungen und Ähnlichkeiten waren verblüffend. Das Skript hätte perfekt funktioniert, wenn man die X-Men zu Schwulen gemacht hätte.“

Thompson erklärt: „In einer Welt, wo einige ‘normal‘ geboren sind und andere mit genetischen Mutationen, die ihnen Superkräfte geben, entscheiden diejenigen ohne Mutationen, ein Serum zu schaffen, das die Mutanten normalisieren kann. Die meisten Mutanten argumentieren, daß sie kein Heilmittel brauchen, sie behaupten, daß ihre Mutationen ihrer Identität angeboren sind, doch einige, die mit ihren Mutationen nicht glücklich sind, ergreifen die Gelegenheit zur Veränderung.“

In „X-Men: Erste Entscheidung“ entwickelt Dr. Henry „Hank“ McCoy ein Serum, das seine Mutation, die an seinen affenartigen Füßen erkennbar ist, verbergen wird, ohne seine Fähigkeiten zu entfernen, nur um festzustellen, daß das Serum seine Mutation in Wirklichkeit beschleunigt und ihn in das affenartige „Beast“ mit übermenschlichen Kräften verwandelt. Eine Therapie, die entwickelt wurde, um einen Homosexuellen in einen Heterosexuellen zu verwandeln, wird mit anderen Worten nicht funktionieren. Die homosexuelle Identität wird stattdessen verstärkt.

In Anbetracht der gesamten Thematik von „X-Men – Der letzte Widerstand“ ist diese Botschaft durchaus beabsichtigt.

Im vielleicht offensichtlichsten Beispiel, in dem „mutiert ein Vertreter für schwul“ ist, wird Hank McCoy — als seine Mutation (in „X-Men: Erste Entscheidung“) erstmals aufgedeckt wird — von seinen Kollegen die Frage gestellt, warum er seine wahre Identität nicht vorher verraten hat. Er antwortet: „Sie haben nicht gefragt, also schweig ich.“ („You didn‘t ask, I didn‘t tell.“) Schwule im Militär hätten es unter der (vom 21. Dezember 1993 bis zum 20. September 2011 geltenden) Vorschrift „Nicht fragen, schweigen“ („Don‘t Ask Don‘t Tell“) nicht besser sagen können.

Alyssa Rosenberg bezeichnet „X-Men: Erste Entscheidung“ auf ThinkProgress.org als „eine großartige Metapher für Schwulenrechte“ und bemerkt zu X-Men 2: „Icemans Besuch bei seinen Eltern nahm die Form eines öffentlichen Bekenntnisses zur Homosexualität an, komplett mit Verwirrung und Ablehnung durch ein Geschwisterchen. In ‘Erste Entscheidung‘ sind die Vergleiche noch deutlicher.“

Deutlich ist kaum eine Übertreibung, da sie am Ende des Films verkünden: „Mutant und stolz.“ Subtilität wird nicht länger benötigt.

Doch das sollte kaum überraschen. Schließlich sagte Elizabeth Taylor einst: „Wenn es Schwule nicht gäbe, Liebling, würde es kein Hollywood geben.“

Hier finden Sie den Originalartikel, „Mutant“ as a Codeword for „Gay“ in the X-Men Movies.


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